2. Philosophische Grund-Legung

Es gibt nach meiner festen Überzeugung keine Urbilder.

Diese Einsicht haben wir bisher stets damit begründet, daß die Urbilder dem Außerhalb unserer Psyche und somit einer inexistenten Hinterwelt angehören.

Aber diese Argumentation kann nicht befriedigen, denn damit sagen wir letztlich:

Es gibt keine Urbilder, weil sie sich in einer Sphäre befinden sollen, die gar nicht existiert. Befänden sie sich an einem anderen Ort, könnten die Urbilder natürlich wirklich sein; „ihre“ Inexistenz ist also gar nicht ihre Inexistenz, sondern diejenige ihres traditionellen Aufenthaltsraumes.

Die Urbilder sind prinzipiell unerreichbar; sie selbst – und nicht die Sphäre, in die wir sie stecken um „ihre“ Unerreichbarkeit leicht begründen zu können; wir müssen uns diesbezüglich also etwas Überzeugenderes einfallen lassen.

 

Daß X ein Urbild ist, bedeutet traditionell, daß

– es vorhanden ist und

– weder mit anderen Urbildern

– noch mit Entitäten, die ihm fremd sind, in Beziehung steht.

 

Es handelt sich bei den Urbildern also lediglich um eine additive Summe, deren Summanden völlig getrennt und unabhängig voneinander sind. Würde ein Urbild hinzugefügt oder weggenommen, hätte das keinerlei Einfluß auf alle anderen; die Gesamtsumme würde lediglich um 1 größer bzw. kleiner.

Urbilder sind sich selbst genug, stehen auf eigenen Beinen und kennen keinerlei Kontakt zu irgendeinem Umfeld. Getrennt zu sein, bedeutet, von allem anderen isoliert oder losgelöst – ab-solut – und damit transzendent zu sein; jedes Urbild ist sein eigenes abgeschlossenes System.

Damit können wir die Hinterwelt als Begründung streichen:

Völlig unabhängig von ihr sind Urbilder prinzipiell unerreichbar, weil sie getrennt und damit ab-solut oder transzendent sind.

Daraus ergeben sich zwei Fundamentalsätze, auf die wir unsere weiteren Überlegungen aufbauen:

 

1. Alles, was völlig getrennt und damit ab-solut oder transzendent ist, kann grundsätzlich nicht erreicht werden.

 

2. Alles, was grundsätzlich nicht erreicht werden kann, gibt es nicht oder ist inexistent.

 

Bei der ersten Aussage dürfte sich eine Begründung nahezu erübrigen.

Was ist eine „Sonne“, von der Wirkungen weder ausgehen noch aufgenommen werden können? Es kommt nichts von ihr her und geht nichts hin; „was meint Ihr mit ‚Sonne‘?“.

Ob Sonne oder Schwarzes Loch, ist natürlich gleichgültig; beide kann es als Urbilder nicht geben.

Ein Schwarzes Loch als Wahrnehmung ist dagegen möglich; von ihr geht zwar auch nichts aus, aber dort verschwindet immerhin etwas. Wir verstehen jedoch absolut noch nicht, worin eine solche Erfahrung bestehen soll; sie kann ja unmöglich die Wahrnehmung von einem Schwarzen Loch sein – weil es das nicht gibt

 

AD: „Könnte es sein, daß Sie zu kurz denken?

X ist ein Urbild zum Beispiel die Sonne; so sauber isoliert oder transzendent, wie Sie es darstellen wollten. Entsprechendes gilt natürlich auch für uns selbst, und deswegen können wir partout nichts von X wissen.

Soweit sind wir uns einig; aber jetzt sind Sie irgendwie in Ihre Idee verbohrt und brechen den Gedankengang einfach ab; ich verstehe nicht weshalb:

 

Warum soll es keine Wechselwirkung Z geben, die irgendein Y – uns zum Beispiel – mit X verbindet? Das ist doch die normalste Sache der Welt; die Urbilder X bzw. Y allein wären natürlich isoliert, aber die Wechselwirkung Z verbindet sie zu X-Z-Y.“

Nein; das tut sie nicht! Wie soll sie denn an etwas Isoliert-Transzendentes ankoppeln?

Die „Wechselwirkung“ heißt nur so, ist aber in Wirklichkeit keine Wechselwirkung, sondern ebenfalls ein Urbild; sie koppelt nicht X und Y zusammen, sondern kommt als drittes Urbild Z additiv hinzu. Wechselwirkungen verbinden nicht(s), sondern erhöhen die Zahl der getrennten Urbilder.

Deswegen können wir keine Ur-Sonne sehen,

 

Der zweite Grundsatz besagt, daß prinzipiell Unbekanntes nicht existiert.

Ich halte ihn für ebenso evident wie den ersten, kann mir aber auch Widerspruch nach folgendem Muster vorstellen:

„Natürlich können wir X nicht erfahren, erreichen oder kontaktieren; aber daraus folgt doch keineswegs, daß es X gar nicht gibt.“

Doch!

Ohne Zugang zu „X“ existiert auch kein X.

Wieso denn gerade X – und nicht Y? Warum Gott und kein Götze, Demiurg oder Teufel?

Was unterscheidet  einen völlig transzendenten „Zeus“ von einem ebensolchen „JHWH“, „Gott-Vater“ oder „Allah“?

Der richtige Name?

Wer „ja“ sagen möchte, müßte uns erklären, woher er ihn – ohne Kontakt-Möglichkeit – weiß.

 

Ich sage damit keineswegs, daß zwischen Zeus, JHWH, Gott-Vater und Allah keine Unterschiede bestehen, lege jedoch größten Wert auf die Einsicht, daß diese sich nur in dem Maße herausbilden können, wie die vier ihre absolute Transzendenz verlassen und in die Immanenz (unserer Erlebungen) eintreten.

Unterschiede in der Transzendenz sind widersprüchlich und damit ausgeschlossen:

„Ich weiß weder von A noch von B – weil sie transzendent sind; natürlich kann ich dann auch keine Differenz angeben, weiß aber trotzdem, daß sie sich unterscheiden.“

Nein!

 

AD: „Von Urbildern können wir nichts wissen, also insbesondere auch nicht, daß sie sich voneinander unterscheiden. Ein solches Urbild – ‚die Transzendenz an sich‘ mit A = B = . . . – wäre also möglich?“

Wiederum „nein“, denn die Übereinstimmung der Urbilder läßt sich doch ebenfalls nicht erkennen. 

So einfach geht das nicht; vom absolut Unzugänglichen können wir auch nicht wissen, daß es sich um eines handelt. Was uns gar nicht vorliegt, können wir auch nicht zählen. Selbst wer nur bis 1 kommt, hat bereits gezählt; die Urbilder sind „nicht zahlfähig“ (Hermann Schmitz). 

 

AD: „Ein bißchen erinnert mich Ihr Vorgehen an Don Quichottes Kampf gegen Windmühlen:

Urbilder ist ein Begriff, den haben Sie als angeblich besonders wichtig eingeführt, aber mir ist noch niemand begegnet, der von Urbildern spricht.“

Doch – ununterbrochen!

Wer

– von irgendeiner Entität – Sonne, Moritz, Materie, Gott . . . – ausgeht und

– meint, sie sei wirklich oder vorhanden,

spricht von Urbildern in unserem Sinne, und die gibt es nicht – all seinen Beteuerungen zum Trotz.

 

Wir ersetzen sie – vereinfacht formuliert – durch unsere Erlebungen.

Auch sie können natürlich nicht im traditonellen Sinne vorhanden sein, einfach weil niemand versteht, was das bedeuten soll.

Aber Erlebungen müssen erlebt, das heißt, uns gegenwärtig oder aktual gegeben sein. Dafür sagen wir auch, sie seien existent; das Pendant des Inexistenten bilden natürlich die Urbilder.

 

Zwei traditionelle Un-Begriffe gilt es also zu ersetzen; sowohl die Urbilder als auch ihr Vorhandensein.

Das gelingt uns nicht durch einen paarweisen Austausch, sondern wir substituieren beide gemeinsam durch die Struktur „Subjekt erlebt Erlebungen“; deswegen hatte ich oben „vereinfacht formuliert“ eingefügt.

Eine Sonnen-Wahrnehmung beispielsweise ist zwar unbestreitbar, kann aber – ohne Urbilder – keine Wahrnehmung (von) der Sonne sein.

 

Mit anderen Worten:

Traditionell gelten die Urbilder als vorhanden.

Für uns ist nichts vorhanden; Urbilder gibt es nicht und Vorhandenheit verstehen wir nicht.

 

Einiges von unserer Struktur wissen wir bereits (1.); anderes greift vor (2. – 5.):

1. Unsere gesamte Struktur „Subjekt erlebt Erlebungen“ ist stets aktual bzw. gegenwärtig – oder gar nicht.

2. Das Erleben und die Erlebungen können sich überschneiden; deswegen scheidet eine paarweise Übertragung aus.

3. Dieser (mengentheoretische) Durchschnitt besteht per definitionem im Inhalt

4. Wir versuchen, ihn im weiteren als Facette des Lebens zu verstehen.     

5. Das Subjekt gehört dagegen nur dem Erleben an.

 

 

„Subjekt erlebt Erlebungen“    
aktual oder gegenwärtig
   
gegeben oder existent
   
         
  Erlebungen    
         
Erleben      
wirklich
unwirklich    
     
Subjekt
     
         
  Inhalt Referent    
  Facette des Lebens
Wissungen oder Begriffe
   
         
  – Erfahrungen    
  „ja“ und vorliegend
„ja“ Erkennungen  
  – Vorstellungen“    
  „ja“, aber nicht vorliegend
„ja“    
  – Wissungen    
  „nein“ „ja“    
         
      
  Abbild
Urbild
   traditionell  
  wirklich bzw. unwirklich
inexistent
   

Abbildung 2.

 

Wir erleben „das Gleiche“ wie die traditionell Denkenden.

Um es zu verstehen benötigen sie Ur- und Abbilder als Grundlage ihrer Interpretation.

Wenn wir jedoch „das Gleiche“ erleben und lediglich anders auffassen (möchten), müssen auch bei uns „Ur-“ und „Abbilder“ auftreten; natürlich nicht als solche:

Der Inhalt unserer Struktur entspricht den Ab- und die Referenten ersetzen die Urbilder

 

Ich halte die Einsicht, daß keine Urbilder existieren, wie schon gesagt, für zwingend – aber nicht für sonderlich neu. Die Systemtheorie beispielsweise geht seit Jahrzehnten davon aus, daß es kein System ohne Umwelt gibt.

Systeme gelten zumeist als komplex, aber das ist letztlich sekundär. Für uns stellt jedes noch so einfache Urbild ein – inexistentes – System dar.

Da auch die Umwelt nur ein Urbild sein kann, und das System-Urbild somit von ihr lediglich vergrößert wird, hilft uns der systemische Grundgedanke nicht weiter, denn er führt zu immer komplizierteren, aber nach wie vor inexistenten System-Urbildern.

Als Alternative dazu legen wir unseren Überlegungen die obige Struktur zugrunde.