2.2. Drei Formen von Subjektivität

Sämtliche Subjekte besitzen jeweils ihre eigene Psyche, die allen anderen Subjekten absolut unzugänglich ist.

Die Tradition nimmt das nicht ernst und geht davon aus, daß wir auch über gemeinsame Erlebungen verfügen.

Diese Annahme müssen wir fallenlassen, weil sie prinzipiell unkontrollierbar und damit völlig willkürlich ist. Das könnte doch nur jemand feststellen, dem zugleich mehrere Psychen zugänglich sind. Auch jegliches Einfühlen in eine andere Psyche ist widersprüchlich; wie sollen wir das machen, ohne einen Zugang zu besitzen?   

Mit anderen Worten besteht für mich keinerlei Unterschied zwischen dem Außerhalb aller und dem Innerhalb der mir fremden Psychen; beide Sphären würden – wenn ich denn daran glaubte – gemeinsam meine subjektive Hinterwelt bilden; natürlich besitzt jedes Subjekt theoretisch eine andere.

 

Unsere Kapitelüberschrift meint – nicht die Subjekte im Sinne von Subjektivitäten, sondern – die sich postmodern ergebenden drei verschiedenen Bedeutungen von „subjektiv“:

Rein subjektiv, relativ und absolut intersubjektiv.

 

Unsere Erlebungen sind mit Sicherheit rein subjektiv; das bedeutet zweierlei:

Zum einen daß sich unsere Erlebungen nicht kontrolliert kommunizieren lassen. Natürlich können wir versuchen, sie anderen Subjekten mitzuteilen, wissen aber niemals, was bei ihnen ankommt; keiner hat etwas Verstandenes, denn es gibt nur Verstehungen.

Zum anderen gehört zur reinen Subjektivität, daß wir nicht einmal für uns selbst imstande sind, unsere Erlebungen durch die Zeit hindurch konstant zu halten. Woran wollen wir morgen erkennen, ob unsere Erlebungen mit bestimmten von heute übereinstimmen?

AD: „Hier sehe ich überhaupt kein Problem; wir schreiben sie auf und vergleichen dann.“

 

Nein; das geht nicht.

Sie notieren sich jetzt, die heutigen Erlebungen Eimer und Remie mit „Eimer“ bzw. „Remie“ bezeichnet zu haben. Dann stehen morgen auf Ihrem Zettel die beiden Worte „Eimer“ sowie „Remie“, aber was sie damit heute gemeint hattenIhre wirklichen Eimer- bzw. Remie-Erlebungen selbstmüßten Sie als Erinnerungen in Ihrer Psyche behalten. Sie stehen nicht auf dem Zettel, können es auch unmöglich und sind dadurch völlig unkontrollierbar.  

Bei dem Eimer merken wir das nicht, weil er bereits in die Sprache integriert und damit relativ intersubjektiv ist; bei dem rein subjektiven Remie aber sehr wohl:

„Was war das eigentlich für eine Erlebung, die ich gestern mit ‚Remie‘ bezeichnet hatte?

Durch Ihren Zettel wissen Sie ganz genau, daß sie irgendeine Erlebung „Remie“ genannt hatten; aber welche das war, können Sie nicht festhalten.

 

Das Remie-Beispiel können und sollten wir verallgemeinern:

Die Bezeichnungen haben zwar Bestand und sind kontrollierbar – aber letztlich völlig uninteressant; es geht allein um unsere Verstehungen.

Somit könnte es möglicherweise zwar eine ewige Schrift geben und, wer möchte, mag sie auch „heilig“ nennen; aber sie ist als Schrift belanglos, weil „der Buchstabe tötet“.

„Der Geist, der lebendig macht“, besteht im Bewirken fruchtbarer Interpretierungen oder Deutungen der Schrift, die natürlich – wie alle Erlebungen – nur rein subjektiv sein können, so daß bei ihnen alles Behaupten von ewigen Wahrheiten einem hinterwäldlerischen Blablabla entspricht.

 

Die angeblichen Heiligen Schriften dürfen uns also nicht zur Buchstabentreue verführen, die sich nicht traut, „auch nur ein Jota hiervon“ zu korrigieren. Wer so „denkt“, denkt nicht und verfehlt massiv die Wahrheit, die er zu haben glaubt. Weder kann man sie haben, noch steht sie in Büchern; wir können nur in der Wahrheit leben, und das tun wir dann, wenn sie in oder durch uns Fleisch bzw. Leben wird..

Und selbst beim ernstlichen Studium völlig „unheiliger Schriften“ – etwa so, wie es Albert Schweitzer mit dem Werk Nietzsches getan hat –, kann das Wort Fleisch oder Leben werden

 

Das rein Subjektive läßt sich also sprachlich nicht festhalten, sondern zerrinnt uns – nicht zwischen den Fingern, aber – in der Zeit. „Es gibt keine Privatsprache“ heißt es dazu treffend bei Wittgenstein.

Das bedeutet im Umkehrschluß, daß die Sprache relativ intersubjektiv sein muß.

Sie wird von einem mehr oder weniger großen Kreis von Subjekten getragen. Dehnt er sich auf ausnahmslos alle Subjekte zu einer totalen Intersubjektivität aus, so bedeutet dies letztlich nur einen quantitativen Unterschied, und wir bleiben deshalb auch dann bei unserer Chrakterisierung als relativ intersubjektiv.

Zudem ist eine solche Intersubjektivität der Sprache auch nicht an sich positiv; sondern kann unmenschlich oder zerstörerisch und damit gegen das Leben gerichtet sein.  

 

Um etwas vollkommen anderes handelt es sich jedoch, wenn nicht wir die relative Intersubjektivität bis zum Anschlag steigern, sondern eine absolute Intersubjektivität für uns besteht.

Natürlich ist sie – als mir wie auch allen anderen vorgegebene – ebenfalls subjektiv; objektiv wären allein die Urbilder, weil sie nicht für uns, sondern an sich existieren.

 

Wenn jenseits aller Überheblichkeit unsere Gleichstellung mit sämtlichen anderen Subjekten der Geschichte, Regionen oder Kulturen rechtens ist – und ich vermag es nicht, das guten Gewissens anzuzweifeln –, besteht meine zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Hoffnung darin, daß unter der Oberfläche der uns trennenden Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse eine gemeinsame Wirklichkeit existiert, die ursprünglicher ist als all unsere Differenzen.

Damit würden sich letztere als lediglich medial bedingt erweisen und könnten folglich überwunden werden. Mit „medial“ meine ich, daß diese Differenzen nur durch Kultur, Zeit, Sprache, Religion, Umwelt, Gender, Mentalität oder andere – letztich – Äußerlichkeiten zustandekommen.

Diese noch völlig offene ausnahmslos allen Subjekten gemeinsame Wirklichkeit wäre absolut intersubjektiv. Das heißt, während die relative Intersubjekttivität – auch als totale – den Psychen angehört, gehen sie alle gemeinsam aus der absolut intersubjektiven Wirklichkeit hervor.

 

Um trotz des vor uns stehenden postmodernen Pluralismus der Weltbilder, Überzeugungen oder Glaubensbekenntnisse in Frieden menschlich zusammenleben zu können, wäre eine alle Subjekte verbindende und von ihnen unabhängige Wirklichkeitnatürlich wünschenswert, jedoch – möglicherweise sogar notwendig.

Leider folgt daraus absolut nichts hinsichtlich ihrer Existenz; wir leben ebensowenig im Wunschkonzert wie in der objektiven Realität. Aber erst oder nur wenn wir den Glauben an die objektive Realität aufgeben, besteht überhaupt die Möglichkeit, sinnvoll nach einer solchen alle Subjekte tragenden und vereinenden, das heißt, absolut intersubjektiven Wirklichkeit zu suchen.

 

Die objektive Realität kann diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie nicht für uns ist, und wir ihr gleichgültig sind. Daß sie uns hervorgebracht haben soll, ist kein Beweis des Gegenteils, sondern – anerkanntermaßen – Zufall.

Die objektive Realität schert sich nicht um uns; wir müssen sie – ganz ohne ihre Hilfe – möglichst adäquat abbilden, um darin überleben zu können, so daß das Ergebnis in Kampf und Konkurrenz besteht.

Ließe sich vernünftigerweise anders als sozial-darwinistisch oder „kapitalistisch“ denken, wenn wir das Zufallsprodukt einer objektiven Realität wären, die uns absolut gleichgültig gegenübersteht? Für die zwischen Mondmagma und uns Menschen kein prinzipieller Unterschied existiert?

 

Für unsere obigen Ausführungen zur Wahrheit bedeutet dies:

Schon vor über 2500 Jahren soll der ägyptische Pharao Psammetich I nach der „wahren“ Sprache gesucht haben. Er verurteilte gut ernährte und gepflegte Babys dazu, nicht angesprochen zu werden, um herauszufinden, in welcher – dann natürlich „ursprünglichen“ oder „wahren“ – Sprache sie von sich aus reden würden. (Die Geschichte geht weiter: Babys, die nur auditiven Kontakt zu Ziegen hatten, sollen lediglich soetwas wie „bek, bek . . .“ von sich gegeben haben.)

Das verlangt uns heute nur noch ein staunendes Kopfschütteln ab; natürlich gibt es keine wahren Sprachen.

 

Aber diese selbstverständliche Einsicht müssen wir ernstnehmen und verallgemeinern:

Wahre Weltbilder; Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse existieren ebensowenig, denn auch sie sind noch zu „oberflächlich“, das heißt, der Sprache von soeben zu nahe und damit zu relativ. Für die Wahrheit müssen wir „tiefer“ bohren – bis zu dem von mir erhofften total intersubjektiven Ursprung aller Psychen –, um sämtliche nur mediale Relativität hinter uns zu lassen.

Auch Weltbilder, Religionen, Theorien, Paradigmen oder Glaubensbekenntnisse stellen für die Wahrheit lediglich Medien dar und enthalten sie nicht. Diese Medien möchten die Wahrheit vielleicht ausdrücken, darstellen oder repräsentieren und bemühen sich eventuell auch ernsthaft um sie – sind aber selbst nicht die Wahrheit.

 

Die Wahrheit – um die wir ringen – ist absolut und nicht relativ.

Alle „Wahrheiten“, die man haben kann und von den verschiedensten Seiten in Geschichte sowie Gegenwart als Wahrheiten behauptet wurden oder werden, müssen relativ, weil medial bedingt sein. Jeder, der „unerschütterlich“ bzw. stur dergleichen glaubt – oder vielleicht auch nur entsprechend redet –, ist ein kleiner Relativist, der felsenfest davon überzeugt ist, die absolute Wahrheit zu besitzen und Andersdenkende des Relatismus bezichtigt.

Speziell Christen brauchen hierüber nicht zu erschrecken, denn sie könnten das schon seit 2000 Jahren wissen: Ihrem Glauben zuolge „ist das Wort Fleisch geworden“ – nicht Buch, Bekenntnis, Lehre, Glaubenssatz oder -schatz und schon gar nicht – relatives – Dogma.