2.2.1. Die Sprache als intersubjektives Gedächtnis

Unsere „Wissungen“ bilden das relativ Intersubjektive, aber nicht als Wissungen, sondern inform der Sprache. Das heißt, ob Ihre und meine Wissungen übereinstimmen, läßt sich natürlich nicht feststellen, aber wir sprechen eine – mehr oder weniger – gemeinsame Sprache. Das ist die einzige Übereinstimmung, die sich feststelllen läßt

 

Völlig unabhängig davon, ob die Bezeichnungen nun in Büchern stehen oder nicht, gehören ihre Bedeutungen allein unserer jeweiligen Psyche an. Wir sprechen miteinander und korrigieren sie dabei wechselseitig, so daß sich die Bedeutungen, die für die einzelnen Subjekte bestehen, aneinander abschleifen und „Mittelwerte“ entstehen, die in der Zeit mehr oder weniger schnell und unmerklich anders werden.

Das führt weder zur „richtigen Sprache“ noch zur „wahren Bedeutung“, sondern lediglich zu einer intersubjektiven Einigung; mehr haben, aber brauchen wir auch nicht. Wer dieses „Sprachspiel“ nicht  mitspielt, kommt nicht der Wahrheit näher, sondern wird unverständlich.

Georg Picht meinte unter anderem exakt dies, wenn er die Sprache als das „kollektive Gedächtnis der Menschheit“ bezeichnete; ich würde gerne übersetzen das „intersubjektive Gedächtnis der Subjekte„.

 

So weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist der Gedanke nicht:

Bis Sie diesen Satz gelesen hatten, war Ihnen die Vorstellung Sirius nicht aktual gegeben.

Das ist jetzt der Fall; ich konnte sie ganz leicht mittels des Wortes „Sirius“ hervorkitzeln. Das geht aber nur, wenn oder weil sie sich zuvor bereits an einem anderen, Ihnen jedoch zugänglichen oder verfügbaren Ort befand.

Wenn aber das absichtliche Auslösen von Vorstellungen stets mit Hilfe der sie bezeichnenden Worte erfolgen kann, drängt sich der Gedanke förmlich auf, dieser Ort müsse die Sprache sein

 

AD: „Bisher war mir sonnenklar, daß das Gedächtnis mit irgendwelchen Speicherprozessen im Gehirn zusammenhängt. Nun streichen Sie diese für mich anschaulich-verständliche Vorstellung und ersetzen sie durch die abstrakt-unverständliche Sprache. Hätten Sie vielleicht ein Beispiel, an dem ich mir das ein wenig plausibilisieren kann?“

Natürlich; das Fundament der empirischen Wissenschaften besteht zweifellos in ihren nachprüfbaren Voraussagen; beispielsweise daß es am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa zu einer totalen Sonnenfinsternis kommen wird.

Das ist freilich traditionell formuliert, als wären Sonnenfinsternisse Urbilder, die es einfach so gibt, auch ohne gesehen zu werden.

Wir müßten also etwas vorsichtiger übersetzen, daß am 22. 2. 2222 in Mitteleuropa eine Wahrnehmung namens „totale Sonnenfinsternis“ möglich sein soll.

 

Diese Voraussage vertrauen wir der Sprache an, und jeder, der einen Zugang zu letzterer besitzt, kann die Antizipation am 22. 2. 2222 überprüfen. Die Zeit bis dahin wird also von der Sprache überbrückt; die Physiker, die die Voraussage getroffen haben, sind dann schon lange tot.

AD: „Wobei sich Ihr letzter Halbsatz als völlig belanglos erweist, wenn das Speicherorgan ohnehin in der Sprache und nicht im Gehirn besteht.“

Natürlich; aber es kann nicht das Speicherorgan sein, weil das Gehirn an unser Weltbild gebunden ist; innerhalb des letzteren vermittelt das Gehirn unseren Zugang zur Sprache und ist damit unbedingt erforderlich – freilich im Rahmen dieses Weltbilds.

Es mag viele Weltbilder ohne Gehirn geben, aber keines ohne Sprache, und deswegen kann nur sie das intersubjektive Gedächtnis sein, das auch die Weltbilder – mit oder ohne Gehirn – erst ermöglicht.

 

AD: „Damit wird auch Wittgensteins Satz ‚die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘ verständlich . . .

Einverstanden; die Wissungen sind in der Sprache , und die Sprache ist . . .“

. . . in der Zeit.

Diese Antwort wirkt wohl leicht verstörend und kann nur schrittweise einsichtig werden. Sie besitzt zwei Seiten, von denen die eine darin besteht, daß es die Sprache scheinbar gar nicht gibt.

 

Sie ist nur „ihr“ Gebrauch, das heißt, sie existiert lediglich in dem oder durch das zeitliche Sprechen und Verstehen.

Würden wir alle die Sprache nicht mehr nutzen, wäre sie einfach weg. Indem wir unseren Kindern das Sprechen und Verstehen lehren, teilen wir ihnen nur sekundär Bezeichnungen mit; das Vokabeln-Lernen stellt in diesem Zusammenhang ein unglückliches Modell dar.

Primär erhalten wir die Sprache, indem wir sie nutzen und weitergeben, das heißt, unseren Kindern einen Zugang zu ihr bzw. zum intersubjektiven Gedächtnis in Form ihres ersten kleinen Weltbilds vermitteln.

Letzteres ist natürlich – trotz der Intersubjektivität der Sprache – „nur“ subjektiv, weil jedes Subjekt seinen eigenen Zugang zu ihr besitzt.

 

Wilhelm von Humboldt formuliert das von mir Gemeinte folgendermaßen:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, daß man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht . . .

Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) . . .

Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. Unmittelbar und streng genommen, ist dies die Definition des jedesmaligen Sprechens; aber im wahren und wesentlichen Sinne kann man auch nur gleichsam die Totalität dieses Sprechens als Sprache ansehen.“

 

Es gibt aber noch eine zweite Seite:

Wäre die Sprache tatsächlich nur das „Sprechen und Verstehen“, könnten wir weder sprechen noch verstehen, denn es gäbe nur Geräusche – und auch das wüßte natürlich niemand.

Viel weiter traue ich mich nicht und würde vielleicht zusammenfassen:

Die Sprache existiert nur in dem oder durch das Sprechen und Verstehen, so daß wir darin die Intersubjektivität erfahren.

Ermöglicht wird die Sprache jedoch durch eine „verborgene“ Intersubjektivität, die sehr eng mit der Zeit zusammenhängen, wenn nicht gar mit ihr identisch sein muß.