2.6. Welt und Weltbild

Wir waren schon des öfteren auf Welt und Weltbild zu sprechen gekommen, haben diese beiden Begriffe aber noch nicht systematisch analysiert; das soll jetzt geschehen.

Zum Weltbild hatten wir bereits gesagt, daß es in einer integralen Einheit unserer gesamten Wissungen besteht, in sich (ab)geschlossen, natürlich subjektiv und – aber nicht deswegen – unwirklich ist. Das Weltbild umfaßt, anders formuliert, all unsere Theorien, Pradigmen, Gedankenmodelle, Biographien usw. oder, in der Sprache Schapps, sämtliche uns bekannten Geschichten.

Damit ist das Weltbild so umfangreich, daß es uns niemals auch nur annähernd en bloc gegeben sein kann. Wir können die einzelnen Wissungen oder Vorstellungen als vom Scheinwerferlicht angestrahlte Ausschnitte des im Dunklen liegenden Weltbilds veranschaulichen.

 

Es stellt den Freiraum dar, in dem wir uns beim Denken bewegen (können); jede Chance, das eigene Weltbild zu verlassen, ist ausgeschlossen.

Aus einem traditionellen „. . . ist unmöglich“ wird damit ein „. . . ist in meinem Weltbild undenkbar“; „es ist bewiesen, daß . . .“ geht über in „es ist in meinem Weltbild zwingend, daß . . .“ und „das bedeutet . . .“ wandelt sich zu „in meinem Weltbild heißt das . . .“

Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ würde ich – wohl ganz in seinem Sinne – umformulieren zu:

Die Grenzen meines Weltbilds sind die Grenzen meines Geistes oder des mir Denkmöglichen.

 

Wir unterteilen die subjektiven Wissungen in diejenigen, die wir akzeptieren oder glauben, weil sie uns als nützlich erscheinen, und die anderen, die wir als wenig hilfreich ablehnen bzw. nicht glauben. Daß diese beiden Seiten kontinuierlich ineinander übergehen, versteht sich von selbst.

Bei jeder Wissung entscheide ich also letztlich über Sein oder Nicht-Sein – für mich; Feldhasen „ja“, Osterhasen „nein“. Aber das dürfen wir nicht traditionell verstehen – dann gäbe es auch keine Feldhasen –, sondern es sind immer nur die Wissungen gemeint.

 

Solange wir leben werden uns Wissungen angeboten – berichtet, gelehrt oder erzählt –, und bei jeder von ihnen bestimmen wir selbst darüber, ob wir sie glauben sollten.

Letzteres trifft freilich kaum auf Kinder zu; ihnen werden nicht nur die Wissungen – als existent bzw. nicht-existent – vorgegeben, sondern auch ihre Erfahrungsmöglichkeiten, und sie sind darauf angewiesen, ihren Erziehern zu vertrauen. Aber nach und nach entscheiden sie selbst; nicht nur was sie glauben bzw. nicht-glauben, sondern auch wer ihre Freunde sind, welche Bücher sie lesen, wohin sie gehen oder was sie lernen möchten – und damit indirekt auch über die Wissungen, die ihnen angeboten werden können.

 

Ich glaube das Nas-, aber nicht das Einhorn; letzteres gilt natürlich auch für die bereits kritisierten traditionellen Wissungen wie objektive Realität, ewige Wahrheiten oder Naturgesetze, Urbilder, Abbilden oder Abbilder.

Als Kinder standen wir bei Rotkäppchen, dem Klapperstorch und Gespenstern vor dem entsprechenden Problem und haben entschieden, daß es diese für uns nicht gibt:

Solche kindlichen Fragen stehen natürlich nicht mehr an; aber wie verhält es sich etwa bei den täglichen Nachrichten; was glauben wir, und was sind „Märchen für Erwachsene“, „Fake News“ oder „alternative Fakten“?

Existieren Higgs-Teilchen, Alternativlosigkeit, eine menschliche Zukunft, Gerechtigkeit, ungedopte Radprofis, ein friedlicher Islam, wahre Aussagen der Pharma- oder Automobilindustrie, gewaltfreie Religionen, das Bernsteinzimmer, nicht-korrupte Bereiche der FIFA, eine herrschaftsfreie Kirche, die nordkoreanische Wasserstoffbombe, ein Ursprung, das Coronavirus oder die menschliche Vernunft?

„Rückfälle“ sind selbstverständlich niemals ausgeschlossen; unsere Entscheidungen können – nach beiden Richtungen – korrigiert werden. In der Jugend hatten wir Gott oder ein Leben nach dem Tod vielleicht brüsk abgelehnt und an Säkularisierung sowie Fortschritt geglaubt – aber ganz so sicher sind wir uns dessen heute möglicherweise auch nicht mehr.

 

Wir orientieren uns natürlich sowohl an den angenommenen als auch an den abgelehnten Wissungen, das heißt, am vollständigen Weltbild. Glauben wir nicht, daß es eine Erderwärmung gibt, leben wir gegenwärtig ohne eine solche und wahrscheinlich anders als überzeugte Klimaschützer.

Für unser Weltbild sind wir selbst verantwortlich; es könnte ganz anders sein.

Nur traditionell gibt es Ausreden, denn die so Denkenden können sich hinter den in ihrem Weltbild angeblich adäquat erkannten Urbildern verstecken und mit ihnen entschuldigen.

 

Die Welt besteht in den geglaubten oder akzeptierten Wissungen des Weltbilds, und das sind die diskret-gewußten Punkte innerhalb des kontinuierlich-bewußten Lebens. Dort befinden sich auch die Wissungen Feldhase sowie Nashorn, aber nicht Osterhase und Einhorn.  

Das Weltbild fungiert somit auch bei uns als ein Bild von der Welt; freilich sind beide subjektiv.

Gott hat nicht die Welt geschaffen, weil es gar keine objektive Welt gibt.

Unsere subjektive Welt wird ebenfalls von niemandem geschaffen, sondern von uns geglaubt.

 

Bezüglich des Verhältnisses zwischen Welt und Weltbild ergibt sich daraus:

1. Welt und Weltbild umfassen exakt die gleiche Art von Entitäten, nämlich nur Wissungen.

2. Keine von ihnen vermag unserer Welt anzugehören, wenn sie nicht auch im Weltbild vorkommt, denn andernfalls könnten wir sie ja gar nicht für wirklich halten oder glauben.

3. Das Weltbild geht also um die abgelehnten oder nicht  geglaubten Wissungen über die Welt hinaus.

4. Daß die Welt „nur“ rein geistig ist, bedeutet keinen Widerspruch; im Gegensatz zum Weltbild werden bei ihr einige Komponente materiell gedacht oder vorgestellt.

5. Unser Denkweg führt vom Weltbild zur Welt: wir bilden nicht ab, sondern glauben – oder eben auch nicht – halten das Geglaubte teilweise für materiell oder subtanziell.

 

Selbst traditionell Denkende kommen, wie wir oben gesehen hatten, trotz Ihrer objektiven Realität nicht daran vorbei, einsehen zu müssen, daß zu jedem Subjekt seine eigene Welt gehört; für uns ist das selbstverständlich.

Psychisch „Kranke“ leben offensichtlich in oder mit ihrer subjektiven Welt; und wir fügen dem lediglich hinzu, daß es sich bei uns allen ebenso verhält – vollkommen unabhängig von psychischer „Krank-“ oder „Gesundheit“.

AD: „Nein; das läßt sich keinesfalls so einfach gleichsetzen! Wir sehen doch bei psychisch ‚Kranken‘, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit der objektiven Realität steht.“

Tut mir leid, aber das sehen wir keinesfalls, sondern höchstens, daß ihr Verhalten häufig nicht in Einklang mit unserer eigenen Welt steht; hierbei trifft die eine subjektive Welt auf die andere.

 

Zweifellos gibt es einen relativ engen Zusammenhang zwischen unserer Welt und der eigenen psychischen „Gesundheit“; andernfalls wären Seelsorge, Psychotherapie oder Beichte weder möglich noch nötig.

Wer mit seiner Welt sehr gut und glücklich leben kann, hat wohl mitunter die Aufgabe, denjenigen zu helfen, die unter ihrer Welt leiden. Sie können ihre befreiendere Welt mit den Unglücklichen teilen, sie ihnen mit-teilen und sie daran teil-haben lassen.

Welten sollen die Fülle des Lebens ermöglichen; Ängste verringern, Hoffnungen wecken, Mut machen und ein gesundes Selbstbewußtsein bewirken. Aber weder weist die „Gesundheit“ auf die richtige noch die „Krankheit“ auf eine falsche Welt hin, denn keiner versteht, was das überhaupt sein soll oder auch nur könnte

 

Das Kriterium, das uns von den psychisch „Kranken“ unterscheidet, besteht keineswegs in einem „Gesundheits“-Katalog, sondern allein darin, daß wir zur Mehrheit gehören und diese beschlossen hat, – nicht sich selbst, sondern – die Minderheiten als „krank“ zu betrachten und gegebenenfalls deren subjektive Welten als unsinnig abzutun.

Um diese Entscheidung zu rechtfertigen, erklären wir die eigene Welt zur Wirklichkeit und verdrängen unser willkürlich-egoistisches Vorgehen, indem wir dieses Ergebnis selbst glauben.

Aber vielleicht sind wir nur „gesund“, weil uns Clever- oder Coolness, Robust- und Abgebrühtheit weniger leiden lassen. Möglicherweise werden gerade die Falschen weggesperrt; würde Sensibilität als ein Maß für psychische „Gesundheit“ anerkannt, könnten sich die Rollen teilweise vertauschen.

 

AD: „Einverstanden; das gebe ich zu.

Aber daß die Welt einen Teil des Weltbilds darstellt und damit ebenso rein geistig sein muß wie letzteres, ist gewiß falsch, denn damit leugnen Sie die ganze Härte der Realität, die uns treffen kann.“

Ihre Härte der Realität leugne ich in der Tat, denn bei uns geht es um die Härte des Lebens.

Die bestreite ich nicht und schlage mit dem Begriff des Leib-Handelns vorerst einen (faulen) Kompromiß vor, auf den wir uns vorübergehend verständigen sollten:

Unser Leben ist zugleich ein Leiben im bewußt-wirklichen Kontinuum und ein Handeln in der gewußt-unwirklichen Welt der diskreten Punkte unserer akzeptierten Wissungen.

 

Erinnern Sie sich bitte noch einmal:

Wir wollten bei Francesco Himbeereis essen, bekommen aber . . . – vielleicht kein Eis, sondern – Streit mit der Bedienung, ein Geschenk als tausendster Gast oder eine Dachschindel auf den Kopf.

Das Dunkelblaue steht für unsere in der Welt geplante Handlung; zu welchen Facetten des Lebens sie führt,

– wissen wir nicht nur vorher noch nicht, sondern

– können wir auch im Nachhinein nicht sagen,

weil sie prinzipiell unsagbar sind. Aber hier ist der Ort für die mögliche Härte des Lebens.

Diese bringen wir dann rückblickend eventuell irgendwie auf den Begriff.