2.6.2. Unbe- und Ungewußtes

Widerspreche ich mit dieser Überschreift nicht allem, was ich Ihnen bisher dargelegt habe? Zu existieren bedeutet, gegenwärtig der eigenen Psyche anzugehören, das heißt, be- oder gewußt zu sein, womit alles Unbe- sowie Ungewußte inexistent sein müßte.

Das wäre in der Tat zwingend, würde die Zeit dem physikalischen Strahl mit einem Parameter t entsprechen. Dann gäbe es einen sauber definierten Jetzt-Punkt, und auf ihn müßte sich die Aktualität des Gegeben-Seins beziehen; entwder „ja“ oder „nein“.

Diese physikalische Zeit hat jedoch mit der wirklichen nichts zu tun, sondern ist eine verräumlichte, das heißt, dem Raum angepaßte Zeit. Für die heutige Physik ist eine solche Darstellung unbedingt erforderlich, denn (nahezu) alle ihre Grundgleichungen sind Differentialgleichungen nach der Variable t; eine Physik ohne sie wäre nicht als solche wiederzuerkennen.

Aber das ist kein gutes Argument; die Zeit richtet sich nicht nach den Bedürfnissen der Physiker und insbesondere ist das Jetzt kein Zeitpunkt.  

 

Heinrich Rombach beispielsweise betrachtet es als eine Gegenwart, die im Ineinander von „immer kleineren“ Gegenwarten besteht:

„Mein ‚Jetzt‘ kann in jedem Augenblick ein mehrfaches, und höchst unterschiedliches, sein. Mein ‚Jetzt‘ ist beispielsweise ein Butterbrot, im selben Augenblick jedoch die ‚geschichtliche Stunde‘ meines Vaterlands; eine Kriegserklärung wird ausgestrahlt; meine Gegenwart sind die nächsten Tage der Mobilmachung, oder schlicht und einfach ‚der Krieg‘; diese Gegenwart kann sechs Jahre dauern, sie löscht die anderen in gewisser Weise aus (der Bissen bleibt mir im Halse stecken).“

Dieses Ineinander von Gegenwarten in Gegenwarten in . . . führt im asymptotischen Grenzfall letztlich zum Zeitpunkt der Physiker. Er ist also kein Unsinn; aber der entsteht, wenn wir dieses Zustandekommen des Zeitpunkts ignorieren und glauben, die Zeit als eine Folge solcher Jetztpunkte zu einem eindimensionalem Kontinuum zusammenbasteln zu können.

Nochmals Rombach:

„Die Zeit als ‚Ablauf‘ konstituiert sich durch ihre Mehrdimensionalität, bzw. dadurch, daß das Wechseln von Gegenwarten im Hinblick auf umfassendere Gegenwarten als ein ‚Nacheinander‘ erlebt werden kann. Das Nacheinander der Zeit gründet also im Ineinander der Gegenwarten.“

 

Bei einem solchen Zeitverständnis entfällt die harte Alternative „etweder gegeben oder nicht gegeben“, so daß wir weder das Bewußte ohne Unbewußtes noch das Gewußte ohne Ungewußtes sauber denken können.

Zu diesem Ergebnis hätten wir freilich auch viel einfacher gelangen können:

Haben wir gestern etwas Dummes angestellt, dessen wir uns schämen, ist die Annahme, es könnte auch wirken, ohne daran zu denken, wohl schwerlich von der Hand zu weisen. Wer glaubt, daß morgen die Welt untergeht, er der Kaiser von China ist oder uns alle eine große Verschwörung erwartet, wird stets von seinem Glauben beeinflußt werden, auch ohne ihn aktual vor Augen zu haben.

Unsere tiefsten Überzeugungen müssen – glücklicherweise – nicht aktual(isiert) sein, um unser Leben mitzubestimmen. Wer prinzipiell nicht stiehlt oder lügt, tut es – ohne darüber zu reflektieren – auch bei „sehr günstigen Gelegenheiten“ nicht.

 

Ganz in diesem Sinne schrieb Arthur Schopenhauer:

„Ich kann tun, was ich will, aber ich kann nicht wollen, was ich will.“

Der Nachsatz besagt, daß wir nicht erfolgreich beabsichtigen können, etwas Bestimmtes zu wollen; es gibt kein gelingendes Wollen des Wollens, kein Wollen in der zweiten Potenz. Natürlich könnten sich Kinder wünschen, Spinat gerne zu essen, aber ein solcher Wunsch hilft im allgemeinen nicht.

Unser Wille überfällt uns vielmehr wie ein Trieb; wir wollen einfach – und wissen weder woher noch warum. Um einzusehen, daß dies richtig ist, müssen wir nicht erst an Suchtkranke denken, sondern können sicherlich bei uns selbst beginnen.

Was wir wollen, wissen wir, weil es in Vorstellungen besteht; aber deren Woher bleibt stets völlig im Dunkel – des Unbe- und -gewußten.

 

Von einem solchen Unbewußten – sicherlich ein wenig eingeschränkter – spricht meines Erachtens auch Sigmund Freud; um den Zusammenhang sehen zu können, fehlt vielleicht noch eine kleine Bemerkung:

Die eigene Adresse fällt uns jederzeit spontan ein; beim Geburtsdatum des Schwiegerneffen wird es schon kritischer, und so existieren mit Sicherheit auch Vorstellungen, bei denen es uns partout nicht gelingen will, sie zu aktualisieren.

Zumeist ist das auch nicht nötig; wir müssen nicht mehr wissen, wer uns zum fünften Geburtstag alles gratuliert hat. Aber wenn derartige potentielle Vorstellungen uns durch ihr unbewußtes Wirken krank machen, wäre es möglicherweise wichtig, sie aktualisieren zu können, um ihre „Verdrängung“ zu überwinden.