2.6.1. Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben

In unserem bisherigen Leben ist uns vieles erzählt, gelehrt und vielleicht auch indoktriniert worden; wir haben zahllose Filme gesehen, Gespräche geführt, Bücher gelesen oder Tagungen besucht usw. Auf diesen und anderen Wegen ist uns eine Unmenge an Wissungen angeboten worden. Sehr viele haben wir angenommen, und zahlreiche davon sind uns auch wichtig. Andere haben wir abgelehnt, weil sie entweder belanglos zu sein schienen oder wir – nach unserem damaligen Dafürhalten – überzeugt waren, sie könnten uns nicht helfen.

 

Wer (an) eine stoffliche Materie glaubt, besitzt wahrscheinlich ein Weltbild, in dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Das ist völlig legitim; freilich ebenso bei seinem eventuellen Gegenüber, der (an) Engel glaubt und wahrscheinlich ebenfalls ein Welt(bild) besitzt, in dem die Annahme, es gäbe sie nicht, nur als absurd erscheinen kann.

Gewiß könnten beide in einem guten Gespräch sehr viel voneinander lernen. Es ist vielleicht sogar tragisch, daß es dazu im allgemeinen nicht kommt, weil wir einen solchen Gedanken-Austausch zumeist als sinnlos erachten und diejenigen Gesprächspartner bevorzugen, die uns Recht geben; freilich ohne davon viel zu profitieren.

 

In dem Maße, in dem wir uns mit Geschichte, New-Age, Parapsychologie oder Science-Fiction, fremden Kulturen, Religionen und Weltbildern beschäftigt haben, ahnen wir, daß uns möglicherweise erschreckend viele Wissungen „vorenthalten“, das heißt, niemals angeboten wurden. Wahrscheinlich kennen wir nur einen verschwindend geringen Bruchteil der insgesamt in der Menschheitsgeschichte kursierenden Wissungen und würden vielleicht viele von ihnen liebend gerne annehmen – wenn sie uns denn bekannt wären.

Natürlich kann ich Ihnen kein eigenes Beispiel für eine Denkmöglichkeit nennen, die mir selbst niemals angeboten wurde. Aber mein Ansatz im vorliegenden Buch stellt für Sie möglichweise eine Wissung dar, die Ihnen bisher noch nicht begegnet ist.

 

Es besteht also mit Sicherheit ein Jenseits von Glauben und Nicht-Glauben – ein Jenseits unseres Weltbilds –, über dessen Größe wir, wenn es uns denn bekannt sein könnte, vielleicht erschrecken würden.

Möglicherweise sind unsere bekannten Wissungen – gemessen an diesen nicht-angebotenen oder jenseitigen – entsetzlich; naiv, unmenschlich oder böse. Das würde freilich bedeuten, daß wir in unserem Leben versuchen (müssen), mit ungeeigneten Mitteln die falschen Probleme zu lösen – weil wir von den geeigneten Mitteln für die richtigen Probleme nichts ahnen.

Wir können auch nicht sinnvoll fragen, ob wir für die vor uns stehenden Probleme das richtige Weltbild besitzen, denn unsere Schwierigkeiten sind diejenigen unseres Weltbilds, so daß mit ihm zugleich die Probleme und Lösungsmöglichkeiten andere würden.

 

Ob wir eine Vorstellung abgelehnt haben oder ob sie uns nie angeboten wurde und wir sie somit gar nicht kennen, macht einen Riesenunterschied, denn nur jene gehört zu unserem Weltbild und gestaltet es folglich mit.

Denken Sie zum Verdeutlichen vielleicht an Beispiele wie Freiheit, Gleichheit oder Demokratie. Ich bin überzeugt, daß diese Vorstellungen in der Geschichte weitestgehend fehlten. Der Gedanke, daß die Menschen sich demütig untergeordnet hätten, obwohl sie sich Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorstellen konnten und somit geahnt haben, daß dergleichen möglich sei – aber eben nicht für sie –, scheint mir nahezu als absurd.

Deswegen führen Diktaturen – „Die Farm der Tiere“, „1984“ oder „LTI“ – „Neusprech“ ein:

Es ist höchst uneffektiv, alles Systemkritische zu verbieten; die Endlösung besteht vielmehr darin, es undenkbar zu machen – indem die erforderlichen Wissens-Möglichkeiten sprachlich gecancelt werden.

 

Ein Problem besteht also darin, daß uns möglicherweise ganz viele Wissungen oder Geschichten – und möglicherweise sogar alle wesentlichen – fehlen. Theologisch findet sich hier meines Erachtens ein ausgezeichneter Ansatzpunkt für eine höchst vernünftige „Erbsünden“-Lehre, die ganz ohne historisch zu verstehende Adam-und-Eva-Geschichten auskommt.  

Aber hier – gewissermaßen auf der Gegenseite – stehen wir noch vor einer zweiten ähnlich großen Problemtik, nämlich der Existenz absurder Denkmöglichkeiten, die aber auch gar nichts mit unserem Leben zu tun haben.

 

Hierbei denke ich nicht primär an die – letztlich uninteressant-lächerlichen – Geheimlehren oder Verschwörungstheorien, denn es gibt viel entscheidendere, weil einflußreichere Nichtigkeiten. 

Schauen wir nur, wie weit sich die exakten Wissenschaften teilweise von unserem Leben entfernt haben. Dann entstehen vielleicht gewaltige Gedankengebäude, Theorien oder Paradigmen voller Genialität und mathematischer Eleganz mit umwerfenden Konsequenzen – für Nichts.  

Aber auch für die Hochreligionen lauert hier eine unglaubliche Gefahr und Versuchung. Es werden immer neue Geschichten erfunden, die die bereits vorhandenen ergänzen und stabilisieren oder rechtfertigen sollen. So kann auch hier ein Gedankengebäude entstehen, das sich nur selbst bestätigt und keinerlei Wirklichkeitsbezug mehr besitzt, der das Ganze über dem Nichts hält oder trägt.

Damit wird verständlich, daß die „Rechtgläubigen“ stets betonen, man dürfe sich der wahren Religion nicht eklektisch bedienen und das Gewünschte herauspicken, sondern müsse sie als Ganzes übernehmen. „Nur wer alles glaubt, glaubt überhaupt“.

Natürlich, nur das Ganze ist – nicht zuletzt durch seine vielen Zirkelschlüsse – rund genug, um unangreifbar zu sein.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; es dürfte doch bereits deutlich geworden sein, daß ich ebensowenig gegen die Religionen wie gegen die exakten Wissenschaften bin.

Vielmehr sollte nur deutlich werden, daß bei ausnahmslos all unseren geistigen Produktionen die Gefahr einer sich verselbständigenden Eigendynamik besteht, die faszinieren und dadurch zur bedingungslosen Mitarbeit animieren kann, aber – gerade dadurch – zu Ergebnissen führt, die absolut nichts mehr mit der Wirklichkeit unseres Lebens zu tun haben. 

Ein Zuviel kann ebenso schädlich sein wie ein Zuwenig.