2.1. Erlebungen

AD: „Ich verstehe die Differenz zwischen Vorstellungen und Wissungen nicht; was unterscheidet einen nicht vorliegenden Inhalt von gar keinem?“ 

Und ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie das nicht gefragt hätten, weiß aber keine einfache Antwort. Um trotzdem möglichst verständlich zu sein, greife ich auf ein Beispiel von David Hilbert zurück, einem britischen Mathematiker, der diesbezüglich eine brillante Idee hatte.

 

Selbst im Halbschlaf wissen wir noch spontan, daß zwei Punkte eine Gerade oder drei Punkte bzw. eine Gerade plus einen Punkt außerhalb von ihr eine Ebene bestimmen usw. Wir haben das weder auswendig gelernt noch rein logisch überlegt, sondern entnehmen es unmittelbar unseren Vorstellungen von Punkt, Gerade und Ebene.

Ein solches „selbstverständliches“ Denken hat aber nichts mit Geometrie zu tun; darin dürfen nur Wissungen vorkommen.

 

Dieses für die Mathematik notwendige Ausblenden sämtlicher Vorstellungen gelingt uns jedoch kaum, solange wir bei den Worten „Punkt“, „Gerade“ und „Ebene“ verbleiben. Da die Bezeichnungen und deren Assoziationen aber belanglos sind und es allein um die logischen Zusammenhänge geht, ersetzte Hilbert die „richtigen“ Worte durch „Schornsteinfeger“, „Liebe“ bzw. „Bierseidel“.

Auch sie lassen natürlich Vorstellungen assoziieren – aber kaum hilfreiche

Wer aus den geometrischen Axiomen ableiten kann, daß zwei Schornsteinfeger eine Liebe oder drei Schornsteinfeger bzw. eine Liebe plus einen Schornsteinfeger außerhalb von ihr einen Bierseidel bestimmen usw., betreibt Mathematik und denkt rein logisch oder bewegt sich allein in der Sphäre der Wissungen.

 

Das Beispiel sollte uns helfen, Ihre Frage zu beantworten:

1. Vorstellungen besitzen ein Wovon oder einen Referenten.

„. . .  sondern entnehmen es vielmehr unseren Vorstellungen von . . .“

2. Dieser Referent besteht in Wissungen.

„. . .  unseren Vorstellungen von Punkt, Gerade und Ebene.“

3. Wenn Vorstellungen sich zwar auf einen Referenten beziehen, aber über ihn hinausgehen, müssen sie eine zweite Komponente besitzen; das ist per definitionem ihr Inhalt.

Vorstellungen bestehen in der Einheit von Referent und Inhalt.

4. Im Falle von Punkt, Gerade und Ebene kann dieser Inhalt nicht vorliegen, weil es sich bei ihnen lediglich um geometrische Abstraktionen handelt. Aber es gibt den Inhalt oder er ist existent, denn Vorstellungen sind umfangreicher als Wissungen – andernfalls hätten wir im Halbschlaf bei geometrischen Fragen keine Chance.

 

Der Einfachheit halber haben wir uns zunächst auf die Vorstellungen beschränkt, können aber leicht verallgmeinern:

1. Sämtliche Erlebungen besitzen ein Wovon oder einen Referenten, und diese bestehen immer in Wissungen.

2. Die Wissungen fallen mit „ihrem“ Referenten zusammen, bei den Erkennungen kommt noch der Inhalt hinzu, der einer Facette des Lebens entspricht.

3. Liegt er vor, sprechen wir von Erfahrungen, andernfalls von Vorstellungen.

 

AD: „Dann müßten Wissungen das Gleiche wie Begriffe sein?“

Nicht ganz; wir kommen später darauf zurück.

Daß geringfügige Unterschiede bestehen, sehen Sie bereits daran, wie mitunter der eine Begriff (!) dem Verständnis besser dient als der andere. Wir können beispielsweise keine Wissung vom Inhalt haben, diesen aber auf den Begriff bringen.

 

Aber bei vielen Fragen können wir die beiden zusammenfassen; beispielsweise sind Wissungen sowie Begriffe lediglich Denkwerkzeuge, und als solche haben sie mt unserem Leben nichts zu tun.

Das bedeutet einerseits, daß sie weder vorliegen noch nicht vorliegen können.

Andererseits sind die Wissungen oder Begriffe natürlich wie alle Erlebungen existent, das heißt, uns gegenwärtig oder aktual (in der Psyche) gegeben.

Für Urbilder gilt beides nicht; sie sind abgetrennt vom Leben und nicht gegeben; für die Tradition sind sie vorhanden und für uns gar nichts.

 

Natürlich ließen sich Dutzende von – Arten der – Erlebungen unterscheiden.

Wir haben jetzt lediglich diejenigen zusammengestellt, denen in unseren Überlegungen – das nächste Beispiel für eine Art von Erlebungen – eine fundamentale Rolle zukommt und die ich deswegen auch nur in dem definierten Sinne benutze. Mit allen anderen gehen wir lockerer, das heißt, entsprechend dem alltäglichen Sprachgebrauch um.

Wir dürfen auch nicht denken, die Erlebungen seien – wodurch auch immer – fest in Erfahrungen, Vorstellungen sowie Wissungen unterteilt. Vielmehr spalten die Erlebungen situativ auf, so daß die gleichen Entitäten in verschiedenen Gegenwarten unterschiedlichen Erlebungs-Arten angehören können.

Beispiele sind damit schwerlich sinnvoll; Ihr Garten etwa kann sowohl Erfahrung als auch Vorstellung und ebenso Wissung sein.