2.3. Einheit von Subjekt und (Er-)Leben

Traditionell werden die Subjekte im wesentlichen mit ihren Körpern identifiziert.

Lassen wir das „im wesentlichen“ weg, ist der Satz falsch, weil bei einer Gleichsetzung von Subjekt und Körper dem „ihren“ keine Bedeutung mehr zukommt. Wenn ein Subjekt der Körper ist, kann es unmöglich sein Körper sein; sein Subjekt wäre ja synonym.

Wird der Körper – wie üblich – mit einer Psyche versehen, mag sich das „ihren“ auf sie beziehen. 

Aber das ist letztlich alles gleichgültig, denn wir müssen uns vollständig von einem solchen Ansatz lösen, weil Körper Urbilder und folglich inexistent sind.

Schon seit Jahrzehnten stellt der „Tod des Subjekts“ ein geflügeltes Wort im philosophischen Denken dar. Wir schließen uns dem also – hinsichtlich seiner traditionellen Variante – 100%-ig an; derartige Subjekte sind nicht (vorhanden).

 

Um unsere postmodernen Subjekte bereits ein wenig zu verstehen, setzen wir die obigen Überlegungen zur Subjektivität fort.

Wir hatten uns gestern „Remie“ als Bezeichnung für eine Erlebung notiert, und möglicherweise befindet sich das Bezeichnete heute noch in unserer Psyche. Gegebenenfalls sprechen wir dann von Erinnerungen; aber was ist das eigentlich?

Die Erinnerungen sind rein formal Erlebungen mit einem unwirklichen Inhalt und gehören damit zu den Vorstellungen.

 

Traditionell wirkt die Frage, was Erinnerungen seien, naiv:

„Ich hatte früher eine Erlebung und weiß das jetzt noch.“

Aber diese Antwort ist ebenso naiv, denn das können wir gar nicht wissen; es müßte also heißen:

Ich habe jetzt eine Vorstellung, von der ich glaube, sie entspräche einer früheren Erlebung. Da diese jedoch bereits inexistent oder nicht mehr gegeben ist, muß es bei diesem unkontrollierbaren Glauben bleiben.

 

Das heißt:

Vielleicht verfügen wir tatsächlich über Erinnerungen an das Früher in der traditionellen Sichtweise; aber wer soll das feststellen? 

Wir bescheiden uns deshalb folgendermaßen:

Unsere jetzigen Erinnerungen – im weitesten Sinne, also nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich oder menschheitlich – konstituieren das Früher, so daß es ohne Erinnerungen gar nicht bestehen würde.

 

Ich bleibe beim Früher, weil das für unsere Schlußfolgerungen genügt; aber der Vollständigkeit halber sei angefügt, daß sich alles nahezu wörtlich auf das Später übertragen läßt; beispielsweise:

Unsere jetzigen Erwartungen – im weitesten Sinne, also nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich oder menschheitlich – konstituieren das Später, so daß es ohne Erwartungen gar nicht bestehen würde.

 

Wenn die Erinnerungen das Früher erzeugen und nicht – traditionell – erinnern, kann die Psyche unmöglich aus ihm hervorgehen. Sie läßt sich folglich nur auf der Basis des Jetzt verstehen; ohne die Psyche gäbe es ja gar kein Früher.

Liegt der Ursprung der Psyche jedoch im Jetzt, muß dies auch für das Subjekt gelten, da es dem jetzigen Erleben angehört.

 

Daß ich als Subjekt nur Zugang zu meiner eigenen Psyche haben und diese nur die jetzige sein kann, versteht sich nahezu von selbst und wußten wir schon lange; aber das Zwischenergebnis von soeben geht weit darüber hinaus:

Wenn das Subjekt aus dem Jetzt hevorgeht, besitzt es keine Stabilität oder Identität in der Zeit; ich bin also nicht immer ich, sondern werde stets ein anderer. Zu jedem Jetzt gehören sowohl ein anderes Subjekt als auch eine andere Psyche.

 

Andere Psychen sind natürlich weiterhin diejenigen fremder Subjekte.

Aber wenn wir uns diese vorstellen, dürfen wir nicht nur an die vielen räumlich verteilten Menschen, sondern müssen auch an unsere „eigene“ „zeitliche Verteilung“ denken. Ich bin morgen ebenso ein anderes Subjekt, wie es meine Frau heute schon ist.

Dann war es natürlich auch immer falsch, von der Psyche eines Subjekts zu sprechen.

Als nächstes wollen wir verstehen, weshalb die Psyche primär sein muß, und wir somit sinnvoll von einem Subjekt der Psyche ausgehen können.

 

Die Fülle des Lebens – noch ohne alle Subjekte – bildet die absolut intersubjektive Wirklichkeit, von der wir oben gesprochen hatten und die wir auch „Gott“ oder „Ursprung“ nennen können; Gott lebt nicht, sondern ist das Leben.

Wenn Gott  nicht  lebt, kann er auch weder Wissungen noch ein Selbstbewußtsein besitzen. Ich nehme ihm damit nichts weg, sondern sage nur Selbstverständlichkeiten und weigere mich, fromm klingende, aber leere Worte zu wiederholen. 

 

Aus diesem absolut intersubjektiven Ursprung generieren oder individu(alis)ieren sich die subjektiven Einheiten { Subjekt + (Er-)Leben }.

Die „Schöpfung“ besteht also nicht darin, daß Gott Subjekte schafft – indem er beispielsweise einer befruchteten menschlichen Eizelle eine Seele hinzufügt –, sondern darin, daß derartige Einheiten aus ihm hervorgehen – und folglich Gott in jeder subjektiven Einheit Mensch wird – bzw. werden möchte.

Innerhalb der „Schöpfung“ gibt es also kein Subjekt ohne (Er-)Leben und umgekehrt; das ist die Bedeutung ihrer Einheit.

Wenn das stimmt, kann natürlich auch kein Subjekt sterben, sondern lediglich die vollständige subjektive Einheit { Subjekt + (Er-)Leben } im Nichts verschwinden.

 

Somit sind wir ausnahmslos alle Individuationen oder „Kinder“ Gottes; denn anders kann es Subjekte gar nicht geben; daraus ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen:

Zum einen sollte jedes Subjekt – wie Jesus – ein Bild bzw. eine Darstellung von Gott sein, so daß er sich in oder durch uns offenbaren kann. Mich unterscheidet von Jesus also „nur“, daß ich im Gegensatz zu ihm – Gott als – die Fülle des Lebens mehr verstelle denn zum Ausdruck bringe.

Zum anderen kommt Gott ebenfalls in oder durch uns zu seinem Bewußtsein; da ist er gewiß des öfteren entsetzt: „Das soll ich sein?

 

 

Leben ohne Subjekt   „Subjekt erlebt Erlebungen“
Subjekt
absolut intersubjektiv   subjektiv    
Fülle des Lebens
     
  Generieren { Subjekt + (Er-)Leben }    
  Individu(alis)ieren      
    Subjekt des (Er-)Lebens   Sich-Fühlen
Gott oder Ursprung ————→ ↑↓   wie es ist, „ich“ zu sein oder
    (Er-)Leben des Subjekts
  „mein“ Leben zu leben,

Abbildung 2.3.