2.3.1. Je-der Selbe oder ich als der Einzige

Um das Gemeinte noch etwas besser zu verstehen, betrachten wir einen vielzitierten Artikel von Thomas Nagel aus den 70-er Jahren: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“.

Natürlich weiß das auch Nagel nicht, denn dazu müßte er Fledermaus sein.

Aber selbst das ist falsch, denn wir wissen auch nicht, wie es ist, Mensch zu sein; bestenfalls wie es ist, ich zu sein.

Dieses Zwischenergebnis stimmt jedoch immer noch nicht:

Wir

– wissen auch nicht, wie es ist, ich zu sein, sondern

– sind, wie es ist, ich zu sein.

Ich bin wie es ist, ich zu sein, oder wie es ist, „mein“ subjektives Leben zu leben.

 

Ich erlebe also nicht mich selbst, sondern bin das Sich-selbst-Erleben meines Lebens.

Dann ist dieses „meines“ jedoch erklärungsbedürftig:

1. Ich erlebe nicht mich selbst, sondern bin das Sich-selbst-Erleben eines Lebens.

2. Letzteres entspringt aus Gott als der Fülle des Lebens.

3. Durch sein Sich-selbst-Erleben konstituiert mich dieses Leben zu einem Subjekt.

4. Nachdem Indem ich durch das neutrale Leben entstehe, wird es zu dem meinigen.

 

Hierin kommt die Einheit von Subjekt und (Er-)Leben meines Erachtens recht deutlich zum Ausdruck, und zugleichen nähern wir uns damit sehr stark Henry an, der vielleicht etwas vereinfacht folgendermaßen argumentiert:

Es gibt keine (Er-)Leben ohne Fühlen, und kein Fühlen ohne ein Sich-Fühlen.

– Ich fühle nicht mich, sondern bin mein Sich-Fühlen.

Dieses „mein“ ist falsch, weil das Ich erst als Sich-Fühlen konstituiert wird; dann kann es nicht bereits das meinige sein.

– Ich fühle nicht mich, sondern bin ein Sich-Fühlen.

Dieses „ein“ ist falsch, weil ich nicht aus mehreren Sich-Fühlen eines herausgreife, sondern dieses eine bin.

Ich fühle nicht mich, sondern bin das einzige Sich-Fühlen.

 

Jedes Subjekt kann und müßte also von sich sagen, es sei das einzige und alles ihm Zugängliche bestehe im eigenen Leben, gehöre ihm an oder konstituiere es.

Wenn das Ich im Sich-Fühlen besteht, kann es für uns insbesondere kein Du geben, denn das besteht ja in einem fremden Sich-Fühlen; empfände „ich“ das, wäre es kein fremdes Sich-Fühlen, sondern ich.

 

Das hat zum einen nicht das geringste mit Solipsismus zu tun, weil für uns – entgegen der Tradition – kein einziges Subjekt vorhanden ist; auch ich nicht. 

Und ist es außerdem nicht nahezu selbstverständlich, daß alles, was ich erlebe und tue, was mir begegnet oder widerfährt, zu meinem Leben gehört? Warum lassen wir uns einreden, in meiner Begegnung mit der Sonne gänge es nicht um mich und mein Leben, sondern um das Urbild Sonne in der Welt?  

 

Zum anderen lebt zwar jedes Subjekt sein eigenes Leben und besitzt keinerlei Zugang zu einem fremden; aber daraus folgt nicht, daß sämtliche Wechselwirkungen fehlen würden. Natürlich beeinflussen wir einander, aber in welcher Form das geschieht, bleibt uns – wie die gesamte Psyche anderer Subjekte – völlig verborgen.

Wir wirken, mit anderen Worten, auf die Lebensumstände der – und ich glaube fest: aller – fremden Subjekte, aber nicht auf letztere selbst. Alles andere wäre absurd, weil sich die Subjekte nur von ihrer Freiheit her verstehen lassen; wir können nicht sie, sondern lediglich ihren Spielraum beeinflussen.  

 

AD: „Ich glaube, jetzt haben Sie sich überhoben; gemeint waren sicherlich alle Nachfahren, aber nicht alle Subjekte.“

Nein; ich bleibe bei meiner Überzeugung. Im Sinne der Tradition wäre Ihr Einwand natürlich zwingend, aber bei uns halte ich ihn für falsch:

Vor- und Nachfahren sind Wisungen und gehören damit der Zeit an.

Für Subjekte gilt keines von beiden, so daß ihre Unterscheidung hinfällig wird.

 

Nochmals ausführlicher:

Alle (anderen) Subjekte wirken auf meine Lebensverhältnisse ein, und umgekehrt – weil ich nichts Besonderes bin, sondern gleichwertig neben ihnen stehe – beeinflusse ich natürlich auch sämtliche Leben.

Ein solches Denken wird erst widersprüchlich, wenn wir es innerhalb der Zeit verorten, das heißt, kausal verstehen wollen

 

Jedes Leben ist einzig und damit unsagbar; in diesem Fall gehen wir einmal d’accord mit der Tradition; „individuum est ineffabile“.

Diese Einzigkeit gilt es deutlich von der Einmaligkeit abzuheben.

Der Eiffelturm ist einmalig; das bedeutet, daß es den Begriff Eiffelturm gibt und unter diesen Begriff momentan – zufällig – nur ein Exemplar fällt, aber natürlich auch ein zweites gebaut werden könnte .

Daß wir als Subjekte einzig sind, meint dagegen, daß wir unter keinen Begriff fallen oder auf keinen Begriff gebracht werden können. Alle diesbezüglichen Versuche – „Ich ist Mensch“ oder „Kosmopolit“ und „Ich ist Resultat der Evolution“ bzw. „des Zufalls“ – sind zum Scheitern verurteilt. Der frömmste Gläubige müßte natürlich auch zugeben, daß er unmöglich ein Geschöpf sein kann, weil er sich als Einziger auch nicht auf diesen Begriff bringen läßt.

Er ist kein Geschöpf, sondern ein Einziger.

 

Emmanuel Levinas drückte das in dem sehr schönen Zitat aus: „Du und ich – wir sind nicht zwei.“

Wovon sollten wir denn zwei sein? Dazu müßte man uns – um zahlfähig zu werden – ja erst auf einen Begriff bringen; „Du bist ein X, ich bin ein X, und damit sind wir zwei X-e“ – aber genau das ist unmöglich.

Du bist Du, und ich bin ich; mehr läßt sich nicht sagen, denn jeder von uns ist ein Einziger.

Das bedeutet – konsequent weitergedacht –, daß dieser letzte Halbsatz bereits falsch ist; Du und ich können auch weder Einzige noch Subjekte sein, denn das alles sind ebenfalls Begriffe – andernfalls würden sie uns nichts sagen.

Immer wenn von Einzigen oder Subjekten die Rede ist, widerspreche ich mir also selbst; ich weiß das, kann es aber trotzdem nicht vermeiden.

 

Heinrich Rombach hat versucht, diesen Widerspruch ein wenig zu entschärfen und spricht von je-dem Selben.

Dieser Begriff steht einerseits für jeder, andererseits aber immer nur für ihn als Einzigen.