2.5. Das Subjekt erlebt Erlebungen

Es gibt auch ein Leben ohne alle Erlebungen; der Eintritt in das Leben kann gar nicht anders erfolgen, denn sämtliche Erlebungen sind an Referenten gebunden, die eingangs noch gar nicht gegeben sein können. Wo sollten sie herkommen?

Fehlen die Erlebungen, wäre es irreführend, vom Erleben zu sprechen; ein solches Leben nennen wir „Leiben“. Das ist natürlich ein Kunstwort, aber ein sehr treffendes, weil drei seiner vermutlichen Assoziationen unsere Überlegungen unterstützen:

1. Es zeigt die Nähe zum verbalen Leben.

2. Des weiteren steckt Leib darin; den gibt es zwar nicht – weshalb sollte gerade der Leib kein Urbild sein? –, aber:

3. Der verbale Charakter ist bei Leiben unüberhörbar. 

 

Treten im Laufe des Lebens Referenten zum Leiben hinzu, werden Erlebungen möglich; mehr als sie Erfahrungen, Vorstellungen sowie Wissungen läßt sich gar nicht erleben.

Wir versuchen im weiteren zu erklären, daß das Erleben (unter anderem) mit dem Leiben synonym sein muß, und unterscheiden dazu die drei Differenzierungsgrade getrennt, unterschieden sowie ununterschieden.

 

AD: „Darf ich Sie bitte einmal unterbrechen:

Natürlich gibt es Ihr „Erleben der Erlebungen“, aber es entspricht nur einem – wenn auch sehr häufigen – Spezialfall, und wir dürfen diese Form nicht als allgemeingültig oder gar fundamental all unseren Situationen zugrundelegen. 

Ein Subjekt kann zum Beispiel Erleben erleben, aber mit Ihrer Struktur läßt sich das meines Erachtens nicht darstellen.“

 

Das ist tatsächlich ausgeschlossen, das haben Sie Recht, aber diesen Fall gibt es auch gar nicht.

Wir erleben Erlebungen, jedoch niemals ein Erleben; das gesamte Erleben ist bereits in dem „erleben“ enthalten.

 

In die Sprache des systemischen Denkens übersetzt lautet das etwa folgendermaßen:

Ich beobachte und bin damit per definitionem ein Beobachter erster Ordnung; Entsprechendes können bzw. müssen Sie natürlich von sich ebenfalls sagen. Wir beobachten beide – natürlich jeder für sich –, wie der Ball ins Tor fliegt, die Fersehkamera ein Fußballspiel aufnimmt oder Moritz es mit seinen Augen verfolgt.

Zwischen diesen drei Beispielen besteht kein grundlegender Unterschied; der Ball sieht natürlich nichts, aber die Fernsehkamera und Moritz sehen ebensowenig. Sehen – im Sinne von Erleben – kann nur ich allein, wie wir im letzten Kapitel bereits verdeutlichen wollten.

 

Das systemische Denken widerspricht massiv; natürlich sieht auch ihm zufolge weder der Ball noch die Fernsehkamera – aber Moritz.

In diesem Ansatz ist letzterer also ebenfalls ein Bobachter erster Ordnung, und wenn ich bebachte, wie Moritz beobachtet, ist das angeblich eine Beobachtung bzw. bin ich ein Beobachter zweiter Ordnung.

 

Ich bin überzeugt, daß das falsch ist und wir somit alles grün Hervorgehobene streichen können.

Es gibt kein Beobachten des Beobachtens, kein Beobachten zweiter Ordnung oder Potenz; weder bei irgendeinem Moritz noch bei mir selbst.

Ornithologen beobachten Vögel; aber kein Ornithologe kann sein eigenes Vogel-Beobachten beobachten. Versuchen Sie es einmal; ich glaube, dann geben Sie mir Recht. Wir sehen nur, wie Moritz seine Augen auf die Vögel richtet; sehen kann er (sie) nicht

 

AD: „Das ist doch absurd!

Sie sitzen neben Moritz im Fußballstadion und hören, wie er im richtigen Moment ‚Tor‘ schreit – aber gesehen hat er nichts . . .“

Es scheint tatsächlich absurd zu sein, aber ich versuche trotzdem, meinen Kopf noch aus Ihrer Schlinge zu ziehen.