2.5.4. Wissungen als Einheit von Begriff und Bezeichnung

AD: „Darf ich bitte einmal mit meinen eigenen Worten zusammenfassen?

Sämtliche Tätigkeiten erfolgen als solche in der Welt; nur bei meinen eigenen steht noch das unsichtbare Leiben dahinter; ich ‚leib-handle‘ gewissermaßen doppelt.

Beobachte ich mich oder Moritz bei unseren Tätigkeiten, müssen wir vier Fälle unterscheiden:

 

1.a) Ich laufe.

Das ist das Leiben, ganz so, wie wir es eingeführt hatten – ohne alle Erlebungen; dann wäre „ich döse“ vielleicht treffender.

 

1.b) Ich beobachte oder nehme wahr, daß ich laufe.

Aus dem Laufen von 1.a) ist nun das Beobachten oder Wahrnehmen geworden; aber damit hat sich nichts geändert, denn auch das ist Leiben.

Wir sprechen an dieser Stelle lediglich vom Erleben, weil es zu Erlebungen führt. 

Die Wissung ‚daß ich laufe‘ stellt den dafür erforderlichen Referenten dar und ist natürlich keine Abbildung von 1.a). Letzteres verbietet sich von selbst, weil sich Referenten nur auf Wissungen beziehen können, während 1.a) das Leiben bildet und jetzt in 1.b) zum Inhalt der Wahrnehmung wird.

 

2.a) Moritz läuft.

Das gibt es für mich gar nicht, weil es nur das Leiben von Moritz selbst sein kann.

 

2.b) Ich beobachte oder nehme wahr, daß Moritz läuft.

Aus dem Laufen von 1.a) ist nun das Beobachten oder Wahrnehmen geworden; aber damit hat sich nichts geändert, denn auch das ist Leiben.

Wir sprechen an dieser Stelle lediglich vom Erleben, weil es zu Erlebungen führt. 

Die Wissung ‚daß Moritz läuft‘ stellt den dafür erforderlichen Referenten dar und ist natürlich keine Abbildung von 2.a),weil gar nichts Abbildbares vorliegt.

 

Damit wird auch nochmals verständlich, wieso es keine Beobachtungen zweiter Ordnung geben kann:

Alles Beobachten ist ein Leiben und damit eo ipso das meinige, während jede Beobachtung in der Einheit von Inhalt und Referent besteht.

Beide können jedoch keine Beobachtungen sein; der Inhalt ist unbestimmt und der Referent eine Wissung.

Der Inhalt entspricht dem Beobachteten und beim Referenten habe ich einen Verbesserungsvorschlag für Sie:

Jede Wissung X umfaßt zwei Bestandteile, nämlich 

den Begriff X und

– die Bezeichnung ‚X‘ für diesen Begriff X.

 

Die Bezeichnung ‚X‘, die der Referent als Wissung X enthält, zur Verfügung stellt oder mitbringt, wird auf den Inhalt angewandt.

Natürlich nicht als Bezeichnung; das geht nicht, denn eine solche gibt es nur als Komponente der Wissungen. Außerhalb von ihnen werden die sagenden, das heißt, bedeutenden oder aussagekräftigen Bezeichnungen zu nichtssagenden Namen.

Davon können wir uns leicht überzeugen: 〉CR10jt〈 ist ein Name; selbst wenn wir wissen, wer oder was damit benannt wird, fügt der Name diesem Wissen absolut nichts hinzu.

 

Bei einer Sonnen-Wahrnehmung beispielsweise benennen wir ihren Inhalt also mit 〉Sonne〈.

Er ist unsagbar, und Namen sagen nichts – 〉Sonne〈 ebensowenig wie 〉CR10jt〈; das paßt wunderbar zusammen.

Dieser Inhalt sowie sein Namen spielen jedoch keine Rolle mehr und werden durch die Wissung Sonne ersetzt, wenn wir über sie  nachdenken oder sprechen.“  

 

Danke für Ihren Verbesserungsvorschlag; er bringt uns tatsächlich ein ganzes Stückchen weiter und hilft insbesondere den Grundfehler der Tradition deutlicher zu erkennen.

Sie verfügt angeblich über eine Wissung von der Sonne.

Wissungen bestehen, wie Sie richtigerweise vorschlagen, in der Einheit eines Begriffs mit seiner Bezeichnung oder sind bezeichnete Begriffe.

Das Wort „Sonne“ bezeichnet also keine Sonne – die es ja ohnehin nicht gibt –, sondern den Begriff Sonne.

Damit sind wir wieder bei unserer in sich (ab)geschlossenen Einheit der Wissungen; sie kreist in sich und ist unwirklich, weil darin nur bezeichnete Begriffe vorkommen und keinerlei Bezug zu irgendeiner Wirklichkeit besteht

 

Die Tradition hilft sich, indem sie die Begriffe durch Urbilder ersetzt und damit  zu bezeichneten Urbildern gelangt.

Als wäre es selbstverständlich spricht die Tradition auf einmal von der Sonne oder Sonne.

Wäre das ein Inhalt, könnte er nur benannt werden, und sein Name 〉Sonne〈 würde nichts (be)sagen.

Bezeichnet werden können jedoch nur Begriffe – aber keine Sonnen bzw. Sonnen –, und das geschieht innerhalb der Wissungen.

 

Wir wollen keine Hinterwelt erfinden und gehen deshalb von der Selbstverständlichkeit aus, daß es ohne Leben auch keine Wissungen geben kann.

Es geht aber nicht darum, die physikalischen oder (ägyptisch-)religiösen Urbilder gegen solche des Lebens auszutauschen. Das wäre nicht nur ebenso hinterwäldlerisch, sondern sogar doppelt falsch; zum einen gibt es keinerlei Urbilder, und zum anderen ist unser Leben zeitlich und nicht ewig-identisch.

Als kontinuierlich-bewußtes enthält es zudem nichts oder besteht es aus nichts, sondern wir können nur unsagbare Facetten daran vom ununterschieden bleibenden Leiben unterscheiden.

 

Diese Facetten des Lebens können zum Inhalt von Erkennungen werden.

Sie lassen sich nicht bezeichnen, aber natürlich beschreiben und auch benennen, weil Namen nichts sagen, so daß sie den unsagbaren Facetten keine „Gewalt antun“ (können).

Ein Name ist keine Bezeichnung; zwischen 〉X〈 und „X“ liegen Welten.

 

In dem Den-Inhalt-auf-den-Begriff-Bringen werden diese überspielt; wir ersetzen den Namen 〉X〈 durch die Bezeichnung „X“ und koppeln damit den benannten Inhalt an den Begriff bzw. die Wissung X.

Während die Tradition also Begriffe X gegen erfundene Urbilder X austauscht,

ersetzen wir nur Namen 〉X〈 durch Bezeichnungen „X“.

 

Ist dieses „nur“ begründet?

Ich weiß es nicht, sehe aber gegenwärtig keine Alternative zu unserem Austausch; er bildet letztlich den Grundgedanken des metaphysischen Explikationismus:

Wir explizieren in zwei Stufen; zunächst vom ununterschiedenen Leiben zum unterschiedenen Inhalt und dann von diesem zu den getrennten Wissungen.

 

 

„ich erlebe Erlebungen“
existent – aktual oder gegenwärtig gegeben
             
Gewußtes Bewußtes Gewußtes
unwirklich
wirklich unwirklich
diskret
kontinuierlich
diskret
negierbar nicht negierbar
negierbar
  benennbar  
bezeichenbar
beschreibbar
———–
beschreibbar bezeichenbar
getrennt unterschieden    ununterschieden  unterschieden getrennt
  ←——————            ——————→      
       
  je-der Selbe oder ich als Subjekt
     
         
Erfahrungen leiben, leben Vorstellungen Wissungen
    oder erleben     { Begriff + Bezeichnung }
Referent Inhalt   Inhalt Referent Inhalt Referent
Wissung vorliegend   nicht vorliegend
Wissung ———– Wissung

Abbildung 2.5.4.

 

Der Unterschied zwischen den beiden Modellen besteht somit lediglich darin, daß wir keine Urbilder erfinden, sondern Wissungen.

Damit ändert sich im Kern nur, daß jeglicher traditioneller Wahrheitsanspruch entfällt; völlig gleichgültig, worauf auch immer er sich beziehen mag.

 

Das ist aber auch das Einzige, was wir mit so viel Anstrengung – von mir und wohl auch von Ihnen – erreicht haben.

Aber vielleicht würde das für ein friedliches Miteinander auch bereits genügen:

Alle verzichten auf den Anspruch, ihre eigene Überzeugung sei wahr, – schon ist die Hinterwelt weg, und wir können vernünftig miteinander sprechen.

„Aufgrund meines bisherigen Lebens kann ich es nur so sehen; kannst Du mir weiterhelfen? Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir Erfahrungen ermöglichen oder Argumente liefern könntest, die meinen – offensichtlich zu – engen Horizont erweitern.“

 

Die Abbildung ist verbesserungswürdig; darin kommt nicht zum Ausdruck, daß natürlich auch die Wissungen – als Erlebungen – an das Leben, Leiben oder Erleben gebunden sind.