2.5.1. Inhalte auf den Begriff bringen

Traditionell sind durch die vorgegebenen Urbilder prinzipiell unentscheidbare Fragen möglich; Paradebeispiele bilden offensichtlich das Vorhandensein Gottes und der Inhalt fremder Psychen.

Bei uns gibt es dergleichen nicht; prinzipiell unentscheidbare Fragen müssen selbst konstruierte Scheinprobleme sein, die daraus resultieren, daß wir die falschen Denkwerkzeuge gewählt haben oder mit ihnen irrtümlich umgegangen sind. Wir bilden doch nichts ab, sondern bestimmen selbst die Begriffe, mit denen wir denken.

Und einen solchen Denkfehler muß ich Ihnen bei Ihrem Einand soeben vorwerfen:

Nicht meine Behauptung, Moritz könne nicht(s) sehen, sondern die Selbstverständlichkeit, er müsse das Fußballspiel doch ebenso sehen wie ich, ist das Absurde – denn:

Ich sehe doch auch keines!

Für „Ich sehe ein Fußballspiel“ müßte dieses traditionell ein Urbild sein.

Für uns ist dergleichen nicht vorhanden; also kann auch ich kein Fußballspiel sehen.

Moritz sieht es also ebensowenig wie ich.

 

Ich sehe also kein Fußballspiel, sondern bringe einen – beschreib-, aber nicht sagbaren – Inhalt auf den Begriff Fußballspiel.

Die Idee zu einer solchen Darstellung verdanke ich Charles Sander Peirce; sein in unserem Zusammenhang entscheidender Grundgedanke besteht darin, daß Zeichen nur drei- und nicht wie gewohnt zweiseitig – mit Bezeichnung und Bezeichnetem – gedacht werden können. An ihre Stelle treten bei Peirce Interpretamen, Interpretant und Interpretament.

Um zu verstehen, worin hierbei der Unterschied besteht, betrachten wir als Beispiel die Sonne.

Nein; das war schon wieder falsch; die gibt es doch gar nicht.

Ich meine den Inhalt, den wir modernen Mitteleuropäer auf den Begriff Sonne bringen, den ich Ihnen aber – wie jeden anderen Inhalt auch beschreiben, jedoch – nicht sagen kann.

Ich beschreibe:

„Wir gehen am 13. August mittags bei wolkenlosem Himmel in Berlin spazieren, und werden von einem konturlosen, gelblich-weißen und grellen Kreis nahezu senkrecht über uns geblendet.“

 

Wir bringen diesen Inhalt heute auf den Begriff Sonne und denken dabei an Kernfusion, Planeten, Sternensysteme, Wasserstoff oder Helium usw.

 

Möglicherweise den gleichen Inhalt haben die alten Ägypter auf den Begriff Re, Ihres Hauptgottes, gebracht.

Ein Ägypter, der damals die Sonne gesehen hat, hätte nicht als krank gegolten, sondern ist völlig ausgeschlossen, weil dafür unser ganzes Weltbild erforderlich ist. Umgekehrt natürlich ebenfalls; das heißt, wer die Ägypter für naiv hält, beurteilt sie auf der Grundlage seines Weltbilds und hat wahrscheinlich nur geringe Kenntnisse von dem damaligen. Dennoch zu glauben, urteilen zu können – das ist das Naive.

Schicken wir also eine Rakete hin, um nachzuschauen, „wer Recht hat“. Nach einem hinreichend langem Flug würde die Rakete unserer Interpretation zufolge zerschmelzen und verglühen. Aber etwas Ähnliches hätten die alten Ägypter wohl auch prophezeit, denn man schießt nicht ungestraft Raketen auf seinen Gott.

Das hätten sie aus Ehrfurcht niemals getan; ebenso wie es für uns absurd wäre, die Sonne anzubeten.

 

Damit sollte die entscheidende Veränderung, die sich mit dem Übergang von der Moderne zur Postmoderne ereignet, wohl bereits erkennbar sein:

Wir werden toleranter!

Aus „Ich sehe die Sonne und damit ist es die Sonne; basta!“ wird „Ich verstehe einen unsagbaren Inhalt als Sonne – und kann ihn ehrlicherweise auch nur so verstehen –, weiß aber sehr wohl, daß andere diesen Inhalt anders interpretieren“.