2.5.5. Philosophie der Geschichten

Wir stellen uns einen Inhalt vor und ordnen ihm eine Wissung zu; beispielsweise Marsmensch.  

Der Inhalt läßt sich nicht festhalten; denken wir nochmals an unseren Remie von oben.

Sagbar ist nur das Wort „Remie“, das der Wissung Marsmensch entspricht. Diese ist Begriff plus Bezeichnung, währed das Wort „Remie“ nur „Bezeichnung“ und damit lediglich ein Name ist.

Einem anderen vorgestellten Inhalt ordnen wir die Wissung Ode an die Freude zu.

 

Stets liegt ein Inhalt vor, der sich entzieht, nicht greifen läßt und damit unsagbar bleibt; er ist wirklich – und eben dadurch „nur“ unterschieden, bewußt sowie kontinuierlich; formlos-fluid.

Ihm steht mit der Wissung nicht nur ein konkreter Begriff gegenüber,sondern auch deren Bezeichnung; „Remie“, „Marsmensch“ bzw. „Ode an die Freude“, so daß wir drei Entitäten unterscheiden müssen:

Auf der einen Seite stehen die unsagbaren Inhalte und

auf der anderen die Begriffe mit ihren Bezeichnungen.

 

Wir lassen es dabei bewenden, denn es ist überhaupt nicht einzusehen, daß oder weshalb zwischen diesen beiden Seiten ein Zusammenhang bestehen sollte. Zu Erkennungen gehören sowohl Inhalt als auch Referent. Punkt.

Was kann unser vorgestellter Inhalt mit Marsmenschen zu tun haben, die „es gar nicht gibt“?

Wieso glaube ich, der gegenwärtige Inhalt meiner Vorstellung habe etwas mit Gott, mir, dem Leben oder Anfang gemein? Das können doch lediglich Annahmen oder leere Behauptungen sein.

 

Die Tradition bestreitet das und verbindet die beiden Seiten dadurch, daß sie den im Referenten enthaltenen Begriff durch ein Urbild ersetzt und die ebenfalls zum Referenten gehörende Bezeichnung als Namen für dieses nutzen kann.

 

Die Erfindung von Urbildern ist keine Lösung, aber bei dem Dualismus von Inhalt und Referent bzw. Facette des Lebens und Wissung können wir auch nicht stehenbleiben.

Die exakten Wissenschaften sprechen mit Recht nur von Wissungen, denn genau das macht sie „exakt“; deswegen kann ihnen insbesondere die Theologie niemals angehören.

Für die Facetten des Lebens – und damit die Wirklichkeit – sind unter anderem Literatur, Kunst, Religion sowie die Geisteswissenschaften zuständig. Ihnen kommt die überaus wichtige Aufgabe zu, die Inhalte unserer Erkennungen zu beschreiben und eine Brücke zwischen ihnen und den Wissungen herzustellen, denn letztere können sich durch eine ungebremste Eigendynamik total verselbständigen und damit jeglichen Bezug zum Leben verlieren.

 

Szientismus bzw. Wissenschaftsgläubigkeit bedeuten, daß ihre Vertreter

– für die exakten Wissenschaften – obwohl ihre Wissungen unwirklich sind – einen Wahrheitsanspruch erheben

– und genau diesen den soeben genannten anderen Funktionsbereichen absprechen.

Letztere sollten möglichst wahr sein, indem sie das Leben sehr gut beschreiben. Die exakten Wissenschaften können nicht wahr  sein; aber das ist keine Kritik, sondern ergibt sich zwingend aus ihrem Gegenstand.

 

AD: „Ich wollte Sie schon lange fragen, und jetzt paßt es vielleicht recht gut:

Wissungen können sich auf andere Wissungen beziehen, diese nochmals usw. Irgendwann müssen wir diese Rekursion jedoch beenden; dann haben wir notwendigerweise Wissungen ohne Referenten. Kann es das überhaupt geben?“

Natürlich; wer weiß, daß der Klapperstorch die Babys bringt und der Osterhase die Eier, weiß mehr als derjenige, der diese beiden Rollen verwechselt. Zum Beispiel wissen wir doch auch beide, warum der Wolf bei Rotkäppchen so große Zähne hatte und dann in den Teich gefallen ist – alles ganz ohne Referenten. 

Wissungen müssen kein Wovon besitzen, aber stets anschlußfähig sein, das heißt, sich durch weitere Wissungen fortsetzen lassen.

Wir könnten uns zum Beispiel überlegen, warum sich Rotkäppchen und der Wolf im Wald getroffen haben; ich glaube, daß weiß noch niemand. Dann hätten wir durch diese Geschichten-Erweiterung einen Zufall aus der Welt geschafft.

 

Lösen wir uns vom Märchen; Wissungen sind Wissungen; es gibt kindliche, kulturelle, ästhetische, historische, religiöse, wissenschaftliche usw.; viele von ihnen sind sinnvoll, und alle erfüllen andere Aufgaben. Sämtliche Wissungen sind anschlußfähig und können fortgesetzt oder – ganz deutlich –  weitergesponnen werden; die wissenschaftlichen ebenso wie die übrigen.

Hierin besteht der Grundgedanke von Wilhelm Schapps „Philosophie der Geschichten“; letztere treten bei ihm an die Stelle unserer Wissungen.

Märchen werden durch Märchen, Mythen durch Mythen, Historien durch Historien, Sachverhalte durch Sachverhalte usw. ergänzt; Geschichten bzw. Wissungen bilden den Oberbegriff für alle diese Möglichkeiten bei Schapp resp. bei uns.

 

AD: „Und durch ein Andocken an die exakt-wissenschaftlichen Geschichten ließe sich auch der dringend notwendige Zusammenhang zwischen ihnen und unserem Leben herstellen. Aber das geschieht heute nicht ausreichend; es wird im wesentlichen exakt-wissenschaftlich weitergesponnen.“

 

AD: „Ihre Fragestellungen und Antworten sind zwar mehr als ungewohnt, weil sie die Selbstverständlichkeiten des Alltags sprengen, aber dennoch nicht lebensfremd; kritisch schon, jedoch nicht konstruiert. Ist das überhaupt Philosophie, was wir hier betreiben?“

In ihrem traditionellen Sinne sicherlich nicht. Ich habe diesbezüglich viel von (dem späten) Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell gelernt. Für diese beiden ist die Philosophie keine Wissenschaft, die irgendwelche Probleme oder Rätsel löst – wie insbesondere die Naturwissenschaften. Sie braucht das auch nicht, weil es keine philosophischen Probleme gibt.

Der Glaube an letztere resultiert aus den Verwirrungen, die unsere Sprache erzeugt. Durch penibles Hinschauen, Nachdenken und Richtigstellen werden keine Probleme gelöst, sondern hoffentlich zum Verschwinden gebracht so konnte Wittgenstein schreiben:

„Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.“

 

Ein Paradebeispiel hierfür hatten wir ja soeben:

Die indogermanischen Sprachen mit ihrer Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur zwingen uns, „Ich sehe den Tisch“ zu denken. Also muß es einerseits ein isoliertes Ich und einen ebensolchen Tisch geben. Andererseits kann nichts Isoliertes existieren, und schon stecken wir mitten in den – nicht philosophischen, sondern – sprachlichen Problemen

Die Philosophie entspricht einer Therapie; sie kann uns helfen zu leben, aber nicht – wie die Tradition irrtümlicherweise häufig meint –, die letzten, größten oder allgemeinsten Fragen zu beantworten und endlich zu klären, worin Sein sowie Sinn, das Eine, Wahre, Gute und Schöne  – oder Gott – nun wirklich bestehen.

„Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit“ (Wittgenstein).

Vielmehr hat die Philosophie meines Erachtens – mit Wittgenstein und Cavell – zum einen die Aufgabe, derartige Fragen als Scheinprobleme zu entlarven, und zum anderen sollte sie zeigen, daß die Suche nach den entsprechenden Antworten das wirkliche Leben eher behindert.