2.5.2. Von der objektiven Realität zum subjektiven Leben

Aus dem Erleben von X wird das Auf-den-Begriff-X-Bringen eines unsagbaren Inhalts; ich glaube anhand des konkreten Sonne-Re-Beispiels läßt sich das verstehen.

Das war jedoch nur ein erster Schritt; wir müssen noch einen zweiten anschließen und setzen dazu unser Beispiel fort.

Ich kann den „gleichen“ Inhalt auch auf die Begriffe Lebensfreude, Harmonie, Resonanz, Dankbarkeit, Glück, Freiheit oder ähnliches bringen und damit im Rahmen meines Lebens verstehen.

 

Jetzt haben wir wieder einen wichtigen Punkt für das Gesamtverständnis erreicht:

(1) Unsere übliche Sonnen-Interpretation ordnet den Inhalt unserer Erlebung dem physikalischen Kosmos zu.

(2) Die Ägypter stellten einen Zusammenhang mit ihren Göttern her.

(3) Und ich wollte schließlich andeuten, daß der „gleiche“ Inhalt natürlich auch in unser Leben passen würde.

 

Mein Anliegen ist der Übergang von (1) zu (3).

Die Wirklichkeit besteht nicht in – den Urbildern – der objektiven Realität, sondern einzig und allein in meinem Leben bzw. im Leben je-des Selben.

Aus der Vorhandenheit der Welt wird die Existenz meines Lebens.

Dazu bedarf es keiner Umwandlung einer angeblichen Materie, sondern lediglich einer Uminterpretation der Inhalte unserer Erkennungen.

Sie – diese Inhalte – bilden den harten Kern der Wirklichkeit und keine Substanzen, Stoffe oder dergleichen, weder Granitblöcke noch Elementarteilchen, weder Schicksal noch Zufall. Auch alles weitere, was sich hier noch aufzählen ließe, sind nur geistige Wissungen, die als Referenten der Interpretation unserer Erlebungen dienen.

 

AD: „Das hätte ich nicht gedacht; das Zugrundeliegende soll unsagbar sein . . .“

Ja; dieses Ergebnis liegt quer zu unserer modenen Überzeugung, der harte Kern der Wirklichkeit müsse materiell im traditionellen Sinne sein. Aber darin zeigt sich nur, wie massiv wir uns in den letzten 400 Jahren an das physikalistische Denken angepaßt und es verinnerlicht haben.

Beispielsweise halten es die meisten unserer Zeitgenossen für selbstverständlich, daß die Psyche gleich – einem Produkt von – dem Gehirn ist und sich jene natürlich auf dieses reduzieren lassen müsse; ein Mensch soll der Körper sein, und das Leben in den Aktivitäten des letzteren bestehen.

 

Natürlich gibt es auch bei uns Materie, aber sie ist nicht der Stoff, aus dem die physikalischen Urbilder gemacht sind, sondern Materie

– ist lediglich ein Begriff oder eine  Wissung,

– kann als Referent unserer Erkennungen fungieren und

– ist in beiden Fällen aktual gegeben.

 

AD: „Also kann es keine Materie-Erhaltung geben?“

Nein; ganz im Gegenteil; nur Wissungen sind zahlfähig; der Materie- bzw. Energie-Erhaltungssatz ist allein möglich, weil wir uns damit im rein Geistigen bewegen.

Das Materiell-Stoffliche der Tradition gehört nur zu (1), das heißt, zum Verständnis der Wirklichkeit als Kosmos. Für uns (3) wird daraus das Erleben, und in beiden Fällen bildet das rein Geistige der Wissungen oder Begriffe das Pendant.

Traditionell treffen sich die beiden Seiten in den Urbildern, die sowohl vorhanden als auch – im Sinne der Wissungen oder Begriffe – etwas Bestimmtes sind.

In dieser Funktion treten bei uns die Inhalte an die Stelle der Urbilder, weil sich in ihnen das Erleben mit den Erlebungen schneidet.

 

 

  Leiben Inhalt Geist(iges) Materie  
      Wissungen Stoff / Substanz
 
      Begriff
Vorhandenheit
 
           
traditionell     Urbilder
 
           
postmodern „Subjekt erlebt Erlebungen“    
    Erlebungen    
  Erleben      
  (3)
Pendant (1)  
       
  ich oder je-der Selbe
     

Abbildung 2.4.2.

 

Es gibt also an sich oder objektiv weder ein Dies- noch ein Jenseits, keine Immanenz und keine Transzendenz. Das scheint mir zwingend zu sein, denn unsagbare Inhalte können nicht von sich aus zwei verschiedenen Töpfen angehören.

Natürlich lassen sie sich ihnen durch unser Interpretieren oder Auf-den-Begriff-Bringen zuordnen; aber das ist etwas völlig anderes. So sind wir im Abendland zweieinhalb tausend Jahre vorgegeangen – freilich in der festen Überzeugung, die Wirklichkeit wiederzugeben.

Die Frage, ob Gott existiert, ist, mit anderen Worten, falsch gestellt.

Vielmehr ergibt sich aus meinem Weltbild, wer oder was – welche Wissung bzw. Vorstellung – Gott ihm zufolge ist resp. wäre, und darauf basiert meine Entscheidung, ob ich (an) einen solchen Gott glauben kann / will oder nicht.

 

Die allermeisten Atheisten haben wahrscheinlich Gottes-Vorstellungen, die ich mit Sicherheit auch ablehnen würde. Die Aufgabe der Christen wäre es dann, ihre – hoffentlich besseren – Wissungen zu propagieren.

Viele „Rechtgläubige“ werden sich über das hier Geschriebene entsetzen:

„Wir sollen den wahren Gott verkünden und nicht unsere – zudem noch verbotenen – Bilder, Wissungen oder Vorstellungen von ihm!“

Einverstanden; es gibt doch gar keine Erlebungen von Gott – oder irgendeinem anderen X.

Es geht vielmehr „nur“ darum, ob ich das eigene Leben mittels der Wissung Gott – die ich eben habe – interpretieren, verstehen oder auf den Begriff bringen möchte. 

 

Dem müßten wir durch einen geeigneten Begriff für die Einheit aller unserer Wissungen Rechnung tragen, der möglichst neutral ist und nicht das Dies- oder Jenseits assoziieren läßt.

Aufgrund der abendländischen Geistesgechichte ist das jedoch schwierig, und wir sind nahezu gezwungen, dafür den Begriff des Weltbilds zu wählen. Assoziativ steht er natürlich der Immanenz näher; deshalb betone ich ganz ausdrücklich:

Mit dem subjektiven Weltbild verbinden wir im weiteren die Ein- oder Gesamtheit aller unserer Wissungen.

Das bedeutet keinen Monismus, sondern ist völlig offen; wer möchte, kann sehr gerne zwischen Diesseits und Jenseits oder wie auch immer unterscheiden. Unsere Vereinbarung besagt lediglich, daß alles zusammen – und nicht nur die Immanenz – dem Weltbild entspricht.

Das eine enthält beispielsweise den Teufel, und das andere nicht.