2.5.3. Leben und Handeln oder Be- und Gewußtes

Unsere Struktur „Ich sehe ein Fußballspiel“ bedeutet nicht, daß ich ein Fußballspiel sehe – das ja gar nicht vorhanden ist –, sondern daß ich einen unsagbaren Inhalt in diesem Sinne interpretiere oder so auf den Begriff bringe.

„Moritz sieht ein Fußballspiel“ entfällt völlig, wie wir oben gesehen haben, weil nur ich das Subjekt der Struktur sein kann.

Weder sitzt Moritz neben mir noch sehe ich ihn sitzen – weil dazu auch er ein Urbild sein müßte; lediglich die Struktur „Ich sehe, daß Moritz neben mir sitzt  und ein Fußballspiel zu sehen scheint“ läßt sich schwerlich bestreiten.

Sie besagt aber wiederum nur, daß ich einen gegebenen Inhalt mittels der Wissung „daß Moritz neben mir sitzt und ein Fußballspiel zu sehen scheint“ als Referenten interpretiere.

Moritz hält auch kein Bier in der Hand, sondern „Ich sehe . . .

 

Dieses Spielchen könnten wir jetzt beliebig lange fortsetzen, wobei jeder Schritt auf das Gleiche hinauslaufen würde:

1. Ich bin – bzw. je-der Selbe ist – das einzige Subjekt.

2. Kein X kommt vor oder ist vorhanden; welches Urbild auch immer dieses X sein sollte.

3. Jede Erkennung bedeutet „nur“ eine eigene Interpretation des gegebenen, aber unsagbaren Inhalts.

4. Letzterer liegt in den Erfahrungen vor und fehlt in den Vorstellungen.

 

Erkennungen entstehen also dadurch, daß wir Inhalte Im Rahmen oder mit den Möglichkeiten unseres subjektiven Weltbilds interpretieren bzw. die Facetten des Lebens ihm entsprechend auf den Begriff bringen; Physikalisten, Ägypter, Postmoderne . . .

AD: „Diese Aufzählung ist aber nicht ganz fair, denn sie gaugelt uns eine Reihe gleichwertiger Möglichkeiten vor, während Sie doch gerade Wert darauf legen, daß tatsächlich die Facetten des Lebens interpretiert werden und somit Ihr Ansatz – im Gegensatz zu dem physikalistischen und ägyptischen – wahr ist.“

 

Jein; das ist nicht ganz richtig, weil Sie zwei verschiedene Dinge durcheinanderwerfen.

Ja; die einzige Wirklichkeit besteht meines Erachtens im eigenen Leben, so daß tatsächlich gar nichts anderes zum Interpretieren vorliegt als dessen Facetten.

Nein, weil es keine wahren Interpretationen gibt, sondern höchstens lebensdienliche, friedliche, harmonische oder dergleichen. Und da muß eine postmoderne Interpretation keineswegs „besser“ abschneiden als beispielsweise die ägyptische.

 

Wir leben und verfügen über ein subjektives Weltbild, mit dessen Hilfe wir unser Leben interpretieren – in Form welcher Wissungen auch immer.

Hierbei ergeben sich sehr leicht Verständnisprobleme, weil wir immer nur das bereits Interpretierte denken und von ihm sprechen können.

Ein sehr deutliches Beispiel bietet das Handeln:

Ich kann nicht handeln – laufen, schlafen, lesen, sprechen oder was auch immer –; das tut mein Körper in der subjektiven Welt.

Ich kann jedoch nicht nur, sondern „muß“ sogar leiben, leben, erleben usw.

Was unterscheidet diese beiden Tätigkeitsarten voneinander? 

 

Leiben, Leben oder Erleben entsprechen dem traditionellen Vorhandensein; nicht die Urbilder sind wirklich, sondern sondern diese „Tätigkeiten“.

Aber im Gegensatz zum Handeln – Laufen, Schlafen, Lesen oder Sprechen – sind das eben keine Tätigkeiten, viemehr unsere Daseinsweisen oder Formen des Seins; wir sind nur als oder im Leiben, Leben oder Erleben 

Wir handeln folglich nicht, sondern bringen unsere Daseinsweise gegebenenfalls – im Rahmen der Erlebungen – als Handeln unseres Körpers in der Welt auf den Begriff.

 

AD: „Jetzt haben Sie wieder ein Problem:

Wir können einerseits unmöglich in der Welt leben, weil es die ohne unser Leben gar nicht gäbe.

Andererseits sagen Sie, daß wir mittels unseres Körpers in der Welt handeln.

Wie wollen Sie das zusammenbekommen?“

 

Am Lebensbeginn existieren noch keinerlei Wissungen, das heißt, es fehlt alles Trennende oder Abgetrennte; das Leiben muß als – unsere Daseinsform – folglich nicht nur wirklich, sondern auch fluid sein oder einem Kontinuum entsprechen.

Später wird dieses Leben auf den Begriff gebracht; wir wissen dann nicht von ihm, sondern durch das Leben von den Wissungen. Sie bilden das Gewußte oder die einzig möglichen Referenten sämtlicher Erlebungen, wie oben deutlich werden sollte.  

 

Ich kann Ihnen zur Erleichterung das Modell anbieten, wie ich mir den Zusammenhang zwischen Leben und Wissungen vorstelle:

Ersteres entspricht einem grenzenlosen – aber dennoch keineswegs unendlichen – Kontinuum. Als Vorhandenes wäre es ein Urbild und damit gar nicht. Es muß also unserer Psyche angehören, das heißt, existent oder gegenwärtig gegeben sein.

 Als unsere Daseinsform muß das Leben sogar „immer“ im Sinne von ununterbrochen existent bzw. gegenwärtig gegeben sein; das ist es, was wir oben als wirklich eingeführt haben.

Da das Leiben, Leben oder Erleben jedoch nicht gewußt ist, betrachten wir es im weiteren als bewußt, so daß sich unsere Psyche aus dem Ge- sowie Bewußtem zusammensetzt. (Das ist einer der Gründe, weshalb ich auf den Begriff des Bewußtseins verzichte; er ist ebenso einseitig wie es ein Gewußtsein wäre.)

 

Innerhalb dieses bewußt-wirklichen Kontinuums errichten wir im Laufe unseres Leben eine diskrete Welt, die von jenem getragen oder ermöglicht wird, aber keinerlei Wissungen von ihm enthält oder auch nur erhalten könnte, weil alles Gewußte diskret sein muß; die Wissungen sind in sich (ab)geschlossen.

Dem Bewußt-Wirklichen auf der einen Seite unserer Psyche steht also das Gewußt-Unwirkliche auf der anderen gegenüber. 

 

Letzteres entspricht einzelnen festen Punkten in einer grenzenlosen Flüssigkeit.

Als Modell fällt Ihnen vielleicht ein, daß die Wissungen ein Skelett darstellen, das durch das Fleisch des Lebens aufgefüllt wird.

Das gefällt mir aber aus zwei Gründen nicht:

Zum einen ist in diesem Bild das Skelett primär und wird durch das Leben nur aufgefüllt, während sich die Prioritäten bei uns gerade umgekehrt verteilen.

Und zum anderen wäre das Skelett zu kompakt; es ist etwas Ganzes, während die Wissungen tatsächlich eher getrennten Punkten entsprechen; im Wasser schwebenden Körnern.

 

 

Psyche
   
Bewußtes Gewußtes    
wirklich unwirklich    
kontinuierlich diskret    
         
  Erlebungen    
Erleben      
Geist    
ich oder je-der Selbe
     
Leiben Inhalt Referent    
  Facetten des Lebens Wissungen oder Begriffe    

Abbildung 2.5.3.

 

AD: „Dann ließen sich die Wissungen oder Begriffe sinnvoll als Geist bzw. Geistiges zusammenfassen und dem Leiben gegenüberstellen.“

Ja; die beiden sind natürlich durch die Trivialität verbunden, daß es ohne Leiben – das heißt dann freilich „Erleben“ oder „Wissen“ – auch keine Wissungen geben kann. Aber abgesehen davon haben die beiden nichts miteinander zu tun; sie schneiden sich nicht.

Trotzdem vertreten wir keinen Leiben-Geist-Dualismus, weil die Inhalte diese zwei Seiten verbinden; wie ihnen das gelingt, wissen wir freilich noch nicht.

 

Wir leben also „immer“ oder ununterbrochen; natürlich nicht in der Welt, sondern nahezu unabhängig von ihr. Die Frage, worin wir leben, ist ein Scheinproblem und entspricht der tradtionellen Frage, worin sich die objektive Realität befindet; alle Worins müssen letztlich im Offenen enden.

Wenn wir handeln und darüber nachdenken oder sprechen, – leben wir natürlich kontinuierlich weiter, ignorieren das aber und – fixieren uns nur auf die festen Punkte des Gewußten im Meer des Bewußten

Leben und Handeln stecken also, anschaulich gesprochen, untrennbar ineinander; ersteres geschieht „immer“ und letzteres bald auf diese und bald auf jene Weise.