2.4.2. Das Bewußte oder (Un-)Unterschiedene

AD: „Ich hatte keine Schwierigkeiten damit, daß die Wissungen von allem anderen getrennt sind.

Aber sie sind das ja auch untereinander; das schien mir bisher Ihrer Annahme zu widersprechen, die Wissungen würden eine integrale Einheit bilden. Jetzt sehe ich, daß hier keinerlei Probleme vorliegen:

Die Negation wird durch diejenige Einheit der Wissungen ermöglicht, in der sie dann selbst für die Trennungen sorgt.

Ein Tisch ist kein Stuhl – in der Einheit der Möbel; sie entspricht dem ‚alles‘, das für die Negation des Stuhls erforderlich ist.“

 

Ja; das (nur) Unterschiedene enthält dagegen keine definierten Elemente und kann somit weder eine Menge bilden noch negiert werden.

Wir können bei einer Beerdigung traurig sein, uns aber trotzdem zugleich über ehrliche Anteilnahme freuen; die Freude ist keine Nicht-Trauer, aber unterscheiden lassen sich die beiden zumeist problemlos. Der Masochismus zeigt sogar deutlich, daß Wollust und Schmerz natürlich unterschieden, aber dennoch nicht getrennt werden können.

 

Nein; Kommando zurück; das ging schief!

Es ist unsinnig und war soeben falsch, spezielle Entitäten wie Stühle und Tische oder Wollust und Schmerz den beiden Sphären Getrennt-Gewußt-Unwirkliches bzw. Unterschieden-Bewußt-Wirkliches zuordnen zu wollen.

Nicht nur Tische sowie Stühle, sondern auch Wollust und Schmerz muß es als Wissungen geben, weil wir andernfalls mit diesen Worten gar nichts sagen bzw. denken würden; sie entsprächen einem bloßen Blablabla wie bei unserem Remie oben. 

Diese Wissungen treten nur als Referenten unserer Erlebungen auf, aber aller Erlebungen.

 

Die meisten Entitäten können außerdem zum Inhalt unserer Erkennungen werden; natürlich Wollust und Schmerz, aber auch Tische bzw. Stühle und bei vielen Menschen Bilder, Formen oder sogar Zahlen. Als Erlebungs-Inhalte sind diese Entitäten aber nicht getrennt-gewußt-unwirklich, sondern unterschieden-bewußt-wirklich.      

Da es keine Inhalte ohne die entsprechenden Referenten geben kann, müssen alle Entitäten Wissungen, aber nicht alle Facetten des Lebens sein können.

 

Das Leiben schließlich ist ununterschieden und damit ebenfalls bewußt.

Wir können es mit den Inhalten zum Bewußten zusammenfassen und dem Gewußten – den Wissungen also – gegenüberstellen. Das ist jedoch keine bloß pragmatische Sprachregelung, sondern da steckt mehr dahinter:

Das Leiben ist zwar stets ununterschieden, aber wir können Inhalte von ihm unterscheiden. Es ist also unterscheidbar und ermöglicht dadurch unterschiedene Inhalte, die stets das Leiben, aus dem sie hervorgegangen sind, – als ihre ununterschiedene Ausgangsbasis – hinter sich lassen.

Das ist natürlich die erste Stufe des Explizierens, die wir zu Beginn dieses Kapitels angedeutet hatten

 

Muß das Leiben ununterschieden sein, scheint es wieder nur eines geben zu können; aber das stimmt natürlich nicht, denn das Bewußte ist ebensowenig zahlfähig wie das Transzendente; nur Gewußtes läßt sich zählen.

Auf der einen Seite wäre es also falsch, von einem Leiben sprechen zu wollen; aber auf der anderen Seite lassen sich auch nicht mehrere – Arten von – Leiben unterscheiden; Erfahren, Vorstellen und Wissen beispielsweise.

Rein grammatisch müssen wir sagen, daß Wahrnehmungen wahrgenommen und Beachtungen beachtet werden; aber die Grammatik nimmt uns das Denken nicht ab:

Wenn das Leiben ununterschieden ist, spielt es keine Rolle, welches Verb wir an seiner statt benutzen; sie bedeuten alle das Gleiche. Denkungen zum Beispiel werden normalerweise gedacht; aber es sind exakt die gleichen, wenn sie geleibt, erlebt, oder vielleicht sogar erfahren werden.

 

Insbesondere können wir also auch nicht zwischen Erleben und Leiben unterscheiden.

AD: „Und warum haben Sie dann diesen etwas eigenwilligen Begriff des Leibens überhaupt eingeführt?“

Wir hätten unter diesem Blickwinkel nicht einmal das Erleben gebraucht, denn auch das läßt sich nicht vom Leben unterscheiden.

Meine diesbezügliche Intention ist eine andere:

Das Leben ist sowohl mit als auch ohne Erlebungen möglich; allein deswegen sprechen wir das eine Mal von Erleben und das andere Mal von Leiben.

Die beiden selbst fallen also zusammen; aber „nach“ dem Erleben kommen die Erlebungen, während „nach“ dem Leiben nichts mehr kommt.

 

Das Leiben ist zwar ein ungewohnter und vielleicht auch schwieriger, aber grundlegender Begriff, so daß wir ihn möglichst gut verstehen müssen.

Eine Definition ist sogar sehr einfach – wir müssen sie nur ernstnehmen:

Ausnahmslos alles, was ich „tue“, gehört zum ist Leiben.

Mein Laufen, Schlafen, Denken, Sterben, Gesunden, Träumen, Trinken, Sprechen, Erleben . . . sind Leiben.

Diese Verben fungieren nur als Referenten, um Facetten des Lebens zum Ausdruck zu bringen.