2.4.1. Das Gewußte oder Getrennte

Daß Urbilder getrennt sind, ist uns inzwischen wohl deutlich geworden; aber genau dadurch existieren sie natürlich auch nicht.

Kann es auch Entitäten geben, die

von allem anderen getrennt sind – wie die Urbilder – und trotzdem

existieren, indem oder weil sie uns aktual bzw. gegenwärtig vorliegen, so daß

– wir sie wissen können?

 

Die Frage beantwortet sich nahezu von selbst: Die Wissungen.

Wir gehen von den traditionellen inexistenten Urbildern zu den existenten, weil uns aktual bzw. gegenwärtig gegebenen Wissungen über.

Wissungen können sich auf etwas beziehen oder Wissungen von etwas sein; dieses Wovon nennen wir im weiteren zumeist „Referent“.

Die Trennung der Wissungen von allem anderen, bedeutet, daß ihre Referenten wiederum nur in Wissungen bestehen können.

 

Ihre Kugelgestalt beispielsweise ist eine Wissung von der Erde.

Da letztere den Referent dieser Wissung bildet, muß die Erde ebenfalls eine Wissung sein.

Diese „blaue“ Erde ist unsere entscheidende Korrektur gegenüber der Tradition; letzterer zufolge wäre die Erde ein Urbild, so daß wir schreiben müßten: 

Ihre Kugelgestalt beispielsweise ist eine Wissung von der Erde.

Aber das halte ich für Unsinn; in der Grundschule sagte unser Lehrer vielleicht, Äpfel ließen sich nicht mit Birnen vergleichen, was nun konkret bedeutet:

Wir können die beiden Wissungen Erdkugel und Erdscheibe miteinander, aber nicht mit dem Urbild Erde vergleichen.

 

Wissungen von Wissungen sind nicht eigenwillig, sondern die normalste Sache der Welt.

Das ergibt sich unmittelbar daraus, daß  Wissungen eine integrale Einheit bilden, in der jede Wissung mit jeder anderen (zumindest ein klein wenig) in Verbindung steht. Korrigieren wir die Wissung Mensch, werden auch die Wissungen Baum und Gott andere. 

Daß es sich tatsächlich so verhält, erkennen wir insbesondere an zwei Stellen überdeutlich:

 

Zum einen erklären wir unverstandene Wissungen durch andere und setzen das solange fort, bis sich durch bekannte Wissungen Verstehungen einstellen. Ein Wechsel zu Urbildern – etwa durch hilfreiches Zeigen – ist ausgeschlossen, weil sie gar nicht vorhanden sind.

 

Zum anderen läßt sich jede Wissung infrage stellen; aber immer nur einzeln, denn wir benötigen die anderen – gegenwärtig nicht hinterfragten Wissungen – für unsere Antwort.

„Gewißheiten“ (Wittgenstein) wie „Ich habe einen Kopf“ können zwar nicht ernstlich in Zweifel gezogen werden, sind aber auch keine Wissungen.

Wittgenstein verlangt von letzteren, sie müßten prinzipiell falsch sein können.

Solange damit nicht das traditionelle Abweichen von den Urbildern gemeint ist, sondern die notwendige Möglichkeit einer zukünftigen, rückblickenden oder nachträglichen Korrektur, kann ich mich dem voll anschließen.

 

Da sich Wissungen nur auf (andere) Wissungen beziehen können, werden sie synonym mit dem Gewußten.

Traditionell wäre eine solche Identifizierung absurd, weil letzteres in den Urbildern besteht.

 

Urbilder sind inexistent.

Das wußten wir schon lange und ergänzen nun:

Weil Urbilder inexistent sind, muß die Tradition sie als ewig-identisch betrachten.

Die Begründung ist nicht schwer:

Was soll etwas – bereits – Inexistentes tun, um „ganz“ zu verschwinden? Und welche Seinsform besitzt es vor seiner Inexistenz? Da bleibt letztlich nur, daß die Urbilder weder entstehen noch vergehen und somit ewig-identisch sind.

Aber die Umkehrung gilt natürlich ebenfalls:

Alles Ewig-Identische ist inexistent; es gibt nichts dergleichen. Wer sagt, Gott sei ewig und identisch der Gleiche, bringt zum Ausdruck, daß er nicht vorkommt.  

 

Unsere Wissungen bilden das glatte Gegenteil davon:

Sie stellen keine inexistenten ewig-identischen Urbilder dar, sondern existieren aktual oder gegenwärtig dadurch, daß bzw. indem wir sie haben resp. wissen.

Die Wissungen bilden nicht nur eine integrale Einheit, sondern zugleich auch eine in sich (ab)geschlossene; es gibt weder ein Hinein noch ein Heraus – weil sie von allem anderen getrennt sind.

 

Wir hatten oben gesehen, daß es keine Erlebungen ohne Referenten gibt, wußten aber noch nicht, worin diese eigentlich bestehen oder was sie überhaupt sein sollen.

Drei Grundarten wollten wir unterscheiden; Erfahrungen, Vorstellungen und Wissungen.

Nun hat sich gezeigt, daß als Referenten bei letzteren nur Wissungen infrage kommen.

Gehen wir davon aus, daß die drei Arten kontinuierlich ineinander übergehen, drängt sich diese Verallgemeinerung auf:

Sämtliche Referenten unserer Erlebungen bestehen in Wissungen.

 

AD: „Dieser Gedankengang mit Ihrer Kontinuität erscheint mir aber nicht sonderlich zwingend . . .

Warum soll es zum Beispiel keine Vorstellungen von Wahrnehmungen geben?“

Auf der einen Seite können Sie sich natürlich vorstellen, was Ihr Herz begehrt, und deswegen scheine ich im Unrecht zu sein. 

Aber auf der anderen Seite muß der Referent einer Vorstellung sagbar sein, und das sind die Wahrnehmungen nicht; auch bei ihnen besteht das Sagbare allein im Referenten.

Sie können sich also tatsächlich „alles“ vorstellen, auch „Vorstellungen“ von Wahrnehmungen; nur sind das keine Vorstellungen, denn sie sind unsagbar – weil ohne Referent.