2.4.1.2. Das Früher als Hinterwelt

Setzen wir die Urbilder zur objektiven Realität zusammen, bleiben sie trotzdem vollkommen getrennt voneinander.

Heidegger formulierte dies einmal so:

„Der Tisch berührt die Hauswand nicht, an die er gelehnt wird“, weil er keine Verbindung mit ihr eingeht oder sie ihm „gleichgültig“ ist, würde ich erklärend ergänzen.

Deswegen sind, wie sich oben bereits zeigte, die „Wechselwirkungen“ auch keine Wechselwirkungen, sondern weitere Urbilder; Bausteinen vergleichbar.

 

Wir haben bisher immer nur Substantive gewählt, um die Urbilder zu bezeichnen; „Sonne“, „Mond“ und „Sterne“ . . .

Wenn Moritz läuft, ein Baum umfällt, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet, ereignet sich etwas in der objektiven Realität.

Dann gehören das Umfallen, Scheinen bzw. Läuten aber auch dorthin, so daß wir korrigieren müssen:

Wenn Moritz läuft, ein Baum umfällt, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet, ereignet sich etwas in der objektiven Realität.

Es besteht also nicht nur kein Grund, sondern es wäre für einen traditionell Denkenden geradezu absurd, nicht auch mit den Verben Urbilder zu verbinden. Daß der Sonnenschein objektiv-real ist, das Scheinen der Sonne aber nicht, läßt sich kaum nachvollziehen.

 

Folglich besteht die objektive Realität aus „substantivischen“ und „verbalen“ Urbildern, die jedoch alle ewig-identisch sein müssen, wie wir oben gesehen hatten. Letzteres bedeutet freilich, daß in der objektiven Realität – trotz ihrer „verbalen“ Urbilder – absolut nichts geschieht; sie ist reine Statik.

Hiermit bestreite ich keineswegs, daß Veränderungen erfolgen; natürlich tun sie das; Moritz läuft, ein Baum fällt um, die Sonne scheint oder eine Glocke läutet.

Darin besteht kein Widerspruch, denn diese Veränderungen erfolgen in der Zeit, aber sie selbst ist ewig-identisch oder „zeitlos“ (A. M. Klaus Müller).

 

Dieser Gedankengang dürfte wohl ebenso schwierig wie wichtig sein; ich versuche, ihn ein wenig zu verdeutlichen:

Der Tradition zufolge leben wir als Urbilder im Jetzt des Zeitstrahls.

Was früher war, ist zwar nicht mehr, aber es bleibt ewig-identisch wahr, daß es sich wirklich so ereignet hatte. Natürlich erfolgt jetzt kein Urknall, aber bis in alle Ewigkeit wird es immer wahr sein und bleiben, daß er 13,7 Milliarden Jahre vor unserem Leben auftrat. In der Zwischenzeit hat sich nahezu alles verändert – und auch das ist eine ewig-identische Wahrheit.

Das Früher ist nicht mehr; aber nichts, was früher war, vergeht.

 

Mit dem Jetzt und Später hat die Tradition größere Probleme, die uns zum Glück (vorerst) nicht interessieren müssen.

Daß sich dies beim Früher ganz anders verhält, liegt daran, daß zwischen ihm und der Hinterwelt erkenntnistheoetisch kein prinzipieller Unterschied besteht:

1. Die Tradition behauptet beide als wirklich; vielleicht im Sinne von tatsächlich vorhanden oder geschehen.

2. Sowohl das Früher als auch die Hinterwelt sind prinzipiell unerreichbar.

3. Dadurch lassen sie sich nur aus ihren Konsequenzen in unseren Erlebungen erschließen.

4. Was dabei herauskommt, hängt natürlich vom jeweiligen Weltbild ab.

 

AD: „Was unterscheidet das Früher dann eigentlich noch von der Hinterwelt?“

In das Früher gehören Ereignisse, die abgeschlosen sind; der Urknall, die Erdentstehung oder das Leben der Saurier beispielsweise. 

Die traditionelle Hinterwelt beherbergt dagegen Dinge wie Materie, Gott oder Naturgesetze.

Das Früher bleibt – als das Früher – ewig-identisch wahr; das ist es jetzt und wird es auch später noch sein.

Auch die traditionelle Hinterwelt bleibt ewig identisch wahr; aber sie war nicht früher, sondern ist „immer“. Sie ist auch noch ewig; so daß sich die traditionelle Hinterwelt als „ewig-identisch in der zweiten Potenz“ erweist.

Der Urknall war nur früher und ist ewig-identisch wahr.

Gott ist ewig oder „immer“ und ist ewig-identisch wahr.