2.4.1.4. Entscheiden ohne Trennung

Die „verbalen“ Wissungen entsprechen zwar Tätigkeiten, aber als Wissungen werden sie nicht getan, sondern gewußt. Wann tut wer wirklich etwas?

Darauf haben wir bereits geantwortet:

Das kann nur ich – als je-der Selbe – mit meinem Leiben.

 

Geschehen kann nur im Leben etwas, und das ist stets das eigene; wir besitzen keinen Zugang zu einem fremden Leben.

Zu dem unsrigen gehört nicht nur das Entscheiden, sondern das Leben ist kontinuierliches Entscheiden, weil auch das Nicht-Entscheiden-Wollen ein Entscheiden ist. Betrachten wir unser Leben anhand des Entscheidens, so ist das also kein Beispiel neben anderen, sondern der Kernpunkt seiner Irreversibilität.

 

Wir veranschaulichen uns das Entscheiden häufig anhand einer Trennung.

Dafür sind vier Elemente erforderlich:

1. Das Ganze oder Umgreifende, innerhalb dessen wir zu unterscheiden haben.

2. Unser innerhalb dieses Umfassenden liegendes Ziel A; das also, wofür wir uns entscheiden.

3. Die dieses Ziel begrenzende geschlossene Linie (oder Fläche).

4. Die andere Seite der Grenze; alles außer A, rein logisch also non-A.

Der erste Punkt scheint vielleicht nicht ganz zwingend; er ist jedoch erforderlich, weil es ohne ihn kein „alles außer A“ gibt und damit die andere Seite der Grenze oder das non-A fehlt.

 

Das dürfte einleuchten – hat aber absolut nichts mit dem Entscheiden bzw. unserem Leben zu tun.

Wir haben über die Wissung Entscheiden gesprochen – aber nicht entschieden, das heißt, wiederum den Lagerraum nicht verlassen.

Ich verdanke diese Überlegungen George Spencer-Brown, der sehr tief über den Begriff der Wirklichkeit und die dafür notwendige irreversible Zeit nachgedacht hat. Sein Hauptwerk, die „Gesetze der Form“, ist leider nahezu unverdaulich. Daraus resultiert wohl auch, daß die Wertschätzung, die Spencer-Brown von seinen Lesern erfährt, zwischen genial und . . . extrem schwankt; für mich ist er ein grandioser (mathematischer) Denker.

 

Um von der zeitlosen Wissung Entscheiden zum wirklichen zeitlich-irreversiblen Entscheiden zu gelangen, müssen wir die obigen vier Punkte überarbeiten.

 

1. Das Ganze oder Umgreifende entfällt.

Wir leben weder in der objektiven Realität noch innerhalb unseres Weltbilds, sondern in eine absolut offene Zukunft hinein.

 

2. Unser Ziel besteht nicht immer in Wissungen.

Häufig spüren wir nur und können uns kaum selbst darüber klarwerden, wohin die Reise gehen soll.

 

3. Ohne Umgreifendes existiert kein „alles außer A“ und so entfällt die Negation.

Selbst wenn unser Ziel also in Wissungen besteht, gibt es keine Grenze.

 

4. Damit fehlt natürlich in jedem Fall die andere Seite.

Wir können niemals wissen, wogegen wir uns entschieden haben, weil das zwar in unserem Weltbild, aber nicht im Leben vorkommt.

 

Wir treffen eine Entscheidung und erleben ausschließlich, was sich daraus ergibt.

Zum einen muß dies keineswegs unser ursprünglich intendiertes Ziel sein.

Wir wollten beispielsweise bei Francesco Himbeereis essen, bekommen aber durch unsere Entscheidung – vielleicht kein Eis, sondern – Streit mit der Bedienung, ein Geschenk als tausendster Gast oder eine Dachschindel auf den Kopf.

Zum anderen erleben wir zwar die Folgen unserer Entscheidung, haben aber natürlich keine Ahnung, was bei allen anderen möglichen Entscheidungen geschehen wäre. Die Zeit ist irreversibel und damit die Frage „Was wäre wenn?“ zumeist unbeantwortbar.