0. Intention

„Das Gegenteil von Liebe ist nich Haß, sondern Gleichgültigkeit.“

Elie Wiesel

 

„Glaube nie, was in den Büchern steht. Selbst sei dir Weiser, selbst Prophet!

Glaubst du, was die Leute glauben, dann glaube nicht, daß du was weißt.

Das Wissen nur kann niemand rauben, das bei den Menschen Glauben heißt.“

Erich Mühsam

 

„Das Böse in der Welt entspringt beinahe immer dem Unwissen, und der gute Wille kann genauso viele Schäden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als schlecht, doch in Wahrheit ist das gar nicht die Frage.“

Albert Camus

 

„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist das Ausgehen von alten Beständen und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Ungewißheit geführt werden, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.“

Pablo Picasso

 

„Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. . . Die Lösung des Rätsels von Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen.“

Klaus Hemmerle

 

„Die Welt ist ein sehr labiles Gebilde, abhängig erst von der primitiven Gegenwart und sodann von der satzförmigen Rede des Menschen.“

Hermann Schmitz

 

„Was oben war, das wurde innen.“

Meister Eckhart

 

„Glauben heißt nicht Propaganda betreiben; es heißt auch nicht schockieren. Es heißt so leben, daß dieses Leben unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“

Emmanuel Célestin Suhard

 

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, daß das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes“

Salvador Dali

 

„Ohne Mythus aber geht jede Kulur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wo man der Zweifel nicht fähig ist, ist man auch der Wahrheit nicht fähig.“

Fulbert Steffensky

 

„Glaube nicht alles, was Du denkst; aber bedenke alles, was Du glaubst.“

Johannes Soukup

 

„Der fundamentale Widerspruch unserer Existenz . . . ist die gleichzeitige Notwendigkeit der Hierarchie, die Athen lehrt, einerseits, und des abstrakten und in gewisser Weise anarchischen ethischen Individualismus, den Jerusalem zur Aufhebung der Gewalt lehrt, andererseits.“

Emmanuel Levinas

 

„Wo Kirche ist, ist Krise . . .

Weil ihre Identität nicht in ihr selbst liegt, weil sie das nicht hat, weil das, was sie formt, noch aussteht. Jesus nennt es das Reich Gottes. Es steht aus. Es ist eine Bewegung dorthin.“

Christian Lehnert

 

„Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“

Martin Heidegger

 

„Laß mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Klaus Hemmerle

 

„Achtung ist Beachtung der Andersheit . . . Ohne diese Achtung versteht man nichts.“

Josef Simon

 

„Schließlich geht es in der Offenbarung Gottes gerade darum, daß er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollen.

Jede – auch die frömmste – Theorie entspricht einem Kerker, weil sie die (Wirklichkeit der) Zeit leugnet und damit die Offenbarung oder eine neue Fülle des Lebens verunmöglicht.“

Joseph Ratzinger

 

„Exaktheit ist ein Schwindel.“

Alfred North Whitehead

 

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Anderen das Denken ersparen, sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“

Ludwig Wittgenstein

 

„Es ist schwer, jemandem etwas auseinanderzusetzen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.

Upton Sinclair

 

„Davon bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich das erkenne. . . . nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft.“

Meister Eckhart

 

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.“

Talmud

 

„Viele Bewunderer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens. Wir dürfen nur den Begriff des Glaubens nicht zu eng fassen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

 

„Die Zeit ist zeitlos.“

A. M. Klaus Müller

 

„Nicht behaupten ’so ist es‘, sondern leben, als wäre es so.“

Johannes Soukup

 

„Die Religionen, . . . die diesen freiwilligen Abstand begriffen haben, dieses freiwillige Verschwinden Gottes, seine scheinbare Abwesenheit und seine verborgene Anwesenheit hienieden, – diese Religionen sind wahre Religionen, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen. Die Religionen, welche die Gottheit überall dort, wo sie die Macht dazu haben, als befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“  

Simone Weil

    

„Der Szientismus fügt zur Wissenschaft zwei Begleitsätze hinzu:

Erstens, daß die wissenschaftliche Methode, wenn nicht die einzige, so doch zumindest die am meisten verläßliche Methode ist, zur Wahrheit zu gelangen.

Und zweitens, daß die Dinge, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt – materielle Entitäten –, die grundlegendsten Dinge sind, die existieren.“

Huston Smith 

 

„In einer werdenden Welt ist ‚Realität‘ immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken oder eine Täuschung aufgrund grober Organe oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.“

Friedrich Nietzsche

 

„Wir glauben – nicht was richtig ist, sondern – was zu glauben wir für richtig halten.

Johannes Soukup

 

„Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Victor Hugo

 

 

 

Es geht im Folgenden weder um eine Heilslehre noch um das richtige Weltbild, sondern „nur“ um die Einstellung, die meines Erachtens erforderlich ist, wenn wir im Pluralismus der Postmoderne friedlich zusammenleben und einander verstehen wollen.

Dafür ist es notwendig, andere und bisweilen völlig fremde Weltbilder oder Religionen nicht nur mehr oder weniger desinteressiert zu akzeptieren – was fälschlicherweise häufig „Toleranz“ genannt wird, aber lediglich unsere Gleichgültigkeit wiedergibt –, sondern sie im Herzen als die ehrliche Überzeugung anderer Menschen zu respektieren.

Der Gedanke, letztere könnten Recht haben, ist jedoch nur möglich, wenn wir jeglichen Wahrheitsanspruch von unseren eigenen Überzeugungen ablösen:

„Ich kann das aufgrund all meiner bisherigen Erfahrungen beim besten Willen nicht anders sehen – aber meinem Gegenüber geht es wahrscheinlich ebenso. Helft mir bitte, neue Erfahrungen sammeln oder bisherige Denkfehler überwinden zu können. Ich bin dankbar, wenn Ihr mir zeigt, daß und weshalb ich es falsch sehe; ich will nicht Recht haben, weil es mir um die Wahrheit geht.“

Menschen ohne Überzeugungen sind keine ernstzunehmenden Gesprächspartner – ebenso wie diejenigen, die ihre Überzeugungen blind für wahr halten, statt für sie zu argumentieren.

 

Weit entfernt von einem der Postmoderne häufig – aber zumindest bei mir gewiß zu unrecht – unterstellten Relativismus fragen wir also entschieden nach einer erhofften Wahrheit, die ich als unabweisbar für ein sinnvolles Leben erachte. Offen bleiben dabei jedoch nicht nur die Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“, sondern zunächst einmal die noch grundlegenderen Fragen „Gibt es Wahrheit überhaupt?“ und „Wo könnten wir sie gegebenenfalls suchen?“.

Den bisherigen Ausführungen zufolge ist lediglich klar:

Nicht in den Weltanschauungen, Wissenschaften oder Religionen; sie sind bloßes Menschenwerk, und das ist niemals wahr.

Meines Erachtens gehört die Wahrheit einer grund-legenderen Wirklichkeit an, nach der jene nur ohnmächtig suchen und von der sie nur hilflos stammeln (können). Wenn die Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen das vergessen und sich selbst zu wichtig nehmen, werden sie zum Götzendienst.

 

Um an – den Fragen nach – der Wahrheit arbeiten zu können, bedarf es der Anstrengung und des Mutes, selbst zu denken; wir dürfen letzteres weder den Wissenschaften noch Religionsgemeinschaften, „Experten“ oder Beratern überlassen. Das zuständige „Wahrheitsministerium“ kann nur jeder gesunde Erwachsene für sich selbst sein. Verantwortung läßt sich nicht delegieren, und zu ihr gehört ganz wesentlich auch die Entscheidung darüber, was wir glauben, annehmen oder für wahr halten.

Ohne eigene Anstrengungen besteht wohl keine Chance auf eine menschliche Zukunft; daß jene genügen, können wir freilich nur hoffen.

 

In sehr einfachen Worten kann ich den wesentlichen Inhalt der nachstehenden Überlegungen anhand von drei für die betreffenden Philosophen charakteristischen Fragen zusammenfassen:

George Berkeley: „Verursacht ein fallender Baum Lärm, wenn es niemand hört?“

Martin Heidegger: „Waren die Gesetze Newtons schon vor Newton wahr?“

Thomas S. Kuhn: „Lebten Aristoteles und Galilei in derselben Welt?“

Wohl viele von uns fühlen sich fast beleidigt, solche naiven Fragen gestellt zu bekommen und beantworten sie natürlich alle mit einem glatten „ja“. Ich will Ihnen dagegen zeigen, daß sehr vieles für das ebenso eindeutige „nein“ der genannten Denker spricht, dem ich mich 100%-ig anschließe.

 

Die zum metaphysischen Explikationismus hinführenden Teile 1 bis 3 habe ich, um Ihnen den Zugang zum eigentlichen Thema zu erleichtern, so geschrieben, daß sie auch einzeln verständlich sein sollten. Geht es einmal nicht mehr weiter, wird damit auch ein abwechselndes Lesen möglich.

Teil 7 enthält eine vereinfachte Zusammenfassung, von der ich hoffe, daß sie ohne ihren „Vorspann“ lesbar ist.