0.1.4. Objektive Realität

Natürlich besteht zwischen dem Träumen und Schauen des Mondes ein Unterschied. Eben deswegen sprechen wir ja das eine Mal vom Träumen und das andere Mal vom Schauen; aber in beiden Fällen ließe sich ergänzen „. . . des Mondes“. Wieso müssen wir dann bei ihm nochmals unterscheiden und damit „doppelt moppeln“? Es gibt doch nur einen Erdtrabanten; Mond ist Mond; und der ist wirklich, wenn bzw. sofern er sich (uns) – als Vorstellung, speziell als Wahrnehmung – zeigt. Tut er das nicht, stellen sich diesbezüglich auch keinerlei Fragen.

Menschliche Körper und den Mond hatten wir oben als Beispiele für Wahrnehmungen gewählt, können das aber auf sämtliche Dinge oder Körper im physikalischen Sinne verallgemeinern. Nur sehr wenige Menschen glauben, die Wahrnehmungen im Rahmen unserer bisherigen Überlegungen, das heißt, allein durch das Zeitigen erklären zu können.

Aus meiner Sicht haben sie damit ein Wahrnehmungs-Problem; sie selbst sehen das aber gar nicht so, sondern gehen wie selbstverständlich von den folgenden zehn Punkten aus:

 

1. Das gesamte Zeitigen und mit ihm die – Wirklichkeit der – Zeit werden geleugnet. 

Weder gibt es eine Vergangenheit noch stehen wir vor einer Zukunft; das traditionell-moderne Denken ist ebenso zeitlos wie das Platonische.

 

2. Es bestehen also gegenwärtig(e) Vorstellungen, aber deren Woher fehlt vollkommen.

 

3. Als Ersatz für das gecancelte Zeitigen erfindet die Moderne eine sogenannte objektive Realität, die vollkommen unabhängig von uns Subjekten an sich existiert und der wir mit unserem Körper selbst angehören.

Sie besteht angeblich in der Gesamtheit alles (im Prinzip) Wahrnehmbaren, das heißt, die Wahrnehmungen bekommen ein Wovon, einen Referenten. Sie müssen nun nicht mehr gezeitigt worden sein, sondern lassen sich als Abbildungen des von ihnen Wahrgenommenen verstehen. 

Beim Schauen bilden wir angeblich diesen Mond ab, der objektiv-real – behauptet –, aber nicht wirklich, sondern erfunden ist.

Beim „subjektiv-ideellen“ Träumen – einem Spüren – zeitigen wir (weiterhin), benötigen somit auch kein Abbilden und verzichten auf die ganze Ersatz-Theorie. Das ist der wirkliche Mond; der gleiche wie – die Wahrnehmung – beim zeitigenden Schauen.

 

4. Um die unabhängig von uns oder an sich seiende objektive Realität abbilden zu können, benötigt jedes Subjekt eine Sphäre für seine Wahrnehmungen bzw. Abbilder. Mit der objektiven Realität muß also auch sie erfunden werden; das ist im weiteren die Psyche, die nahezu gar nichts mit unserem oben eingeführten Bewußtsein zu tun hat.

 

5. Die moderne Tradition kennt nur die gegenwärtigen Vorstellungen und bestreitet – oder besser: ahnt nichts von – deren Genese durch das Zeitigen. Diese Vorstellungen sind als gegenwärtige notwendigerweise alle gleichzeitig oder synchron, aber ohne Zeit ist die „Gegenwart“ keine Gegenwart mehr.

 

6. Damit wird auch die „gegenwärtige objektive Realität“ zu der – einzigen – objektiven Realität. Wären die Hopiindianer oder alten Ägypter so vorgegangen, hätten wir natürlich eine ganz andere.

 

7. Man kann vielleicht das Zeitigen vollkommen verleugnen, aber nicht die Zeit; Menschen werden geboren, leben, altern und sterben.

Es ist also notwendig, innerhalb der zeitlosen objektiven Realität einen Zeit-Ersatz einzuführen. So entsteht aus der Modal-Zeit mit den Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die – physikalisch-alltägliche – Temporal-„Zeit“ mit den Tempi Früher, Jetzt bzw. Später.

 

8. Diese (Temporal-)“Zeit“ ist zeitlos, unzeitlich oder gleichzeitig; sie kennt kein diachrones Nach-, sondern nur ein synchrones Nebeneinander, in dem die „Zeit“ nahezu vollständig dem „Raum“ entspricht.

 

9. Der „zeitliche“ Früher-Später-Zusammenhang wird häufig als kausal verstanden, aber auch das bedeutet lediglich ein Nebeneinander, worauf uns bereits Hume hinwies. Es gibt kein tatsächliches Wirken ohne Zeit.

Natürlich mag eine Billardkugel eine andere anstoßen, und wir können auch wirklich einen Nagel in die Wand schlagen. Das bestreite ich damit nicht, sondern lediglich die Annahme, diese Vorgänge geschähen innerhalb der objektiven Realität – denn wegen deren Zeitlosigkeit wäre das widersprüchlich.

 

Nun sollte auch das erste Zitat in unserer Intention verständlich werden, demzufolge Wittgenstein jeden Aberglauben mit dem Glauben an ein kausales Wirken gleichsetzt.

Es macht keinerlei Unterschied, ob Billardkugeln aufeinander, Sonne und Mond auf die Erde oder Götter auf irgendwelche Körper einwirken bzw. gegeneinander kämpfen. Der Aberglaube besteht nicht darin, dies als Tatsachen, sondern vielmehr darin, es als objektiv-real zu betrachten.

 

10. Damit erübrigt sich für uns insbesondere die Frage nach dem Entstehen oder Woher der objektiven Realität, weil es widersprüchlich ist, sie – diese Frage – innerhalb der objektiven Realität beantworten zu wollen; es gibt kein zeitloses Werden, sondern nur ein zeitloses (Ver-)Bleiben.

Wir müssen uns also weder um die Evolution noch um eine traditionell verstandene Schöpfung kümmern.