0.1.5. Traditioneller Ansatz

Wir fassen den Glauben an die Platonischen Ideen mit demjenigen an eine objektive Realität als traditionellen Ansatz zusammen. Jener Glaube ist antik-mittelalterlich und dieser modern, aber im Prinzip unterscheiden sie sich kaum.

Insbesondere kommt beiden die Überzeugung zu, daß uns Subjekten eine Wirklichkeit an sich vorgegeben ist, die wir irgendwie abbilden müssen. Das geschieht (angeblich) bei den Platonischen Ideen durch ein rein geistiges und bei der objektiven Realität (zumindest primär) durch ein sinnliches Erkennen.

Des weiteren sind die zwei angenommenen Wirklichkeiten notwendigerweise ewig, da sie – ohne Zeit – weder entstehen noch vergehen und sich auch nicht verändern können.

 

AD: „Entschuldigung; aber ich kann mich nicht mehr beherrschen; spätestens jetzt wird das doch alles ziemlich unsinnig . . .

Ob die Platonischen Ideen ewig sind, ist mir eigentlich gleichgültig; sie glaube ich ohnehin nicht. Aber die Parallele zur objektiven Realität geht meines Erachtens völlig daneben.

Ihr Entstehen und Vergehen mag tatsächlich problematisch sein; ist der Urknall ein Sprung aus dem oder eine Fluktuation des Nichts? Sie haben zwar behauptet, wir müßten gar nicht mehr über die Evolution nachdenken, aber vielleicht sollten Sie es doch tun . . . Man kann schwerlich behaupten, daß sich vom Urknall – oder was auch immer das war – bis heute nichts verändert hat. Und haben Sie in der Schule Geschichte grundsätzlich geschwänzt?“

 

Das war recht spitz, aber wohl dennoch falsch.

Entstehen und Vergehen setzen ebenso wie Änderungen die Zeit voraus. Wenn eine objektive Realität, wie ich im vorigen Abschnitt zeigen wollte, nur durch das Leugnen der Zeit möglich ist, kann es all das in ihr – wie bei Platons Ideen – nicht geben.

Natürlich erleben wir ununterbrochen Entstehen, Vergehen sowie Änderungen; Äpfel werden rot und Kinder groß. Aber das sind Wahrnehmungen. Damit stellen sie Zeitigungen und keine Erfindungen dar, so daß die Äpfel bzw. Kinder nicht nur sich verändern, sondern sogar entstehen und vergehen können – was sie ja nachweislich auch alles tun.

Die objektive Realität besteht jedoch nicht aus oder in Wahrnehmungen, sondern entspricht deren angeblichen Referenten, dem (prinzipiell) Wahrnehmbaren. Ich bin fest überzeugt, daß das ebensowenig existiert wie die Platonischen Ideen, und nur wer diese moderne Theorie glaubt, kann sich einbilden, in den Wahrnehmungen die Wahrgenommenen zu erkennen, das heißt, „doppelt zu sehen“.

 

Ich wollte erklären, warum wir nur von einem traditionellen Ansatz sprechen; ihm stellen wir den unsrigen als postmodernen gegenüber.

Der Schluß, daß die objektive Realität ohne Zeit ebenso ewig sein muß wie Platons Ideen, erscheint mir zwar als zwingend, nichtsdestotrotz bin mir aber sicher, daß Sie weiterhin unzufrieden sind:

„AD muß doch Recht haben! Eine unveränderliche objektive Realität ist Quatsch!“

Nein!

Die objektive Realität ist – im Gegensatz zu den Ideen – „räumlich“; damit haben wir wohl keine Probleme; hier ist die Erde und dort ein anderer Planet; weit innen denken wir unsere Sonne, und dazwischen befindet sich gar nichts.

Die objektive Realität ist nicht veränderlich, sondern – ebenso wie „raumlich“ auch – „zeitlich“. Sie bildet ein vierdimensionales Nebeneinander in der physikalischen „Raum“-„Zeit“, und ihre „Zeitlichkeit“ hat ebensowenig mit Änderungen zu tun wie die „Räumlichkeit“. Hier bzw. dort sind zwei Koordinaten in der Richtung von x(1) und dann resp.wann zwei in der Richtung von x(4) = t.

 

Ich versuche, die letzten Gedanken noch etwas zu verdeutlichen:

In dem vierdimensionalen Koordinatensystem entspricht die positive Seite der x(1)-Achse einem unendlich langen Zollstock, dessen Anfang sich im Koordinatenursprung befindet, so daß jedem Punkt dieser Halbachse eineindeutig ein betimmter x(1)-Wert zugeordnet wird.

Um den entsprechenden Abgleich auf der x(4)- oder t-Achse zu installieren, genügt aber nicht eine Uhr – als Pendant zu dem einen Zollstock –, sondern jeder Koordinatenpunkt benötigt seine eigene Uhr.    

Das war freilich von vornherein klar: Ohne Zeit gibt es auch keine Änderungen, insbesondere also weder Uhren- noch Zeigerbewegungen. Völlig unabhängig davon kann aber sehr wohl hier eine andere „Zeit“ oder ein anderer t-Wert bestehen als dort – genauso wie bei x(1), x(2) oder x(3).

     

AD: „Wir haben die Zeit also eingefroren?“

Nein; mit der objektiven Realität wollten wir sie einfrieren aber das gelingt uns nicht, denn wir sind nicht Chronos, der Herr der Zeit.

Es gibt keine Änderungen innerhalb der objektiven Realität, aber sie selbst andert sich – wird kontinuierlich anders –, weil sie den angeblichen Referenten der aktual letzten, das heißt, gegenwärtigen Vorstellungen entspricht und natürlich immer wieder eine neue Gegenwart gezeitigt wird.

Wer eine objektive Realität glaubt, kann diese Anderungen natürlich nicht zugeben, muß die gegenwärtige objektive Realität stets als die ewige betrachten und ihre vergangenen Varianten vergessen.

Es  ist natürlich kein Zufall, daß wir hierbei haarscharf auf die gleiche Situation treffen wie bei den Dogmen oder lehramtlichen Verlautbarungen der katholischen Kirche. In beiden Fällen werden Referenten behauptet, die variieren, obwohl sie dies nicht „dürfen“; und ob sie „objektive Realität“ oder „Glaubensschatz“ genannt werden, spielt natürlich keine Rolle.