0.1.1. Platons Ideen

Vielen Menschen gefällt auch heute noch Platons philosophische Grund-legung. Ihr zufolge besteht die wahrhafte oder „wirkliche“ Wirklichkeit in den Ideeen, die einem rein geistigen (Be-)Reich angehören und ewig identisch oder unveränderlich sind.

Wichtige Beispiele stellen die sogenannten Transzendentalien dar, das Eine, das Wahre, das Gute und das Schöne, aber letztlich benötigt Platon für seinen Ansatz auch die – natürlich ebenso geistigen – Ideen des Schmutzes und Kots. 

Was wir dagegen auf Erden sinnlich erleben, ändert sich kontinuierlich und kann folglich nur einen Schein des wirklichen Seins – der Ideen – darstellen.

Hieraus ergeben sich bereits fünf Gedanken, die wir möglichst stets im Hinterkopf haben sollten:

 

1. Es ergibt sich eine fundamentale Unterscheidung zwischen Sein und Schein, von der das gesamte traditionelle Denken beherrscht wird.

 

2. Ohne das Sein gäbe es auch keinen Schein, denn jenes zeigt sich in diesem oder er-scheint darin.

Sokrates gilt Platon beispielsweise als Inbegriff eines gerechten Menschen. Das ist jedoch nur möglich, weil es die Idee der Gerechtigkeit gibt und Platon an ihr teilhat; diese Idee verwirklicht sich in ihm. Ohne die Idee de Schmutzes wären Dreckhaufen unmöglich.

 

3. Wir müssen ebenso zwischen Geistigem und Sinnlichem trennen; ersteres können wir nur durch letzteres hindurch erkennen, indem oder insoweit wir uns nicht vom Sinnlichen irritieren, täuschen bzw. verführen lassen.

Nicht zuletzt resultiert aus einem solchen Denken, daß das Geistige favorisiert und dem Sinnlichen eher unter Vorbehalt betrachtet wird. 

 

4. Wahrheit besteht in der Erkenntnis der Wirklichkeit – der Ideen also – und muß folglich rein geistig sein.

 

5. Mit den Ideen kann sich die Wahrheit folglich auch nicht ändern; sie ist absolut oder objektiv, das heißt, für alle Menschen immer und überall die gleiche; es gibt ewige Wahrheiten.

 

Ich halte die Platonischen Ideen in dieser Form für eine Erfindung und betrachte ihre geistige Heimat als eine Hinterwelt. Damit entfallen unsere fünf Punkte, was explizit bedeutet:

ad 1. – 3.: Beide traditionellen Unterscheidungen werden für uns hinfällig.

ad 4.: Es ist unklar, worin die Wahrheit bestehen könnte; wir leugnen ihre Existenz somit nicht, sondern erkennen sie als Problem, das nicht gedankenlos überspielt werden soll.

ad 5.: Damit ist natürlich auch nicht mehr zwingend, daß die Wahrheit absolut oder objektiv sein muß.