0.1.2. Das eigene verbale Leben

Versuchen wir einmal, all unser Wissen zu „vergessen“ und möglichst grund-legend zu sagen, worin das Wirkliche besteht. Ich hoffe, es ist nachvollziehbar, daß dann jeder für sich selbst formulieren könnte: In meinem eigenen verbalen Leben.

Dabei wissen wir natürlich weder, worauf sich dieses „mein“ bezieht, das heißt, wer oder was das angedeutete Ich sein, noch worin das verbale Leben bestehen könnte. Tatsächlich ausgedrückt haben wir mit unserer Antwort also nur dann etwas, wenn wir angeben können, wie sich mein eigenes verbales Leben mir selbst zeigt.

 

Was sich nicht zeigt, kann für uns einerseits natürlich gar kein Thema sein. Aber andererseits muß nicht alles, was sich tatsächlich zeigt, gedacht und damit auch gesagt werden können.

Wir unterscheiden also nicht mit der Tradition zwischen geistigem Sein und sinnlichem Schein, sondern mit Ludwig Wittgenstein (leicht abgewandelt) zwischen dem sagbaren und dem unsagbarem Sich-Zeigen.

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“; aber auch das, können wir Wittgenstein ergänzen, gehört keiner Hinterwelt an, sondern zeigt sich; es ist für ihn das Mystische

 

Das Sagbare sind im weiteren die Vorstellungen, die natürlich dem Geistigen der Tradition entsprechen.

Beim Unsagbaren genügt es jedoch nicht, einfach per definitionem einen neuen Begriff einzuführen; wir müssen ein wenig nachdenken:

Ich habe sehr bewußt von meinem eigenen verbalen – und nicht substantivischen – Leben gesprochen, um anzudeuten, daß es in der – Wirklichkeit der – Zeit spielt. Letztere muß also wie ein Teil des Lebens – die Nicht-Vorstellungen – unsagbar sein, so daß die Zeit nahezu nichts mit der „Zeit“ zu tun haben kann, von der üblicherweise im Alltag und in der Physik die Rede ist.

 

Für Wittgensteins Mystisches können wir also sinnvoll Zeitigen nutzen; das bildet freilich keinen Begriff, denn das Mystische ist unbegreiflich; es zeigt sich lediglich.

Und kann somit auch nicht aus Komponenten bestehen oder Unterscheidungen enthalten; nur des hoffentlich besseren Verständnisses halber habe ich in der nachstehenden Abbildung das Vorstellen als „Bestandteil“ des Zeitigens hinzugefügt.

Wenn ihm die geistigen Vorstellungen entstammen, können wir das Zeitigen schwerlich mit dem traditionellen Sinnlichen identifizieren.

 

 

Gegenwart oder Lebenswelt
   
Subjekt-Objekt-Einheit
   
mein eigenes verbales Leben    
Sich-Zeigen    
Bewußtsein    
         
Mystisches
       
Zeitigen   Subjekt    
„∋“      
„Vorstellen“ Vorstellungen    
         
unvorstellbar
  vorgestellt    
unsagbar   sagbar    
bewußt   gewußt    
zeitlich
  „zeitlich“    

 

Abbildung 0.1.2.

 

So versuchen wir, die traditionelle Subjekt-Objekt-Spaltung zu überwinden. Es ist zwar mein verbales Leben, aber als Subjekt kann ich nicht sagbar bzw. eine Vorstellung sein.

Da sich das Mystische oder Zeitigen nur zeigt, ohne gewußt zu werden, betrachten wir es als bewußt. Damit entspricht das Sich-Zeigen sinnvoll dem (eigenen) Bewußtsein, das sich aus dem Ge- und Bewußten zusammensetzt..

Es wird mit der Zeit kontinuierlich anders, ist aber eo ipso stets das gegenwärtige Bewußtsein, so daß wir es auch mit der Gegenwart identifizieren können, die in der Philosophie häufig als Lebenswelt ins Spiel gebracht wird.