0.1.3. Vorstellungen als Spürungen und Wahrnehmungen

Neue Vorstellungen können lediglich an bereits bestehende anknüpfen oder sich auf sie beziehen; es gibt nur Interpretationen von Interpretationen von Interpretationen von . . ., aber „kein Außerhalb des Textes“ (Jacques Derrida).

So führte das vergangene Zeitigen zu meinen eo ipso gegenwärtigen Vorstellungen und findet darin seinen aktualen Endpunkt; die Zukunft wird dieses Zeitigen fortsetzen. Stets werden die existierenden Vorstellungen überformt und in den sich neu herausbildenden aufgehoben. Die Zeit besteht folglich darin, daß von der Vergangenheit in die Zukunft hinen „schon immer“ in der jeweiligen Gegenwart auf der Grundlage der aktualen Vorstellungen „immer wieder“ weitere gezeitigt werden.

 

Das Zeitigen wirkt nicht, sondern ist ein Wirken, das sich in seinen Wirkungen – den Vorstellungen – zeigt.

Letztere können dem Zeitigen so nahe sein, daß ihre Entstehung oder Herkunft offensichtlich ist; wir sprechen dann von Spürungen. Ein Paradebeispiel bietet der Schmerz, der nahezu unbestreitbar kontinuierlich aus dem Schmerzen im Sinne von Wehtun – als einer „Komponente“ des Zeitigens – hervorgeht. Angst, Scham, Freude oder Genuß sind weitere recht deutliche Beispiele.

Einen für das Verstehen besonders geeigneten „Bestandteil“ des Zeitigens bildet vielleicht das Leiben, das wir als das – natürlich nur – eigene räumliche Fühlen-und-Bewegen andeuten können. Der Leib ist bereits eine Abstraktion davon, und wenn wir sie weitertreiben bis zum Körper, hat die dabei entstehende Vorstellung mit meinem Zeitigen scheinbar gar nichts mehr zu tun. 

 

Von dieser Art sind natürlich die meisten unserer Vorstellungen; wir stellen sie den Spürungen als Wahrnehmungen gegenüber. Bei letzteren ist das Hervorgehen aus dem Zeitigen nicht nur unkenntlich, sondern sogar unglaubwürdig.

Träumen wir beispielsweise vom Mond, werden die meisten von uns problemlos zugeben, daß es dazu keines „wirklichen“ Mondes bedarf, weil der Traum-Mond nur gezeitigt im Sinne von geträumt ist.

Natürlich läßt sich auch die übliche Mond-Wahrnehmung ohne unser Zeitigen in Form des Sehens nicht erklären. Aber das scheint nur die halbe Wahrheit zu sein; die andere Hälfte bildet der „wirkliche“ Mond, ohne den eine Mond-Wahrnehmung ebenfalls nicht möglich ist.  

 

„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, bevor ich Ihnen ins Wort falle:

Mein Name ist ‚Advocatus Diaboli‘, kurz ‚AD‘ genannt; ich vertrete Ihre Leser und versuche ihnen ein wenig zu helfen, wenn Sie sich – nennen wir es einmal vorsichtig: – ‚etwas undeutlich‘ ausdrücken; wie soeben.

Sie sagen, das Zeitigen besitze keine Komponenten, sprechen aber dennoch vom Schmerzen, Ängstigen, Schämen, Freuen, Genießen, Leiben oder Träumen – wenn auch als ‚Komponenten‘ mit Anführungsstrichen –, ‚deuten an‘ und ’stellen gegenüber‘, anstatt sauber zu formulieren.“

 

Sie haben uns noch gefehlt . . .; aber trotzdem herzlich willkommen!

Ich habe mich nicht zu ungenau ausgedrückt, sondern bereits viel zu viel gesagt, weil das Zeitigen unsagbar ist. Mein Problem soeben bestand also darin, daß ich Ihnen etwas erklären wollte und letztlich sogar mußte – was sich zwar zeigt, aber nicht erklären läßt.

Meine entsprechenden Sätze sind also samt und sonders falsch; haben Sie mich anhand dieser widersprüchlichen Formulierungen – trotzdem – verstanden, sollten Sie meine Erklärung vergessen. Wittgenstein veranschaulicht unsere Situation mittels einer – ich ergänze: kaputten – Leiter. Wir benötigen sie trotz ihres Defekts zum Emporsteigen; aber nachdem das geschafft ist, wird die Leiter überflüssig und kann entsorgt werden.