0.2. Glaubens-Wirklichkeit

Damit deutet sich wohl bereits an, weswegen wir uns so intensiv mit der theoretischen Philosophie beschäftigen – obwohl es „nur“ darum geht, den Glauben heute zu denken:

Wir haben drei Formen kurz beleuchtet, wie sich die Wirklichkeit verstehen läßt. Die antik-mittelalterliche Tradition dachte sie in Form der Platonischen Ideen, und die moderne Tradition als objektive Realität. Da letztere von „Raum“ und „Zeit“ abhängt, eignet sich ihr Wirklichkeitsmodell möglicherweise kaum für einen allgegenwärtigen Gott. Das antik-mittelalterliche dagegen scheint dafür prädestiniert zu sein, und in der Tat wurde bzw. wird Gott bis heute zumeist in diesem Sinne gedacht. Er entspricht dann vielleicht der höchsten Idee, dem Einen etwa, in dem das Wahre, das Gute und das Schöne mit ihm zusammenfallen.

Aber eine solche Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, und wenn wir Gott nach diesem Modell denken, wird auch er hinterwäldlerisch. Ich fürchte, die meisten Christen stellen sich Gott heute noch so vor, und die Atheisten glauben (an) einen solchen Gott – sofern sie darüber nachdenken – mit Recht nicht.

Ihn hatte auch Dietrich Bonhoeffer vor Augen, als er formulierte: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“   

 

Ich habe diesem traditionellen Ansatz ein postmodernes Wirklichkeitsverständnis gegenübergestellt in der Hoffnung, auf seiner Basis einen Gott denkbar zu machen, den es theoretisch geben könnte. Dazu dürfen wir ihn weder widersprüchlich noch hinterwäldlerisch denken.

Denken müssen wir Gott, denn andernfalls wüßten wir gar nicht, was wir glauben oder nicht-glauben; ohne zu denken läßt sich das eine nicht vom anderen unterscheiden Damit entfällt das Widersprüchliche, denn es ist undenkbar, während alles Hinterwäldlerische unkontrollierbar und damit völlig willkürlich oder beliebig, das heißt, ebenfalls unentscheidbar ist.