{"id":1272,"date":"2018-02-05T12:38:18","date_gmt":"2018-02-05T10:38:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=1272"},"modified":"2026-03-16T21:10:10","modified_gmt":"2026-03-16T19:10:10","slug":"0-5","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/0-5\/","title":{"rendered":"1.9.  Philosophischer Hintergrund"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mir liegt sehr daran, da\u00df dieses Buch allen Lesern zug\u00e4nglich ist, die <em>meine Intention ann\u00e4hernd teilen<\/em> und bereit sind, <em>gegen jeden Strich zu denken<\/em>. Deshalb setze ich keinerlei explizites Wissen der Philosophie voraus und mache einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Bogen um ihre Geschichte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gilles Deleuze schreibt ganz in meinem Sinne: &#8222;Ich geh\u00f6re zu einer Generation, einer der letzten Generationen, die man mehr oder weniger mit der Philosophiegeschichte umgebracht hat. Die Philosophiegeschichte \u00fcbt in der Philosophie eine ganz offenkundig repressive Funktion aus.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das entspricht zudem meiner festen \u00dcberzeugung, da\u00df es <em>Philosophie als Lehrfach<\/em> (wie Mathematik oder \u00d6konomie beispielsweise) ohnehin nicht gibt, sondern nur ein (eigenst\u00e4ndiges) Philosophie<em>ren<\/em> im Sinne von Selbst-Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine gelegentlichen Angaben von Namen setzen also kein anderweitig erworbenes Wissen voraus, sondern sollen auf eventuell bekannte hilfreiche Zusammenh\u00e4nge oder M\u00f6glichkeiten zu einer gr\u00fcndlicheren Auseinandersetzung hinweisen bzw. auch einfach nur andeuten, da\u00df wir beide nicht allein sind, wenn Sie inhaltlich mitgehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bemerkungen der Form &#8222;wie man wei\u00df . . .&#8220;, &#8222;es ist allgemein bekannt, da\u00df . . .&#8220; oder &#8222;. . . im Sinne von X. Y.&#8220; sind nach meinen Erfahrungen ebenso leserunfreundlich wie mathematische Zusammenh\u00e4nge. Derartige &#8222;Hinweise&#8220; deuten einen Unterschied zwischen uns an, auf den ich gerne verzichten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Jede philosophische Abhandlung mu\u00df in gewissem Sinne eine &#8218;Einf\u00fchrung in die Philosophie&#8216; sein, denn dadurch bewahrt sie sich vor der Gefahr, blo\u00dfe Lehrmeinungen, die doch zumeist nur Leermeinungen sind, zu reproduzieren&#8220; (Leo D\u00fcmpelmann und Rafael H\u00fcntelmann). (Ich will Sie nicht auf den Arm nehmen; die beiden Autoren von &#8222;Sein und Struktur&#8220; hei\u00dfen wirklich so!)<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das versuche ich zu beherzigen und schreibe das Buch f\u00fcr Nachdenkliche oder Suchende; weder f\u00fcr Ignoranten noch f\u00fcr Halbgebildete bzw. Alles- und Besserwisser. Als sein Motto w\u00e4re auch dasjenige Michel Foucaults m\u00f6glich: &#8222;Ich denke gern!&#8220; Wer das von sich ebenfalls sagt, ist herzlich zum Dialog eingeladen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meine wichtigsten Gew\u00e4hrsleute bei den Philosophen sind Georg Bertram, Ernst Cassirer, Isolde Charim, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Paul Feyerabend, Michel Foucault, Hans-Georg Gadamer, Gotthard G\u00fcnther, Michael Hampe, Martin Heidegger, Michel Henry, Hans Joas, Fran\u00e7ois Jullien, Carl Gustav Jung, Matthias Jung, Immanuel Kant, Julia Kristeva, Jacques Lacan, Bruno Latour, Emmanuel Levinas, Dieter Mersch, Josef Mitterer, A. M. Klaus M\u00fcller, Friedrich Nietzsche, Corine Pelluchon, Charles Sanders Peirce, Georg Picht, Paul Ric\u0153ur, Heinrich Rombach, Richard Rorty, Hartmut Rosa, Franz Rosenzweig, Josef Simon, George Spencer-Brown, Gianni Vattimo, Carl Friedrich sowie Viktor von Weizs\u00e4cker und Ludwig Wittgenstein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte ich mich wieder zu beschr\u00e4nken, m\u00fc\u00dfte ich wohl eine Erschie\u00dfung inkauf nehmen; Jacques Derrida, Emmanuel Levinas, George Spencer-Brown, Ludwig Wttgenstein und nach wie vor Michel Henry sind mir besonders wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich entschuldige mich nicht, da\u00df sich unter all meinen &#8222;Kronzeugen&#8220; mit Isolde Charim, Julia Kristeva sowie Corine Pelluchon nur drei Frauen befinden; <em>es hat sich ganz einfach so ergeben<\/em>. Hanna Arendt, Judith Butler oder Natalie Depraz beispielsweise sind f\u00fcr mich phantastische Denker, die ich auch sehr gerne lese, es aber eben nicht in meine Top-50 geschafft haben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich gendere nie und tangiere dieses Thema auch nicht nochmals \u2013 weil wir heute meines Erachtens vor wirklichen Problemen stehen und keine erfinden m\u00fcssen \u2013, sondern versichere hiermit allen Frauen, <em>keinerlei Schwierigkeiten mit ihrem Geschlecht zu haben;<\/em> im Zweifelsfalle fragen Sie bitte meine Gattin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 15 Jahren habe ich mit dem Buch &#8222;Urspr\u00fcngliche Wirklichkeit&#8220; die Hinf\u00fchrung zu einem etwas avantgardistischen, das traditionelle Denken sprengenden Ansatz vorgelegt, die insbesondere wissenschaftsgl\u00e4ubigen Lesern helfen sollte, Michel Henrys &#8222;Philosophie des Johannesevangeliums&#8220; ernstnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die ersten 100 Seiten davon w\u00fcrde ich Ihnen heute noch guten Gewissens empfehlen, den Rest nicht mehr; an seine Stelle tritt das vorliegende Buch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Philosophieren oder Theologisieren darf bei keinerlei unhinterfragbaren Zitaten beginnen, hatte ich oben geschrieben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist aber nur die eine Seite, von der ich auch nichts zur\u00fccknehme.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite k\u00f6nnen wir jedoch trotzdem nur hoffen, da\u00df die <em>Ergebnisse, die wir durch unser eigenes Nachdenken erzielen<\/em>, <em>einer m\u00f6glichst gro\u00dfen Tradition entsprechen.<\/em> Sie sollen diese freilich nicht einfach <em>wiederholen \u2013 <\/em>f\u00fcr blo\u00dfes Nachplappern ist kein Denken erforderlich und gen\u00fcgt unter Umst\u00e4nden ein Papagei \u2013, <em>sich jedoch als ihre zeitgem\u00e4\u00dfe Interpretation<\/em> verstehen lassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Denn w\u00e4re dies <em>nicht<\/em> der Fall und wir w\u00fcrden ohne alle Ber\u00fchrungspunkte etwas v\u00f6llig Neues finden, blieben daf\u00fcr wohl nur zwei Erkl\u00e4rungsvarianten: \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Theoretisch<\/em> k\u00f6nnten wir Genies sein; <em>praktisch<\/em> liegt aber die Vermutung wesentlich n\u00e4her, da\u00df unsere in der Geschichte erstmaligen &#8222;Denkergebnisse&#8220; nur Unsinn darstellen, <em>der so absurd ist, da\u00df kein Mensch vor uns jemals auf dergleichen gekommen ist<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich nenne bereitwillig Namen, um mich nicht mit fremden Federn zu schm\u00fccken, &#8222;erhebe aber \u00fcberhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichg\u00fcltig ist, ob das, was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat&#8220; (Wittgenstein).\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit l\u00e4\u00dft sich ein wichtiger Bogen zum Beginn des vorigen Kapitels schlagen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Erst im Nachhinein ist<\/em> feststellbar, in welcher Tradition wir philosophisch oder theologisch wirklich stehen, das hei\u00dft, welche wir \u2013 weiter \u2013 interpretieren. Und so kann ich auch als offizieller Katholik erkennen, da\u00df mein Denken beispielsweise (zen-)buddhistischen, j\u00fcdischen oder atheistischen Ans\u00e4tzen teilweise sehr nahesteht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei letzteren denke ich freilich an einen &#8222;anderen, das hei\u00dft, durchdachten Atheismus&#8220; (Gregor Maria Hoff), wie wir ihn etwa von Albert Camus, Gilles Deleuze, J\u00fcrgen Habermas, Martin Heidegger, Fran\u00e7ois Jullien, Bruno Latour, Richard Rorty, Jean-Paul Sartre, Peter Sloterdijk, Martin Walser oder Slavoj Zizek kennen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber unsere subjektive Wirklichkeit wird nat\u00fcrlich erst deutlich, <em>indem wir selbst denken<\/em>, und steht nicht auf unserer Taufurkunde, die zumeist <em>vor<\/em> allem eigenen Denken ausgestellt wird, dieses aber zum Gl\u00fcck nicht festlegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df wir inmitten eines fundamentalen Bewu\u00dftseinswandels leben, d\u00fcrften die Wenigsten von uns bestreiten wollen; weder seine Protagonisten noch die Skeptiker. M\u00f6glich ist ein solcher wohl nur in Zeiten einer Krise, und zu letzterer geh\u00f6rt auch immer, da\u00df nicht klar ist,\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ob sie bestanden wird und schon gar nicht,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wohin die Krise im positiven Falle f\u00fchrt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Chancen auf ein gutes Ende vergr\u00f6\u00dfern sich vielleicht mit der Anzahl der Menschen, die sich um ein solches bem\u00fchen. Ich glaube das jedenfalls, und mein diesbez\u00fcglicher Beitrag liegt vor Ihnen. Als Namen f\u00fcr diesen <em>&#8222;Versuch zu einer Philosophie der Freiheit&#8220;<\/em> schwebt mir <em>&#8222;transzendentaler Konstruktivismus&#8220;<\/em> vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Transzendental&#8220; hat nichts mit Transzendenz zu tun, sondern meint (seit Kant) die Frage nach den <em>notwendigen Voraussetzungen, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit empirische Erkenntnisse<\/em> \u2013 unsere Wahrnehmungen oder Erfahrungen also \u2013<em> m\u00f6glich werden.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Deren notwendige Voraussetzungen k\u00f6nnen einerseits nicht wieder in Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen bestehen; andernfalls entst\u00fcnde eine unendliche Kette.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Andererseits m\u00fcssen sie aber trotzdem<em> mit der Empirie<\/em> <em>verbunden bleiben<\/em>; deswegen <em>nicht &#8222;transzendent&#8220;, sondern &#8222;transzendental&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der transzendentale Konstruktivismus will zeigen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wie <em>all unser Wissen konstruiert<\/em> wird, so<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; da\u00df <em>keine uns fremde objektive Wirklichkeit<\/em> erforderlich ist, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>durch unser Leben<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>eine subjektive Welt<\/em> entsteht,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; f\u00fcr die <em>wir selbst verantwotlich<\/em> sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das betrifft nicht nur Krieg und Kino, sondern sogar den Kosmos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir liegt sehr daran, da\u00df dieses Buch allen Lesern zug\u00e4nglich ist, die meine Intention ann\u00e4hernd teilen und bereit sind, gegen jeden Strich zu denken. 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