{"id":2644,"date":"2020-01-10T19:30:28","date_gmt":"2020-01-10T17:30:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=2644"},"modified":"2026-03-21T20:45:03","modified_gmt":"2026-03-21T18:45:03","slug":"1-einfuehrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-einfuehrung\/","title":{"rendered":"1.4.  &#8222;Methode&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Unsere &#8222;Methode&#8220; ist so denkbar einfach, da\u00df ich den Titel mit Anf\u00fchrungszeichen versehen habe. Wir versuchen lediglich konsequent, Kants &#8222;sapere aude&#8220; zu befolgen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen&#8220; und dabei auch gegen scheinbare Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. Plappere nicht einfach leere Begriffsh\u00fclsen nach, nur weil man \u2013 in Deiner Kommunit\u00e4t \u2013 so redet, sondern &#8222;versuche zu verstehen, was Du selbst sagst&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">In diesem Bem\u00fchen sah Georg Picht den Sinn des Philosophierens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht an <em>die eine objektive Vernunft<\/em>, die der traditionellen Moderne zufolge f\u00fcr alle Menschen die gleiche \u2013 und wom\u00f6glich auch noch &#8222;die bestverteilte Sache der Welt&#8220; (Ren\u00e9 Descartes) \u2013 sein soll.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">An ihre Stelle tritt meines Erachtens <em>unsere subjektive Vernunft, die auf dem eigenen Wirklichkeits-Bild und damit auf unseren Lebenserfahrungen beruht. E<\/em><em>in objektiverer oder &#8222;h\u00f6herer&#8220;<\/em> <em>\u2013 vielleicht gar absoluter<\/em><em> \u2013 Ma\u00dfstab ist uns nicht zug\u00e4nglich, <\/em>denn wir sind Menschen, <em>die stets an ihr singul\u00e4res Hier und Jetzt gebunden bleiben \u2013 ohne Kontakt zu einem angeblichen &#8222;Weltgeist&#8220; (Hegel), &#8222;transzendentalem Subjekt&#8220; (Kant) oder \u00e4hnlichem<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese subjektive Vernunft kommt nicht zuletzt auch in den &#8222;Wahrheitspraktiken&#8220; (Michael Hampe) zum Ausdruck, die f\u00fcr alle Bereiche unseres Lebens bestehen und h\u00e4ufig deutlich zeigen, was wir in dem betreffenden Funktionssystem intersubjektiv als richtig anerkennen sollten. In der Mathematik zum Beispiel betrifft das die Ableitungen aus den Axiomen, vor Gericht die beeidigten Zeugenaussagen und im Alltag das Wort eines Freundes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tradition geht im Sinne einer objektiven Vernunft davon aus, da\u00df \u2013 gem\u00e4\u00df unserem Bild mit dem Blinden \u2013 <em>der eine richtige Weg<\/em> durch den Wald existiert.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bis zum Mittelalter kannten ihn zumeist nur die jeweiligen Autorit\u00e4ten; sie galten als Garanten der Wahrheit, so da\u00df diese ihnen einfach geglaubt werden mu\u00dfte. Die Aufkl\u00e4rung wandte sich mit Recht gegen ein solch naives Nicht-Denken und animierte jeden gesunden Erwachsenen, &#8222;sich aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit zu befreien&#8220; (Kant), um <em>selbst<\/em> erkennen, verstehen, argumentieren sowie glauben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der aufkl\u00e4rerisch-moderne Traum von einer fundamentalen Wahrheitstheorie f\u00fcr m\u00f6glichst alle Bereiche sollte zur intersubjektiven \u00dcbereinstimmung f\u00fchren und damit helfen, sinnlose Konflikte wie die Religionskriege des 17. Jahrhunderts und unmenschliche Grausamkeiten in Zukunft zu vermeiden. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als \u00fcberzogen und wird von der Postmoderne nicht mehr geteilt. Sie verbleibt bei den 1000 funktionierenden Wegen, Dietrichen oder Wahrheitspraktiken, und jeder von uns steht vor der Aufgabe, die seinigen zu finden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Aufkl\u00e4rung besitzt also zwei Aspekte, die wir deutlich auseinanderhalten m\u00fcssen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Nat\u00fcrlich hat Kant Recht mit seinem Aufruf, die Verantwortung stets als unsere eigene anzuerkennen. Das betrifft nicht nur alles <em>Tun oder Sprechen<\/em>, sondern gilt auch f\u00fcr unser <em>Denken, Glauben und Wissen<\/em><em>.<\/em> Wer die Bestimmung hier\u00fcber anderen anvertraut, entm\u00fcndigt sich selbst und scheidet damit als ernstzunehmender Gespr\u00e4chspartner aus.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Reinhard Kreissl fragt in seinem Buchtitel spitz: &#8222;Wo lassen <em>Sie<\/em> denken?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich wollte es vor der Wende nicht in Ost-Berlin oder Moskau, will es aber auch heute weder in Rom bzw. Riad noch im Silicon Valley.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders bei weltanschaulich-religi\u00f6sen Fragen,<em> die schwerlich durch Erfahrungen entschieden werden k\u00f6nnen<\/em>, ist das eigene Denken \u00fcberaus wichtig. Der Verzicht auf letzteres entspricht sonst dem Freifahrtschein, jede willk\u00fcrliche (widerspruchsfreie) Aussage \u2013 und nat\u00fcrlich auch ihr glattes Gegenteil \u2013 behaupten zu k\u00f6nnen, weil eine \u00dcberpr\u00fcfung ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wegen eines solchen Fehlens der Falsifizierbarkeit wurden beispielsweise viele Schulen der Tiefenpsychologie von ihren Gegnern nicht als seri\u00f6s oder gar &#8222;wissenschaftlich&#8220; anerkannt. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr jede Theologie, die sich auf fromme Formulierungen, blinden Glauben, blo\u00dfe Textstellen oder andere unbegr\u00fcndbare \u00c4u\u00dferungen beruft.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Aber da wir &#8222;nur&#8220; \u00fcber eine subjektive Vernunft verf\u00fcgen, bleibt unser eigenes Denken nat\u00fcrlich individuell und wird somit niemals zu den urspr\u00fcnglich von der Aufkl\u00e4rung erhofften objektiv-einheitlichen Ergebnissen f\u00fchren.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Denken setzt unter anderem voraus, sich im Streitgespr\u00e4ch <em>&#8222;dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments&#8220;<\/em> (J\u00fcrgen Habermas) zu beugen. Das bringt <em>beide<\/em> Seiten weiter; unabh\u00e4ngig davon, welcher von ihnen dieses Argument entstammt. Der damit einhergehende Verzicht auf willk\u00fcrlich-beliebige Meinungen<em> bringt zugleich einen Gewinn an Freiheit mit sich<\/em>, denn letztere besteht<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nicht im <em>Umfang<\/em> des w<em>\u00e4hlbaren, wenn auch noch so dummen Angebots<\/em>, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in der M\u00f6glichkeit einer <em>gerechtfertigten, weil wohl\u00fcberlegten<\/em> Wahl.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freiheit bedeutet, mit anderen Worten,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>argumentativ sauber<\/em> begr\u00fcnden sowie<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; daraufhin <em>entscheiden zu k\u00f6nnen<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">und unsere F\u00e4higkeit zu beiden besteht in der Vernunft.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie f\u00fchrt zu einem &#8222;M\u00fcssen&#8220;; &#8222;ich &#8218;<em>mu\u00df&#8216;<\/em> das jetzt zugeben, sagen, tun oder zumindest \u00fcberdenken&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche konnte deswegen formulieren &#8222;Ich habe nie eine Wahl gehabt&#8220; und meinte damit, da\u00df stets zwingende Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Freiheitsentscheidungen vorlagen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Eine <em>m\u00f6glichst saubere Begr\u00fcndung und <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; die dadurch &#8222;erzwungene&#8220; Entscheidung<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">bilden die beiden notwendigen Seiten der Freiheit, von denen es die eine niemals ohne die andere gibt, so da\u00df jegliche &#8222;freie Wahl&#8220; entf\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Frei w\u00e4hlen&#8220; k\u00f6nnen wir zwischen Lamm und Rindfleisch; aber das tun vielleicht auch die Katzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da wir \u00fcber keinen h\u00f6heren Ma\u00dfstab als unsere subjektive Vernunft verf\u00fcgen, kann es mir auch nicht um eine <em>angeblich<\/em> <em>aus uns selbst kommende Autonomie gehen<\/em><em>.<\/em> Wir stehen \u2013 nur optisch, aber \u2013 nicht wirklich auf eigenen Beinen; mit der gleichen \u00dcberzeugung wie oben setze ich Kants Zitat also fort:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ignorare aude; &#8222;habe zugleich auch den Mut, <em>Deine Verwundbarkeit, Endlichkeit, Kontingenz, Grenzen usw. anzuerkennen<\/em>. <em>Du hast Dich nicht selbst hervorgebracht<\/em>, <em>bleibst damit abh\u00e4ngig, und die Wirklichkeit geht nicht nur \u00fcber Dich hinaus, sondern ist letztlich auch unverf\u00fcgbar. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Deine Selbstbestimmung bedeutet somit keine Autonomie im Sinne von Selbst\u00e4ndigkeit, sondern beschr\u00e4nkt sich auf die Dir anvertraute endliche Sph\u00e4re der Freiheit.&#8220; <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bestimmen uns selbst in Freiheit zu dem, der wir dann sein werden; nur so ist ein \u2013 mit sich selbst \u00fcbereinstimmendes, das hei\u00dft \u2013 identisches Selbst m\u00f6glich. <em>Kein Gott kann das sch\u00f6pfen<\/em>; das k\u00f6nnen wir nur selbst schaffen \u2013 aber <em>eben<\/em> <em>nicht autonom, aus eigener Kraft oder aus uns selbst heraus<\/em>, sondern allein, weil uns <em>die Freiheit zur Selbstbestimmung<\/em> geschenkt wird.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese <em>Erm\u00f6glichung der Freiheit<\/em> entspricht meines Erachtens der Sch\u00f6pfung, die traditionell zumeist als ein Machen oder Herstellen von Seienden \u2013 insbesondere von uns Subjekten \u2013 mi\u00dfverstanden wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Aussagen zusammengenommen \u2013 Kants Zitat und seine Fortsetzung durch uns \u2013 bedeuten, da\u00df uns <em>eine Freiheit<\/em> auszeichnet, die wir <em>einem oder einer Ganz-Anderen verdanken. <br \/><\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;Atheisten&#8220; lehnen dieses Ganz-Andere h\u00e4ufig aus guten Gr\u00fcnden ab, weil sie eine hinterw\u00e4ldlerische Vorstellung davon haben, zu der ich ebenfalls nur<em> &#8222;nein&#8220; sagen k\u00f6nnte<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Viele &#8222;Rechtgl\u00e4ubige&#8220; wissen dagegen nicht nur genau, da\u00df das Andere existiert, sondern kennen es auch sehr gut und k\u00f6nnen uns viel dar\u00fcber erz\u00e4hlen; zum Beispiel, da\u00df es &#8222;<em>der<\/em> Andere&#8220; hei\u00dfen mu\u00df.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">V\u00f6llig unabh\u00e4ngig von derartigen konkreten Inhalten <em>glaube ich das jedoch ebenfalls nicht<\/em>; <em>es gibt kein Wissen von dem oder der Anderen<\/em>.\u00a0Wir bem\u00fchen uns deshalb um einen Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis, der aus dem Ziel resultiert, <em>das Ganz-Andere zugleich <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; sowohl in seiner unbedingten Notwendigkeit \u2013 als Ursprung des Lebens \u2013 <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; wie auch als absolutes Geheimnis <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>deutlich werden zu lassen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichtsdestotrotz ist dieses Buch ein <em>rein philosophisches<\/em> \u2013 auch wenn Gott darin eine wesentliche Rolle zukommt. Es ist freilich <em>nicht der traditionelle (L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer-)Gott<\/em>, mit dem wir aufgrund seiner angeblichen Allmacht und Allwissenheit s\u00e4mtliche Probleme l\u00f6sen und Fragen beantworten k\u00f6nnen. Mit einem <em>Allm\u00e4chtigen dieser Art<\/em> l\u00e4\u00dft sich denkerisch nat\u00fcrlich <em>gar nichts<\/em> anfangen:<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8222;Kann Gott einen runden W\u00fcrfel herstellen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nat\u00fcrlich; was fragst Du \u00fcberhaupt? Er kann doch alles; da\u00df wir nicht verstehen, wie er das in seiner unendlichen Weisheit macht, liegt an unserer Endlichkeit, in der wir die gro\u00dfartigen Handlungen Gottes niemals erfassen werden. Das betrifft insbesondere auch sein Dulden des Leids in der Welt, die Theodizee-Frage oder den &#8218;Fels des Atheismus&#8216; (Georg B\u00fcchner). Wir werden in der Ewigkeit einmal sehen, da\u00df Gott alles herrlich f\u00fcr uns gef\u00fcgt und wahrscheinlich sogar &#8218;die beste aller m\u00f6glichen Welten&#8216; (Leibniz) geschaffen hat.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu w\u00fcrde ich sagen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(1) Ein runder W\u00fcrfel ist <em>logisch widerspr\u00fcchlich<\/em> und damit ein Unding, das nat\u00fcrlich auch Gott nicht zu schaffen vermag. Damit haben wir jedoch nicht seine Allmacht widerlegt, sondern lediglich den Bereich vern\u00fcnftigen Sprechens begrenzt. Es macht keinen Sinn, Gottes Stellung zu Sinnlosem zu erfragen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(2) Als bedenkenswert erscheint mir dagegen beispielsweise die Frage, ob Gott, der nach christlichem Verst\u00e4ndnis selbst die Liebe ist, auch<em> hassen kann<\/em> oder trotz seiner Allmacht <em>lieben mu\u00df<\/em>? Gilt letzteres, m\u00fc\u00dfte meines Erachtens jede H\u00f6lle praktisch ausgeschlossen sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(3) Und selbst wenn Gott die beste aller m\u00f6glichen Welten geschaffen h\u00e4tte, erhebt sich f\u00fcr mich \u2013 angesichts des unvorstellbaren Leids in der Geschichte \u2013 die Frage, ob es nicht vielleicht besser gewesen w\u00e4re, er h\u00e4tte ganz auf seine Sch\u00f6pfung verzichtet, denn viele Menschen sehen das eigentliche Problem <em>nicht in ihrem Tod, sondern in ihrer Geburt<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich kann uns die subjektive Vernunft nahelegen, <em>bei speziellen Fragen bestimmte Autorit\u00e4ten anzuerkennen<\/em>, weil diese ihre Kompetenz auf dem betreffenden Gebiet \u2013 wie wir meinen \u2013 deutlich nachgewiesen haben. Aber weder <em>kann eine Autorit\u00e4t diesen Anspruch von sich aus erheben oder blindlings unser Vertrauen einfordern<\/em>, noch <em>delegieren wir damit unsere Verantwortung<\/em> an sie; es war doch gegebenenfalls <em>unsere<\/em> Entscheidung, die jeweilige Autorit\u00e4t f\u00fcr uns denken, glauben oder wissen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese <em>un\u00fcbertragbare Verantwortung<\/em> bildet gemeinsam mit der <em>subjektiven Vernunft<\/em> den Kern der Menschenw\u00fcrde; letztere entspricht einer Medaille mit jenen beiden als ihren zwei Seiten. Sprechen wir einem Menschen \u2013 durch Indoktrination \u2013 seine Verantwortung oder subjektive Vernunft ab, so berauben wir ihn seiner W\u00fcrde und machen ihn zu einer Marionette an den F\u00e4den unserer Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Niemand hat das Recht zu gehorchen&#8220; (Hanna Arendt) und sich damit hinter anderen zu verstecken. Es gibt nach der Aufkl\u00e4rung \u2013 <em>\u00fcber die &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;<\/em> \u2013 keine Ausrede mehr. Jean-Paul Sartre mag damit Unrecht haben, da\u00df wir &#8222;zur Freiheit <em>verdammt<\/em>&#8220; seien; aber richtig bleibt hieran, da\u00df <em>auch das &#8222;Nicht-Entscheiden-Wollen&#8220;<\/em> \u2013 demzufolge <em>andere f\u00fcr uns<\/em> denken, glauben oder wissen \u2013 <em>ein freies Entscheiden<\/em> darstellt, f\u00fcr das wir <em>selbst<\/em> verantwortlich sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die meisten von uns w\u00fcrden bei gr\u00f6\u00dferen Geldgesch\u00e4ften keinem Fremden blind vertrauen, sondern versuchen, sich m\u00f6glichst selbst kundig zu machen. Ich schlie\u00dfe mich dem 100%-ig an \u2013 und erg\u00e4nze lediglich, da\u00df mir grundlegende existenzielle, religi\u00f6se oder weltanschauliche Fragen mitunter wichtiger sind als finanzielle. \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlu\u00dfendlich nimmt meine &#8222;Methode&#8220; die Selbstverst\u00e4ndlichkeit ernst, da\u00df wir \u00fcber Dinge, die uns prinzipiell unzug\u00e4nglich sind, auch weder sinnvoll nachdenken noch sprechen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich l\u00e4\u00dft sich alles M\u00f6gliche <em>vorstellen bzw. behaupten; <\/em>aber Meinungen bez\u00fcglich eines Bereichs, der uns grunds\u00e4tzlich verborgen bleibt, erweisen sich als unkontrollierbar und damit als willk\u00fcrlich oder beliebig.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das bedeutet freilich nicht, da\u00df ein derartiges Ged\u00f6ns belanglos sei oder keine Konsequenzen h\u00e4tte. W\u00e4re dem so, k\u00f6nnten wir es gener\u00f6s auf sich beruhen lassen; aber alle politischen, religi\u00f6sen, wirtschaftlichen oder sonstigen Diktaturen zeigen, da\u00df <em>zwischen diesem und jenem Blablabla ein himmelweiter Unterschied bestehen kann<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem f\u00fcr uns <em>Unerreichbaren<\/em> meine ich nat\u00fcrlich keine Tabus, Denkverbote oder von irgendwelchen &#8222;Experten&#8220; zu Geheimnissen erkl\u00e4rte Bereiche. Soetwas gibt es f\u00fcr m\u00fcndige Menschen meines Erachtens nicht; nur Scharlatane, L\u00fcgner, Karrieristen oder Despoten ben\u00f6tigen dergleichen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit entzaubere ich die Wirklichkeit nicht; ganz im Gegenteil; sie ist <em>ambig und voller Geheimnisse<\/em>. Aber <em>worin diese bestehen<\/em>, vermag uns niemand zu sagen, sondern das k\u00f6nnen wir nur selbst erfahren, indem <em>wir uns ernstlich um die Aufhellung der Geheimnisse bem\u00fchen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Tun wir das nicht<\/em>, liegen auch keine Geheimnisse vor, sondern an deren Stelle treten blo\u00dfe Worte; &#8222;Gott&#8220;, &#8222;Transzendenz&#8220;, &#8222;Dreifaltigkeit&#8220;, &#8222;Subjekt&#8220;, &#8222;Leben&#8220;, &#8222;Tod&#8220; und &#8222;Teufel&#8220; oder &#8222;das B\u00f6se&#8220; beispielsweise. Wer sagt, sie w\u00fcrden Geheimnisse bezeichnen, mag f\u00fcr sich pers\u00f6nlich Recht haben, kann dies aber nicht wie selbstverst\u00e4ndlich auf andere \u00fcbertragen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ein objektives Geheimnis ist ein Widerspruch in sich,<\/em> denn was mich gar nicht interessiert, ist f\u00fcr mich kein Geheimnis, sondern Peanuts. Die einzige Wirklichkeit, die es f\u00fcr uns gibt, besteht im eigenen Leben, und was dazu keinen Bezug besitzt, kann also auch kein \u2013 wirkliches \u2013 Geheimnis sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geheimnisse unterscheiden sich gewaltig <em>sowohl von R\u00e4tseln als auch von Geheimlehren<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Letztere bilden M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene; versuchen wir ihnen auf die Spur zu kommen, verfl\u00fcchtigen sie sich zumeist sehr schnell und wir sch\u00e4men uns vielleicht der Aufmerksamkeit, die wir dem Unsinn zun\u00e4chst geschenkt hatten<em>.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Geheimnisse sind dagegen <em>umso gr\u00f6\u00dfer, phantastischer, umwerfender \u2013 eben geheimnisvoller \u2013<\/em>, <em>je intensiver wir uns mit ihnen besch\u00e4ftigen.<\/em> Sie werden <em>niemals gel\u00f6st; das unterscheidet die Geheimisse von blo\u00dfen R\u00e4tseln und verbindet sie mit philosophischen Fragen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die exakten Wissenschaften l\u00f6sen lediglich R\u00e4tsel, kennen aber keine Geheimnisse, denn sie \u2013 sowohl die Wissenschaften als auch ihre R\u00e4tsel \u2013 sind wie alle Wissungen nur (von uns) konstruiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geheimnisse geh\u00f6ren dagegen zur Wirklichkeit und sind keine blo\u00dfen Konstruktionen. Insbesondere das Leben stellt f\u00fcr mich pers\u00f6nlich ein Geheimnis dar.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Biologie und (Schul-)Medizin sind dagegen nur Wissen(schaften) \u2013 wie immer \u2013 ohne Referenten und k\u00f6nnen sich somit nicht auf das Leben beziehen. Wir m\u00fcssen <em>die tats\u00e4chliche Leibhaftigkeit des Lebens mit ihren wirklichen Geheimnissen <\/em>deutlich von unseren<em> blo\u00dfen Modellen<\/em> oder <em>konstruierten R\u00e4tseln <\/em>unterscheiden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die H\u00fcter der Geheimnisse m\u00fcssen keine Angst um ihren Schatz haben; je offener sie jene pr\u00e4sentieren, desto mehr werden die H\u00fcter ihrer Aufgabe gerecht, die Geheimnisse <em>als solche<\/em>\u00a0zu (be)wahren und weder zu einem leeren Wort noch zur Geheimniskr\u00e4merei verkommen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Geheimnisse verteidigen sich selbst gegen ihre &#8222;Entzauberung&#8220; (Max Weber), weil sie bei jedem ernsthaften Versuch, sie aufzudecken, tiefer werden.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Selbst wenn alles, was Sie in diesem Kapitel gesagt haben, richtig w\u00e4re, f\u00fcrchte ich, da\u00df einige Leser mit Ihrer &#8218;Methode&#8216; unzufrieden sind. Es gibt doch ganz verschiedene Denkrichtungen innerhalb der Philosophie; sollten Sie Ihre \u2013 <em>wirkliche<\/em> \u2013 Methode darin nicht ein wenig einordnen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht; eher h\u00e4tten wir auf diese gesamte Methodendiskussion verzichten sollen, denn sie \u00fcbersieht, da\u00df das Erkennen des <em>Erkennens<\/em> auch bereits <em>Erkennen<\/em> \u2013 und damit Philosophie \u2013 ist. Friedrich Nietzsche verspottete die Denker, die das ignorieren, indem er sie mit Menschen verglich, die ein Streichholz pr\u00fcfen wollen, bevor sie es benutzen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Es ist das Streichholz, das sich selber pr\u00fcfen will, ob es brennen wird.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Bild gesprochen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen uns von den Begriffen \u2013 den einzigen Gegenst\u00e4nden der Philosophie also \u2013 nicht befreien, weil sie sich <em>nur mittels anderer Begriffe zum Objekt einer Betrachtung machen lassen<\/em>. Wenn aber <em>das Denken \u00fcber Begriffe in Begriffen erfolgen mu\u00df<\/em>, fallen<em>\u00a0Inhalt und Methode zusammen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Im Umkehrschlu\u00df lie\u00dfe sich damit freilich auch <em>das gesamte Buch als eine einzige Methodendiskussion<\/em> verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Das leuchtet mir ein; aber darf ich bitte noch einmal zur\u00fcckgreifen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mir ist noch nicht klar geworden, was es bedeutet, da\u00df Ihr Buch, obwohl Gott darin eine \u2013 f\u00fcr mich \u00fcberraschend \u2013 gro\u00dfe Rolle spielt, wie Sie selbst einr\u00e4umen, <em>rein philosophisch<\/em> sein soll.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Weil ich auch von Gott h\u00f6chstens das sage, was meiner subjektiven Vernunft entspringt;<\/em> Sie k\u00f6nnten mich also bei nahezu jedem Satz &#8222;Warum . . .?&#8220; fragen. Ich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; wil nicht \u00fcber den &#8222;wirklichen Gott&#8220; sprechen \u2013\u00a0<\/em> wer oder was auch immer das sein soll \u2013,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ma\u00dfe mir nicht im geringsten an, das zu k\u00f6nnen, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; bezweifle ganz stark, da\u00df irgendein anderer Mensch dazu f\u00e4hig w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere &#8222;Methode&#8220; ist so denkbar einfach, da\u00df ich den Titel mit Anf\u00fchrungszeichen versehen habe. Wir versuchen lediglich konsequent, Kants &#8222;sapere aude&#8220; zu befolgen: &#8222;Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen&#8220; und dabei auch gegen scheinbare Selbstverst\u00e4ndlichkeiten der Zeit anzudenken, wenn Du sie vor Deiner Vernunft nicht rechtfertigen kannst. 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