{"id":2844,"date":"2020-03-27T13:53:37","date_gmt":"2020-03-27T11:53:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=2844"},"modified":"2026-03-19T11:53:41","modified_gmt":"2026-03-19T09:53:41","slug":"4-8-4-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-der-traditionelle-ansatz-ta\/4-8-4-3\/","title":{"rendered":"3.7.  Exkurs II:  Markus Gabriel als Naiver Realist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Kapitel enth\u00e4lt einen (leicht abge\u00e4nderten) Artikel, den ich spontan-ver\u00e4rgert f\u00fcr die &#8222;Neue Z\u00fcricher Zeitung&#8220; geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinsch\u00e4tzung von Bruno Latours Denken durch Markus Gabriel entgegenzutreten. Sollte ich mich darin m\u00f6glicherweise beleidigend ausdr\u00fccken, bitte ich um Entschuldigung; auch Gabriels Mi\u00dfgriff w\u00fcrde dies nicht rechtfertigen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich drucke die Rezension hier ab; zum einen in der Hoffnung, da\u00df sie Ihrem Verst\u00e4ndnis dient, und zum anderen um diesen dritten Teil mit einem gegenw\u00e4rtig vielzitierten Naiven Realisten abzurunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gabriel schrieb in der NZZ vom 26. 3. 2020 unter anderem:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u201e. . . Doch auch progressive Intellektuelle, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen schreiben, haben sich in den letzten Jahren einem heillosen Relativismus verschrieben. Zu ihren prominentesten Vertretern z\u00e4hlt der franz\u00f6sische Soziologe Bruno Latour. Er hat sich sogar zu der absurden These verstiegen, Ramses II. k\u00f6nne nicht an der Tuberkulose verstorben sein, weil der Erreger erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden sei. Das ist metaphysische Absurdit\u00e4t, wie der analoge Fall der Corona-Krise zeigt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tten wir keine Virologen eingeschaltet, um Covid-19 zu studieren, h\u00e4tte die Krankheit sich gem\u00e4\u00df Latour nicht verbreitet, weil sie nicht einmal existiert h\u00e4tte. . .\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Argumentation stimmt absolut nichts; Latour hat 100%-ig Recht, und die \u201emetaphysische Absurdit\u00e4t\u201c liegt allein bei Gabriel, der den fundamentalen Unterschied zwschen zwei Arten von Wirklichkeit \u2013 n\u00e4mlich &#8222;ewigen&#8220; Seienden und erfundenen Aktanten \u2013 nicht sehen kann oder will.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich werde versuchen, meine Argumentation und Verteidigung Latours \u2013 obwohl sie nur rein philosophisch ausfallen kann \u2013 ohne Fach-Chinesisch hinzubekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben alle irgendein spezielles subjektives Weltbild. Rein assoziativ beziehen wir das zumeist allein auf die Immanenz; um diese unn\u00f6tige Vernachl\u00e4ssigung der Transzendenz zu vermeiden, sprechen wir im weiteren besser von unserem <em>Wirklichkeits-Bild<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die meisten Menschen sind \u00fcberzeugt, da\u00df das ihrige wahr oder zumindest richtig ist. Das postmoderne Denken geht hingegen davon aus, da\u00df diese Annahme<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nicht nur nicht \u00fcberpr\u00fcfbar, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; v\u00f6llig sinnleer ist, wei es keine objektive Wirklichkeit und damit auch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; weder ein wahres bzw. unwahres noch ein richtiges resp. falsches Bild von ihr geben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber selbst diese Aussage, die Sie gewi\u00df als eine ziemliche Zumutung erfahren,<em> k\u00f6nnen wir vollkommen auf sich beruhen lassen<\/em>. Als Pr\u00e4misse f\u00fcr unsere \u00dcberlegungen gen\u00fcgt,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; da\u00df wir <em>subjektiv \u00fcber ein bestimmtes Wirklichkeits-Bild<\/em> verf\u00fcgen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; uns an ihm <em>orientieren<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; orientieren <em>m\u00fcssen<\/em>, weil die Alternative dazu nur <em>in einem anderen Wirklichkeits-Bild best\u00e4nde<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir glauben nicht, <em>was richtig ist<\/em>, sondern <em>was zu glauben wir f\u00fcr richtig halten<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen, die meines Erachtens ebenso weitreichend wie zwingend sind:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen k\u00f6nnen wir <em>alles wollen<\/em> \u2013 tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben beispielsweise \u2013, <em>was uns im Rahmen des eigenen Wirklichkeits-Bilds m\u00f6glich ist<\/em>. Hexen oder Schamanen etwa, die dem ihrigen zufolge fliegen k\u00f6nnen, werden das wahrscheinlich auch versuchen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit selbst bestimmt dann dar\u00fcber, ob das Wollen zum Erfolg f\u00fchrt \u2013 aber das mu\u00df uns, wie bereits gesagt, schon nicht mehr interessieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen k\u00f6nnen wir <em>nichts wollen \u2013 tun, wissen, sehen, verstehen oder erleben \u2013, was in unserem Wirklichkeits-Bild gar nicht enthalten ist;\u00a0<\/em> tolen zum Beispiel.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich wei\u00df doch gar nicht, was das sein soll&#8220;, m\u00f6chten Sie vielleicht einwenden. Aber genau das meine ich ja: Das Wort &#8222;Tolen&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; besitzt keine Bedeutung, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; deswegen wissen wir alle nicht, was das sein soll,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>weil es in unserem Wirklichkeits-Bild nicht vorkommt<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei dieser zweiten Konsequenz spielt die Wirklichkeit gar keine Rolle. Was wir nicht wissen, k\u00f6nnen wir auch nicht wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dieser Theorie zur\u00fcck zum Thema.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir betrachten einen Patienten aus dem Jahre 2018, der sich miserabel f\u00fchlt, zum Arzt geht, von diesem untersucht wird und m\u00f6glichst geholfen bekommen m\u00f6chte.\u00a0Noch kommt in keinem Wirklichkeits-Bild Covid vor, so da\u00df eine entsprechende Diagnose unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Patient k\u00f6nnte jedoch trotzdem Covid <em>haben<\/em>, denken Sie m\u00f6glicherweise gemeinsam mit Gabriel; Latour und ich bezeifeln das.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um dies nachvollziehen zu k\u00f6nnen, unterscheiden wir <em>zwei prinzipiell verschiedene Arten von Wirklichkeit<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eine h\u00e4ngt mit unserem Leben zusammen, kann also auch bei Babys oder Tieren vorkommen und hat nichts mit irgendwelchen Theorien zu tun; nennen wir sie deswegen <em>&#8222;Leibhaftigkeit des Lebens&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit meine ich, da\u00df es unserem Patienten schlecht geht, Freude und Leid unser Leben pr\u00e4gen, Geburt und Tod fundamental sind, Menschen einander lieben oder hassen und an G\u00f6tter glauben k\u00f6nnen \u2013 aber all das <em>nicht so, wie es unsere Theorien repr\u00e4sentieren, sondern so, wie wir es erfahren und insbesondere die Kunst darstellt oder beschreibt<\/em>. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Leibhaftigkeit des Lebens ist ungeschichtlich und war schon zu Zeiten von Ramses II die gleiche wie heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite Wirklichkeit oder <em>Reflexion des Lebens<\/em> wird von \u2013 wissenschaftlichen oder unwisenschaftlichen \u2013 Theorien konstruiert, existiert somit erst nach deren Erfindung, und wir projizieren sie aus unserem Bewu\u00dftsein heraus in die \u2013 oder besser: <em>als \u2013 Welt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Hierzu geh\u00f6rt Latour zufolge insbesondere die gesamte Naturwissenschaft mit dem Mycobacterium und Covid 19.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die Leibhaftigkeit des Lebens w\u00e4re seine Reflexion nicht m\u00f6glich; aber diese bildet <em>weder eine Beschreibung noch Wissen von jener<\/em>, wie die uns fremden Kulturen mit ihren anderen Reflexionen beweisen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Schmerzen und Orgasmen existieren seit Menschengedenken, denn sie geh\u00f6ren zur Leibhaftigkeit unseres Lebens; zehndimensionale Spinor-R\u00e4ume m\u00fcssen dagegen erst von Menschen erdacht werden, um vorhanden sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das waren eindeutige Beispiele; zumeist ist die Zuordnung schwieriger:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Die Gallenkolik geh\u00f6rt zum Medizin-Studium und damit zur Reflexion.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Interessieren wir uns nicht f\u00fcr diese Theorie und haben nur die leibhaftigen Schmerzen vor uns, gibt es &#8222;Gallenkoliken&#8220; schon immer, aber es waren nat\u00fcrlich keine Gallenkoliken.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die weibliche Eizelle wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckt; zuvor ging der Embryo vollst\u00e4ndig aus dem Vater hervor, und die Mutter stellte lediglich den gesch\u00fctzten Raum f\u00fcr seine Entwicklung zur Verf\u00fcgung. Deswegen stand auch Jesus&#8216; nat\u00fcrliche Geburt seiner Gottessohnschaft absolut nicht im Wege.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Reflexionen \u00e4ndern sich; die Leibhaftigkeit ist immer die gleiche \u2013 l\u00e4\u00dft sich aber ohne Reflexion nicht greifen. Hans-Georg Gadamer abwandelnd k\u00f6nnten wir sagen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wirklichkeit, die verstanden wird, ist Reflexion.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelalter h\u00e4tte ein Priester angesichts unseres sich miserabel f\u00fchlenden Patienten \u2013 im Rahmen seines eigenen Wirklichkeits-Bilds \u2013 vielleicht von d\u00e4monischer Besessenheit gesprochen. Die meisten von uns sind sich mit Recht v\u00f6llig sicher, da\u00df diese Diagnose nat\u00fcrlich nichts mit einer objektiven Wirklichkeit zu tun hat.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das war im Mittelalter eben noch ganz anders. Damals erwies sich die Erkl\u00e4rung des Priesters wahrscheinlich f\u00fcr viele Menschen als hinreichend einleuchtend, stimmig und widerspruchsfrei. Deswegen glaubten fast alle die d\u00e4monische Besessenheit, so da\u00df sie doch &#8222;objektiv richtig&#8220; war.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Daraus wurden in der Zwischenzeit zumeist psychische Erkrankungen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Was es wirklich ist<\/em> \u2013 die Gabriel-Frage nach der objektiven Wirklichkeit \u2013, stellt ein Scheinproblem dar, weil die Leibhaftigkeit als solche nicht verstanden, gedacht oder gesagt werden kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dazu ben\u00f6tigen wir erst eine Reflexion, und die ist stets auf 1000 Arten m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aufgrund unseres historischen Wissens w\u00e4re Besessenheit heute zwar m\u00f6glich, aber f\u00fcr die meisten Menschen sehr unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Im Mittelalter war Corona noch nicht einmal m\u00f6glich, weil es \u2013 im Gegensatz zur Besessenheit \u2013 noch keiner erfunden hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das\u00a0 Argument, es g\u00e4be doch offensichtlich einen Fortschritt vom Mittelalter zu uns, denn wir k\u00f6nnen <em>die Viren unter dem Mikroskop sehen<\/em>, sticht aus mindestens zwei Gr\u00fcnden nicht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum einen hat man <em>die<\/em> <em>d\u00e4monische Besessenheit im Mittelalter bei geschultem Blick ebenfalls gesehen<\/em>. Da\u00df andere Menschen anders denken mu\u00df gar nichts mit ihrer Intelligenz zu tun haben. Besteht \u00fcberhaupt ein Zusammenhang, ist v\u00f6llig offen, welche Form er besitzt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum anderen h\u00e4tte man die Viren damals \u2013 auch mit Mikroskop \u2013 keinesfalls sehen k\u00f6nnen, weil sie dem Wirklichkeits-Bild nicht angeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Aber wir k\u00f6nnen doch auch etwas sehen, was wir noch nicht wu\u00dften; einen neuen Planeten unseres Sonnensystems beispielsweise.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann kannten wir <em>diesen speziellen Planeten<\/em> noch nicht, aber &#8222;<em>Planeten&#8220;<\/em> war bereits ein alter Begriff; das ist dann eine <em>Entdeckung<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie wurde jedoch nur dadurch m\u00f6glich, das der Begriff des Planeten <em>zuvor bereits erfunden worden war;<\/em> <em>keine Entdeckung ohne Erfindung<\/em>.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Kapitel enth\u00e4lt einen (leicht abge\u00e4nderten) Artikel, den ich spontan-ver\u00e4rgert f\u00fcr die &#8222;Neue Z\u00fcricher Zeitung&#8220; geschrieben hatte, um damit einer meines Erachtens grotesken Fehleinsch\u00e4tzung von Bruno Latours Denken durch Markus Gabriel entgegenzutreten. 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