{"id":3247,"date":"2021-02-10T22:08:39","date_gmt":"2021-02-10T20:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=3247"},"modified":"2026-02-24T15:35:22","modified_gmt":"2026-02-24T13:35:22","slug":"3-2-1-hinterwelt-weltbild-weltbilder-welten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-der-traditionelle-ansatz-ta\/3-2-1-hinterwelt-weltbild-weltbilder-welten\/","title":{"rendered":"3.5.  Die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, weil traditionell Denkende mit ihr etwas zu wissen behaupten, was \u2013 da au\u00dferhalb der Psyche befindlich \u2013 prinzipiell niemand wissen kann und sich damit in einen Widerspruch verwickeln.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Wenn wir nichts au\u00dferhalb unserer Psyche wissen k\u00f6nnen, entf\u00e4llt postmodern auch das Unbewu\u00dfte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ihr Anfang war richtig; wir k\u00f6nnen tats\u00e4chlich nichts wissen, was sich au\u00dferhalb der Psyche befindet; aber <em>das bedeutet doch keineswegs, da\u00df es nicht existiert<\/em>. Das Unbewu\u00dfte beispielsweise wirkt auf uns und das sp\u00fcren wir nat\u00fcrlich innerhalb unserer Psyche. Der Umgang mit ihm kann sich jedoch als sehr schwierig erweisen, <em>weil wir nicht wissen, was hier wirkt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es ist sogar zwingend, da\u00df ein Unbewu\u00dftes existiert, denn anderfalls k\u00f6nnte und immer nur das beeinflussen, was wir gerade wissen. Das w\u00e4re absurd; psychische Verletzungen wirken auch, wenn wir nicht daran denken.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das &#8222;Unbewu\u00dfte&#8220; ist lediglich ein leeres Wort; w\u00e4re das Unbewu\u00dfte mehr \u2013 n\u00e4mlich eine Wissung \u2013, w\u00fcrde es ebenfalls der Hinterwelt angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Die Vertreter der Postmoderne setzen sich \u00fcberall f\u00fcr Toleranz, Vielfalt, Harmonie, Pluralismus, Gespr\u00e4chsbereitschaft und dergleichen ein. Das geht soweit, da\u00df ihnen von traditionell-konservativer Seite ein &#8218;Abschied von der Wahrheit&#8216; oder eine &#8218;Diktatur des Relativismus&#8216; vorgeworfen werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da \u00fcberrascht mich Ihre \u00dcberschrift trotz der Kl\u00e4rung soeben doch ein bi\u00dfchen: Wenn Sie die objektive Wirklichkeit als Hinterwelt betrachten, bedeutet dies doch, da\u00df der postmoderne Spa\u00df sp\u00e4testens hier endet. Wer <em>daran glaubt, darf nicht l\u00e4nger mitspielen<\/em>.&#8220; \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein; das w\u00e4re ein v\u00f6lliges Mi\u00dfverst\u00e4ndnis:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Toleranz der Postmoderne allen \u2013 (nat\u00fcrlich) menschlichen, freiheitlichen, demokratischen, friedlichen . . . \u2013 Wirklichkeitsbildern gegen\u00fcber, <em>ist nur m\u00f6glich, wenn wir auf s\u00e4mtliche<\/em> \u2013 Behauptungen von \u2013<em> Hinterwelten verzichten<\/em>. Was Sie als <em>leidige<\/em> <em>Grenze<\/em> der postmodernen Offenheit geschildert haben, bildet also in Wirklichkeit ihre <em>notwendige Voraussetzung<\/em> und erm\u00f6glicht erst die <em>Freiheit als Verantwortung<\/em>, die nach meinem Daf\u00fcrhalten im Zentrum der Postmoderne steht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meine Begr\u00fcndung erweist sich als denkbar einfach:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn es eine objektive Wirklichkeit g\u00e4be, sollten sich unsere Wirklichkeitsbilder auf diese beziehen, so da\u00df letztere mehr oder weniger richtig und sogar v\u00f6llig falsch sein k\u00f6nnten. Wer sich im Besitz eines ad\u00e4quaten Abbilds w\u00e4hnt, wird kaum sonderlich tolerant sein und die ihm vielleicht unverst\u00e4ndliche Selbstbestimmung seiner anders \u2013 und somit eo ipso falsch \u2013 abbildenden Mitmenschen achten (k\u00f6nnen). Die Andersgl\u00e4ubigen m\u00fcssen ja entweder naiv bzw. dumm oder b\u00f6se sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Toleranz bedeutet dann nicht, sie mit ihren \u00dcberzeugungen als gleichwertige Subjekte anzuerkennen, sondern ihnen auf Teufel komm raus zur richtgen Einsicht zu verhelfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fehlen einer objektiven Wirklichkeit <em>beendet<\/em> also nicht den postmodernen Spa\u00df, um Ihre Formulierung aufzugreifen, sondern <em>erm\u00f6glicht<\/em> ihn erst.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Er endet dort, wo irgendwelche Menschen der postmodernen Offenheit widersprechen und hinterw\u00e4ldlerisch beanspruchen, \u00fcber richtiges Wissen von einer angeblichen objektiven Wirklichkeit zu verf\u00fcgen, dem sich alle anderen unterzuordnen haben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Beweist die Geschichte nicht hinreichend deutlich, da\u00df ein solcher angema\u00dfter Besitz der &#8222;Wahrheit&#8220; immer wieder die schlimmsten Verbrechen \u2013 in der Politik, Wirtschaft, Religion, im Alltag oder wo auch immer \u2013 zu rechtfertigen scheint?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, und das v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von ihrer konkreten Gestaltung.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">In Antike und Mittelalter bestand sie in der Einheit von Immanenz und Transzendenz.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Moderne setzte sich immer st\u00e4rker der Gedanke durch, da\u00df letztere eine blo\u00dfe Hinterwelt sei und wir uns auf die naturwissenschaftliche Seite der Immanenz konzentrieren sollten, die (dadurch) immer mehr zum physikalischen Kosmos degenerierte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das nannte sich wohl &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;, brachte aber sehr viel Polemik ins Spiel. Der antik-mittelalterliche Absolutheitsanspruch der Religion wurde \u2013 zu Recht \u2013 beseitigt, aber \u2013 zu Unrecht \u2013 durch den der exakten Wissenschaften ersetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Postmoderne entsteht m\u00f6glicherweise wieder eine fruchtbare Balance, weil nun <em>die gesamte objektive Wirklichkeit als Hinterwelt durchschaut<\/em> wird; die diesseitige ebenso wie die jenseitige.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich erhoffe mir hiervon eine <em>wirkliche Aufkl\u00e4rung<\/em>, das hei\u00dft, eine <em>Aufkl\u00e4rung \u00fcber die &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;<\/em>, die durch die Einsicht, da\u00df wir uns <em>keinerlei <\/em>\u2013 weder religi\u00f6ser noch wissenschaftlicher \u2013<em> Fremdbestimmung zu unterwerfen haben<\/em>, <em>zur eigenen Selbstbestimmung befreit<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinterw\u00e4ldlerisch sind also niemals die <em>jeweiligen konkreten Vorstellungen oder \u00dcberzeugungen<\/em>, sondern hinterw\u00e4ldlerisch ist allein die Annahme, <em>von einer objektiven Wirklichkeit zu wissen; von welcher auch immer<\/em>. Wer deren <em>Materie<\/em> im Auge hat, ist folglich keinen Deut aufgekl\u00e4rter als derjenige, der vom<em> objektiv-wirklichen Teufel<\/em> spricht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich darf also an nichts mit Sicherheit glauben oder von keiner Entit\u00e4t fest \u00fcberzeugt sein, denn ich w\u00fcrde auf diese Weise hinterw\u00e4ldlerisch und mich damit von jedem vern\u00fcnftigen Diskurs verabschieden?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; das w\u00e4re ja furchtbar, w\u00fcrde ich dergleichen \u2013 Absurdit\u00e4ten \u2013 behaupten!<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ob wir etwas und gegebenenfalls was wir subjektiv mit 100%-iger Sicherheit glauben, spielt \u00fcberhaupt keine Rolle. Wir k\u00f6nnten uns beispielsweise todsicher sein, da\u00df es sowohl Materie als auch eine Evolution gibt oder Gott mit seinem Hofstaat von Engeln und der Teufel nebst Unterteufeln existieren. Es wird kaum etwas<em> Widerspruchsfreies<\/em> geben<em>, das wir nicht f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten d\u00fcrften<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begr\u00fcndung f\u00fcr unseren m\u00f6glicherweise tiefen Glauben m\u00fc\u00dfte dabei jedoch sinngem\u00e4\u00df stets etwa folgenderma\u00dfen lauten:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Aufgrund meines bisherigen Lebens ergibt sich f\u00fcr mich zwingend, da\u00df es sich so verhalten mu\u00df; ich kann gar nicht anders denken, will ich mir nicht selbst widersprechen, unvern\u00fcnftig sein, mich absichtlich dumm stellen oder selbst bel\u00fcgen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber hier geht es nur um<em> meine subjektiven \u00dcberzeugungen.<\/em> Ich will <em>wahrhaftig<\/em> sein \u2013 und sage deswegen ganz ehrlich, wie ich es sehe; mehr ist gar nicht m\u00f6glich und vermag niemand<em>. <\/em>Wir k\u00f6nnen uns gegenseitig um <em>Wahrhaftigkeit<\/em> bitten, aber von niemandem die <em>Wahrheit<\/em> erwarten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich beanspruche f\u00fcr meine \u00dcberzeugung also weder Richtigkeit noch Wahrheit und erwarte somit auch nicht, da\u00df Ihr Euch mir anschlie\u00dft.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Das Lutherische &#8218;Hier stehe ich und kann nicht anders&#8216; trifft meine Situation recht gut.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne den Glauben an eine objektive Wirklichkeit k\u00f6nnen wir v\u00f6llig problemlos die offensichtliche Tatsache anerkennen, da\u00df Kinder und Erwachsene, Soziahilfeempf\u00e4nger und Manager, Christen und Muslime sowie um Regen tanzende Hopiindianer oder atheistische Abendl\u00e4nder, psychisch &#8222;Kranke&#8220; sowie Nobelpreistr\u00e4ger mit ihren jeweiligen subjektiven Wirklichkeiten leben, zwischen denen wohl h\u00e4ufig keinerlei Ber\u00fchrungspunkte bestehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nietzsche wu\u00dfte das schon lange vor uns und schrieb am Ausgang der Moderne, da\u00df &#8222;die wahre Welt zur Fabel geworden ist&#8220;; damit nat\u00fcrlich auch jede unwahre. Das f\u00fchrt zu dem postmodernen Pluralismus der subjektiven Welten, den wir heute alle bereits erleben, der aber erst am Anfang seiner Entfaltung stehen und s\u00e4mtliche &#8222;Bastionen einer objektiven Wirklichkeit oder Wahrheit&#8220; hinwegfegen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ob wir die Heraufkunft dieses Pluralismus begr\u00fc\u00dfen oder bedauern und die damit verbundenen neuen Freiheiten feiern oder den verlorenen Gewi\u00dfheiten nachtrauern, spielt dabei keine Rolle, <em>weil die Geschichte irreversibel ist<\/em>, so da\u00df ohne Katastrophen wie Kriege, Umweltzerst\u00f6rung, Genmanipulation, Gehirnw\u00e4sche, Diktaturen usw. die eindimensionale \u2013 Naivit\u00e4t der \u2013 Tradition (zum Gl\u00fcck) nicht wiederkehren wird.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein Hinter-die-&#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;-zur\u00fcck kann sich ohnehin<em> niemand w\u00fcnschen<\/em>, dem die <em>(subjektive) Vernunft und Freiheit<\/em> als <em>die Grundlagen der Menschenw\u00fcrde sowie ein erf\u00fclltes Leben<\/em> wichtig sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Behaupten wir in einem Disput, die eigene \u00dcberzeugung sei wahr, dann ist das kein \u2013 weiteres \u2013 Argument f\u00fcr unsere Position, sondern lediglich die unseren Gespr\u00e4chspartner beleidigende Behauptung, da\u00df <em>seine \u00dcberzeugung falsch sein mu\u00df, insoweit sie der unsrigen widerspricht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Krass ausgedr\u00fcckt bedeutet &#8222;Ich sage die Wahrheit&#8220; im Sreitgespr\u00e4ch das Gleiche wie &#8222;Sie irren \u2013 und irgendwann ist meine Geduld mit Ihnen am Ende&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer so redet, <em>sehnt sich nicht nach Wahrheit, sondern will Recht haben<\/em>. <em>Denn wer die Wahrheit sucht<\/em>, <em>kann nicht behaupten, sie (bereits) zu haben<\/em>; entweder . . ., oder . . .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen bestenfalls \u2013 und sollten nat\u00fcrlich auch \u2013 <em>wahrhaftig<\/em> sein; das hei\u00dft, im Sinne unserer eigenen \u00dcberzeugungen leben und damit ohne alle diesbez\u00fcglichen Wahrheitsanspr\u00fcche <em>das sagen<\/em>, was wir <em>wirklich glauben oder denken<\/em> und auch <em>dementsprechend handeln<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Christen, die sich im Besitz der Wahrheit w\u00e4hnen, erwarten vom Reich Gottes lediglich die \u2013 lobhudelnde \u2013 Best\u00e4tigung, da\u00df Sie Recht hatten; das w\u00e4re meines Erachtens entsetzlich wenig und grauselig langweilig.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich bin dagegen \u00fcberzeugt, da\u00df wir in unserem ganzen irdischen Leben keine Wahrheit finden k\u00f6nnen, aber nichtsdestotrotz Suchende bleiben sollen und hoffe, da\u00df <em>das Reich Gottes uns mit seiner Wahrheit trotz aller Suche noch umwerfen wird.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es w\u00fcrde mich furchtbar entt\u00e4uschen, w\u00e4re Gott nicht unendlich viel mehr und absolut Besseres eingefallen als mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df wu\u00dfte schon Lessing vor bald 300 Jahren, und weil er mir aus der Seele spricht, zitiere ich ihn ausnahmsweise einmal recht ausf\u00fchrlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wenn mir in der einen Hand die Wahrheit, in der anderen das Streben nach ihr geboten w\u00fcrde und ich w\u00e4hlen m\u00fc\u00dfte, ich w\u00fcrde das letztere w\u00e4hlen, und des Apostels Aufforderung lautet: Pr\u00fcfet alles! Ohne Pr\u00fcfung kann man nicht erfahren, ob der Geist, der in uns spricht, und die Geister, die zu uns reden, aus Gott sind oder nicht. Nur durch redliche von reiner Liebe zur Wahrheit ausgehende Pr\u00fcfung wird sie allm\u00e4hlich unser Eigentum.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Darum f\u00fchlen wir uns zu dem hingezogen, der uns zur Pr\u00fcfung seiner angeblichen Wahrheit auffordert, und wenden uns von dem ab, der uns seine Wahrheit aufdr\u00e4ngen will. Ein solcher erweckt mit Recht in uns das Vorurteil, da\u00df er selbst nicht an die Wahrheit seiner Lehren glaube.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Denn die Wahrheit kann durch Pr\u00fcfung nur gewinnen; die Wahrheit besteht in der <em>bestandenen<\/em> Pr\u00fcfung, die L\u00fcge und der Wahn aber verschwinden durch sie. Wer daher die Pr\u00fcfung vorgeblicher Wahrheiten scheut und verhindern will, ist kein Freund der Wahrheit, sondern ihr Feind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Kein Mensch auf Erden hat daher Anspr\u00fcche auf sogenannte Untr\u00fcglichkeit. Wer als unbedingte Autorit\u00e4t gelten will, wird daher verworfen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagten zu Beginn dieses Kapitels: &#8222;Wer an eine objektive Wirklichkeit glaubt, darf nicht l\u00e4nger mitspielen.&#8220; Das ist zu einschr\u00e4nkend; Sie d\u00fcrfen sogar an eine objektive Wirklichkeit <em>glauben<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir als Beispiel das heute herrschende evolutive Weltbild mit Urknall und reinem Physikalismus. Es k\u00f6nnte Ihnen <em>so \u00fcberzeugend<\/em> erscheinen, da\u00df Sie sagen: &#8222;Das ist es! Ich glaube ganz fest, da\u00df dieses Weltbild die objektive Realit\u00e4t ad\u00e4quat wiedergibt, und danke den Physikern f\u00fcr ihre gro\u00dfartige Umsicht. Da\u00df JS die Existenz dieser objektiven Realit\u00e4t bestreitet, ist mir doch gleichg\u00fcltig; dann t\u00e4uscht er sich eben.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Denken Sie so, <em>kann ich 100%-ig mitgehen<\/em>: Sie <em>stellen sich<\/em> eine bestimmte Art von objektiver Wirklichkeit <em>vor<\/em> und <em>glauben daran<\/em>. Das ist v\u00f6llig unproblematisch, denn wir k\u00f6nnen uns (nahezu) alles Widerspruchsfreie vorstellen und nat\u00fcrlich auch die eigenen Vorstellungen glauben.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die objektive Wirklichkeit; bei ihr kommt sogar noch hinzu, da\u00df wir den Zusammenhang in diesem Fall auch <em>umkehren<\/em> k\u00f6nnen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie ist das, was sich <em>nur vorstellen und glauben l\u00e4\u00dft<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und damit sind wir wieder bei dem einzigen &#8222;Verbot&#8220;, dessen \u00dcbertretung uns in die Hinterwelt f\u00fchrt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Sie d\u00fcrfen nicht behaupten, die objektive Wirklichkeit erkannt bzw. abgebildet zu haben und dadurch von ihr zu wissen<\/em>; erst durch diese widerspr\u00fcchliche Zusatzannahme w\u00fcrde sie zu einer Hinterwelt.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Nun also endg\u00fcltig:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der postmoderne Spa\u00df endet nicht, wenn Sie (an) eine objektive Wirklichkeit <em>glauben<\/em>, sondern erst, falls Sie<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; diese als ad\u00e4quat abgebildet,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; somit als erkennbar und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; folglich auch intersubjektiv verbindlich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">behaupten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit mu\u00df ich auch meine bisherige Ausdrucksweise nachtr\u00e4glich ein wenig relativieren, behalte sie aber der Deutlichkeit halber bei:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn wir keinerlei Zugang zum Au\u00dferhalb unserer Psyche besitzen, kann ich nat\u00fcrlich auch nicht erkennen, da\u00df <em>keine objektive Wirklichkeit existiert<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Also steht es zwischen Ihnen und den modernen Traditionalisten 1 : 1; letztere glauben (an) die objektive Wirklichkeit und Sie nicht.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise &#8222;ja&#8220;; das ging aber jetzt etwas zu schnell, denn wir m\u00fcssen zwei F\u00e4lle unterscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die modernen Traditionalisten nur sagen, <em>es g\u00e4be eine objektive Wirklichkeit ohne deren Form zu konkretisieren<\/em>, haben Sie mit Ihrem 1 : 1 vielleicht theoretisch Recht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Praktisch erhebt sich in diesem Fall jedoch die Frage, worin der Unterschied zwischen der Existenz bzw. Nicht-Existenz einer vollkommen unbekannten objektiven Wirklichkeit bestehen soll. Ist das tats\u00e4chlich ein Unterschied, der einen Unterschied macht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Legen sich die traditionell Denkenden jedoch auf <em>eine spezielle Realit\u00e4t<\/em> fest, stimmt das 1 : 1 nicht mehr, weil ihr Glaube m\u00f6glicherweise zu <em>spezifischen Konsequenzen f\u00fcr unser Leben<\/em> f\u00fchrt. Beispielsweise k\u00f6nnten K\u00fche heilig, der Koran w\u00f6rtlich inspiriert und unser Leben durch die Naturgesetze oder den Willen Gottes determiniert sein.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer etwas Spezielles oder Konkretes behauptet, steht in der Beweispflicht; nicht der staunende Gespr\u00e4chspartner.<\/p>\n<p class=\"indent Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df <em>gerade K\u00fche<\/em> heilig sein sollen, m\u00fc\u00dfte von den Gl\u00e4ubigen begr\u00fcndet und braucht nicht von uns Ungl\u00e4ubigen widerlegt zu werden. Es beweist (meines Erachtens) auch niemand, weshalb Fl\u00f6he \u2013 angeblich \u2013 <em>nicht<\/em> heilig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"indent\" style=\"text-align: justify;\">Unsere Vorfahren haben Wege gefunden, Oliven genie\u00dfbar zu machen; das ist bei dieser Frucht nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern eher ein kleines Wunder. Und <em>das<\/em>, sagen die Mythen, verdanken wir der G\u00f6ttin Athene, die uns Menschen gelehrt hat, die Oliven entsprechend aufzubereiten.<\/p>\n<p class=\"indent Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer diese dem traditionellen Denken entsprechende Erkl\u00e4rung <em>f\u00fcr richtig h\u00e4lt<\/em>, dem kommt eine Begr\u00fcndungspflicht zu.<\/p>\n<p class=\"indent Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mit dem blo\u00dfen Ablehnen dieses Mythos vertreten wir jedoch <em>keine ebenso konkrete gegenteilige Meinung<\/em>, sondern <em>distanzieren uns lediglich von dem Mythos<\/em>. Weder bedarf das <em>einer Rechtfertigung<\/em>, noch bedeutet es, <em>sich um eine andere Erkl\u00e4rung bem\u00fchen zu m\u00fcssen<\/em>; die Athene-Geschichte <em>interessiert<\/em> uns doch vielleicht gar nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange es, anders formuliert, um unsere <em>subjektive Wahrhaftigkeit<\/em> und nicht um eine angebliche <em>objektive Richtigkeit <\/em>geht, sind wir absolut nicht hinterw\u00e4ldlerisch, wie &#8222;hinterw\u00e4ldlerisch&#8220; auch immer unsere \u00dcberzeugungen sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann sagen wir jedoch auch nicht <em>&#8222;so ist es&#8220;<\/em>; diese<em> traditionelle<\/em> <em>Anma\u00dfung<\/em> <em>entspricht dem Hinterw\u00e4ldlerischen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD:\u00a0 &#8222;Und sie entspricht dem Sein-Wollen-wie-Gott?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube &#8222;ja&#8220;. Ohne das traditionelle Denken ist ein objektiver Wahrheits- oder Richtigkeitsanspruch gar nicht m\u00f6glich; es bildet eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, <em>mu\u00df<\/em> aber nicht zu ihm f\u00fchren. Menschen k\u00f6nnen traditionell denken und sich dennoch ganz bescheiden weit entfernt von jeder Richtigkeit w\u00e4hnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer jedoch den Anspruch erhebt, d<em>ie objektive Wirklichkeit zu kennen<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; will sein wie Gott,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ist aber hinterw\u00e4ldlerisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die objektive Wirklichkeit bildet eine Hinterwelt, weil traditionell Denkende mit ihr etwas zu wissen behaupten, was \u2013 da au\u00dferhalb der Psyche befindlich \u2013 prinzipiell niemand wissen kann und sich damit in einen Widerspruch verwickeln. AD: &#8222;Wenn wir nichts au\u00dferhalb unserer Psyche wissen k\u00f6nnen, entf\u00e4llt postmodern auch das Unbewu\u00dfte.&#8220; Ihr Anfang war richtig; wir k\u00f6nnen tats\u00e4chlich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":939,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-3247","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3247"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3247\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}