{"id":3383,"date":"2021-06-23T13:16:59","date_gmt":"2021-06-23T11:16:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=3383"},"modified":"2026-03-16T19:28:38","modified_gmt":"2026-03-16T17:28:38","slug":"1-2-1-igel-und-fuchs","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-2-1-igel-und-fuchs\/","title":{"rendered":"1.7.  Igel und Fuchs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Von Archilolos ist das Fragment &#8222;Der Fuchs wei\u00df viele Dinge, aber der Igel kennt eine gro\u00dfe Sache&#8220; \u00fcberliefert.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich behaupte keineswegs, ein Igel zu sein, aber es ist letztlich eine einzige Idee, die mich seit 50 Jahren umtreibt. Provoziert wurde sie nicht zuletzt durch meine berufliche Arbeit an Grundfragen der Quantentheorie, und das vor Ihnen liegende Buch stellt im Kern den Status quo dar, den die (nicht-physikalische) Entfaltung dieser Idee bisher angenommen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich intensiv mit der Quantentheorie besch\u00e4ftigt, wird meines Erachtens vor die Alternative gestellt, ob er weiterhin an die Existenz einer objektiven Realit\u00e4t glaubt oder die millionenfachen phantastischen experimentellen Best\u00e4tigungen der Quantentheorie ernstnimmt. Beides zusammen scheint nicht m\u00f6glich zu sein; <em>entweder objektive Realit\u00e4t oder Quantentheorie<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(Wenn Sie sich selbst ein Bild davon machen wollen, ob ich das richtig sehe, w\u00e4ren vielleicht die B\u00fccher von Anton Zeilinger sehr geeignet. Insbesondere &#8222;Einsteins Spuk&#8220; und &#8222;Einsteins Schleier&#8220; hat er f\u00fcr Laien geschrieben. Zeilinger bekam immerhin 2022 den Physik-Nobelpreis; ich empfehle Ihnen also keinen Autor, den Sie leicht als &#8222;Bruder im Geiste&#8220; abtun k\u00f6nnten, weil er mit mir gemeinsam spinnt.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Albert Einstein hatte sich bekanntlich daf\u00fcr entschieden, den traditionellen Glauben an die objektive Realit\u00e4t beizubehalten, und leider bis zu seinem Lebensende versucht, Fehler oder widerspr\u00fcchliche bzw. absurde Konsequenzen der Quantentheorie aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich als Student auf die Gegenseite geschlagen und gedacht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unsere Physik ist <em>die grundlegende Naturwissenschaft<\/em>, die in der Moderne mit dem Ziel antrat, <em>die objektive Realit\u00e4t<\/em> zu erkennen. Wenn <em>selbst sie<\/em> zu dem Ergebnis kommt, da\u00df <em>keinerlei Objektivit\u00e4t existiert<\/em>, <em>dann gibt es in den anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder sonstigen Sph\u00e4ren unseres Lebens wohl erst recht keine<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Aber wieso sind sich derma\u00dfen viele Menschen \u2013 mit Einstein \u2013 der objektiven Wirklichkeit au\u00dferhalb ihres &#8222;Innen&#8220; so sicher?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Daf\u00fcr gibt es gewi\u00df recht verschiedene Gr\u00fcnde. Einer von ihnen, der mir als besonders wichtig erscheint und unmittelbar unser Thema ber\u00fchrt, d\u00fcrfte der folgende sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die allermeisten Menschen des Abendlands, die nicht intensiv dar\u00fcber nachgedacht haben oder einfach lockere Lebensk\u00fcnstler sind,\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; identifizieren sich selbst \u2013 abgesehen vom &#8222;Innen&#8220; \u2013 mit ihrem K\u00f6rper und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; betrachten diesen als ein Seiendes, so da\u00df<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sie sich selbstverst\u00e4ndlich neben all den anderen Seienden \u2013 Mitmenschen, Planeten oder Sta\u00dfenampeln \u2013<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in deren Raum befinden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Von diesem anschaulich-simplen Konzept geht gewi\u00df eine gro\u00dfe Verf\u00fchrungskraft aus. Ich f\u00fcrchte, selbst jetzt noch, nachdem ich im vorigen Kapitel versucht habe, Ihnen seine Fehler aufzuzeigen; nach zweieinhalb tausend Jahren w\u00e4re das vielleicht auch gar nicht verwunderlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tangiert man zuf\u00e4llig einmal diese Problematik, beruhigt die Selbst-Versicherung:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bew\u00e4ltige meinen Alltag ganz ordentlich; da k\u00f6nnen mir diese von den Philosophen erfundenen (Schein-)Probleme ziemlich gleichg\u00fcltig sein.&#8220;\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sollten Ihnen \u00e4hnliche &#8222;Argumente&#8220; vorschweben, mu\u00df ich Sie entt\u00e4uschen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Erfunden sind nicht die von mir angedeuteten Probleme, sondern die Seienden mit ihrer ojektiven Welt<\/em>. Und das hat sich in den letzten 200 Jahren \u2013 genauer: seit Kant \u2013 auch allm\u00e4hlich herumgesprochen; insbesondere bei vielen Philosophen und K\u00fcnstlern. Wir arbeiten also an einer recht aktualen Thematik.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit sind wir bereits bei meiner Igel-Idee:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Au\u00dferhalb meines &#8218;Innen'&#8220; bedeutet, da\u00df mir dieser Bereich nicht zug\u00e4nglich oder gegeben ist<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann kann ich mich jedoch nicht darauf beziehen und auch <em>absolut nicht(s) davon wissen, so da\u00df keine sinnvollen Gedanken oder S\u00e4tze dar\u00fcber m\u00f6glich sind<\/em>. S\u00e4mtliche diesbez\u00fcglichen Annahmen sind<em> willk\u00fcrlich oder beliebig \u2013 weil nicht kontrollierbar \u2013, k\u00f6nnten ebenso v\u00f6llig widerspruchsfrei durch ihr Gegenteil ersetzt werden und entsprechen somit einem blo\u00dfen, sinnleeren Blablabla<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mein Kerngedanke ist nicht sonderlich schlau, pfiffig, spitzfindig oder ausgefallen; mir w\u00e4re es am liebsten, Sie k\u00f6nnten ihn als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnehmen und sich dar\u00fcber wundern, weshalb ich damit so ein Gewese mache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Positiv formuliert lautet meine Grundidee folglich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Alles sinnvoll Gedachte, Vorgestellte, Erlebte, Geglaubte oder Gef\u00fchlte geh\u00f6rt notwendigerweise der eigenen Psyche an<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wer von einem Au\u00dfen zu handeln meint, gibt lediglich seine Vorstellungen davon wieder, und die m\u00fcssen sich nat\u00fcrlich ebenfalls innerhalb der Psyche befinden. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Au\u00dfen befindet sich die Materie&#8220; stellt also lediglich die \u2013 innerhalb seiner Psyche befindliche \u2013 Vorstellung oder \u00dcberzeugung eines naiven Physik-Gl\u00e4ubigen dar; <em>wissen<\/em> kann das nat\u00fcrlich niemand \u2013 selbst wenn es so w\u00e4re.<em><br \/><\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Moritz behauptet dagegen, au\u00dfen lebe der grasgr\u00fcne Steinbei\u00dfer. Nat\u00fcrlich ist das Quatsch; deswegen hat Moritz auch weniger Fans als unser Physik-Gl\u00e4ubiger. Aber dessen \u00dcberzeugung ist keinen Deut intelligenter, aufgekl\u00e4rter oder vern\u00fcnftiger, denn wenn wir Moritz&#8216; grasgr\u00fcnen Steinbei\u00dfer gegen die Materie des Physik-Gl\u00e4ubigen austauschen, \u00e4ndert sich absolut nichts \u2013 au\u00dfer den Glaubensbekenntnissen unserer beiden Protagonisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich kann sich der Inhalt unserer Psyche vergr\u00f6\u00dfern; aber die Annahme, da\u00df sich dieser Zuwachs zuvor im Au\u00dfen befunden haben mu\u00df,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; geh\u00f6rt selbst zum prinzipiell Unwi\u00dfbaren und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ist auch keineswegs logisch zwingend.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;<em>Doch<\/em>; das ist es!<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich jetzt etwas wei\u00df, was mir gestern noch unbekannt war, mu\u00df es notwendigerweise in den letzten 24 Stunden vom Au\u00dfen in meine Psyche hineingekommen sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Genau so funktioniert doch der wissenschaftliche Fortschritt ganz allgemein. Unsere Psyche und das Au\u00dfen befinden sich anschaulich gesprochen nebeneinander, und wir verschieben die zwischen beiden bestehende Trennfl\u00e4che immer weiter in das Au\u00dfen hinein.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein; das glaube ich nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Beethoven hatte irgendwann die gro\u00dfartige Intuition, die zu seiner &#8222;Ode an die Freude&#8220; f\u00fchrte. Ist sie in den Tagen zuvor von au\u00dfen in seine Psyche eingedrungen? Wenn &#8222;ja&#8220; \u2013 was bedeutet dann &#8222;au\u00dfen&#8220;? Wo befand sich die Ode zuvor? Im Musik-Himmel?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Newton griff eines Tages den Gedanken auf, Massen w\u00fcrden sich gegenseitig anziehen. Das war und bleibt eine geniale Idee, auch wenn sich heute praktisch alle Physiker einig sind, da\u00df es keine derartige Gravitationskraft gibt, so da\u00df Newton seinen Gedanken unm\u00f6glich der Natur abgelauscht haben kann \u2013 wie er wohl selbst glaubte. <em>Die Massenanziehung existierte also nicht bereits au\u00dfen, so da\u00df Newton sie erkennen, das hei\u00dft, irgendwie von au\u00dfen nach innen abbilden konnte<\/em>. Er hat diese Idee vielmehr <em>in seiner Psyche erzeugt, geerstmaligt, generiert, erfunden oder konstruiert<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie anders h\u00e4tten auch die Imaginationen der M\u00e4rchenfiguren, Romanhelden, G\u00f6tter oder Unterwelten entstehen sollen? Wir halten sie f\u00fcr unwirklich; aber das bedeutet doch, da\u00df sie sich niemals im Au\u00dfen befanden \u2013 und trotzdem waren sie irgendwann &#8222;innen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie wurden alle in geeigneten Psychen geboren. Letztere sind kreativ; sie haben es nicht n\u00f6tig, ihre Produkte einem angeblichen Au\u00dfen abzuschauen. Die f\u00fchrenden Wissenschaftler entsprechen den gro\u00dfen K\u00fcnstlern; <em>beide schaffen Neues<\/em>; ob das &#8222;Quantentheorie&#8220; oder &#8222;Faust&#8220; hei\u00dft, \u00e4ndert <em>diesbez\u00fcglich<\/em> nichts.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied wird erst in der zweiten Reihe deutlich; Wissenschaft kann man <em>nachmachen<\/em>; in ihr l\u00e4\u00dft sich alles Geerstmaligte <em>wiederholen<\/em>, so da\u00df nach Einstein Millionen von Physikern die Relativit\u00e4tstheorie erlernen k\u00f6nnen und vielleicht besser beherrschen als ihr Erfinder.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist bei der Ode an die Freude offensichtlich wesentlich schwieriger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das w\u00e4re meine erste Entgegnung auf Ihren Einwand, neues Wissen k\u00f6nne nur durch den \u00dcbergang bzw. das Abbilden vom Au\u00dfen in die Psyche entstehen; eine zweite d\u00fcrfte jedoch ebenso wichtig sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Kern befindet sich in der Kirsche, der K\u00e4fer in der Schachtel oder das Gehirn im Kopf. <em>Beide<\/em> Bestandteile eines wirklichen Ineinanders <em>m\u00fcssen sich im Raum befinden<\/em>; das Innen ist nat\u00fcrlich <em>kleiner, aber nicht raumlos<\/em> \u2013 wie die Psyche.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sprechen wie selbstverst\u00e4ndlich von unserem &#8222;Innen&#8220;, denken aber kaum dar\u00fcber nach; das &#8222;Innen&#8220; kann kein Innen sein.\u00a0Etwas Raumloses befindet sich <em>in keinem Worin<\/em>, weil es <em>in jedem widerspruchsfrei behauptet<\/em> werden k\u00f6nnte.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit wird freilich auch Ihr anschauliches Bild hinf\u00e4llig:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Psyche und das Au\u00dfen befinden sich nicht nebeneinander, so da\u00df auch die trennende Grenzfl\u00e4che entf\u00e4llt, die Sie gerne verschieben wollten, denn das sind alles an den Raum gebundene und damit unzutreffende Vorstellungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl mir das alles als sehr zwingend erscheint, sehen es viele Menschen offensichtlich ganz anders. Sie<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; haben sehr bestimmte Vorstellungen vom Au\u00dfen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sind von deren Richtigkeit felsenfest \u00fcberzeugt und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; m\u00f6glicherweise sogar bereit, Andersdenkende f\u00fcr deren widersprechende Annahmen zu t\u00f6ten; Inquisition, real existierender Sozialismus, Islamischer Staat . . .\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die abstrusesten Bekenntnisse k\u00f6nnen also, wenn sie fanatisch als wahr geglaubt werden, sowohl bei den &#8222;Gl\u00e4ubigen&#8220; als auch bei den &#8222;Ungl\u00e4ubigen&#8220; (\u00fcber) das Leben entscheiden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Viele Menschen sind leider \u00fcberzeugt, <em>das eine richtige Blablaba<\/em> von <em>jedem anderen und damit falschen<\/em> unterscheiden zu k\u00f6nnen. Hierbei ist es nat\u00fcrlich v\u00f6llig belanglos, ob es sich dabei um religi\u00f6se, wissenschaftliche, politische, esoterische, verschw\u00f6rungstheoretische oder sonstige Willk\u00fcrlichkeiten handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mu\u00df man sich einmal ernsthaft durch den Kopf gehen lassen \u2013 200 Jahre nach der &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Eine willk\u00fcrlich-leere Annahme, die bzw. deren Richtigkeit <em>durch absolut nichts zu rechtfertigen ist und v\u00f6llig widerspruchsfrei durch ihr glattes Gegenteil ersetzt werden k\u00f6nnte<\/em>, kann weitreichende bis verheerende Folgen nach sich ziehen, wenn sie fanatisch geglaubt wird!<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Was wir vom Au\u00dfen denken, kann zwar keinen nachweisbaren Anspruch auf seine Richtigkeit erheben, sich aber nichtsdestotrotz <em>ganz massiv auf das &#8222;Innen&#8220;, das hei\u00dft, auf unser Leben auswirken<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer annimmt, au\u00dfen befinde sich ein Schwarzes Loch, da\u00df uns am 29. Februar 2028 alle verschlingen wird, lebt h\u00f6chstwahrscheinlich anders als &#8222;Ungl\u00e4ubige&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ja; aber ein Problem habe ich trotzdem noch:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Solange wir ernstlich miteinander diskutieren, treffen Argumente \u2013 Pr\u00e4missen, Konsequenzen, Begr\u00fcndungen oder Widerlegungen \u2013 aufeinander. Hierf\u00fcr kann es keine Rolle spielen, ob im Au\u00dferhalb angeblich eine bestimmte Wirklichkeit existiert oder nicht, denn argumentativ erreichen wir sie ja ohnehin niemals.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Tangiert diese angebliche Wirklichkeit unsere Gespr\u00e4che dann \u00fcberhaupt? Wie soll die willk\u00fcrliche Antwort auf eine prinzipiell unentscheidbare Frage jemals in einem vern\u00fcnftigen Diskurs virulent werden k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das wird sie nat\u00fcrlich nicht; da haben Sie v\u00f6llig Recht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Aber s\u00e4mtliche Diskurse k\u00f6nnen<\/em> in dem Sinne, wie wir es oben mit dem &#8222;So ist es; basta!&#8220; erkl\u00e4rt hatten,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>ohne alle Vernunft <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; von jedem beendet werden, der den Anspruch erhebt, mehr zu wissen als seine Gespr\u00e4chspartner<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df meine an Holzschnitt- oder eher noch Kettens\u00e4gekunst erinnernde Darstellungsweise sinnvoll sein kann, versucht Heinzpeter Hempelmann \u2013 in einem anderen Zusammenhang, aber ganz in meinem Sinne \u2013 zu verdeutlichen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich rechne damit, da\u00df dieser Text auf ebenso energischen, teilweise emp\u00f6rten Widerspruch sto\u00dfen wird wie auf dankbare Zustimmung. M\u00f6glicher Hauptangriffspunkt ist die notwendige fl\u00e4chige, weit ausgreifende und nicht um tausend Differenzierungen bem\u00fchte Darstellung, die auch als gewaltt\u00e4tig, unfair und ungerecht empfunden werden kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der moderne Diskurs ist gekennzeichnet durch das Bem\u00fchen um Differenzierungen. So notwendig diese an ihrem Ort sind, so sehr kann der Diskurs eine im Endeffekt l\u00e4hmende Wirkung entfalten. Schlicht formuliert: Man sieht vor lauter B\u00e4umen, \u00c4sten und Zweigen den Wald nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es fehlt zumeist das Gesamtbild, das letztlich handlungsleitend und zielgebend sein mu\u00df. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mein Resultat ist ein Wucht-, aber kein Wut-Text; apodiktisch im Ton, ohne Ausreden und Schminke, sicherlich korrektur- und erg\u00e4nzungsbed\u00fcrftig, mindestens aber ein Versuch, verschiedene Gr\u00fcnde zu benennen, warum . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . wir uns vom traditionellen Denken mit seiner objektiven Wirklichkeit verabschieden sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das tun auch die verschiedenen Spielarten des (Radikalen) Konstruktivismus. Mit ihnen hat unser Ansatz aber kaum etwas gemein, und es hilft vielleicht manchem Leser, von vornherein deutlich zu sehen, weshalb wir einen anderen \u2013 wenn auch vielleicht noch schwer erkennbaren \u2013 Weg eingeschlagen haben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die einzige \u00dcbereinstimmung zwischen unserem Ansatz und dem Radikalen Konstruktivismus besteht im <em>Verzicht auf die objektive Wirklichkeit<\/em>. Aber daraus resultieren bei letzterem zwei Probleme, die der (Radikale) Konstruktivismus meines Erachtens nicht l\u00f6sen kann, so da\u00df wir uns von ihm deutlich distanzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das betrifft zum einen die Stellung oder Rolle des Gehirns.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn <em>die gesamte Wirklichkeit<\/em> nur eine Konstruktion darstellen w\u00fcrde, h\u00e4tten wir keinen Konstrukteur, denn dieser kann nicht seiner eigenen Konstruktion angeh\u00f6ren; das w\u00e4re widerspr\u00fcchlich.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Radikale Konstruktivismus &#8222;l\u00f6st&#8220; dieses Problem mit sehr viel unsauberem Gerede, indem er das Gehirn<em> zum Konstrukteur erkl\u00e4rt<\/em>. Als Rechtfertigung dient ihm hierbei zumeist die angebliche &#8222;neurophilosophische Erkenntnis&#8220;, unser Ich sei das Gehirn.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist nat\u00fcrlich ganz gro\u00dfer Humbug; die unbestreitbare Aktivit\u00e4t bestimmter Gehirnareale beim Sehen beispielsweise lehrt uns \u2013 <em>so gut wie gar nichts \u00fcber das Sehen,<\/em> sondern lediglich \u2013, da\u00df es h\u00f6chstwahrscheinlich <em>nicht<\/em> funktioniert, wenn die entsprechenden Regionen ausfallen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Viele Neurophilosophen&#8220; kennen unsere Geistesgeschichte kaum, argumentieren treuherzig-naiv und legen zumeist nur Glaubensbekenntnisse ab, so da\u00df ihre &#8222;schlechte Wissenschaft zu einer schlechten Religion&#8220; (Guido Rappe) verkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesehen von der grundlegenden Frage, woher die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus von dem prinzipiellen Unterschied zwischen dem Gehirn als Konstrukteur und der gesamten &#8222;restlichen&#8220; Wirklichkeit als dessen Konstruktion wissen (wollen), entstehen nat\u00fcrlich zahllose weitere Probleme.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Eines davon resultiert ganz simpel daraus, da\u00df es zwar sehr viele Gehirne gibt, aber jeder von uns nur sein eigenes als Konstrukteur \u2013 f\u00fcr alles andere \u2013 ben\u00f6tigt. Das bedeutet beispielsweise, da\u00df <em>Ihr Konstrukteur<\/em> den <em>Konstruktionen meines Konstrukteurs<\/em> angeh\u00f6ren m\u00fc\u00dfte und umgekehrt; ich bezweifle sehr stark, da\u00df sich dies sauber denken l\u00e4\u00dft, und noch mehr, da\u00df es richtig sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Radikale Konstruktivismus ist, mit anderen Worten, <em>nicht radikal genug<\/em>, weil er <em>das jeweils eigene Gehirn der Subjekte ganz traditionell als objektive Realit\u00e4t denkt <\/em>und wohl auch denken <em>mu\u00df<\/em>, um einen Konstrukteur f\u00fcr alles andere zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir denken zum einen radikaler; bei uns <em>spielt das eigene Gehirn keine Sonderrolle<\/em>, sondern geh\u00f6rt ganz normal zum K\u00f6rper.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum anderen <em>distanzieren wir uns ganz massiv von der &#8222;Neurophilosophie&#8220;:<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ich bin nicht mein Gehirn, sondern <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; eine lebende und freie Subjektivit\u00e4t<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ohne die es gar nichts g\u00e4be; insbesondere auch keine Gehirne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine zweite Schwierigkeit mit dem (Radikalen) Konstruktivismus besteht darin, da\u00df er den <em>gewaltigen Unterschied zwischen Wahrnehmungen<\/em><em> und Vorstellungen<\/em> nicht erkl\u00e4ren kann, da <em>beide<\/em> konstruiert sind.\u00a0Vor der <em>Wahrnehmung<\/em> &#8222;Krokodil im Swimmingpool&#8220; erschrecken wir jedoch \u2013 mit Recht \u2013, w\u00e4hrend die entsprechende <em>Vorstellung<\/em> bestenfalls ein wohliges Gruseln hervorruft.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Im (Radikalen( Konstruktivismus habe ich \u2013 sehr interessiert, aber \u2013 leider vergeblich\u00a0 nach einer befriedigenden Begr\u00fcndung dieses Unterschieds gesucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Sie hatten soeben sinngem\u00e4\u00df gesagt <em>&#8218;ohne Leben kein Gehirn&#8216;<\/em>. Das war wohl ein Versprecher und sollte <em>&#8218;ohne Gehirn kein Leben&#8216;<\/em> hei\u00dfen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\">Nein; meine Umkehrung war beabsichtigt und ist fundamental f\u00fcr unseren Ansatz.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Traditionell existiert eine objektive Wirklichkeit, und zu ihr z\u00e4hlt insbesondere unser Gehirn. Es geh\u00f6rt zu den <em>notwendigen Voraussetzungen des Lebens<\/em>, und bei einem solchen Verst\u00e4ndnis h\u00e4tten Sie nat\u00fcrlich Recht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber postmodern denke ich <em>von meinem Leben her<\/em>, und ohne dieses gibt es gar nichts; auch kein Gehirn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Chirurg hat beim Operieren eine Gehirn-Wahrnehmung.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition sagt, das w\u00e4re nicht m\u00f6glich, wenn sich <em>in dem ge\u00f6ffneten Sch\u00e4del kein Gehirn bef\u00e4nde<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Postmoderne meint, da\u00df <em>der Chirurg leben mu\u00df<\/em>, um wahrnehmen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Komisch; mein subjektives Wirklichkeits-Bild kann noch so exotisch sein; das st\u00f6rt Sie \u00fcberhaupt nicht. Aber wehe mir, wenn ich annehme, es gelte objektiv oder f\u00fcr alle Subjekte gemeinsam \u2013 dann werden Sie munter . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; das stimmt nicht; Sie unterliegen einem Denkfehler; er besteht darin, <em>nicht zwischen &#8222;objektiv&#8220; und &#8222;vollst\u00e4ndig intersubjektiv&#8220; zu unterscheiden<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Physiker vereint die <em>Intersubjektivit\u00e4t ihrer fachlichen \u00dcberzeugungen<\/em>. W\u00e4hlen wir letztere weniger speziell, wird die Anzahl der Menschen, die sich intersubjektiv einig sind, noch gr\u00f6\u00dfer, und letztlich ist sogar <em>die vollst\u00e4ndige Intersubjektivit\u00e4t aller Menschen als ein asymptotischer Grenzfall<\/em> denkbar:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Alle Subjektivit\u00e4ten sind sterblich.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einer <em>Objektivit\u00e4t<\/em> gelangen wir auf diesem Wege jedoch nie,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; denn sie entspricht dem <em>subjektivit\u00e4ts-unabh\u00e4ngigem An-sich der Seienden,<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; das mit dem <em>100%-igen F\u00fcr-alle-Subjektivit\u00e4ten <\/em>aber auch gar nichts zu tun hat.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nur f\u00fcr die Tradition existiert der Tod an sich<\/em>; er ist ein Seiendes, und es l\u00e4\u00dft sich\u00a0\u2013 wie bei jedem Seienden \u2013 endlos dar\u00fcber spekulieren, was das wohl sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; habe nicht nur keine Ahnung davon, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; werde es auch nie erfahren, denn<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; mir begegnet kein objektiver Tod, denn<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; ich werde als Subjektivit\u00e4t sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie k\u00f6nnten also <em>v\u00f6llig problemlos von der gleichen subjektiven Wirklichkeit \u00fcberzeugt sein, wie alle anderen Subjektivit\u00e4ten auch<\/em>; jeder glaubt (an) den grasgr\u00fcnen Steinbei\u00dfer.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber selbst dann k\u00e4men keine objektiven Seienden vor; nur bei <em>ihnen werde ich &#8222;munter&#8220;<\/em>, weil sie widerspr\u00fcchlich sind: Die Seienden<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; existieren angeblich wirklich,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; befinden sich jedoh <em>au\u00dferhalb der Psyche<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211;<em> werden trotzdem erkannt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist kein Wunder, sondern Humbug!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Archilolos ist das Fragment &#8222;Der Fuchs wei\u00df viele Dinge, aber der Igel kennt eine gro\u00dfe Sache&#8220; \u00fcberliefert. 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