{"id":3963,"date":"2024-11-14T11:44:07","date_gmt":"2024-11-14T09:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=3963"},"modified":"2026-02-24T14:27:53","modified_gmt":"2026-02-24T12:27:53","slug":"2-4-5","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-der-traditionelle-ansatz-ta\/2-6\/2-4-5\/","title":{"rendered":"3.4.3.  Es gibt kein Abbilden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberschrift dieses Abschnitts ist f\u00fcr uns evident; ohne Seiende wird nat\u00fcrlich auch deren Abbilden hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber f\u00fcr traditionell Denkende ist eine solche Kritik irrelevant, weil sie von au\u00dfen kommt und damit an Voraussetzungen \u2013 eines anderen Weltbilds \u2013 gebunden ist, die sie nicht teilen. <em>Wir k\u00f6nnen jedoch auch innerhalb des traditionellen Modells zeigen, da\u00df es kein Abbilden gibt<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Damit bestreiten wir nat\u00fcrlich nicht unsere Wahrnehmungen, sondern lediglich, da\u00df sie<\/em><em> als Abbilder verstanden werden k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr jene bestehen\u00a0theoretisch zwei M\u00f6glichkeiten; sie k\u00f6nnten sowohl <em>den<\/em> <em>Urbildern<\/em> als auch <em>deren Abbildern <\/em>entsprechen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4ren uns <em>die Urbilder selbst in Form der Wahrnehmungen<\/em> gegeben<em>, best\u00e4nde diese ganze Thematik \u00fcberhaupt nicht,<\/em> denn wir ben\u00f6tigten weder ein Abbilden noch Abbilder oder eine Psyche daf\u00fcr.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Best\u00e4nden die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, so l\u00e4ge das Abbilden bereits hinter ihnen und uns. Weder wissen wir etwas davon, noch haben wir abgebildet, denn die Wahrnehmungen sind das Erste, das uns begegnet, oder das Urspr\u00fcngliche.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann war mein Satz &#8222;Best\u00e4nden die Wahrnehmungen dagegen in den Abbildern, . . .&#8220; nat\u00fcrlich etwas vorlaut: Woran erkennen wir das? Was unterscheidet urbildliche von abbildlichen Wahrnehmungen? <em>Da\u00df die Wahrnehmungen den Abbildern entsprechen<\/em>, kann nat\u00fcrlich stets gesagt werden, aber immer ist es eine pure Behauptung.<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bei beiden Denkm\u00f6glichkeiten<\/em> \u2013 Wahrnehmungen sind Ur- bzw. Abbilder \u2013 <em>gibt es also kein Abbilden. <\/em>Das eine Mal entf\u00e4llt es gemeinsam mit den Ab- und das andere Mal gemeinsam mit den Urbildern.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das pa\u00dft genau; eine Bild-Sorte fehlt immer, denn wir sehen nie doppelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich habe Ihnen nichts entgegenzusetzen; Ihre Argumentation erscheint auch mir als sehr stringent. Aber trotzdem kann ich nicht einfach &#8218;ja&#8216; sagen, weil meine Begr\u00fcndung \u00e4hnlich stark sein d\u00fcrfte:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe und sie ganz schnell \u00f6ffne, um ihn auszutricksen, gelingt mir das einfach nicht; ich sehe ihn immer. Da der Eiffelturm gewi\u00df nicht durch mein \u00d6ffnen der Augen entsteht, scheint nur eine Erkl\u00e4rung m\u00f6glich zu sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Ich stehe mit meinem K\u00f6rper vor dem Eiffelturm und schaue aus meiner Psyche heraus auf ihn.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Ob meine Augen offen oder geschlossen sind, merkt er nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. Damit ergibt sich wohl zwingend, <em>da\u00df meine Sehungen ein Abbild des Eiffelturms sein m\u00fcssen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich vermag beim besten Willen nicht zu sehen, was hieran falsch sein soll.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellen Sie sich bitte vor, der Eiffelturm sei ein riesiger Harzer K\u00e4se. Sie stehen davor und halten sich die Nase zu. Beim Entfernen der Hand kommt Ihnen ein starker Geruch entgegen; w\u00fcrden Sie dann folgenderma\u00dfen argumentieren?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Ich stehe mit meinem K\u00f6rper vor dem K\u00e4se-Eiffelturm und rieche aus meiner Psyche heraus auf ihn.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Ob meine Nase offen oder verschlossen ist, merkt er nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. Damit ergibt sich wohl zwingend, da\u00df meine Riechungen ein Abbild des K\u00e4se-Eiffelturms sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube das nicht; Riechungen lasen sich kaum als Abbilder verstehen; diese kommen nur bei Sehungen vor und st\u00f6ren sonst eher, wie wir oben bereits fstgestellt hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Denkfehler besteht meines Erachtens darin, <em>da\u00df Sie innerhalb des traditionellen Modells argumentieren; &#8222;Wenn ich mit geschlossenen Augen vor dem Eiffelturm stehe . . .&#8220; <\/em>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Sie dann auch abbilden; aber das sollte uns nicht sonderlich \u00fcberraschen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Postmodern k\u00f6nnen Sie nicht vor dem Eiffelturm stehen, weil es in diesem Modell weder ihn gibt noch Sie Ihr K\u00f6rper sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Einverstanden; <em>wenn ich von den Voraussetzungen der Tradition ausgehe, stellen sich nat\u00fcrlich auch deren Konsequenzen ein<\/em>, unsere Vorfahren waren ja nicht d\u00fcmmer als wir.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jetzt m\u00fc\u00dften Sie mir nur noch verraten, was\u00a0 ich korrigieren soll. Postmodern steht nicht mein K\u00f6rper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tradition unterscheidet <em>den Eiffelturm von seinen Sehungen<\/em>; allgemein <em>zwischen Seienden und Sehungen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Postmodern tritt an die Stelle dieser Differenz die Unterscheidung zwischen <em>potentiellen und aktualen Sehungen<\/em>; damit wird alles anders:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die potentielle Sehung namens &#8222;Eiffelturm&#8220; liegt immer vor und wird durch das \u00d6ffnen der Augen aktualisiert oder realisiert.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei geschlossenen Lidern verfehlen wir also <em>nicht den Eiffelturm<\/em>, den es postmodern ja gar nicht gibt, sondern <em>die potentiellen Eiffelturm-Sehungen<\/em>. Damit ist das \u00d6ffnen der Augen weder ein Abbilden noch ein Erzeugen, sondern lediglich ein Verwirklichen des immer schon M\u00f6glichen.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei uns existiert demzufolge . . .<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . kein Regenbogen, ohne da\u00df wir ihn sehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . keine Festigkeit, ohne da\u00df wir sie f\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . keine Anzahl, ohne da\u00df wir sie z\u00e4hlen oder berechnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . keine Materie, ohne da\u00df wir sie messen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . keine Seele, ohne da\u00df wir sie f\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . kein Geist, ohne da\u00df wir ihn erfahren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">. . . keine Offenbarung, ohne da\u00df wir sie glauben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es gibt nichts ohne uns, denn das w\u00e4re ein Seiendes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun konkret zu Ihrer Frage; postmodern steht nicht mein K\u00f6rper vor dem Eiffelturm, sondern . . .?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Aus dem Eiffelturm werden potentielle Wahrnehmungen<\/em>; aber es gibt noch viele weitere; das gesamte Marsfeld beispielsweise, die Wolken und der Himmel. <em>Ich bin also umgeben von einem Meer potentieller Wahrnehmungen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das d\u00fcrfte unproblematisch sein; aber wer ist &#8222;Ich&#8220;?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Begn\u00fcgen wir uns vorerst mit einer provisorischen Antwort:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ich bin die Schaltstelle an der entschieden wird, welche der potentiellen Wahrnehmungen realisiert werden sollen. <\/em>Ich kann die Augen schlie\u00dfen oder bestimmen, in welche Richtung ich schaue bzw, worauf mein Blick gerichtet ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00dcberschrift dieses Abschnitts ist f\u00fcr uns evident; ohne Seiende wird nat\u00fcrlich auch deren Abbilden hinf\u00e4llig. 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