{"id":3965,"date":"2024-11-19T10:35:10","date_gmt":"2024-11-19T08:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=3965"},"modified":"2026-02-24T22:43:44","modified_gmt":"2026-02-24T20:43:44","slug":"2-5-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-der-traditionelle-ansatz-ta\/3-2-1-hinterwelt-weltbild-weltbilder-welten\/2-5-3\/","title":{"rendered":"3.5.3.  Die Postmodernen sind nicht \u00fcberheblich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Auf der einen Seite kann ich Ihre Position, da\u00df die objektive Wirklichkeit wegen ihrer prinzipiellen Unerreichbarkeit lediglich eine willk\u00fcrlich behauptete Hinterwelt bildet, sehr gut verstehen und finde sie nahezu zwingend.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite will ich aber nicht glauben, da\u00df die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Menschen in Antike, Mittelalter und Moderne <em>das nicht gesehen haben soll<\/em> und wir letztlich auf die Postmoderne warten mu\u00dften, um es zu erkennen. Dann w\u00e4ren die <em>Postmodernen<\/em> die Krone der Menschheit, und das w\u00fcrde \u2013 so wie ich Sie verstehe \u2013 Ihren eigenen Intentionen diametral zuwiderlaufen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da gehen wir v\u00f6llig d&#8217;accord, und mir ist es wichtig, jeglichen Verdacht, ich k\u00f6nnte unsere Vorfahren als nicht sonderlich intelligent einsch\u00e4tzen, weit von mir zu weisen. Hiermit gewinnt Ihr Einwand jedoch nochmals an Gewicht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie ist es m\u00f6glich, da\u00df kritische Geister durch viele Jahrhunderte hindurch die offensichtliche Hinterwelt nicht als eine solche durchschauten und ablehnten, sondern als objektive Wirklichkeit glaubten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hat zum einen nichts mit Intelligenz zu tun, sondern damit, da\u00df Seiende vor der Aufkl\u00e4rung nicht nur die Urbilder waren \u2013 von denen auch bei uns allein die Rede war \u2013, sondern zugleich auch <em>als universales Paradigma fungierten<\/em>. <em>Man mu\u00dfte in Seienden denken<\/em>, weil es gar keine Alternative dazu gab, und konnte sie also nicht<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>von au\u00dfen bedenken<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>nicht hinterfragen, woher die Seienden kommen oder wie sie entstanden sind<\/em> bzw.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>mit uns Subjekten zusammenh\u00e4ngen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir sind nicht schlauer als unsere Vorfahren, aber uns stehen Denk-Werkzeuge zur Verf\u00fcgung, von denen sie nicht einmal tr\u00e4umen konnten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Einstein war auch nicht intelligenter als Newton; aber zum einen konnte er eine Mathematik f\u00fcr gekr\u00fcmmte R\u00e4ume nutzen, die Newton vielleicht f\u00fcr Teufelszeug gehalten h\u00e4tte, weil er (an) einen absoluten Raum gaubte. Zu anderen setzt ein solcher Vergleich Kriterien voraus, und wer verf\u00fcgt \u00fcber dergleichen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen waren Antike und Mittelalter zutiefst christlich gepr\u00e4gt und verstanden von daher den Menschen als Ebenbild Gottes. Diese Beziehung f\u00fchrte bei vielen der damaligen Philosophen oder Theologen zu der Annahme, da\u00df wir Menschen<em> am unendlichen Geist Gottes<\/em><em> teilhaben (k\u00f6nnen)<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Einzelne Denker warnten vor problematischen Vereinfachungen; Blaise Pascal zum Beispiel legte Wert auf die Feststellung, da\u00df es den Nous wohl geben mag, er aber nicht automatisch mit dem Gott des christlichen Glaubens gleichgesetzt werden d\u00fcrfe. \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unsere Vorfahren wu\u00dften<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nicht nur <em>von der objektiven Wirklichkeit<\/em>, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zugleich auch, <em>da\u00df sie diese Erkenntnis ihrem Gott verdankten <\/em>und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; niemals aus eigener Kraft h\u00e4tten erlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; konnte die objektive Wirklichkeit freilich auch guten Gewissens geglaubt werden,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; denn ihre Erkenntnis bedeutete keinen Widerspruch,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; so da\u00df es sich bei ihr auch nicht um eine Hinterwelt handelte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung hat uns aus diesem Wissens-Paradies versto\u00dfen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Konservative Traditionalisten<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; halten unsere Probleme durch ein vor-aufkl\u00e4rerisches Denken f\u00fcr l\u00f6sbar und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sehen den Weg zu ihm in einer Wiedererstarkung des Glaubens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube das nicht, denn das antik-mittelalterliche Denken <em>h\u00e4tte<\/em> <em>heute nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun, sondern w\u00e4re ganz simpel Naivit\u00e4t<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn Gl\u00e4ubige mit Atheisten diskutieren, sollte letzteren vor Staunen der Mund offenstehen; aber nicht wegen der verschrobenen \u00fcberholten Ansichten ihrer Gespr\u00e4chspartner, sondern wegen derer starken \u00dcberlegungen, in denen <em>ein Mehr-Wissen und keine Ignoranz<\/em> zum Ausdruck kommt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr ist es freilich wichtig, zwei Bedeutungen von &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;\u00a0 zu unterscheiden:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die eine ist ein historisches Ereignis, das ins 18. Jahrhundert geh\u00f6rt und nicht unwesentlich mit Kant verbunden ist. Das kann man pers\u00f6nlich ignorieren, f\u00fcr negativ halten, aber nicht ernstlich bestreiten \u2013 ohne unsere Sprachspiel-Gemeinschaft zu verlassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die zweite Bedeutung besteht in der <em>subjektiven Aufkl\u00e4rung, die sich nur als Praktik, Vollzug oder Ereignis im jeweiligen Jetzt verstehen l\u00e4\u00dft<\/em> und somit auch nicht datierbar ist. Diese Aufkl\u00e4rung kann man nicht hinter sich haben; sie geschieht jetzt, oder eben auch nicht. Sie hat mit der Kirche gemein, da\u00df sie nur als &#8222;semper reformanda&#8220; m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen also <em>nach der historischen Aufl\u00e4rung v\u00f6llig unaufgekl\u00e4rt leben<\/em>; so wie es auch <em>vor dem 18. Jahrhunter aufgekl\u00e4rte Menschen wie Jesus oder Lessing gab<\/em>, sofern wir die Aufkl\u00e4rung nicht auf ihren ratonalistischen oder Wissens-Aspekt verengen, sondern auf unser Leben beziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Auf der einen Seite kann ich Ihre Position, da\u00df die objektive Wirklichkeit wegen ihrer prinzipiellen Unerreichbarkeit lediglich eine willk\u00fcrlich behauptete Hinterwelt bildet, sehr gut verstehen und finde sie nahezu zwingend. 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