{"id":4201,"date":"2025-05-25T16:47:13","date_gmt":"2025-05-25T14:47:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4201"},"modified":"2026-07-08T20:18:45","modified_gmt":"2026-07-08T18:18:45","slug":"1-2-bewusstseinswandel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-2-bewusstseinswandel\/","title":{"rendered":"1.3.  Bewu\u00dftseinswandel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich verstehe die geistigen Turbulenzen der Gegenwart zu einem nicht unerheblichen Teil als Symptome eines epochalen Bewu\u00dftseinswandels, der uns \u2013 sofern wir ihn bew\u00e4ltigen \u2013 vom traditionellen Denken zum postmodernen f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ersteres geht davon aus, da\u00df <em>eine uns vorgegebene objektive Wirklichkeit<\/em> <em>existiert<\/em>, w\u00e4hrend <em>die Postmoderne<\/em> \u2013 wie wir sie im vorliegenden Buch verstehen \u2013 <em>dieses philosophische Glaubensbekenntnis ablehnt<\/em>. Ich bin aus den verschiedensten Gr\u00fcnden \u2013 die alle noch zu besprechen sind \u2013 fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df sich die Tradition hier im Unrecht befindet. <em>Im Verlaufe der Moderne sind die Ide<\/em>en bereits weitgehendst verschwunden, und <em>mit der Postmoderne folgen ihnen <\/em>meines Erachtens<em> die Seienden<\/em> nach.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielen Menschen graut vor einem solchen Bewu\u00dftseinswandel; ich sehne ihn jedoch herbei und hoffe auf sein Gelingen. Zwei Argumente f\u00fcr meine positive Sicht d\u00fcrften jetzt schon deutlich sein:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst wird unsere Zukunft \u2013 sofern wir sie denn erleben werden \u2013 zutiefst pluralistisch ausfallen und damit ein <em>hohes Ma\u00df an Toleranz<\/em> erfordern, was sich jedoch <em>kaum mit der Annahme einer objektiven Wirklichkeit vereinbaren l\u00e4\u00dft<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer diese zu wissen glaubt, wird sehr leicht <em>jede Gemeinschaft spalten<\/em>, weil er zu unterscheiden vermag zwischen Irrenden \u2013 Ungebildeten, B\u00f6sen, H\u00e4retikern, Feinden, . . . \u2013 und seinesgleichen, den &#8222;Rechtgl\u00e4ubigen&#8220; oder &#8222;Besserwissern&#8220; also.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spalten kann sogar <em>ausschlie\u00dflich derjenige, der die Wahrheit zu besitzen meint.\u00a0<\/em>Wer sich &#8222;nur&#8220; um sie bem\u00fcht, versteht nicht sich selbst als Ritter der Wahrheit und die anderen als Irrende.\u00a0Vielmehr sind sie mit ihm gemeinsam Suchende; nat\u00fcrlich auf einem anderen Weg, aber zum gleichen Ziel.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer um die Wahrheit k\u00e4mpft, unterteilt nicht in\u00a0<em>wahr bzw. unwahr,<\/em> sondern wei\u00df, da\u00df er<em> von jedem anderen lernen kann<\/em>, weil alle Leben einzigartig und s\u00e4mtliche Erfahrungen einmalig sind.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte <em>ich<\/em> Ihr Leben gelebt, w\u00e4re es <em>nicht besser verlaufen<\/em>, sondern <em>ich w\u00e4re Sie<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele traditionell denkende Konservative w\u00fcrden dies wieder als &#8222;<em>Relativismus der Wahrheit&#8220;<\/em> oder &#8222;<em>Diktatur des Relativismus&#8220; abschmettern<\/em>. Das beeindruckt mich aber gar nicht, weil ihr eigener Standpunkt<em> \u2013 mit dem Anspruch, die Wahrheit zu besitzen<\/em> \u2013 in meinen Augen <em>ausgesprochen<\/em> <em>\u00fcberheblich<\/em> ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Was hat die <em>Hochachtung vor der Wahrheit \u2013 die ich 100%-ig teile \u2013 mit der Anma\u00dfung zu tun, sie zu besitzen, \u2013 die ich als Gr\u00f6\u00dfenwahnsinn ablehne<\/em>?\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mu\u00df ich das, was ich begehre, <em>bereits<\/em>\u00a0<em>haben<\/em>, oder <em>darf ich es nicht haben, um es begehren zu k\u00f6nnen<\/em>? Kann man sich ernstlich Schokolade w\u00fcnschen, w\u00e4hrend sie bereits im Mund zerschmilzt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein zweites Argument f\u00fcr die Hoffnung auf einen Bewu\u00dftseinswandel hin zur Postmoderne besteht darin, da\u00df alles Entscheidende im Leben oder das, was uns letztlich zu Menschen macht, \u2013 Wahrheit, Verantwortung, Empathie, Verst\u00e4ndnis, Bildung, Glaube . . . \u2013 an <em>Freiheit gebunden ist<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese w\u00fcrde durch die Existenz einer objektiven Wirklichkeit jedoch <em>willk\u00fcrlich und v\u00f6llig unn\u00f6tig<\/em> begrenzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann k\u00f6nnte der Glaube beispielsweise keine Berge versetzen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer behauptet, er k\u00f6nne es, obwohl er selbst eine objektive Realit\u00e4t annimmt oder gar f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4lt, <em>legt kein beeindruckendes Zeugnis ab, sondern redet einfach Unsinn.<\/em> <em>Bei einem objektiv-realen Berg aus Dreck hilft kein Glauben, sondern nur Schaufeln, Baggern oder Sprengen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Glaube besteht nicht darin, fromm klingende Phrasen zu beteuern. Vielmehr geht es bei ihm darum, <em>&#8222;das eigene Leben im Licht der M\u00f6glichkeiten zu betrachten, die die Selbstoffenbarung Gottes uns zur Verf\u00fcgung stellt&#8220; <\/em>(Hans-Joachim H\u00f6hn). Wir m\u00fcssen uns entscheiden, ob wir beim Wiederholen leerer Worte stehenbleiben oder glauben wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte <em>ernstnehmen k\u00f6nnen, da\u00df der Glaube Berge zu versetzen vermag<\/em>, und sehe in der postmodernen Philosophie dadurch, da\u00df sie traditionelle Fehler aufdeckt, eine M\u00f6glichkeit, <em>dies sauber zu denken<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Seienden k\u00f6nnen wir nicht verantwortlich sein, denn sie sind unverf\u00fcgbar vorgegeben; bestenfalls liegt der Umgang mit ihnen in unserer Hand.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Entfallen die Seienden, verschwindet diese Grenze; wir k\u00f6nnen uns weder dahinter verstecken noch damit entschuldigen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich bin schuldig geworden, weil ich nicht get\u00f6tet habe, obwohl mein Gewissen mich dazu anhielt, um gr\u00f6\u00dferes Unheil zu verhindern.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unser Ansatz lie\u00dfe sich somit recht treffend als ein <em>&#8222;Versuch zur Philosophie der Freiheit&#8220;<\/em> verstehen. Keiner \u2013 nicht einmal Gott \u2013 kann f\u00fcr mich entscheiden; <em>ich selbst bin \u2013 diesbez\u00fcglich einsam und verlassen \u2013 ganz allein verantwortlich<\/em>.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ein Gewissen, das mich auffordert zu t\u00f6ten, mu\u00df irren; ich kann mich nur in dem Ma\u00dfe auf seine Vorgaben verlassen, wie es zu einem richtigen Gewissen gebildet wurde.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist eine sehr \u00fcbliche Argumentation in diesem Zusammenhang; aber ich w\u00fcrde ihr bzw. Ihnen trotzdem in zweierlei Hinsicht widersprechen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen geht es beim T\u00f6ten-Sollen nicht nur um Tyrannenmord, Notwehr, Krieg, den Schutz Dritter oder die Todesstrafe. Sie betreffen uns m\u00f6glicherweise alle nicht direkt; aber mit der flie\u00dfenden Grenze zwischen dem <em>beabsichtigten T\u00f6ten auf der einen Seite<\/em> und <em>dem unbeabsichtigten durch das Erleichtern oder Versch\u00f6nern des Lebens auf der anderen Seite<\/em> werden wir praktisch t\u00e4glich konfrontiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen nehme ich das Gewissen tats\u00e4chlich ernst:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne Seiende stellt es die h\u00f6chste mir zug\u00e4ngliche Instanz dar. Der Unterschied zwischen beiden ist freilich gewaltig: <em>Die Seienden sagen in ihrer Objektivit\u00e4t allen das Gleiche, w\u00e4hrend mein Gewissen nur zu mir spricht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich lebe ich nur wahrhaftig mit dem Eingest\u00e4ndnis, da\u00df dann <em>die Bildung des Gewissens zu meinen unbedingten Aufgaben geh\u00f6rt<\/em>. Aber wenn es die oberste Instanz f\u00fcr mich darstellt, <em>mu\u00df auch mein Gewissen selbst und letztlich ganz allein \u00fcber seine eigene Bildung entscheiden<\/em>. Es w\u00e4re insbesondere widerspr\u00fcchlich, diese Aufgabe &#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; der Bibel zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mit dem Willen Gottes (insofern dieser Begriff \u00fcberhaut sinnvoll gedacht werden kann) h\u00e4tte ich dagegen keinerlei Probleme; aber ihn erfahre ich eben h\u00f6chstens durch mein subjektives Gewissen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es r\u00e4t mir zum Beispiel meines Erachtens, mich ernstlich mit Religionskritikern auseinanderzusetzen, und erhebt keinen Einspruch, wenn ich Friedrich Nietzsche eine prophetische Sensibilit\u00e4t zuschreibe.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das macht unser Leben nicht unbedingt leichter, verhindert aber ein selbstgen\u00fcgsames Einrichten; zum Beispiel im angeblich &#8222;gottgef\u00e4lligen Trott&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht geh\u00f6rt es sogar zu den wichtigeren Inhalten des christlichen Glaubens, da\u00df <em>auch die fr\u00f6mmste Routine niemals gottgef\u00e4llig sein kann, weil es um die Zukunft geht, die keinen Trott gestattet, weil alles neu werden soll<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Schauen wir bitte noch einmal kurz zur\u00fcck; ich vermag nicht einzusehen, wieso die Toleranz kaum mit dem Glauben an eine objektive Wirklichkeit vereinbar sein soll.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist gar nicht schwer. Wer diesen Glauben teilt, <em>mu\u00df richtige Aussagen prinzipiell f\u00fcr m\u00f6glich halten, <\/em>n\u00e4mlich diejenigen, welche die (objektive Wirklichkeit der) Seienden ad\u00e4quat wiedergeben.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wird der Glaube an deren Existenz in einer Gesellschaft weitgehend geteilt<\/em>, kann somit jeder \u2013 Philosoph, Verschw\u00f6rungstheoretiker, Naturwissenschaftler, Theologe, Stammtischler, Politiker, Esoteriker . . . \u2013 wiederspruchsfrei behaupten, \u00fcber richtige Beschreibungen zu verf\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Begr\u00fcndungen sind v\u00f6llig <em>unn\u00f6tig<\/em>, denn mit dem Totschlag-&#8222;Argument&#8220;<em> &#8222;So ist es \u2013 basta&#8220;<\/em> wird jedes konstruktive Gespr\u00e4ch j\u00e4h abgebrochen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Irgendwie mu\u00df es einem solchen Denken zufolge ja sein<\/em>, und der Sprecher beansprucht lediglich, ein genaueres Wissen von den Seienden zu besitzen als wir. Hut ab!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es gibt traditionell kein zwingendes Argument gegen die Richtigkeit der Behauptung &#8222;So ist es \u2013 basta&#8220;, denn <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; die vorausgesetzte objektive Wirklichkeit schlie\u00dft nicht aus, da\u00df es tats\u00e4chlich gerade so ist<\/em>, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; da der Sprecher bei seinen Aussagen \u00fcber die Seienden notwendigerweise auf s\u00e4mtliche vern\u00fcnftigen Begr\u00fcndungen verzichten mu\u00df \u2013 da die Seienden ebenso unwirklich sind wie de Nicht-Seienden \u2013, existiert auch nichts, was man widerlegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich sind dann tausend verschiedene und sogar gegens\u00e4tzliche &#8222;<em>So <\/em>ist es&#8220; m\u00f6glich<em>;<\/em> der Redner behauptet einfach nur eines von ihnen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ist er stur, sind wir mit unserem Latein am Ende; wir glauben ihm zwar nicht \u2013 k\u00f6nnen aber trotzdem nach Hause gehen. Das wird daran am deutlichsten, da\u00df sein Basta-&#8222;Argument&#8220; <em>bei jedem &#8222;so&#8220;<\/em> erfolgreich vorgebracht werden kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">In der Postmoderne kann es dagegen nicht speziell <em>&#8222;so&#8220;<\/em> sein, weil es <em>gar nicht irgendwie<\/em> ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem traditionellen &#8222;So ist es \u2013 basta&#8220; wird postmodern ein &#8222;Ich bin der \u00dcberzeugung, da\u00df es sich folgenderma\u00dfen verh\u00e4lt . . ., und kann mir gegenw\u00e4rtig gar keine andere L\u00f6sung vorstellen&#8220;. Daf\u00fcr kann man geradestehen und vielleicht sogar eine Begr\u00fcndung hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei jener Behauptung dagegen ist der Redner, m\u00f6glicherweise ohne \u00fcberhaupt nachzudenken, nur der Schlaumeier, der nichts verantworten mu\u00df \u2013 er hat die Seienden schlie\u00dflich nicht fabriziert \u2013 und vielleicht ob seines Wissens bestaunt werden will.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Dagegen kann ich nicht viel vorbringen . . .<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Angenommen Sie h\u00e4tten Recht, und es g\u00e4be tats\u00e4chlich keine Seienden. Wie erkl\u00e4ren Sie sich dann unsere felsenfeste \u00dcberzeugung, \u00fcberall welche zu sehen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition kennt nur eine einzige Theorie des Sehens. Ihr zufolge existieren Seiende; eines von ihnen bin ich, und ein anderes sehe ich gerade. Gem\u00e4\u00df der gel\u00e4ufigen Wahrnehmungs-Theorie treffen einige der von diesem Seienden ausgehenden Lichtstrahlen auf meine Pupille, und so wird das Sehen m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das hei\u00dft,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wir verf\u00fcgen <em>unbestreitbar \u00fcber Sehungen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Da wir diese jedoch<em> nur mittels der Seienden erkl\u00e4ren k\u00f6nnen<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>sind wir<\/em> <em>\u00fcberzeugt,<\/em><em> in den Sehungen oder durch sie die Seienden zu erfahren<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Br\u00e4uchten wir f\u00fcr unsere Erkl\u00e4rung Musen oder Halbg\u00f6tter, w\u00fcrden die Sehungen eben<em>\u00a0deren Existenz<\/em> &#8222;beweisen&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das &#8222;zwingende Argument&#8220; f\u00fcr die Existenz der Seienden ist also <em>gar<\/em> <em>kein Argument, sondern pure Alternativlosigkeit <\/em>\u2013 und resultiert damit aus mangelnder Phantasie, Denkfaulheit, Desinteresse oder \u00e4hnlichem.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei einem wirklichen Argument verf\u00fcgen wir dagegen \u00fcber<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; mehrere Denkm\u00f6glichkeiten und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; m\u00f6glichst starke Gr\u00fcnde, deretwegen wir uns f\u00fcr eine von ihnen entscheiden &#8222;m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">J\u00fcrgen Habermas nannte dies <em>&#8222;den zwanglosen Zwang des besseren Arguments&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne letzteres entsteht der zwanghafte Zwang des gedankenlosen Plapperns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hieraus ergibt sich meines Erachtens auch <em>der entscheidende Grundgedanke<\/em> der Aufkl\u00e4rung:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Schlagt euch doch nicht mehr gegenseitig tot! Schwerter zu Gedanken!&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211;\u00a0 Besitzt mein Gegen\u00fcber die st\u00e4rkeren Argumente,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; dann gestehe ich das liebend gerne zu<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; und darf daf\u00fcr weiterleben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber auch ganz abgesehen davon <em>gestehe ich es wirklich liebend gerne zu<\/em>, weil<em> ich nicht Recht haben, sondern in meinem Denken weiterkommen will.<\/em> Und daf\u00fcr spielt es keine Rolle, <em>wer<\/em> die st\u00e4rkeren Argumente vorbringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wenn wir sagen &#8222;Das ist alternativlos&#8220; oder &#8222;zwingend&#8220;, &#8222;unm\u00f6glich&#8220; bzw. &#8222;absurd&#8220;, kann vern\u00fcnftigerweise nur gemeint sein &#8222;. . . <em>im Rahmen meines subjektiven Weltbilds<\/em>&#8222;. Aus dem traditionellen &#8222;so ist die Welt&#8220; wird postmodern &#8222;so sehe ich es in meinem Weltbild&#8220;, und wer das verinnerlicht hat, urteilt vorsichtiger.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Auf der einen Seite verstehe ich das; nat\u00fcrlich denkt, argumentiert, plant . . . jeder von uns nur innerhalb seines Weltbilds; das ist wohl zwingend.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite kann es jedoch <em>ohne Welt gar keine Weltbilder geben<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mit<\/em> ihr wird dagegen sogar die Subjektivit\u00e4t der Weltbilder verst\u00e4ndlich, auf die Sie so gro\u00dfen Wert legen. Jeder begeht beim Erkennen oder Abbilden der Welt andere Fehler, und dadurch erhalten wir differente Weltbilder.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber ohne Welt geht gar nichts!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da mu\u00df ich Ihnen widersprechen:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Ich bleibe dabei, da\u00df<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; es keine objektive Welt (der Seienden) gibt, aber<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; trotzdem jeder von uns sein subjektives Weltbild besitzt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Wir k\u00f6nnen letzteres sogar weiterhin wortw\u00f6rtlich verstehen: Das Weltbild ist<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; kein Abbild der Welt, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>das Bild, das sich eine Subjektivit\u00e4t notwendigerweise von ihrer Welt macht<\/em>, weil wir Menschen ohne \u2013 den Glauben an \u2013 eine subjektive Welt gar nicht leben k\u00f6nnten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. Deswegen mu\u00df dieser zweite Punkt auch f\u00fcr traditionell Denkende richtig sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie mi\u00dfverstehen ihre subjektive Konstruktion lediglich irrt\u00fcmlich als Abbild einer objektiv vorgegebenen Welt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die gewaltige \u00dcbereinstimmung zwischen den subjektiven Weltbildern innerhalb einer gemeinsamen Kultur scheint dies zu best\u00e4tigen, resultiert meines Erachtens aber lediglich aus Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit, Korpsgeist, Unwahrhaftigkeit, Denkfaulheit, Feigheit, Fremdenfeindlichkeit und \u00e4hnlichen Untugenden.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das traditionelle Weltbild ist also alles andere als ein Ruhmesblatt.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verstehe die geistigen Turbulenzen der Gegenwart zu einem nicht unerheblichen Teil als Symptome eines epochalen Bewu\u00dftseinswandels, der uns \u2013 sofern wir ihn bew\u00e4ltigen \u2013 vom traditionellen Denken zum postmodernen f\u00fchren k\u00f6nnte. 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