{"id":4238,"date":"2025-06-13T05:29:29","date_gmt":"2025-06-13T03:29:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4238"},"modified":"2026-03-09T14:11:01","modified_gmt":"2026-03-09T12:11:01","slug":"1-1-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/2-hinfuehrung-zum-thema\/1-1-1\/","title":{"rendered":"2.7.  Mein Leben als einzige Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir canceln die Seienden, aber nat\u00fcrlich nicht die Wirklichkeit, denn deren Abschaffen m\u00fc\u00dfte ja selbst ein Teil der Wirklichkeit sein und w\u00e4re somit widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Folglich ist f\u00fcr unseren Ansatz <em>eine andere Wirklichkeit n\u00f6tig.<\/em> Welche k\u00f6nnte das sein? Stehen wir damit vor einer \u00e4hnlichen Frage wie Descartes, als er die Philosophie neu begr\u00fcnden wollte?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Er suchte nach absolut sicherem Wissen, um auf diesem Fundament mit logischer Stringenz und damit unwiderleglich sein geistiges Geb\u00e4ude errichten zu k\u00f6nnen. Mit einem solchen Vorhaben k\u00f6nnen wir uns jedoch partout nicht identifizieren, weil die Richtigkeit unserer logischen Schlu\u00dffolgerungen postmodern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>vom jeweiligen Wirklichkeits-Bild abh\u00e4ngt<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>folglich stets subjektiv<\/em> ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise \u00fcberzeugt mich also mein Gedankengang total, und ich glaube damit, den Stein der Weisen gefunden zu haben, w\u00e4hrend Sie sich ob meiner Einfalt die Haare raufen. Es gibt keine Logik, die unsere Wirklichkeits-Bilder sprachunabh\u00e4ngig transzendiert; jedes &#8222;das ist zwingend&#8220; mu\u00df fortgesetzt werden mit &#8222;. . . in diesem Wirklichkeits-Bild&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist der Preis, den wir f\u00fcr unseren Verzicht auf Seiende zahlen (m\u00fcssen); anders formuliert:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition verf\u00fcgt angeblich \u00fcber ein unhinterfragbar festes Fundament, indem sie Seiende erfunden hat,die<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; vollkommen unabh\u00e4ngig von uns existieren,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; folglich auch nicht mit uns wechselwirken k\u00f6nnen, aber\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nichtsdestotrotz gewu\u00dft werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Das \u00fcberzeugt mich nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Den Kosmos gab es schon vor mir, denn ich wurde offensichtilch in ihn hineingeboren. Der Mond hat nicht auf mich gewartet; das w\u00e4re Ihr &#8218;vollkommen unabh\u00e4ngig von uns existieren&#8216;. Aber dann lag ich in meinem Wagen, und der Mond schien mir ins Gesicht, so da\u00df wir sehr wohl miteinander wechselwirken konnten.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Gedanke wirkt wohl sehr \u00fcberzeugend, enth\u00e4lt aber dennoch einen Fehler.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sowohl Mond als auch Mondschein befanden sich vor der Geburt nat\u00fcrlich au\u00dferhalb Ihrer Psyche. Nun sagen Sie, <em>f\u00fcr den Mond gelte das weiterhin, aber seine Strahlen k\u00e4men in der Psyche an<\/em>. Das hei\u00dft, <em>zwischen dem Mond und Ihnen m\u00fc\u00dfte sein Licht die Grenze Ihrer Psyche passieren<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wo liegt sie? Was haben diese knapp 400 000 km mit ihr zu tun?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mit dem Mond mu\u00df sich auch der Mondschein<\/em> \u2013 selbst nach Ihrer Geburt \u2013 <em>au\u00dferhalb der Psyche befinden<\/em>. Sie kommen als Seiendes zum Kosmos hinzu, sind aber allen anderen Seienden gegen\u00fcber so isoliert wie der Mond.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Seiende k\u00f6nnen nur<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>bestimmte Seiende<\/em> oder<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>mit sich selbst identisch<\/em> sein,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">weil sie v\u00f6llig isoliert oder &#8222;allein&#8220; sind.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit, nach der wir suchen und die postmodern an die Stelle der traditionellen Seienden treten soll, <em>kann also kein Wissen sein<\/em>; auch kein &#8222;todsicheres&#8220;. Was bleibt uns dann?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich sehe nur eine einzige M\u00f6glichkeit; jeder von uns mu\u00df f\u00fcr sich selbst antworten:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mein eigenes Leben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das eigene Leben ist f\u00fcr uns unbestreitbare Wirklichkeit, weil wir es selbst leben; vollkommen unabh\u00e4ngig davon, wie wir dies tun.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Weder ist es Wissen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; noch kann es Wissen von ihm geben, weil f\u00fcr uns gar keine Referenten existieren; insbesondere also auch keine vom eigenen Leben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Aber ich wei\u00df doch von meinem Leben; Geburtstag, Beruf, Wohnort, Partner usw.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Alles, was Sie in diesem Zusammenhang aufz\u00e4hlen k\u00f6nnten, geh\u00f6rt<em> zu Ihrer Biographie, gewi\u00df aber nicht zu Ihrem Leben<\/em>. Das sind letztlich zwei v\u00f6llig verschiedene Dinge:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mein Leben ist <em>wirklich und prinzipiell unwi\u00dfbar; es existiert nur in der ersten Person Singular.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meine Biographie ist <em>unwirklich, besteht allein in Wissungen und kann von jedermann gewu\u00dft werden.<\/em>\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Mit solchen Dualismen habe ich stets Schwierigkeiten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit meines Lebens kann doch nicht durch einen Cut vom unwirklichen Wissen getrennt sein; insbesondere m\u00fcssen auch <em>diese<\/em> beiden Seiten wie soeben der Mond und ich miteinander wechselwirken, um nicht &#8218;zwei getrennte Welten&#8216; zu bilden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist richtig. Die notwendige Wechselwirkung ergibt sich bei unserem Non-Dualismus daraus, da\u00df es <em>zur Wirklichkeit meines Lebens geh\u00f6rt, selbst \u00fcber das unwirkliche Wissen zu bestimmen<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich entscheide ganz allein<em>, was ich glaube und was nicht oder was ich als richtig bzw. falsch erachte, annehme resp. ablehne<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Entscheiden kann ich immer nur aktual oder jetzt. Mein Leben geht jedoch sehr weit \u00fcber das Jetzt hinaus; ich habe fr\u00fcher schon gelebt und tue dies hoffentlich auch sp\u00e4ter noch (ein St\u00fcckchen).<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Worin besteht dieser \u00dcberschu\u00df meines Lebens im Nicht-Jetzt?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vor meiner Antwort mu\u00df ich Ihnen ein wenig widersprechen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es gibt weder ein fr\u00fcheres noch ein sp\u00e4teres Leben, sondern nur das jetzige<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das &#8222;fr\u00fchere Leben&#8220; etwa ist vorbei; ich k\u00f6nnte also h\u00f6chstens noch von ihm wissen, Referenten gibt es jedoch nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Aber ich erinnere mich doch und wei\u00df zum Beispiel von meinem letzten Geburtstag!&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; Sie wissen nicht <em>von<\/em> Ihrem letzten Geburtstag \u2013 als einem Seienden \u2013, sondern <em>Ihren letzten Geburtstag<\/em> \u2013 als einem Aktanten.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit klingt meine Antwort vielleicht schon nicht mehr ganz unvern\u00fcnftig:<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>Wir leben allein im Jetzt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nicht nur absurd, sondern sogar unm\u00f6glich, weil widerspr\u00fcchlich wird das nat\u00fcrlich, wenn dieses Jetzt der traditionellen vergehenden Zeit angeh\u00f6ren soll; <em>das tut es nat\u00fcrlich keineswegs<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wir leben nicht in ihr<\/em>, sondern in einer ganz anders strukturierten Zeit, die im vierten Teil zentral werden wird; auch dann erst l\u00e4\u00dft sich das Jetzt verstehen.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich gehe davon, da\u00df wir diesen Unterschied zwischen Leben und Biographie noch in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einordnen werden und somit jetzt noch nicht alles verstehen m\u00fcssen. Aber ein Gegenargument scheint mir doch an dieser Stelle schon zwingend zu sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition ben\u00f6tigt eine objektive Realit\u00e4t, die sich praktisch unendlich in Raum und Zeit erstreckt. Das wollen Sie \u2013 verlustlos oder ohne alle Einbu\u00dfen \u2013 bei jeder Subjektivit\u00e4t auf deren eigenes Leben reduzieren?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kosmos <em>als solcher<\/em> \u00e4ndert sich beim \u00dcbergang von der Tradition zur Postmoderne nat\u00fcrlich nicht; er bleibt <em>so<\/em> gewaltig wie bisher, denn wir haben nicht vor, die Physik zu korrigieren. Aber trotzdem wird alles anders, weil sich die <em>Funktion<\/em> des Kosmos \u00e4ndert:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; Aus der objektiven Realit\u00e4t als dem Worin von mir als Subjekt i. e. S. wird <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; das physikalische Wissen von mir als einer Subjektivit\u00e4t<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich verstehe; die Physik interessiert uns gar nicht. Sie besteht in puren Wissungen; die bleiben unangetastet, und wir canceln nur ihre traditionellen Referenten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die von der Physik vorausgesagte Sonnenfinsternis beispielsweise tritt p\u00fcnktlich ein. Das ist ein Geschehen, das sich 100%-ig innerhalb unserer Wahrnehmungen sowie Wissungen abspielt und diese nicht im geringsten transzendiert. Weder kennt noch braucht die\u00a0 Physik Referenten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Das kann ich nachvollziehen, f\u00fchrt aber auf das n\u00e4chste Problem:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition glaubt, wir seien (abgesehen von dem in diesem Zusammenhang belanglosen &#8218;Innen&#8216;) unser K\u00f6rper und lebten folglich in der (objektiven) Welt. All das wird postmodern zum Wissen, das ich als Subjektivit\u00e4t besitze.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit stellt sich jedoch ganz grund-legend die Frage, wo bzw. worin ich lebe.&#8220;\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie ist falsch gestellt und damit sinnleer<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es mu\u00df nicht alles einen Ort haben; die entsprechende Annahme bildet ein \u00dcberbleibsel des traditionellen Denkens, demzufolge der Raum <em>das Gef\u00e4\u00df f\u00fcr &#8222;alles&#8220; darstellt<\/em>; selbst Gott mu\u00dfte oben oder im Himmel und der Teufel unten bzw. in der H\u00f6lle sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich rede mich damit nicht heraus; wir k\u00f6nnen auch nicht sinnvoll fragen, welche Farbe die Liebe hat, wie schwer die Sonne oder wie gro\u00df Gott ist; es gibt nicht nur falsche Antworten, sondern sogar falsche Fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Ihrer Frage k\u00f6nnen wir sogar recht genau sagen, weshalb sie falsch gestellt ist:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Der Raum entsteht erst durch das Sehen<\/em>, und dieses kommt allein uns Subjektivit\u00e4ten zu, so da\u00df wir selbst<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; weder <em>im Raum ausgedehnt sein <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; noch <em>uns darin befinden und <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>folglich auch nicht irgendwo leben k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Traditionell denkende Christen w\u00fcrden Ihre Frage m\u00f6glicherweise nicht nur als sinnvoll, sondern sogar als einen wunderbaren Ankn\u00fcpfungspunkt betrachten:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;<em>Wir leben in Gott&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube das auch und widerspreche nicht, m\u00f6chte aber unbedingt hinzuf\u00fcgen, da\u00df damit die Frage, wo wir leben, <em>gar nicht tangiert geschweige denn beantwortet w\u00fcrde<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir k\u00f6nnen niemals auf eine fachliche Frage mit einem Glaubensbekenntnis antworten<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df ich irgendwo nicht weiter wei\u00df, zeigt <em>die Grenzen meines Wirklichkeitsbilds<\/em>. Aber was hat sie mit Gott zu tun? Dann h\u00e4tte der Einf\u00e4ltigste den sichersten &#8222;Beweis&#8220; f\u00fcr die Existenz Gottes, weil er ihn laufend als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer f\u00fcr die ihm fehlenden vern\u00fcnftigen Antworten ben\u00f6tigt.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auch das gilt freilich f\u00fcr <em>jedes Seindes<\/em> und nicht nur f\u00fcr einen solchen Gott. Das hei\u00dft, <em>unser Streichen der Seienden ist kein philosphisches Glaubensbekenntnis, sondern dessen Zur\u00fccknahme<\/em> und damit eine Ent-t\u00e4uschung der traditionell Denkenden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Das ist alles nachvollziehbar, aber ich habe trotzdem noch Bauchschmerzen, wenn Sie <em>die gesamte Wirklichkeit auf das eigene subjektive Leben<\/em> beschr\u00e4nken, weil es doch in dasjenige vieler anderer Subjektivit\u00e4ten hineinspielt und umgekehrt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese Wechselwirkung zwischen den einzelnen Leben besteht nat\u00fcrlich, widerspricht aber der von mir vertretenen <em>reinen Subjektivit\u00e4t jedes Lebens<\/em> in keiner Weise. Ich kann das am besten anhand eines Gespr\u00e4chs zwischen uns beiden erkl\u00e4ren:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte Ihnen etwas mitteilen; worin es besteht, k\u00f6nnen Sie nicht wissen, denn dieser Inhalt<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; geh\u00f6rt nur meiner eigenen Psyche an und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; bewirkt ein ganz bestimmtes <em>Sagen<\/em> von mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tradition geht bis zu dieser Stelle mit, um dann fortzufahren:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich etwas sage, Sie darauf antworten usf., entsteht ein Gespr\u00e4ch, das sich aus dem abwechselnd Gesagten zusammensetzt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dem widersprechen wir, denn an dieser Stelle wechselt die Tradition \u2013 wahrscheinlich ohne es zu merken \u2013 <em>zur Schau des Nous<\/em>. <em>Nur f\u00fcr ihn gibt es<\/em> <em>dieses und jenes Gesagte<\/em>, <em>die sich zu einem Gespr\u00e4ch formen, das ein objektiv existierendes Seiendes bildet<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Wenn ich kurz unterbrechen darf:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der von Ihnen intendierte Wechsel der Wirklichkeit <em>von der objektiven Welt zum subjektiven Leben<\/em> entspricht also ganz einfach dem Verzicht auf den Nous sowie jeglichen Ersatz f\u00fcr ihn?&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ja; aber dieser traditionelle Perspektivenwechsel ist uns so in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen, da\u00df er selbstverst\u00e4ndlich zu sein scheint und deswegen zumeist unbemerkt bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Postmoderne erweist sich dagegen als viel sachlicher und verzichtet auf das traditionelle &#8222;Sein-Wollen wie Gott&#8220;:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mein Sagen f\u00fchrt bei Ihnen zu Verstehungen<\/em> \u2013 und ich habe keine Ahnung, welche es sind. Unser Verzicht auf den Nous bzw. das Gespr\u00e4ch als Seiendes bedeutet also, da\u00df wir drei verschiedene Entit\u00e4ten ben\u00f6tigen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. <em>Meine Intention <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie besteht in dem, <em>was ich Ihnen sagen wollte<\/em>, befindet sich nur in meiner Psyche und z\u00e4hlt zu meinen Wissungen. Es gibt nichts Gesagtes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. <em>Ihre Verstehung <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie bildet das glatte Gegenst\u00fcck dazu; besteht in dem, <em>was Sie verstanden haben<\/em>, befindet sich nur in Ihrer Psyche und z\u00e4hlt zu Ihren Wissungen. Es gibt nichts Geh\u00f6rtes.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. <em>Mein Sagen <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das ist die einzige Verbindung zwischen meiner Intention und Ihrer Verstehung<\/em>; von ihr d\u00fcrfte deutlich sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1.\u00a0 \u00a0Diese Verbindung <em>mu\u00df existieren<\/em>, denn sonst w\u00e4re Ihre Verstehung ausgeschlossen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2.\u00a0 \u00a0Au\u00dferhalb der &#8222;Innen&#8220; existieren traditionell nur Seiende, f\u00fcr uns also gar nichts.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3.\u00a0 Mein uns verbindendes Sagen kann folglich nur dem (mengentheoretischen) Durchschnitt unserer beiden &#8222;Innen&#8220; angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">4.\u00a0 \u00a0Wir hatten diese jeweils aus der Psyche und dem &#8222;Innen des Lebens&#8220; zusammengesetzt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">5.\u00a0 \u00a0Mein Sagen ist <em>weder eine Wahrnehmung noch eine Wissung<\/em> und geh\u00f6rt folglich Ihrem und meinem &#8222;Innen des Lebens&#8220;\u00a0 an.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">6.\u00a0 \u00a0Deren Durchschnitt \u00e4ndert jedoch nichts daran, da\u00df ich keinerlei Zugang zu Ihrem Leben habe und widerspricht nicht der Annahme, das eigene Leben bilde meine gesamte Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"width: 100%; border-collapse: collapse;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9467%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center;\"><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Ihr &#8222;Innen&#8220;<\/strong><\/span><\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">\u00a0mein &#8222;Innen&#8220;<\/span><\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 17.6267%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9467%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center; background-color: #fcfccc; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 17.6267%; text-align: center; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9467%; background-color: #d0fccc; text-align: center;\" rowspan=\"2\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Ihre Psyche<\/strong><\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\"><strong>Durchschnitt<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 17.6267%; background-color: #d0fccc; text-align: center;\" rowspan=\"2\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>meine Psyche<\/strong><\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\"><strong>\u00a0der beiden &#8222;Innen<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9467%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\"><strong>(des Lebens)&#8220;<\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 17.6267%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 51.1201%; text-align: center; background-color: #fcfccc;\" colspan=\"3\"><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>&#8222;Innen Ihres Lebens&#8220;<\/strong><\/span><\/td>\n<td style=\"width: 32.2134%; text-align: left;\" colspan=\"2\"><strong><span style=\"color: #ff0000;\">&#8222;Innen meines Lebens&#8220;<\/span><\/strong><\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9467%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.4267%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 18.7467%; text-align: center; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 14.5867%; text-align: center; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 17.6267%; text-align: center; border-color: #ed0505;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 16.6667%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Abbildung 2.5.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zusammengefa\u00dft:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir snd miteinander verbunden in unseren &#8222;Innen des Lebens&#8220;, kennen aber beide nur jeweils den Teil davon, der dem eigenen &#8222;Innen&#8220; bzw. Leben angeh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Jetzt verstehe ich auch, weshalb unsere Wissungen <em>tats\u00e4chlich keine Referenten ben\u00f6tigen<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen uns zwar nicht (mehr) an einer Welt als dem uns vorgegebenen Lebens-Raum orientieren, haben aber trotzdem <em>Verantwortung, Aufgaben oder Ziele<\/em>. <em>Das sind sogar traditionell Wissungen ohne Referenten;<\/em> letztere <em>sollen ja erst noch hervorgebracht werden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Kehrseite dieser Medaille besteht freilich darin, da\u00df wir <em>nicht nur f\u00fcr unsere Absichten, sondern f\u00fcr all unsere Wissungen<\/em> selbst verantwortlich sind; keine von ihnen ergibt sich aus &#8218;ihrem Referenten&#8216;.&#8220;\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das wird sogar verst\u00e4ndlich, wenn wir davon ausgehen k\u00f6nnen, da\u00df <em>s\u00e4mtliche Wissungen aus reflexiven oder pr\u00e4reflexiven Absichten hervorgehen<\/em> und unsere &#8222;normalen&#8220; Wissungen somit vergangenen, aber sedimentierten oder aufgehobenen Absichten entsprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir canceln die Seienden, aber nat\u00fcrlich nicht die Wirklichkeit, denn deren Abschaffen m\u00fc\u00dfte ja selbst ein Teil der Wirklichkeit sein und w\u00e4re somit widerspr\u00fcchlich. Folglich ist f\u00fcr unseren Ansatz eine andere Wirklichkeit n\u00f6tig. Welche k\u00f6nnte das sein? Stehen wir damit vor einer \u00e4hnlichen Frage wie Descartes, als er die Philosophie neu begr\u00fcnden wollte? Er suchte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":4328,"menu_order":7,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-4238","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4238"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4238\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}