{"id":4239,"date":"2025-06-13T05:31:47","date_gmt":"2025-06-13T03:31:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4239"},"modified":"2026-03-09T14:12:24","modified_gmt":"2026-03-09T12:12:24","slug":"1-1-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/2-hinfuehrung-zum-thema\/1-1-2\/","title":{"rendered":"2.2.  Existenz, Sein oder Da\u00df sind unverst\u00e4ndlich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Wenn die <em>Essenz, das Wesen oder Was<\/em> der Seienden in der Moderne zu unseren Begriffen wird, kann ich damit ganz gut leben; wieso die Idee der Planeten beispielsweise f\u00fcr deren physikalisch-materielle Realisierung notwendig sein soll, habe ich ohnehin nie verstanden.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Existenz, das Sein bzw. Da\u00df<\/em> ben\u00f6tigen wir postmodern gar nicht (mehr), denn sie geh\u00f6ren lediglich zu den Seienden, die wir streichen. Da\u00df sie traditionell den Nicht-Seienden fehlen, sehe ich auch ein; aber mir ist v\u00f6llig unklar, <em>was da eigentlich fehlt<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\">Da stehen Sie nicht allein;\u00a0<em>niemand versteht, was Existenz, Sein oder Da\u00df bedeuten sollen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alltag f\u00e4llt das nat\u00fcrlich nicht auf; jeder sieht ein, da\u00df wir zum B\u00e4cker gehen m\u00fcssen, wenn kein Brot mehr im Schrank \u2013 vorhanden \u2013 ist. Aber die Wirklichkeit der Welt oder die Existenz Gottes sind von einem ganz anderen Kaliber, und da l\u00e4\u00dft uns der Alltagsverstand im Stich, denn auch einen existierenden Gott w\u00fcrde sich wohl keiner von uns als im Himmel \u2013 vorhanden \u2013 seiend vorstellen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist verr\u00fcckt: Menschen streiten wegen der Existenz bzw. Nicht-Existenz Gottes \u2013 und <em>niemand versteht auch nur das, was er selbst sagt<\/em>!\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Seit zweieinhalb tausend Jahren bem\u00fchen sich die abendl\u00e4ndischen Denker <em>vergeblich <\/em>darum zu kl\u00e4ren,<em> was wir mit &#8222;Wirklichkeit&#8220; meinen<\/em>. Andere Bezeichnungen \u2013 wie &#8222;Sein&#8220;, &#8222;Existenz&#8220;, &#8222;Bestehen&#8220;, &#8222;Bestehen aus . . .&#8220; oder &#8222;. . . in . . .&#8220;, &#8222;Gegeben-&#8220; bzw. &#8222;Vorhandenheit&#8220; usw. \u2013 liefern keine Antworten, sondern bezeichnen das Fragliche lediglich um.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Dietrich Bonhoeffer h\u00e4tte also nicht sagen d\u00fcrfen &#8218;Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht&#8216;, denn dann ist Inexistenz nat\u00fcrlich auch unverst\u00e4ndlich?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Richtig; aber wir m\u00fcssen einsehen, da\u00df das nichts mit Gott zu tun hat; da\u00df Materie existiert oder auch nicht, versteht ebenfalls niemand.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele sehen in Leibniz&#8216; Frage &#8222;<em>Warum<\/em> ist \u00fcberhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?&#8220; das Grundproblem des traditionellen Denkens.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube jedoch, wir m\u00fc\u00dften diesbez\u00fcglich mindestens eine Ebene tiefer ansetzen:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Was soll es \u00fcberhaupt bedeuten<\/em>, da\u00df &#8222;etwas ist und nicht vielmehr nichts&#8220;?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nur wer diese Frage beantwortet hat<\/em>, kann sich sinnvoll der Leibnizschen zuwenden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ersteres steht aber noch aus, so da\u00df <em>die Tradition ihre eigene Grundvoraussetzung, da\u00df &#8222;die Seienden sind&#8220; (Parmenides), nicht versteht<\/em>. Sie streitet \u2013 <em>seinsvergessen<\/em> \u2013 dar\u00fcber, <em>welche Seienden<\/em> sind, ohne \u00fcberhaupt zu wissen, <em>was Seiende charakterisiert oder zu Seienden macht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df niemand wei\u00df, was Sein, Existenz oder Da\u00df bedeuten, ist f\u00fcr das traditionelle Denken nat\u00fcrlich eine Katastrophe; zum Gl\u00fcck m\u00fcssen wir das Problem nicht l\u00f6sen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gedanken erfreuten sich keiner sonderlichen Beliebtheit, weil sie nahezu unglaublich sind; ich wiederhole deshalb nochmals so kurz und pr\u00e4zise wie m\u00f6glich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zu den <em>Seienden<\/em> z\u00e4hlt per definitionem alles, was <em>ist<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber<em> sind<\/em> Gedanken, Zahlen, Leerstellen, Tr\u00e4ume, Hoffnungen, Widerspr\u00fcche, Wassertropfen oder die Nordhalbkugel der Erde?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Derartige Fragen erweisen sich nat\u00fcrlich als brennnend wichtig f\u00fcr die Tradition \u2013 lassen sich aber erst beantworten, <em>wenn wir wissen, was &#8222;ist&#8220; bedeutet<\/em>, das hei\u00dft,\u00a0 <em>nachdem die Definiton von Sein oder die Frage nach dem &#8222;Sinn von Sein&#8220; (Heidegger) beantwortet wurde<\/em>. Solange das nicht der Fall ist, lautet die &#8222;Definition&#8220; von soeben:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zu den <em>Seienden<\/em> z\u00e4hlt per definitionem alles, was . . . <em>?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten gesagt, da\u00df in Antike und Mittelalter <em>nicht nur die Essenz<\/em> des Seienden A, <em>sondern auch seine Existenz<\/em> anders ist als beim Seienden B. Wenn man so denken kann, da\u00df zu jenem die Existenz(A) ebenso geh\u00f6rt wie die Essenz(A), l\u00e4\u00dft sich vielleicht auch nachvollziehen, da\u00df <em>die Wirklichkeit(A) eines Seienden A damals zu seinen Eigenschaften z\u00e4hlte<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Krokodile beispielsweise haben 1000 Attribute; eines von ihnen besteht in<em> ihrer Existenz(K)<\/em> und dadurch <em>sind(K)<\/em> Krokodile (wirklich).<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Drachen besitzen ebenfalls 1000 Eigenschaften, aber das (Vorhanden-)Sein(D) befindet sich nicht darunter; deswegen <em>existieren(D) keine<\/em> Drachen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein solches Denken ist uns heute wohl kaum noch m\u00f6glich. Wir kennen weder existierendes noch nicht-existierendes Geld; das wollte Kant mit seinem Beispiel der &#8222;100 Taler&#8220; zeigen. Geld ist Geld \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob wir es besitzen oder vermissen; das ist <em>unser<\/em> Problem, und nicht das <em>des Geldes<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit entf\u00e4llt auch eine \u2013 vielleicht etwas simple, aber wohl gerade dadurch \u2013 weit verbreitete<em> Interpretation<\/em> des &#8222;ontologischen Gottesbeweises&#8220; (Anselm von Canterbury):<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein vollkommener Gott, der existiert, <em>hat mit seiner Existenz eine positive Eigenschaft mehr<\/em>, als exakt dieser gleiche &#8222;fast vollkommene&#8220; Gott, der lediglich nicht existiert.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Anselm definierte Gott &#8222;als das vollkommenste aller Wesen, \u00fcber das hinaus <em>nichts Vollkommeneres gedacht werden kann<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Angenommen wir denken uns ein gro\u00dfartiges und absolut perfektes Wesen, das (nahezu) keinen Makel besitzt \u2013 bis auf einen einzigen: Es existiert leider nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dann <em>ist es jedoch nicht das vollkommenste Wesen<\/em>, \u00fcber das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann, denn das gleiche Wesen w\u00e4re auch als existent denkbar.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott \u2013 als das vollkommenste Wesen, \u00fcber das hinaus tats\u00e4chlich <em>nichts<\/em> Vollkommeneres gedacht werden kann \u2013 <em>mu\u00df also<\/em> <em>notwendigerweise existieren<\/em>, denn ansonsten <em>w\u00e4re er nicht<\/em> das vollkommenste Wesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ist das f\u00fcr mich \u2013 und hoffentlich auch f\u00fcr Sie \u2013 kein Gottesbeweis:<\/p>\n<p class=\"Indent\">AD: &#8222;Wieso nicht?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Weil wir nicht an Seiende glauben, Anselm aber Gott als <\/em>\u2013 h\u00f6chstes oder &#8222;seiendstes&#8220; \u2013<em> \u00a0Seiendes voraussetzte<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das traditionelle Denken &#8222;von Jonien bis Jena&#8220; (Franz Rosenzweig), das hei\u00dft, von Parmenides bis Hegel sah bzw. sieht das nat\u00fcrlich anders und geht davon aus, da\u00df<em> die Wirklichkeit<\/em> \u2013 die Existenz, das Sein oder Da\u00df \u2013<em> mit dem Denken zusammenf\u00e4llt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Parmenides formulierte &#8222;denn dasselbe ist Denken und Sein&#8220;, w\u00e4hrend Hegel\u00a0 diese Identit\u00e4t in die Worte \u201eWas vern\u00fcnftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vern\u00fcnftig&#8220; fa\u00dfte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">H\u00f6chstens wer derartiges glaubt, kann mit Anselm <em>von der Logik auf die<\/em><em> Wirklichkeit<\/em> schlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir tun es nicht; das Logische geh\u00f6rt lediglich zu den Wissungen oder Begriffen und ist somit eine blo\u00dfe Konstruktion. Nicht unbedingt eine subjektive von mir pers\u00f6nlich; mit Sicherheit aber wurden die Wissungen oder Begriffe im Verlaufe der Menschheitsgeschichte generiert und uns als intersubjektives Kulturerbe \u00fcberliefert. Hans-Georg Gadamer spricht in diesem Zusammenhang von der <em>&#8222;Wirkungsgeschichte&#8220;<\/em>.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Dazu kommt au\u00dferdem noch, da\u00df mir Anselms Definition ohnehin mi\u00dff\u00e4llt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott stellt nicht &#8222;das vollkommenste aller Wesen dar, \u00fcber das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann&#8220;, sondern bestenfalls ein &#8222;Wesen&#8220;, <em>das vollkommener ist als alles, was gedacht werden kann<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Vielleicht gibt es Gott<\/em> \u2013 das mu\u00df <em>prinzipiell<\/em> offenbleiben \u2013<em>, Seiende aber gewi\u00df nicht<\/em>, weil sie \u2013 im Gegensatz zu Gott \u2013 widerspr\u00fcchlich sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer also (an) Gott glauben m\u00f6chte, darf ihn nicht als ein Seiendes denken; das wollte Bonhoeffer sagen.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Wenn die Essenz, das Wesen oder Was der Seienden in der Moderne zu unseren Begriffen wird, kann ich damit ganz gut leben; wieso die Idee der Planeten beispielsweise f\u00fcr deren physikalisch-materielle Realisierung notwendig sein soll, habe ich ohnehin nie verstanden.\u00a0 Die Existenz, das Sein bzw. 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