{"id":4364,"date":"2026-01-06T10:49:58","date_gmt":"2026-01-06T08:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4364"},"modified":"2026-08-24T14:06:07","modified_gmt":"2026-08-24T12:06:07","slug":"1-1-1-immanenz-und-transzendenz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-1-immanenz-und-transzendenz\/","title":{"rendered":"1.1.2.  Von Diesseits und Jenseits zu Immanenz und Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Sie hatten uns eingangs versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten und bringen kurz danach \u2013 f\u00fcr mich irritierend \u2013 ein Jenseits\u00a0 ins Spiel . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\">Das verschwindet auch sofort wieder!\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich benutze das Begriffspaar Diesseits \u2013 Jenseits <em>nur f\u00fcr das traditionelle Denken<\/em>, demzufolge die gesamte Wirklichkeit in diesem Sinne unterteilt werden kann. Da wir postmodern jedoch <em>s\u00e4mtliche<\/em> Seienden ablehnen, gibt es f\u00fcr uns kein Jenseits \u2013 aber nat\u00fcrlich auch kein traditonelles Diesseits. Das eine ist so hinterw\u00e4ldlerisch wie das andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erheben nicht den Anspruch, eine vorgegebene Wirklichkeit m\u00f6glichst ad\u00e4quat wiederzugeben, sondern suchen nach einem Weltbild, das unser Leben m\u00f6glichst zugleich erleichtert und vertieft. Wird daran zwischen Immanenz und Transzendenz unterschieden, so haben diese beiden Begriffe eine v\u00f6llig andere Bedeutung als ihre traditionellen Pendants:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir behaupten nicht, es g\u00e4be eine der Immanenz entzogene Transzendenz. Das w\u00e4re auch mehr als leichtsinnig, denn die damit zwangsl\u00e4ufig provozierte Frage, woher wir von einer solchen Transzendenz wissen wollen, f\u00fchrt uns in Teufels K\u00fcche, wie die j\u00fcngere Gestesgeschichte beweist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielmehr verf\u00fcgt jeder von uns \u00fcber ein subjektives Weltbild, auf dessen Grundlage er sein Leben gestaltet. Die Fragen, ob jenes<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>neben der notwendigen Immanenz eine Transzendenz enth\u00e4lt<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>worin diese gegebenenfalls besteht<\/em>,\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sind vollkommen offen und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; werden allein vom Weltbild selbst beantwortet.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht dient es dem Verst\u00e4ndnis, den \u00fcberzeugten Atheisten sowie den traditionell Denkenden als die beiden asymptotischen Grenzf\u00e4lle unserer Transzendenz zu verstehen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Atheist ben\u00f6tigt letztere gar nicht; er lebt aus der festen \u00dcberzegung, da\u00df sich ausnahmslos alles immanent erkl\u00e4ren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Traditionalisten dagegen besteht (auch) die Transzendenz aus Seienden; sie kann folglich gewu\u00dft werden und wird damit zum Jenseits. Der Traditionalist selbst verf\u00fcgt \u00fcber ein mehr oder weniger gro\u00dfes Wissen davon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Was ist besser?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Als Gl\u00e4ubiger k\u00f6nnen Sie kaum den Atheisten favorisieren, m\u00f6gen den Traditionalisten aber ebenfalls nicht sonderlich . . .&#8220;\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ihre Frage ist falsch gestellt, weil es meines Erachtens letztlich absolut nicht um unser Weltbild geht.\u00a0Nat\u00fcrlich ist es \u00fcberaus wichtig, weil unsere Lebensweise ganz massiv vom Weltbild abh\u00e4ngt. Aber dennoch kann es nur sekund\u00e4r sein, <em>weil allein unser Leben wichtig ist<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich schlie\u00dfe, anschaulich gesprochen, jeden Gott aus, der uns fragt &#8222;Was hast du geglaubt&#8220;, gegebenenfalls H\u00e4kchen anbringt und dann zusammenz\u00e4hlt, ob ihre Summe f\u00fcr den &#8222;Himmel&#8220; ausreicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne jegliches Gericht ist unser Leben nach meinem Daf\u00fcrhalten aber ebenfalls ausgeschlossen.<\/p>\n<p class=\"Indent\">AD: &#8222;Oh! Das hatte ich nicht erwartet!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Doch;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zum einen geht es dabei jedoch allein <em>um unser Leben, aber nicht darum, was wir glauben<\/em>, und\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zum anderen kann ich nat\u00fcrlich nur von einem Gericht sprechen, wie es <em>in meinem Weltbild<\/em> vorkommt. Das ist jedoch <em>kein Straf-, sondern ein Vers\u00f6hnungsgericht<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es mu\u00df unter anderem daf\u00fcr sorgen, da\u00df ein Folterer und sein Opfer danach in einem inneren Frieden zusammenleben k\u00f6nnen. Ein &#8222;Himmel&#8220; mit &#8222;ich k\u00f6nnte dem . . .&#8220; bzw. &#8222;Ich verzeihe dem nicht, da\u00df . . .&#8220; scheint mir unm\u00f6glich zu sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ohne Seiende gibt es die traditionelle Zeit ebenfalls nicht, so da\u00df die Transzendenz auch weder Anfang noch Ende kennt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die einzig-entscheidende Frage, die wir diesbez\u00fcglich beantworten m\u00fc\u00dften, besteht also darin, ob sich <em>die Immanenz selbst tr\u00e4gt<\/em> oder <em>eines transzendenten Grundes bedarf<\/em>.\u00a0<em>Um ihn allein geht es letztlich<\/em>; dieser Grund hat aber auch gar nichts mit einer Ursache zu tun.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied zwischen Grund und Ursache sowie die Bedeutung des ersteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, da\u00df dem vormodernen Denken zufolge <em>ohne den Grund \u2013 die Ideen \u2013 auch keine Wahrheit<\/em> existieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu k\u00f6nnen, mu\u00dfte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Ma\u00dfstab \u2013 des Bauplans \u2013, ist keine begr\u00fcndete Wertung m\u00f6glich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Fa\u00e7on: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sokrates stellte f\u00fcr Platon die <em>personifizierte<\/em> \u2013 Idee der \u2013 <em>Gerechtigkeit<\/em> dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich und eine hinreichende \u00c4hnlichkeit zwischen beiden feststellte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sollten Sie jetzt bedenklich die Stirn runzeln, gehen wir wahrscheinlich vollkommen d&#8217;accord:<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>Wie kann eine rein geistige Idee mit der praktischen Lebensf\u00fchrung verglichen werden<\/em>?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen derartige Fragen zum Gl\u00fcck nicht beantworten, denn mit der Moderne \u2013 und ganz in unserem Sinne \u2013 wurden die g\u00f6ttlichen Ideen zu Begriffen und damit blo\u00dfen Denkwerkzeugen verweltlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die materiellen K\u00f6rper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise k\u00f6nnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den seienden Planeten konkrete Gestalt an oder verk\u00f6rpert sich darin \u2013 ganz \u00e4hnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Platon war diesbez\u00fcglich so konsequent, da\u00df er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls w\u00fcrden diese Dinge ja seines Erachtens <em>gar nicht<\/em> existieren (k\u00f6nnen); aber <em>durch die entsprechenden Ideen gibt es nun <\/em>\u2013 analog zur Gerechtigkeit \u2013<em> sogar wahre <\/em>Bettgestelle und <em>wahren<\/em> Schmutz bzw. Kot.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der &#8222;wahren Liebe&#8220;, dem &#8222;wahren Freund&#8220; oder &#8222;Helden&#8220; wirkt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von besonderem Interesse f\u00fcr unsere weiteren \u00dcberlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Ideen sind identisch(I), und das hei\u00dft sowohl ewig als auch unver\u00e4nderlich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nur auf ihrer Grundlage l\u00e4\u00dft sich zum Beispiel sinnvoll sagen, da\u00df zu Zeiten der Sauriere auf der Erde keine Menschen lebten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Seiende sind dagegen nur identisch(S).<\/p>\n<p class=\"Indent\">Fast alle Seienden<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8212; existieren nur eine bestimmte Zeit und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8212; k\u00f6nnen sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott mu\u00df als Seiendes gewi\u00df ewig gedacht werden, um seiner Funktion gerecht werden zu k\u00f6nnen; aber ich sehe keine Grund, f\u00fcr die weitgehendst vorausgesetzte Unver\u00e4nderlichkeit Gottes.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Hieran wird nochmals sehr sch\u00f6n deutlich, da\u00df wir <em>Identit\u00e4t(S)<\/em> und<em> Unver\u00e4nderlichkeit<\/em> sauber voneinander unterscheiden\u00a0m\u00fcssen. Die beiden haben nichts miteinander zu tun, denn die Unver\u00e4nderlichkeit ist lediglich <em>der asymptotische Grenzfall einer \u00c4nderung mit dem Wert 0<\/em> und geht somit kontinuierlich in sie \u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Grundgedanken ewig identischer Ideen hat das traditionelle Denken bis heute beibehalten:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; &#8222;Ewig-identische&#8220; Naturgesetze<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; bestimmen wie &#8222;ewig-identische&#8220; Elementarteilchen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sich gem\u00e4\u00df einer &#8222;ewig-identischen&#8220; Evolution<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in der &#8222;ewig-identischen&#8220; Raum-Zeit bewegen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne derartige Annahmen w\u00e4re der Gedanke, wir k\u00f6nnten von unserem speziellen Hier und Jetzt aus die gesamte Wirklichkeit verstehen, \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nur wenn die Explosion eine ewig-identische Idee ist, k\u00f6nnen wir verstehen, da\u00df es vor 13, 6 Milliarden Jahren einen Urknall gegeben haben soll. Wann und wo eine konkrete Explosion tats\u00e4chlich <em>erfolgt<\/em>, spielt dann \u00fcberhaupt keine Rolle; es <em>ist<\/em> ja immer das Gleiche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Sie hatten uns eingangs versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten und bringen kurz danach \u2013 f\u00fcr mich irritierend \u2013 ein Jenseits\u00a0 ins Spiel . . .&#8220; Das verschwindet auch sofort wieder!\u00a0 Ich benutze das Begriffspaar Diesseits \u2013 Jenseits nur f\u00fcr das traditionelle Denken, demzufolge die gesamte Wirklichkeit in diesem Sinne unterteilt werden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":4114,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-4364","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4364"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4364\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4114"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}