{"id":4364,"date":"2026-01-06T10:49:58","date_gmt":"2026-01-06T08:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4364"},"modified":"2026-03-14T18:42:20","modified_gmt":"2026-03-14T16:42:20","slug":"1-1-1-immanenz-und-transzendenz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-1-immanenz-und-transzendenz\/","title":{"rendered":"1.1.1.  Immanenz und Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Sie hatten uns oben versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten \u2013 und nun kommt aus heiterem Himmel pl\u00f6tzlich eine Transzendenz\u00a0 ins Spiel, mit der die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen k\u00f6nnen. Das klingt hinterw\u00e4ldlerisch und ist es wohl auch . . .&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sofern Sie damit lediglich sagen wollen, <em>wir w\u00fc\u00dften nicht<\/em>, worin die Transzendenz besteht und ob man das \u00fcberhaupt wissen <em>kann<\/em>, gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Aber die Schlu\u00dffolgerungen, die sich daraus f\u00fcr mich ergeben, zielen scheinbar eher in die entgegengesetzte Richtung als bei Ihnen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich halte die Frage, woher die Welt stammt, weder f\u00fcr dumm oder naiv noch f\u00fcr uninteressant. Oben sollte kurz angedeutet werden, da\u00df sie bis heute nicht befriedigend beantwortet werden konnte. Nahezu alle uns bekannten Kulturen haben sich an ihr abgearbeitet und nicht zuletzt deshalb h\u00e4ufig einen Gott bzw. Himmel, ein Reich der Ahnen, Paradies oder Jenseits postuliert; die Namen tun nichts zur Sache.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen eine solche Transzendenz vorerst weder erkl\u00e4ren noch beschreiben. Aber <em>gerade wenn ich<\/em>, wie Sie formuliert haben,<em> &#8222;m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken verzichten&#8220; m\u00f6chte<\/em>, darf ich die Existenz einer solchen Transzendenz<em> auch nicht leugnen<\/em>, <em>denn das w\u00e4re ebenfalls ein unbegr\u00fcndeter Gedanke<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Existenz des Unbekannten mu\u00df offenbleiben wie dieses selbst und darf nur in dem Ma\u00dfe bejaht oder verneint werden, wie wir auch das ehemals Unbekannte verstanden haben; nur so ist ein seri\u00f6ses Entscheiden m\u00f6glich.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dem entgegengerichtete Satz &#8222;Was ich nicht verstehe, kann unm\u00f6glich existieren&#8220; zeugt weder von Bescheidenheit noch von Intelligenz.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht zeigt sich bald, da\u00df die Frage nach dem Woher der Welt tats\u00e4chlich dumm, weil falsch gestellt ist. Aber auch das m\u00fc\u00dfte sich erst im Gefolge unserer \u00dcberlegungen ergeben und kann von einem philosophischen, das hei\u00dft, offenen Denken unm\u00f6glich vorausgesetzt werden.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;So verstanden, w\u00fcrde ich mit Ihnen d&#8217;accord gehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber die alten Griechen <em>konnten es gar nicht so verstehen<\/em>, weil sie einen ewig-identischen Kosmos vorausgesetzt haben, womit sich die Frage nach seinem Entstehen er\u00fcbrigte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist richtig; ich habe meine letzten Gedanken der Einfachheit halber etwas unsauber formuliert und korrigiere mich nun:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unabh\u00e4ngig von der sekund\u00e4ren Frage, ob die Welt einen Anfang (und ein Ende) besitzt oder nicht, <em>mu\u00df es einen Grund f\u00fcr ihre Existenz geben<\/em>, und<em> er <\/em>ist es letztlich, wonach wir suchen. <em>Dieser Grund hat aber auch gar nichts mit der Ursache<\/em> \u2013 f\u00fcr den zeitlichen Anfang \u2013 <em>der Welt zu tun<\/em>. Er ist das Prim\u00e4re, und ohne den transzendenten Grund gibt es keine immanente Welt \u2013 weder mit noch ohne Anfang oder Ende.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied zwischen Ursache und Grund sowie die Bedeutung des letzteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, da\u00df dem traditionellen Denken zufolge <em>ohne den Grund auch keine Wahrheit<\/em> existieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu k\u00f6nnen, mu\u00dfte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Ma\u00dfstab \u2013 des Bauplans \u2013, ist keine begr\u00fcndete Wertung m\u00f6glich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Fa\u00e7on: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nach traditionellem Verst\u00e4ndnis<\/em><em> kann es ohne die Ideen also auch keine Wahrheit geben<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sokrates stellte f\u00fcr Platon die <em>personifizierte<\/em> \u2013 Idee der \u2013 <em>Gerechtigkeit<\/em> dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich \u2013 wie auch immer er dies bewerkstelligt haben mag \u2013, und <em>die \u00c4hnlichkeit der beiden Seiten best\u00e4tigte ihm seine diesbez\u00fcgliche Einsch\u00e4tzung des Sokrates<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ideen sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die materiellen K\u00f6rper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise k\u00f6nnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den Planeten konkrete Gestalt an oder verk\u00f6rpert sich darin \u2013 ganz \u00e4hnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Platon war diesbez\u00fcglich so konsequent, da\u00df er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls w\u00fcrden diese Dinge ja seines Erachtens <em>gar nicht<\/em> existieren; aber <em>durch die entsprechenden Ideen gibt es nun <\/em>\u2013 analog zur Gerechtigkeit \u2013<em> sogar wahre <\/em>Bettgestelle und <em>wahren<\/em> Schmutz bzw. Kot.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der &#8222;wahren Liebe&#8220;, dem &#8222;wahren Freund&#8220; oder &#8222;Helden&#8220; hallt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von besonderem Interesse f\u00fcr unsere weiteren \u00dcberlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei den Ideen der Transzendenz k\u00f6nnen wir uns diesbez\u00fcglich kurzfassen: Sie sind \u2013 wie der traditionelle Gott \u2013 gar nicht in der Zeit und m\u00fcssen somit identisch sein. Die Gerechtigkeit beispielsweise ist eine ewige Idee; sie bildet f\u00fcr Sokrates und Mutter Theresa exakt das gleiche Ideal.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Seienden k\u00f6nnen sich offensichtlich ver\u00e4ndern; Moritz w\u00e4chst, das Wasser flie\u00dft, oder die Sonne geht auf und unter.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">An dieser Gegen\u00fcberstellung wird bereits deutlich da\u00df wir <em>Identit\u00e4t und Unver\u00e4nderlichkeit sauber voneinander unterscheiden<\/em> m\u00fcssen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstere kommt der traditionellen Transzendenz zu; <em>ihre Zeitlosigkeit befindet sich jenseits von \u00c4nderungen oder Nicht-\u00c4nderungen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Seienden geh\u00f6ren dagegen der vergehenden Zeit an. Das bedeutet, da\u00df sie sich \u00e4ndern <em>k\u00f6nnen <\/em>\u2013 aber nat\u00fcrlich keineswegs<em> m\u00fcssen<\/em>. Tun sie es nicht, werden die Seienden dadurch jedoch <em>nicht identisch<\/em>, sondern sie sind einfach nur <em>unver\u00e4nderlich<\/em>. Das ist partout nichts Besonderes, sondern lediglich <em>der asymptotische Grenzfall einer \u00c4nderung mit dem Wert 0<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein Apfel wird rot oder bleibt gr\u00fcn; gewi\u00df ist er nicht ewig-identisch.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Die Immanenz kann nicht identisch, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die Transzendenz nicht unver\u00e4nderlich sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer letzteres von Gott annimmt, denkt ihn nach dem Modell eines Granitblocks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Sie hatten uns oben versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten \u2013 und nun kommt aus heiterem Himmel pl\u00f6tzlich eine Transzendenz\u00a0 ins Spiel, mit der die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen k\u00f6nnen. 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