{"id":4364,"date":"2026-01-06T10:49:58","date_gmt":"2026-01-06T08:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4364"},"modified":"2026-07-11T14:28:19","modified_gmt":"2026-07-11T12:28:19","slug":"1-1-1-immanenz-und-transzendenz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-1-immanenz-und-transzendenz\/","title":{"rendered":"1.1.2.  Von Diesseits und Jenseits zu Immanenz und Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Sie hatten uns oben versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten \u2013 und nun kommt aus heiterem Himmel pl\u00f6tzlich ein Jenseits\u00a0 ins Spiel, mit dem die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen k\u00f6nnen. Das klingt hinterw\u00e4ldlerisch und ist es wohl auch . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen an dieser Stelle etwas langsamer vorgehen, weil sie mit m\u00f6glichen Mi\u00dfverst\u00e4ndissen gespickt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich benutze das Begriffspaar Diesseits \u2013 Jenseits <em>nur f\u00fcr das traditionelle Denken<\/em>, das stets auf den Seienden basiert. Wir lehnen letztere ab, womit das Dieseits freilich ebenso entf\u00e4llt wie das Jenseits.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auch die postmoderne, nicht aus Seienden zusammengesetzte Wirklichkeit kann nat\u00fcrlich \u00fcber alles Wi\u00df-, Verf\u00fcg- oder Wahrnehm- und vielleicht sogar Vorstellbare hinausgeen. Eine solche M\u00f6glichkeit l\u00e4\u00dft sich einerseits nicht nonchalant von der Hand weisen, <em>mu\u00df jedoch andererseits nicht im Sinne der Tradition verstanden werden<\/em>. Wir vermitteln beide Seiten und wechseln deshalb <em>von der traditionellen Gegen\u00fcberstellung &#8222;Diesseits oder Jenseits&#8220; zur postmodernen von &#8222;Immanenz oer Transzendenz&#8220;<\/em>.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;M\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten&#8220;<\/em>, wie Sie es formuliert haben, bedeutet, <em>f\u00fcr eine postmoderne Transzendenz offen zu sein<\/em>, denn sie<em> von vornherein zu bestreiten,<\/em><em>\u00a0w\u00e4re ebenfalls ein unbegr\u00fcndeter Gedanke<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich verstehe nicht, wovon du sprichst, wei\u00df aber, da\u00df es das nicht gibt&#8220; wirkt nicht unbedingt \u00fcberzeugend.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ohne Seiende entf\u00e4llt nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit, denn diese mu\u00df traditionell ebenfalls ein Seiendes darstellen, das notwendigerweise<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; entweder selbst der Welt angeh\u00f6rt oder<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die Sph\u00e4re bildet, in der sich die Welt befindet.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit er\u00fcbrigt sich die Frage nach dem Anfang f\u00fcr uns, und ich wei\u00df gar nicht recht, weshalb Sie im vorigen Kapitel \u00fcberhaupt darauf eingegangen sind.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das stimmt; ich habe meine Gedanken dort der Einfachheit halber zun\u00e4chst etwas unsauber formuliert und korrigiere mich nun:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unabh\u00e4ngig von der v\u00f6llig sekund\u00e4ren Frage, ob die Immanenz einen Anfang (und ein Ende) besitzt oder nicht, stehen wir vor der folgenden Alternative:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Entweder <em>die Immanenz tr\u00e4gt sich selbst<\/em>, oder<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>sie verdankt sich einem transzendenten Grund<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Um ihn geht es letztlich<\/em>; dieser Grund hat aber auch gar nichts mit einer Ursache \u2013 f\u00fcr den zeitlichen Anfang \u2013 der Immanenz zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied zwischen Ursache und Grund sowie die Bedeutung des letzteren zeigen sich vielleicht besonders deutlich an der Einsicht, da\u00df dem traditionellen Denken zufolge <em>ohne den Grund \u2013 die Ideen \u2013 auch keine Wahrheit<\/em> existieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um Sokrates als gerecht und Protagoras als ungerecht beurteilen zu k\u00f6nnen, mu\u00dfte Platon wissen, worin die Gerechtigkeit besteht oder ihre Idee kennen. Fehlt dieser objektive Ma\u00dfstab \u2013 des Bauplans \u2013, ist keine begr\u00fcndete Wertung m\u00f6glich. Urteilen wir dennoch, so geschieht dies rein subjektiv nach unserer eigenen Fa\u00e7on: jeder sieht es eben so, wie er es sieht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sokrates stellte f\u00fcr Platon die <em>personifizierte<\/em> \u2013 Idee der \u2013 <em>Gerechtigkeit<\/em> dar, weil sie in ihm Gestalt angenommen oder sich verleiblicht hatte. Platon erkannte das, indem er das Leben des Sokrates mit der Idee der Gerechtigkeit verglich und eine hinreichende \u00c4hnlichkeit zwischen beiden feststellte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sollten Sie jetzt bedenklich die Stirn runzeln, gehen wir wahrscheinlich vollkommen d&#8217;accord:<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>Wie kann eine rein geistige Idee mit der praktischen Lebensf\u00fchrung verglichen werden<\/em>?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen derartige Fragen zum Gl\u00fcck nicht beantworten, denn mit den Seienden werden f\u00fcr uns nat\u00fcrlich auch deren Baupl\u00e4ne, die Ideen, hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese sind der antiken und mittelalterlichen Tradition zufolge nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die materiellen K\u00f6rper des physikalischen Kosmos erforderlich. Ohne die Idee der Planeten beispielsweise k\u00f6nnte es letztere nicht geben; sie nimmt in den Planeten konkrete Gestalt an oder verk\u00f6rpert sich darin \u2013 ganz \u00e4hnlich wie die Gerechtigkeit in Sokrates.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Platon war diesbez\u00fcglich so konsequent, da\u00df er auch eine Idee des Bettgestells, Schmutzes oder Kots annahm. Andernfalls w\u00fcrden diese Dinge ja seines Erachtens <em>gar nicht<\/em> existieren (k\u00f6nnen); aber <em>durch die entsprechenden Ideen gibt es nun <\/em>\u2013 analog zur Gerechtigkeit \u2013<em> sogar wahre <\/em>Bettgestelle und <em>wahren<\/em> Schmutz bzw. Kot.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das glauben wir heute wohl alle nicht mehr, aber in der &#8222;wahren Liebe&#8220;, dem &#8222;wahren Freund&#8220; oder &#8222;Helden&#8220; wirkt dieses antik-mittelalterliche Denken noch heute nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von besonderem Interesse f\u00fcr unsere weiteren \u00dcberlegungen ist das zeitliche Verhalten der Wirklichkeit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Seiende (und ihre Ideen) sind identisch; das hei\u00dft, Gott ist f\u00fcr alle Zeiten Gott, der Mensch ein Mensch und der Planet ein Planet.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott wird traditionell nahezu ausnahmslos als unver\u00e4nderlich betrachtet, w\u00e4hrend sich (fast) alle anderen Seienden \u00e4ndern k\u00f6nnen. Moritz w\u00e4chst, das Wasser flie\u00dft, oder die Sonne geht auf und unter.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Hieran wird bereits deutlich, da\u00df wir <em>Identit\u00e4t und Unver\u00e4nderlichkeit sauber voneinander unterscheiden<\/em> m\u00fcssen. Die beiden haben nichts miteinander zu tun, denn die Unver\u00e4nderlichkeit ist lediglich <em>der asymptotische Grenzfall einer \u00c4nderung mit dem Wert 0<\/em> und geht somit kontinuierlich in sie \u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aber alle Seienden sind ewig identisch<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das bedeutet also beispielsweise nicht, da\u00df wir Menschen unsterblich oder unver\u00e4nderlich w\u00e4ren, sondern da\u00df <em>f\u00fcr alle Zeiten Menschen immer wieder \u2013 andere, aber identische \u2013 Menschen gem\u00e4\u00df der gleichen Idee<\/em> sei m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nur weil wir eine solche Identit\u00e4t voraussetzen, l\u00e4\u00dft sich zum Beispiel sinnvoll sagen, da\u00df zu Zeiten der Sauriere auf der Erde keine Menschen lebten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Grundgedanken einer ewigen Identit\u00e4t aller Seienden hat das traditionelle Denken bis heute beibehalten:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Ewig-identische Naturgesetze<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; bestimmen wie ewig-identische Elementarteilchen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sich gem\u00e4\u00df einer ewig-identischen Evolution<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in der ewig-identischen Raum-Zeit bewegen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne diesen Glauben an Seiende w\u00e4re der Gedanke, wir k\u00f6nnten von unserem speziellen Hier und Jetzt aus die gesamte Wirklichkeit verstehen, \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich. Nur wenn Explosionen im Sinne des A = A mit sich identisch sind, k\u00f6nnte es vor 13, 6 Milliarden Jahren einen Urknall gegeben haben, wie wir ihn heute verstehen.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht deswegen betrachten wir auch Gott als Seiendes; was ihn im Sinne unserer gegenw\u00e4rtigen Anmerkungen auszeichnet, ist lediglich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; seine Unsterblichkeit und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; seine ewige Unver\u00e4nderlichkeit;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">identisch ist er so wie Menschen oder Explosionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Sie hatten uns oben versprochen, m\u00f6glichst auf jeden unbegr\u00fcndeten Gedanken zu verzichten \u2013 und nun kommt aus heiterem Himmel pl\u00f6tzlich ein Jenseits\u00a0 ins Spiel, mit dem die meisten Leser wahrscheinlich nicht viel anfangen k\u00f6nnen. 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