{"id":4368,"date":"2026-01-10T10:50:19","date_gmt":"2026-01-10T08:50:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4368"},"modified":"2026-03-09T14:10:50","modified_gmt":"2026-03-09T12:10:50","slug":"2-1-6-entweder-wahr-unwahr-oder-richtig-falsch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/2-hinfuehrung-zum-thema\/2-1-6-entweder-wahr-unwahr-oder-richtig-falsch\/","title":{"rendered":"2.8.  Entweder wahr \/ unwahr oder richtig \/ falsch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Moderne sind die Ideen zu Begriffen geworden, und damit die ehemaligen Ideale zu<em> blo\u00dfen Denkwerkzeugen.<\/em> Diese sollten n\u00fctzlich, geeignet, hilfreich, fruchtbar, denk\u00f6konomisch oder \u00e4hnliches, k\u00f6nnen aber <em>nicht einmal richtig<\/em> sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn also kritisiert wird, die Moderne kenne keine Wahrheit mehr und damit k\u00f6nne es ihr nur noch um irgendeinen ziellosen Fortschritt oder \u00e4hnliches gehen, l\u00e4\u00dft sich dem schwerlich widersprechen<em>\u00a0\u2013<\/em> <em>sofern man den traditionellen Wahrheitsbegriff beibeh\u00e4lt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das tun wir nicht, denn es<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ist nicht nur <em>keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit<\/em>, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>w\u00e4re sogar widerspr\u00fcchlich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit besteht f\u00fcr mich allein in meinem Leben, und <em>was nicht wirklich ist, kann auch nicht wahr sein<\/em>; &#8222;unwirklich&#8220; und &#8222;wahr&#8220; widersprechen sich. Dann stellt es einen Kategorienfehler dar, unsere Wissungen als wahr oder unwahr zu betrachten; sie k\u00f6nnen lediglich richtig bzw. falsch sein.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Nein; <em>weil die Wissungen zu meinem Leben geh\u00f6ren<\/em>, m\u00fcssen sie mit diesem ebenfalls wirklich \u2013 und damit<em>\u00a0wahr<\/em> bzw. unwahr\u00a0\u2013 <em>sein<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, da denken Sie falsch.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zu einer richtigen Aussage beispielsweise<em>\u00a0geh\u00f6ren Worte,\u00a0die<\/em> \u2013 vielleicht passend oder treffend \u2013 <em>\u00a0jedoch niemals richtig sind,<\/em> obwohl es die richtige Aussage ohne sie nicht g\u00e4be.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Besteht zwischen A und B \u2013 konkret: Leben und Wissen \u2013 ein entscheidender Unterschied, kommt es sehr leicht zu Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen, wenn wir beiden die &#8222;gleiche&#8220; Eigenschaft x (wahr) zuordnen, denn <em>durch den Unterschied zwischen A und B ist es dann h\u00e4ufig nicht die gleiche<\/em>. Benutzen wir jedoch x und ein anderes y, denkt die Sprache f\u00fcr uns mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor diesem Hintergrund definieren wir:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mein Leben ist entweder wahr oder unwahr. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die \u2013 ihm eo ipso zugeh\u00f6renden \u2013 Wissungen sind richtig oder falsch<\/em>. (Selbst das stimmt nicht immer; aber eine genauere Unterscheidung w\u00fcrde an dieser Stelle eher irref\u00fchren.)<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das lie\u00dfe sich auch so formulieren:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wichtig ist nicht, <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; was wir wissen oder <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; woran<\/em> wir uns orientieren, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; allein wie wir leben<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt demnach <em>keine wahren Aussagen<\/em>; weder Gesetze \u2013 des Rechts, der Mathematik, Logik oder Natur zum Beispiel \u2013 noch Dogmen der Theologie bzw. Ethik usw. Sie alle m\u00f6gen sich als richtig oder falsch erweisen, und was diese Pr\u00e4dikate bedeuten, h\u00e4ngt vielleicht sogar vom Einzelfall, mit Sicherheit aber vom Anwendungsbereich ab. Es versteht sich von selbst, da\u00df der Strafgesetzgebung ein anderer Begriff des Richtigen zugrundeliegen mu\u00df als der Mathematik, dem Sport oder Alltag.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Dann hat also alles, was wir denken oder sagen, nichts mit Wahrheit zu tun?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nicht unmittelbar, indirekt schon.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Mein Leben sollte wahr sein<\/em>, und ist zugleich<em> (f\u00fcr mich)<\/em> <em>das Einzige, was \u00fcberhaupt wahr sein kann<\/em>. Dazu geh\u00f6rt wesentlich mein Tun und speziell das <em>Sagen<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist mein Leben wahr, so spielt es zum einen <em>\u00fcberhaupt keine Rolle, was ich \u2013 an blo\u00df Richtigem bzw. Falschem \u2013 gedacht, geglaubt oder gewu\u00dft habe<\/em>. Mehr als ein gelungenes, weil wahres Leben ist gar nicht m\u00f6glich und kann insbesondere nicht durch ein paar richtige Aussagen \u00fcberboten bzw. von falschen desavouiert werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Lebe ich die Liebe, spielt es absolut keine Rolle, ob ich beispielsweise (an) Gott als den Dreifaltigen glaube; letzteres ist nicht wahr, sondern richtig oder falsch \u2013 und damit in beiden F\u00e4llen nur sekund\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen bleibt aber nat\u00fcrlich auch unbestritten, da\u00df sich meine Wissungen \u2013 Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen \u2013 <em>fundamental auf das Leben auswirken<\/em>. Ihre Bedeutung<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>kann also <\/em>einerseits<em> kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden<\/em>, obwohl<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wir andererseits soeben hoffentlich einsehen konnten, <em>da\u00df es nicht um die Wissungen \u2013 Denkungen, Glaubungen oder Verstehungen \u2013 als solche geht<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Das w\u00fcrde freilich bedeuten, da\u00df ich <em>niemals \u00fcber die Wahrheit bzw. Unwahrheit bez\u00fcglich des Lebens einer anderen Subjektivit\u00e4t urteilen kann.<\/em> Ich wei\u00df doch h\u00f6chstens ihre Handlungen, und das sind lediglich Wissungen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ja; und dieses &#8222;anderen&#8220; k\u00f6nnten wir sogar noch streichen; <em>ich kann es auch bei mir selbst nicht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit bestreite ich keineswegs, \u00fcber ein unfehlbares Gewissen zu verf\u00fcgen, lehne aber ganz entschieden die Selbstsicherheit ab, mit der (meines Erachtens zu) viele Zeitgenossen glauben, <em>diese Stimme sauber von allen sonstigen &#8222;Einfl\u00fcsterungen&#8220; unterscheiden zu k\u00f6nnen<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Wenn Wissungen Ihnen zufolge <em>gar nicht wahr sein k\u00f6nnen<\/em>, akzeptieren Sie also die Relativismus-Vorw\u00fcrfe der traditionell denkenden Konservativen, <em>den Postmodernen seien s\u00e4mtliche Aussagen gleich-g\u00fcltig<\/em>?&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In keiner Weise; der Fehler liegt aber bei den traditionell denkenden Konservativen, weil sie <em>Aussagen f\u00fcr wahr oder unwahr halten<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Christus uns durch seinen Tod am Kreuz erl\u00f6st hat, kann f\u00fcr mich jedoch prinzipiell keines von beiden sein. Das hat aber nichts mit einer &#8222;Diktatur des Relativismus&#8220;, sondern eher mit dem Bem\u00fchen, keinen Unsinn zu reden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zudem entspricht eine Aussage dem Gesagten und kommt somit in unserer &#8222;Trinit\u00e4t&#8220;\u00a0 \u2013 Intention, Sagen, Verstehung \u2013 gar nicht vor. Sie ist ein Seiendes, und ich vermag nicht zu sehen, was unser Ablehnen einer Hinterwelt mit Relativismus zu tun haben k\u00f6nnte.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ja; viele Beziehungen leiden darunter, da\u00df man sich gegenseitig vorwirft &#8218;Du hast XYZ gesagt&#8216;! Das ist postmodern ausgeschlossen, weil dieses <em>XYZ nur eine Verstehung, aber kein Gesagtes sein kann<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es geht <em>&#8222;nur&#8220; um mein Leben<\/em>, und dazu geh\u00f6rt auch das Sagen; beide sind wahr, sofern ich meinem Gewissen folge oder vorsichtiger: . . . sofern ich <em>versuche<\/em>, meinem Gewissen zu folgen; aber <em>&#8222;Richter ist allein Gott&#8220;<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fehler der Traditionell-Konservativen, die den obigen Vorwurf h\u00e4ufig erheben, besteht nicht darin, <em>die Bedeutung von Wahrheit ernstzunehmen<\/em>. Das tue ich auch, ist mehr als berechtigt und m\u00fc\u00dfte eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit darstellen; nur Chaoten, Verf\u00fchrer oder Diktatoren d\u00fcrften dem widersprechen (wollen).<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ihr Hauptfehler besteht vielmehr darin,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>die unumstrittene Wertsch\u00e4tzung und\u00a0 Notwendigkeit der Wahrheit <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; mit der Anma\u00dfung ihres Besitzes zu verwechseln<\/em> und damit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>sein zu wollen wie Gott<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Hier<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wird der Anspruch, <em>den die Wahrhet an uns stellt<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; mit <em>unserem Anspruch auf ihre Verf\u00fcgbarkeit vertauscht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich bestreite<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zum einen, da\u00df <em>\u00fcberhaupt irgendein Mensch die Wahrheit haben kann<\/em>, und\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zum anderen, da\u00df dies n\u00f6tig w\u00e4re, um sie hochsch\u00e4tzen und als fundamental erachten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Romeo und Julia glauben an die Liebe sowie die Opfer von Diktaturen an die Freiheit. Wer die Wahrheit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; angeblich verehrt oder vielleicht sogar mit Gott in Verbindung bringt und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; als endlicher Mensch trotzdem glaubt, sie zu besitzen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">widerspricht sich selbst, denn er<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; mu\u00df die angeblich gro\u00dfe Wahrheit sehr klein machen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; um als der Wicht, der er ist, \u00fcber sie verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kritiker widersprechen sich auch in einem zweiten Sinne selbst, denn sie verwechseln<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die <em>allgemeine<\/em> <em>Wahrheit <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; mit <em>einem bestimmten und sehr speziellen<\/em> Wahrheits-<em>Verst\u00e4ndnis<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es ist schon sehr skurril, die Wahrheit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>als ewig g\u00fcltig zu behaupten<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>ihr Verst\u00e4ndnis zugleich<\/em> <em>an den speziellen Zeitgeist von Antike und Mittelalter zu binden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Darin besteht ganz simpel ein <em>Denkfehler<\/em>, und in dessen Korrektur <em>nicht das Ende der Wahrheit<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem halte ich das vormoderne Wahrheits-Verst\u00e4ndnis f\u00fcr<em>\u00a0&#8222;unmenschlich&#8220;<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Anf\u00fchrungsstriche sind wichtig, denn ohne die Idee des Menschen entf\u00e4llt das Unmenschliche der Tradition ebenso wie ihr Menschliches.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein Denkmodell ist &#8222;unmenschlich&#8220;, wenn <em>auf seiner Grundlage ein anderer die Funktion meines Gewissens \u00fcbernehmen oder an dessen Stelle treten kann<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das hei\u00dft, wenn <em>irgend jemand beweisen oder auch nur glaubhaft behaupten kann<\/em>, die objektiv-wirkliche Idee oder das Wesen des Menschen zu kennen, und mir damit vorschreiben darf oder gar soll, wie ich angeblich als wahrer Mensch zu leben habe.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ich allein bin daf\u00fcr verantwortlich, da\u00df mein Leben wahr wird<\/em>. Nat\u00fcrlich kann ich andere um ihren Rat beten. Aber meine Verantwortung endet nirgends; zu ihr geh\u00f6ren also auch meine Entscheidungen,<em> wen<\/em> <em>ich frage<\/em> und <em>ob ich den erhaltenen Antworten folge<\/em>.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das entspricht vollkommen der Aufgabe des Gewissens, das <em>ohne objektive Wirklichkeit zu unserem einzigen Fixpunkt wird.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber mein Gewissen sagt <em>mir selbst und nicht Frau Schulze, was ich tun sollte.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Verstehen wir es ganz &#8222;fromm&#8220; als eine Stimme, die letztlich irgendwie von Gott kommt, so kann ich dies h\u00f6chstens daran erkennen, da\u00df <em>er mir seine Erwartungen selbst pers\u00f6nlich mitteilt<\/em> und nicht durch Herrn M\u00fcller mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen \u00fcberbringen l\u00e4\u00dft. Andernfalls k\u00f6nnte sich jeder damit aufspielen, mir den Willen Gottes mitteilen zu d\u00fcrfen, k\u00f6nnen oder gar sollen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Hier liegt, meiner festen \u00dcberzeung nach, ein sehr schlimmer Fehler des katholischen Kirchenverst\u00e4ndnisses. Das akzeptiert \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 kein denkender Mensch mehr, sondern ist ein \u00dcberbleibsel feudalistischer Gesellschaftsstrukturen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Worin das &#8218;Menschliche&#8216; bzw. &#8218;Unmenschliche&#8216; in einer konkreten Situation besteht, stimmt also in den beiden Modellen m\u00f6glicherweise sogar \u00fcberein; mit Sicherheit differieren sie jedoch in ihren Begr\u00fcndungen.&#8220;\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist richtig; wir sollten <em>die eigene Verantwortung f\u00fcr unser Leben anerkennen<\/em> und endlich aufh\u00f6ren,\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; uns hinter einer angeblichen Idee des Menschen zu verstecken oder\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; einer solchen Schablone anzupassen und damit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; falschen Idealen nachzujagen,\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nur um unsere Verantwortung auf das \u2013 anhand der Idee bzw. Schablone \u2013 Kontrollier-,\u00a0 \u00dcberschau- und Machbare begrenzen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie sind Sie, und ich bin ich<\/em>; uns verbindet <em>keine gemeinsame Idee<\/em>, sondern wir <em>stellen zwei<\/em> \u2013 nicht nur Einzelne, sondern sogar \u2013 <em>Einzige dar<\/em>. Der Eiffelturm ist ein Einzelner; Sie und ich sind Einzige.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jedes Subjekt hat die Aufgabe, ganz <em>es selbst zu werden<\/em>, <em>seine Talente zu entfalten<\/em>, damit <em>die eigene Einzigkeit auszudr\u00fccken und so seine Wahrheit zu finden;<\/em><em> eine andere gibt es meines Erachtens nicht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jean Paul Sartre fa\u00dfte dies in die Worte, da\u00df &#8222;die Existenz vor der Essenz kommt&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nach allem bisher Gesagten gef\u00e4llt mir seine Formulierung nat\u00fcrlich nicht besonders; aber mit Sartres&#8216; Intention kann ich mich identifizieren:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich lebe und bestimme mich in meiner Freiheit zu einem einzig(artig)en Selbst. So <em>sollte ich nicht<\/em> <em>sein <\/em>\u2013 von wem auch auch? \u2013, aber <em>damit bin ich identisch, weil ich selbst mich dazu bestimme.<\/em> Und ich<em> kann<\/em> nur mit dem identisch sein, wozu ich mich selbst bestimme; ein &#8222;fremdbestimmtes Selbst&#8220; ist ein Oxymoron oder logischer Widerspruch.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott k\u00f6nnte v\u00f6llig problemlos Seiende schaffen \u2013 aber kein Selbst; w\u00fcrde <em>er<\/em> es schaffen und <em>nicht ich selbst<\/em>, <em>w\u00e4re es ein Seiendes, aber kein Selbst<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Einzigkeit der Subjektiit\u00e4t bietet weder die moderne noch die vormoderne Tradition Raum.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unter der \u00dcberschrift &#8222;Person&#8220; fand dieser Gedanke durch das Christentum Einla\u00df in die Geschichte:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; &#8222;Ich habe dich bei deinem Namen gerufen&#8220; und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sage nicht &#8222;Hallo, Menschen&#8220; lie\u00dfe sich passend erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber das Konzept der Person konnte sich bisher nicht gegen die starke Tradition der Seienden bzw. des Nous durchsetzen. Wenn sie in der Postmoderne wegf\u00e4llt, erh\u00e4lt die pers\u00f6nliche Freiheit als eigenverantwortliche Sebstbestimmung hoffentlich eine neue Chance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Emmanuel Levinas sieht unsere diesbez\u00fcglichen Schwierigkeiten vor allem darin begr\u00fcndet, da\u00df <em>der traditionelle Ansatz totalit\u00e4r ist<\/em>. Eines seiner beiden Hauptwerke tr\u00e4gt dementsprechend den Titel <em>&#8222;Totalit\u00e4t und Unendlichkeit&#8220;<\/em>, wobei der zweite &#8222;Begriff&#8220; f\u00fcr den Anderen bzw. die andere Subjektivit\u00e4t steht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Die Totalit\u00e4t des traditionellen Denkens entspricht der Schau des Nous<\/em>; sie ist grenzenlos oder vereinnahmt alles, so da\u00df der &#8222;Andere&#8220; kein Anderer sein kann, sondern exakt so geschaut wird wie ich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nicht <em>&#8222;Ich ist ein anderer&#8220;<\/em> (Arthur Rimbaud), sondern <em>der Andere ist auch nur ein Ich<\/em>, und wir sind beide jeweils unser K\u00f6rper.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das traditionelle Denken<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; objektiviert den Anderen ebenso wie mich, das hei\u00dft, reduziert uns beide auf blo\u00dfe Objekte,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die vielleicht marktschreierisch &#8222;Subjekte&#8220; genannt werden, aber<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in Wirklichkeit von der Totalit\u00e4t in ihrer Einzigkeit get\u00f6tet wurden.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der &#8222;Tod des Subjekts&#8220; ist Levinas zufolge also das Resultat des traditionellen Denkens<\/em>. Damit steht er zumindest diesbez\u00fcglich in der Nachfolge von Heidegger, f\u00fcr den die abendl\u00e4ndische Metaphysik mit den totalit\u00e4ren Regimen des 20. Jahrhunderts m\u00f6glicherweise ihren &#8222;H\u00f6hepunkt&#8220; und damit ihr Ende erreicht hat.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0Aber wenn Levinas das richtig sieht, ist das gefl\u00fcgelte Wort vom &#8222;Tod des Subjekts&#8220; nat\u00fcrlich nicht ganz passend:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Was niemals gelebt hat, kann auch nicht sterben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tradition kennt kein Leben, sondern benutzt nur pathetisch-hocht\u00f6nend gro\u00dfe Worte, wenn sie behauptet, ihre Subjekte bes\u00e4\u00dfen ein &#8222;Innen&#8220; und w\u00fcrden leben.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe, da\u00df die Postmoderne versucht, nach dem &#8222;<em>Tod des Subjekts&#8220;<\/em> das <em>Leben von Subjektivit\u00e4ten<\/em> zu denken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Moderne sind die Ideen zu Begriffen geworden, und damit die ehemaligen Ideale zu blo\u00dfen Denkwerkzeugen. Diese sollten n\u00fctzlich, geeignet, hilfreich, fruchtbar, denk\u00f6konomisch oder \u00e4hnliches, k\u00f6nnen aber nicht einmal richtig sein. 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