{"id":4412,"date":"2026-02-18T20:47:34","date_gmt":"2026-02-18T18:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4412"},"modified":"2026-03-09T14:11:25","modified_gmt":"2026-03-09T12:11:25","slug":"2-7-reflexives-und-praereflexives-wissen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/2-hinfuehrung-zum-thema\/2-7-reflexives-und-praereflexives-wissen\/","title":{"rendered":"2.5.  Verm\u00f6gen \u2013 Praktiken, Pr\u00e4reflexionen und Wissen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen nichts von dem, was ich bisher zum Wissen gesagt habe, zur\u00fccknehmen, es aber noch in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einordnen. Unsere F\u00e4higkeiten sind doch auch eine Form von &#8222;Wissen&#8220;; zum Beispiel k\u00f6nnen wir Fahrrad fahren, uns in der \u00d6ffentlichkeit benehmen, Kaffee kochen, Reden halten oder B\u00fccher lesen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn postmodern unser eigenes Leben die einzige Wirklichkeit bildet, geh\u00f6ren die F\u00e4higkeiten dazu. Wir ben\u00f6tigen sie jedoch nicht alle; da\u00df Moritz auf den H\u00e4nden laufen kann, ist lustig, aber nicht unbedingt lebensentscheidend. Ob wir die Bockwurst mit Senf essen und regelm\u00e4\u00dfig Sport treiben, mag f\u00fcr unsere Gesundheit wichtig sein, ist philosophisch jedoch trotzdem eher sekund\u00e4r.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fundamental sind f\u00fcr uns die <em>Praktiken<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir verstehen darunter nicht jegliches Tun, sondern nur (relativ) intersubjektive wiederholbare Lebens- oder Verhaltensweisen. Sie sind als Gemeinschaftserlebnis m\u00f6glich; etwa wenn Feste gefeiert, Riten vollzogen, Spiele gespielt, gemeinsam musiziert oder Liturgien begangen werden. Aber diese Synchronie mu\u00df nicht sein; auch das (Halten von) Versprechen, das Schw\u00f6ren vor Gericht oder das logische Denken sind Praktiken, die man bejahen bzw. ablehnen kann.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00e4uglinge haben Reflexe oder dergleichen, aber bei ihen werden wir kaum von Praktiken sprechen; diese stellen <em>kulturelle Leistungen<\/em> dar und m\u00fcssen im Laufe useres Lebens erst erlernt werden. <em>Praktiken sind unbewu\u00dfte &#8222;Wissungen&#8220;<\/em>, die \u2013 und das ist fundamental f\u00fcr unsere weiteren \u00dcberlegungen \u2013 <em>kontinuierlich in die (bewu\u00dften) Wissungen \u00fcbergehen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Als Oberbegriff f\u00fcr das gesamte Spektrum f\u00fchren wir <em>die<\/em> <em>Verm\u00f6gen<\/em> ein, <em>so da\u00df Praktiken und Wissen zu deren asymptotischen Genzbegriffen werden<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Praktiken entsprechen den gelebten Formen<\/em>; Gehen, Gr\u00fc\u00dfen, Blickkontakt Halten, Fragen Beantworten oder Gebote Erf\u00fcllen zum Beispiel. All das kann praktisch unbewu\u00dft erfolgen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das andere Extrem bildet das Wissen<\/em>; <em>es ist begrifflich, sprachlich bzw. reflektiert und besteht in Theorien, Modellen, Dogmen, Erkenntnissen, Gesetzen usw.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Dazwischen befinden sich die Pr\u00e4reflexionen<\/em>; hierbei sind wir uns der Praktiken, die wir ausf\u00fchren, zwar bewu\u00dft, gehen aber so vollkommen in ihnen auf oder sind so sehr bei der Sache, da\u00df <em>weder die Praktiken reflektiert werden noch wir selbst in Erscheinung treten<\/em>. Beim Lesen eines Buches zum Beispiel fesselt uns der Inhalt so stark, da\u00df &#8222;Ich&#8220;, &#8222;lesen&#8220; und &#8222;Buch&#8220; keine Rolle spielen; wir sind ganz beim Thema.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jean-Paul Sartre sah in diesem &#8222;Bewu\u00dftsein f\u00fcr sich&#8220; die Grundlage unseres Lebens.\u00a0Dem folgen wir jedoch nicht, weil \u2013 wie soeben schon angemerkt \u2013 <em>nicht jedes Tun einer Praktik entspricht<\/em>. Das gilt nicht nur f\u00fcr Babys, sondern auch f\u00fcr uns. Praktisch ununterbrochen tun wir irgendetwas, das sich nicht einmal benennen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Kochen wir beispielsweise Kaffee, so mag das zwar eine Praktik sein; sie ist jedoch mit ganz vielem Unter-Tun verbunden, von dem wir keine Ahnung haben.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich verstehe Ihre Zusammenfassung zu den Verm\u00f6gen noch nicht; und worin soll die Kontinuit\u00e4t bestehen, die angeblich von den Praktiken zum Wissen f\u00fchrt?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\">Praktiken <em>k\u00f6nnen, m\u00fcssen jedoch nicht beschrieben werden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Alle anderen Verm\u00f6gen(svarianten) sind <em>beschriebene Praktiken<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese Beschreibungen k\u00f6nnen sehr weich erfolgen; damit meine ich das ph\u00e4nomenologische &#8222;Zu den Sachen selbst&#8220;. Hierbei besteht das Ziel darin, der Praktik gerecht zu werden und ihr m\u00f6glichst wenig fremde Elemente beizumischen. Solche Beschreibungen sind sowohl sehr gro\u00dfz\u00fcgig oder locker, aber auch h\u00f6chst exakt m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist jedoch nicht der springende Punkt. Dieser besteht vielmehr darin, da\u00df wir zum Beschreiben <em>unabdingbar Begriffe ben\u00f6tigen<\/em>; ansonsten sagen wir nichts und beschreiben damit auch nicht. Diese Begriffe liegen nicht fest; wir k\u00f6nnen so oder so beschreiben. <em>Je bestimmter und festlegender das geschieht oder je mehr Selbstsicherheit wir dabei an den Tag legen und eine scheinbar exakte Eindeutigkeit vorgaukeln, desto n\u00e4her ist uns das Wissen. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aus den Praktiken namens &#8222;Gebote erf\u00fcllen&#8220;, &#8222;Versprechen halten&#8220; oder &#8222;Gottesdienst feiern&#8220; wird dann beispielsweise die &#8222;Einla\u00dfbedingung f\u00fcr das Reich Gottes&#8220;. Aber darum ging es \u00fcberhaupt nicht; <em>entscheidend sind allein die Praktiken<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich hatte jetzt kurz abgechaltet, weil das nicht stimmen kann:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie predigen uns die ganze Zeit, da\u00df es in der Postmoderne keine Referenten des Wissens gibt \u2013 und nun wissen wir auf einmal von den Praktiken!&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; das tun wir nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Wissen ist keines <em>von den Praktiken, sondern eine spezielle Weise, die Praktiken zu explizieren oder zu artikulieren.<\/em> Je weiter wir uns dabei auf das Wissen als die zweite Grenze der Verm\u00f6gen zubewegen, um so gr\u00f6\u00dfer wird die Anzahl weiterer Darstellungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">S\u00e4mtlichee Praktiken lassen sich also immer auch <em>ganz anders beschreiben<\/em>; das ist nicht widerspr\u00fcchlich, w\u00e4re es aber, wenn wir das Wissen als ein solches <em>von den Praktiken<\/em> verstehen w\u00fcrden.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denken Sie zur Veranschaulichung an einen Wanderweg, der f\u00fcr die Praktik steht, und seine Wissens-Markierungen. Es geht allein um den Weg; seine Beschreibungen<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sind lediglich Hilfen, um ihn finden und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wiederholen zu k\u00f6nnen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; stabilisieren den Wanderweg somit,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; w\u00e4ren jedoch auch ganz anders m\u00f6glich und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; lassen sich folglich austauschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Wenn ich Sie recht verstanden habe, geht es allein um den Vollzug oder das Prozedere der Praktik. Das Beschreiben f\u00fchrt notwendigerweise zu einem bestimmten Wissen; das ist bestimmt <em>nicht willk\u00fcrlich, aber dennoch auf vielfache Weise<\/em> m\u00f6glich. Somit besteht immer die Gefahr,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; aus den Augen zu verlieren, da\u00df es um <em>das Beschreiben einer Praktik <\/em>geht, jedoch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>nicht um das Wissen<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; schon gar nicht um <em>das spezielle Wissen, das \u2013 mehr oder weniger zuf\u00e4llig \u2013 zum Beschreiben benutzt wurde<\/em>, so da\u00df\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; f\u00e4lschlicherweise <em>die Wahrheit der Lebens-Praktik durch die angebliche Richtigkeit des Wissens ersetzt werden kann<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber dieser Gefahr kann man doch ganz einfach begegnen, indem wir <em>die Praktiken nicht mehr beschreiben<\/em> und deutlich sagen, da\u00df es bei ihnen <em>nur um den Vollzug bzw. das aktuale Prozedere geht<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das geht nicht, weil eine unbeschriebene &#8222;Praktik&#8220; keine Praktik ist.\u00a0<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Stellen Sie sich vor, irgendetwas zu tun, ohne es beschreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie wollen Sie das morgen wiederholen und wissen, da\u00df es sich wirklich um eine Wiederholung handelt? (Das w\u00e4re Wittgensteins &#8222;Privat-Tun-Argument&#8220;.)<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie wollen Sie das anderen vermitteln, damit Ihr Tun zu einer intersubjektiven Praktik wird?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jede Praktik bedarf (der Pr\u00e4reflexionen und) des Wissens, um eine Praktik sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich wiederhole mich absichtlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Es geht allein um die Praktik; ihre Beschreibungen<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; sind lediglich Hilfen, um sie finden und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; wiederholen zu k\u00f6nnen,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; stabilisieren die Praktik somit,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; w\u00e4ren jedoch auch ganz anders m\u00f6glich und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; lassen sich folglich austauschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beschreibungen oder Wissungen k\u00f6nnen nicht wahr sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Wer sie glaubt<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>verwechselt die m\u00f6gliche Wahrheit der Praktik mit blo\u00dfen Narrativen oder Erz\u00e4hlungen<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>glaubt nicht einmal etwas Richtiges<\/em>, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>eine blo\u00dfe Variante der Beschreibungsm\u00f6glichkeiten: <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;So beschreiben manche, worum es tats\u00e4chlich geht; und das sind<em> die Ereignisse, in denen sich die Wahrheit vollzieht;<\/em> das hei\u00dft,<em> in den Praktiken, die nur im Vollzug bzw. als Prozedere auftreten<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn Sie mich verstanden haben, wird vielleicht zum ersten Mal deutlich, <em>welch gewaltige Bedeutung postmodern (einer Philosophie) der Zeit zukommt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der traditionelle, seiende Gott ist ewig identisch. F\u00fcr uns gibt es dergleichen nicht; wir k\u00f6nnen nur sagen, da\u00df Wissungen <em>f\u00fcr eine bestimmte Dauer (n\u00e4herungsweise) konstant sein m\u00fcssen<\/em>, denn andernfalls sind es keine Wissungen. Was in f\u00fcnf Minuten nicht mehr richtig oder falsch ist, war keine Wissung, sondern ein Geistesblitz, den wir nicht stabilisieren konnten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Konstante Praktiken&#8220; sind keine Praktiken; in letzteren <em>geschieht etwas, sie ereignen sich, m\u00fcssen folglich zeitlich sein und k\u00f6nnen damit prinzipiell nicht gewu\u00dft werden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wissungen sind keine Vorstellungen <em>von<\/em>, sondern <em>der<\/em> Praktiken; sie <em>stellen uns diese vor bzw. dar oder pr\u00e4sentieren <\/em>\u2013 nicht: <em>re<\/em>pr\u00e4sentieren \u2013<em> sie und k\u00f6nnen das auf die vielf\u00e4ltigsten Arten tun<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir m\u00fcssen nichts von dem, was ich bisher zum Wissen gesagt habe, zur\u00fccknehmen, es aber noch in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einordnen. 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