{"id":4421,"date":"2026-03-12T11:51:57","date_gmt":"2026-03-12T09:51:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4421"},"modified":"2026-03-14T19:15:36","modified_gmt":"2026-03-14T17:15:36","slug":"1-1-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-2\/","title":{"rendered":"1.1.2.  Die Korrektur des traditionellen Denkens in der Moderne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Aufkl\u00e4rung, sp\u00e4testens im 18. Jahrhundert nahm die Einsicht, da\u00df <em>das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht<\/em>, immer st\u00e4rker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und ger\u00e4t damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unersch\u00fctterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. Die Moderne will Seiende, aber keine Ideen; wir hatten schon bemerkt, da\u00df das ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Antike und Mittelalter wurden die Seienden zumeist als <em>Einheit<\/em> von\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>Essenz, Wesen oder Was<\/em> auf der einen Seite und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>Existenz, Sein bzw. Da\u00df<\/em> auf der anderen verstanden.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die zweite Komponente ergibt sich scheinbar von selbst;\u00a0 definieren wir ein Seiendes als das, <em>was ist,<\/em> dann <em>mu\u00df<\/em> die Existenz nat\u00fcrlich dazugeh\u00f6ren.\u00a0Fehlt sie, handelt es sich <em>nicht um Seiende<\/em>, sondern <em>um Nicht-Seiende<\/em>, das hei\u00dft, um<em> reine Essenzen, Wesen oder Wasse.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und worin diese bestehen, wissen wir auch bereits:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das sind die Baupl\u00e4ne, nach deren Vorlage der Demiurg\u00a0 die Seienden erstellt hat; sie fallen also exakt mit seinen einmaligen Ideen zusammen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ideen\u00a0 \u00a0=\u00a0 \u00a0Essenzen, Wesen oder Wasse <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist sogar sehr anschaulich; vom Typ 08\/15 k\u00f6nnen beliebig viele Exemplare installiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wesen-tliche beispielsweise des Mars&#8216; besteht darin, ein Planet zu sein oder die Idee des Planeten zu verk\u00f6rpern. Im Gegensatz zu seiner Idee<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>existiert der Mars also in Raum und Zeit<\/em>, so da\u00df wir ihn zum Beispiel sehen k\u00f6nnen, und\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>verf\u00fcgt er \u00fcber viele un-wesen-tliche oder kontingente Eigenschaften<\/em> wie Masse, Gr\u00f6\u00dfe oder Temperatur, in denen er sich von den anderen Planeten unterscheidet.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unsere Sonne k\u00f6nnte tausend Planeten haben; sie alle w\u00e4ren <em>Realisierungen oder Verweltlichungen der einen rein geistigen Idee des Planeten<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Moderne cancelt die Ideen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; weil sie nicht<em> immanent erfahren, sondern <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; nur als transzendent gedacht und damit geglaubt oder behauptet werden<\/em> k\u00f6nnen, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>ersetzt die g\u00f6ttlichen Ideen durch menschliche Begriffe.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die gibt es aber gar nicht, das hei\u00dft, sie geh\u00f6ren nicht der traditionellen Wirklichkeit an, sondern sind <em>lediglich erfunden oder konstruiert.<\/em> Die Begriffe stellen blo\u00dfe Denkwerkzeuge dar; ebenso notwendig wie unwirklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit bestehen die Seienden in der <em>rein immanenten<\/em> <em>Einheit<\/em> von\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>Begriff<\/em>\u00a0auf der einen Seite und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>Existenz, Sein bzw. Da\u00df<\/em> auf der anderen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nicht-Seiende sind demzufolge lediglich Begriffe. Es gibt keine Yetis, aber wir wissen, was es nicht gibt; der Begriff des Yetis wurde vom Demiurgen nicht realisiert.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese moderne Korrektur ist freilich fundamental, und ihre beiden wichtigsten Konsequenzen hatten wir bereits angedeutet:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum einen kann die Existenz der Seienden nicht mehr verst\u00e4ndlich begr\u00fcndet werden, denn sie m\u00fcssen, anschaulich gesprochen, einfach vom Himmel gefallen sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Und zum anderen waren die Ideen auch <em>Ideale, an denen die Seienden gemessen werden konnten bzw. sich messen lassen mu\u00dften<\/em>.\u00a0Die <em>Idee<\/em> des Menschen beispielsweise dr\u00fcckte aus, wie letztere sein sollten oder wie sie urspr\u00fcnglich \u2013 von wem auch immer \u2013 einmal gedacht waren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auch diese zweite Funktion der Ideen geht mit deren \u00dcbergang zu den Begriffen verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;K\u00f6nnen wir bitte nochmals auf die Nicht-Seienden zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie sollen wir \u00fcberhaupt von ihnen wissen k\u00f6nnen? Das Wahrnehmen scheidet \u2013 wenn es sie gar nicht gibt \u2013 naturgem\u00e4\u00df aus, und vorstellen l\u00e4\u00dft sich (fast) &#8218;alles&#8216;.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8218;Ich wei\u00df, was nicht existiert&#8216;<\/em> ist meines Erachtens widerspr\u00fcchlich, und <em>Nicht-Seiende<\/em>\u00a0damit ein Unbegriff.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8218;Nat\u00fcrlich&#8216; gibt es keine Einh\u00f6rner; aber was ist mit den Zwei-, Drei- oder Vierh\u00f6rnern? &#8218;Jeder wei\u00df&#8216;, da\u00df Osterhasen nicht existieren; haben Sie jedoch schon einmal \u00fcber Weihnachts-, Pfingst- oder Geburtstagshasen nachgedacht? Marsmenschen sind &#8218;offensichtlich&#8216; Quatsch, aber Venus-, Merkur- bzw. Saturnmenschen . . .&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben meines Erachens 100%-ig Recht; Nicht-Seiende sind tats\u00e4chlich blo\u00dfe Erfindungen oder Phantasiegestalten, deren Menge sich beliebig vergr\u00f6\u00dfern l\u00e4\u00dft. Aber damit regt sich nat\u00fcrlich ein \u2013 f\u00fcr das traditionelle Denken \u2013 schlimmer Verdacht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wieso sollte sich das bei Seienden anders verhalten? Gen\u00fcgt die Annahme der Existenz oder der Glaube daran tats\u00e4chlich, um aus Erfindungen Realit\u00e4t bzw. aus Phantasiegestalten Wirklichkeitsformen werden zu lassen?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn Einh\u00f6rner imagin\u00e4r sind, weshalb sollten dann Nash\u00f6rner real sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Weil jeder von uns schon Nash\u00f6rner gesehen hat, aber noch keiner Einh\u00f6rner.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich bezweifle letzteres nicht nur, sondern bin mir sogar sehr sicher, da\u00df viele unserer Vorfahren beispielsweise<em> die Erdscheibe, Hexen, Besessene, Wunder oder den K\u00f6nig von Gottes Gnaden<\/em> und vielleicht sogar Einh\u00f6rner <em>nicht nur als Seiende betrachtet, sondern auch wirklich gesehen haben<\/em> \u2013 obwohl wir sie heute alle unter &#8222;Nicht-Seiende&#8220; einordnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Stimmt; sowohl die Unterteilung in Seiende bzw. Nicht-Seiende als auch ihre Wahrnehmbarkeit lassen sich h\u00f6chstens als zeit-, kultur oder subjektabh\u00e4ngig verstehen. Der eine &#8218;hatte eben zuf\u00e4llig Gl\u00fcck gehabt&#8216; und der andere erlebt &#8218;eine wunderbare F\u00fcgung Gottes&#8216; . . .&#8220;\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;. . . Aber wollen Sie damit etwa sagen, <em>da\u00df unsere gesamte Wirklichkeit lediglich in Konstruktionen oder Erfindungen besteht?<\/em> <em>Da\u00df Leben, Liebe, Leid und Tod blo\u00dfe Narrationen sind, die wir auch beliebig h\u00e4tten uminterpretieren, vermehren bzw. uns ersparen k\u00f6nnen?<\/em>&#8222;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; nat\u00fcrlich nicht; Ihre Schlu\u00dffolgerung, da\u00df sich derartiges bei mir ergeben m\u00fc\u00dfte, wirkt zwar sehr stringent, ist es jedoch nicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin tats\u00e4chlich \u00fcberzeugt, da\u00df <em>es keinerlei Seiende gibt, sondern die angeblichen &#8222;Seienden&#8220; blo\u00dfe \u2013 mehr oder weniger willk\u00fcrliche \u2013 Konstruktionen<\/em> darstellen; exakt wie die Nicht-Seienden. Damit ist auch der &#8222;moderne \u00dcbergang von den Ideen zu den Begriffen&#8220; meines Erachtens nicht nur v\u00f6llig unproblematisch, sondern <em>stellt in Wirklichkeit gar keinen \u00dcbergang dar, weil die &#8222;Ideen&#8220; \u2013 dem vormodernen Denken zum Trotz \u2013 immer schon Begriffe waren und nur als Ideen behauptet oder mi\u00dfverstanden wurden<\/em>.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da die Wirklichkeit f\u00fcr mich jedoch <em>weder in den Ideen noch in den Seienden<\/em> besteht, kann ich das v\u00f6llig emotionslos und widerspruchsfrei denken.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer sie dagegen traditionell mit den Seienden identifiziert, mu\u00df sich nat\u00fcrlich dagegen verwahren, letztere als blo\u00dfe Konstruktionen zu betrachten, weil ansonsten seine Wirklichkeit weg w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Moderne wird das traditionelle Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit als einer Menge von Seienden nicht nur beibehalten, sondern <em>so stark simplifiziert, da\u00df es wie selbstverst\u00e4ndlich erscheint und &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; vollkommen durchschaut wird:<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir besitzen diesem Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Pr\u00e4sentierteller vor uns ausgebreitet, so da\u00df wir sie mittels der Sprache bezeichnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;L\u00f6we&#8220; beispielsweise meint den L\u00f6wen, der in Afrika durch die Savanne streift.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sagen, den L\u00f6wen, Afrika und die Savanne g\u00e4be es \u2013 ebenso wie das Wort &#8222;L\u00f6we&#8220; \u2013 in der Postmoderne nicht mehr, w\u00e4re offensichtlich Unsinn, da wir ja gerade mit ihnen operieren; <em>sie k\u00f6nnen lediglich nicht l\u00e4nger als Seiende verstanden werden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit stellen sich uns zwei Fragen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum einen tritt offensichtlich etwas anderes an die Stelle der Seienden; was sind L\u00f6we, Afrika, Savanne und &#8222;L\u00f6we&#8220; bei uns? In diese Richtung denken im Abschnitt 1.1.4. weiter.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum anderen m\u00fcssen wir f\u00fcr unsere weiteren \u00dcberlegungen jedoch jetzt schon kl\u00e4ren, welche Art von Entit\u00e4ten die Sprache bezeichnet.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Traditionell sind das die Seienden; aber es versteht sich nicht von selbst, da\u00df dies auch f\u00fcr ihre postmodernen Nachfolger gilt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also: Was bezeichnen wir mittels der Sprache?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Antwort lautet: Jeweils u<em>nser eigenes oder subjektives Wissen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um sie jedoch <em>verstehen<\/em> zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir zugleich kl\u00e4ren, <em>was genau die Wissungen sind<\/em>. Der einfachste Weg zu diesem Ziel besteht wahrscheinlich in Ludwig Wittgensteins Argumentation gegen die M\u00f6glichkeit von Privatsprachen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angenommen in Ihrer Psyche befindet sich irgendetwas, was Sie bezeichnen m\u00f6chten; worum es sich dabei handelt, ist v\u00f6llig einerlei; eine Empfindung, Atmosph\u00e4re oder Stimmung, ein Eindruck oder Einfall. Sie geben dieser Gegebenheit den Namen &#8222;CR7&#8220; und notieren ihn vorsichtshalber.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Morgen wollen Sie auf die Situation zur\u00fcckkommen, haben den Namen parat, aber die Gegebenheit vielleicht nicht mehr, weil<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sie sich <em>als solche prinzipiell nicht notieren l\u00e4\u00dft<\/em> und\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Sie eine jetzige Gegebenheit wegen der zeitlichen Distanz nicht mit der von gestern vergleichen k\u00f6nnen.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beides w\u00e4re freilich auch unn\u00f6tig, <em>wenn sich die gestrige Gegebenheit von selbst in Ihrer Psyche wiederholen w\u00fcrde<\/em>. Ob dies tats\u00e4chlich der Fall ist, k\u00f6nnen Sie nat\u00fcrlich nicht kontrollieren; es mu\u00df Ihnen also von anderen Subjektivit\u00e4ten best\u00e4tigt werden \u2013 und <em>deswegen sind Privatsprachen unm\u00f6glich<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit wird unsere vorgreifende Antwort wohl verst\u00e4ndlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es k\u00f6nnen nur Wissungen bezeichnet werden, weil sie per definitionem exakt die Entit\u00e4ten darstellen, welche die beiden daf\u00fcr notwendigen Voraussetzungen erf\u00fcllen: <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>1. Die Gegebenheit mu\u00df sich innerhalb meiner eigenen Psyche wiederholen. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>2. Da\u00df sie das tats\u00e4chlich tut, best\u00e4tigen mir hinreichend viele andere Subjektivit\u00e4ten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Sprache bezeichnet also keine (objektive) Wirklichkeit, sondern meine subjektiven Wissungen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist vielleicht einer der wichtigsten S\u00e4tze im ganzen Buch. Er mag Sie sehr \u00fcberraschen, ist aber recht einleuchtend, wenn wir ein wenig dar\u00fcber nachdenken:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Erlernen der Sprache findet wesentlich schon im Vorschulalter statt. Die Kinder wissen nichts von Seienden oder sonstigen philosophischen Skurrilit\u00e4ten, sondern <em>verf\u00fcgen \u00fcber ganz normale kindliche Wahrnehmungen und Vorstellungen<\/em>. Was anderes k\u00f6nnten sie also lernen zu bezeichnen?\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erschrecken Sie nicht wegen des un\u00fcblichen Ausdrucks &#8222;Wissungen&#8220;; er besitzt exakt die gleiche Bedeutung wie das Wissen. Wir ben\u00f6tigen ihn aber trotzdem, um eine m\u00f6glichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu k\u00f6nnen. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers &#8222;Schwarzwald-Deutsch&#8220;, erfolgt aber relativ zwingend und unabh\u00e4ngig von ihm.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wortpaare wie &#8222;Wahrnehmungen &#8211; Wahrgenommene&#8220; oder &#8222;Vorstellungen &#8211; Vorgestellte&#8220; besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik m\u00f6chte ich um &#8222;Wissungen &#8211; Gewu\u00dfte&#8220; sowie weitere Paare erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zweiter Grund ist grammatischer Art:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wissung <em>gestattet nicht nur<\/em>\u2013 anders als das Wissen \u2013<em> die Pluralbildung &#8222;Wissungen&#8220;,<\/em> sondern verweist auch eindeutig auf seine<em> substantivische oder nicht-verbale Bedeutung: <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir wissen Wissungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Moderne kam es noch zu einer weiteren wichtigen geistesgeschichtlichen Korrektur:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Seiendes ist nicht gleich Seiendes; <em>insbesondere<\/em> <em>die Subjekte k\u00f6nnen auch als Seiende ihren Status radikal \u00e4ndern, und das geschah etwa parallel zur Aufl\u00f6sung der Ideen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die vormodernen Subjekte verstanden sich im wesentlichen als <em>Gesch\u00f6pfe von Gottes Gnaden<\/em>. Sie wurden \u2013 ohne zu wissen, warum und wof\u00fcr \u2013 in eine vorgegebene Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erf\u00fcllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um \u2013 gegebenenfalls \u2013 im Jenseits einmal daf\u00fcr belohnt zu werden\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Philosophisch k\u00f6nnte man sagen: Das waren zwar <em>Subjekte im Nominativ<\/em>; sie besa\u00dfen <em>&#8222;selbstverst\u00e4ndlich&#8220; eine Seele<\/em> und wurden \u2013 wie alle Seienden \u2013 als<em> substanziell oder identisch gedacht<\/em>. Aber sie waren nicht autonom; weder standen sie auf eigenen Beinen noch spielte ihre Freiheit eine sonderliche Rolle, und als Selbstbestimmung war sie schon gar nicht zu denken.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00e4nderte sich in der Moderne grundlegend.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Subjekte<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; blieben zwar weiterhin Seiende,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wurden aber autonomer, souver\u00e4ner oder unabh\u00e4ngiger,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; erfuhren sich zunehmend als frei, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; verstanden sich h\u00e4ufig als autark im Sinne von &#8222;auf den eigenen Beinen stehend&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das geh\u00f6rt zur &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220;, steht aber zumeist nicht so stark im Focus wie das Abwenden von der Transzendenz. Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren vielleicht Descartes, Kant, Hegel und Husserl.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die daraus resutierende Philosophie \u2013 zumeist als eine solche <em>des Subjekts bzw. Bewu\u00dftseins<\/em> bezeichnet \u2013 neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend daf\u00fcr war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geistesschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu f\u00fchrte, da\u00df die (angeblich) gebildetsten und aufgekl\u00e4rtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten f\u00e4hig sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der &#8222;Tod des Subjekts&#8220; im 20. Jahrhundert bildet den Versuch einer Antwort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brechen nat\u00fcrlich ebenfalls mit dieser Traditione; freilich aus einem anderen Grund, n\u00e4mlich weil die Subjekte der Bewu\u00dftseins-Philosohie weiterhin Seiende sind. Um den prinzipiellen Unterschied zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir <em>bei unseren &#8222;Subjekten&#8220; im weiteren von Subjektivit\u00e4ten<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele; vielmehr sind die Subjektivit\u00e4ten im Dativ oder Akkusativ:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>Nicht &#8222;ich handle&#8220;, &#8222;denke&#8220; oder &#8222;wei\u00df&#8220;<\/em>, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>&#8222;mir geht nahe&#8220;, &#8222;mich betrifft&#8220; oder &#8222;ber\u00fchrt&#8220;.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Und wenn mir nichts nahegeht, mich nichts betrifft, ber\u00fchrt bzw. interessiert \u2013 gibt es mich nicht. Ich bin kein autarkes Subjekt, sondern entstehe erst durch &#8222;mein&#8220; Antworten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich tue das vielleicht in Freiheit und bin darin<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>mit der Philosophie des Subjekts \u2013 autonom, selbstbestimmend oder eigenverantwortlich<\/em>, jedoch\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>entgegen der Philosophie des Subjekts \u2013 nicht autark, sondern<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; abh\u00e4ngig davon,<\/em> <em>angesprochen zu werden, um antworten zu k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unseren diesbez\u00fcglichen Ausgangspunkt bildet ein <em>anonymes Leben<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; das nur in dem Ma\u00dfe zu <em>meinem<\/em> Leben wird, oder<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; aus dem <em>ich<\/em> nur in dem Ma\u00dfe hervorgehe,<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>wie ich eigenverantwortlich auf den Anspruch, der mich ungefragt und ungewollt trifft, antworte<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Aufkl\u00e4rung, sp\u00e4testens im 18. Jahrhundert nahm die Einsicht, da\u00df das traditionelle Denken die Transzendenz als Grund der Immanenz notwendigerweise erforderlich macht, immer st\u00e4rker ab. Die Moderne leugnet zunehmend die (Wirklichkeit der) Ideen und ger\u00e4t damit in einen inneren Widerspruch, weil sie immer noch weitestgehend von einem unersch\u00fctterlichen Glauben an die Seienden beseelt ist. 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