{"id":4431,"date":"2026-03-19T11:36:31","date_gmt":"2026-03-19T09:36:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4431"},"modified":"2026-03-21T10:30:18","modified_gmt":"2026-03-21T08:30:18","slug":"1-8-1-exkurs-i-was-es-bedeutet-von-gott-zu-sprechen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-2-religioeser-hintergrund\/1-8-1-exkurs-i-was-es-bedeutet-von-gott-zu-sprechen\/","title":{"rendered":"1.8.1.  Exkurs I:  K\u00f6nnen wir \u00fcber Gott sprechen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen rein formal <em>mit, von und \u00fcber Gott<\/em> sprechen; paradigmatisch stehen daf\u00fcr nat\u00fcrlich <em>das Gebet, die Verk\u00fcndigung bzw. die Theologie<\/em>. Aber bei letzterer gehen die Meinungen bereits deutlich auseinander:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">L\u00e4\u00dft sich tats\u00e4chlich \u00fcber Gott sprechen? Ist Theologie f\u00fcr uns \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich pers\u00f6nlich bin mir diesbez\u00fcglich sehr sicher:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich ohne jegliche Theologie <em>beten<\/em> \u2013 <em>aber nicht verk\u00fcndigen<\/em>, denn das w\u00e4re ein <em>Zeugnis ohne Inhalt.<\/em>\u00a0Emotionalit\u00e4t oder Fr\u00f6mmigkeit gen\u00fcgen nicht, und Begeisterung mu\u00df keineswegs vom Heiligen Geist kommen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Innerhalb der Tradition sind beide Antworten m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Prinzipiell &#8222;ja&#8220;, <em>weil sie stets davon ausgeht, von der objektiven Wirklichkeit zu sprechen<\/em>; aber offen bleibt nat\u00fcrlich, ob das auch bei Gott so selbstverst\u00e4ndlich ist. Das kann uns jedoch zum Gl\u00fcck ziemlich gleichg\u00fcltig sein.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Postmoderne stellt sich diese Frage dagegen gar nicht, da ihr Ausgangspunkt niemals in der objektiven Wirklichkeit, sondern stets in\u00a0 unserem subjektiven Weltbild besteht. \u00dcber den Gott, der gegebenenfalls darin vorkommt, k\u00f6nnen wir nat\u00fcrlich sprechen, denn er ist ja lediglich unsere Konstruktion oder Erfindung.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das spricht nicht gegen Gott, sondern nimmt nur erst, da\u00df <em>keine einzige Wissung einen Referenten besitzt<\/em> und gilt somit ebenso f\u00fcr die Materie, meinen K\u00f6rper oder unsere Erde.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Weltbld stellt das Ergebnis meines bisherigens Lebens dar; s\u00e4mtliche Wahrnehmungen und Vorstellungen, die mir bisher begegnet sind, <em>alle Erfahrungen, Erlebungen oder Eskapaden, die ich jemals hatte, haben <\/em>\u2013 nicht nur mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin, sondern auch \u2013<em> zu meinem gegenw\u00e4rtigen Weltbild beigetragen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es <em>erm\u00f6glicht<\/em> auf der einen Seite alles, was ich wissen, denken, sagen oder mir vorstellen kann. Mein Weltbild besitzt aber notwendigerweise einen Horizont, und der bewirkt auf der anderen Seite, da\u00df ich mein Weltbild<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; prinzipiell nicht &#8222;von au\u00dfen&#8220; oder in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang sehen und damit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; auch nicht ableiten, begr\u00fcnden oder rechtfertigen kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ich habe dieses Weltbild. Punkt<\/em>. Vielleicht ist es durch \u00fcberraschende Begegnungen morgen schon ein anderes; aber heute geht nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Kann ich \u00fcber mein &#8222;Weltbild&#8220; sprechen, ist es nicht das Weltbild.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Traditionell Denkende kennen eventuell einen \u00e4hnlichen Satz:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Kann ich \u00fcber &#8222;GOTT&#8220; sprechen, ist es nicht GOTT.<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0<\/p>\n<p>Eine gute Freundin sagte gestern zu mir:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Es gibt keinen Zufall; ich glaube, da\u00df Gott allgegenw\u00e4rtig ist und verstehe damit zum Beispiel jeden Menschen, der mir begegnet, als einen Anspruch an mich, dem ich zu antworten habe. Gott schickt \u2013 ihn zu mir oder wohl besser \u2013 mich zu ihm.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auf meine Bitte hin, mir das ein bi\u00dfchen zu begr\u00fcnden oder wenigstens zu erkl\u00e4ren wiederholte sie nur lapidar &#8222;Das ist mein Weltbild&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich war begriffsstutzig und h\u00e4tte schneller begreifen m\u00fcssen, da\u00df sie in meiner Sprache sagen wollte &#8222;Das ist der <em>Horizont<\/em> meines Weltbilds&#8220;.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich wie unsere Freundin \u00fcberzeugt bin, da\u00df Gott allgegenw\u00e4rtig ist,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>betrifft uns das zwar alle<\/em>, aber da<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>nur von meiner \u00dcberzeugung die Rede ist, kann mir niemand begr\u00fcndet widersprechen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Postmoderne also davon ausgeht, <em>im Rahmen oder auf der Grundlage des eigenen Weltbilds zu denken<\/em>, glaubt die Tradition, <em>unmittelbar an die objektive Wirklichkeit selbst ankn\u00fcpfen zu k\u00f6nnen<\/em> \u2013 und damit wird (fast) alles anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun hei\u00dft es in diesem Fall nicht mehr<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; &#8222;<em>Ich bin \u00fcberzeugt<\/em>, da\u00df Gott allgegenw\u00e4rtig ist&#8220;, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; &#8222;<em>zur objektiven Wirklichkeit geh\u00f6rt<\/em> die Allgegenwart Gottes&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\">W\u00fcrde das stimmen, g\u00e4be es keinen Ort oder Zeitpunkt ohne ihn.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Was es bedeutet, da\u00df Gott anwesend ist, l\u00e4\u00dft sich aber nur erkennen, wenn wir <em>seine Pr\u00e4senz mit seiner Absenz vergleichen und einen Unterschied feststellen k\u00f6nnen<\/em>. Gibt es letzteren jedoch nicht, <em>fallen Pr\u00e4senz und Absenz Gottes zusammen<\/em>, so da\u00df wie ebenso <em>von seiner Absenz wie von seiner Pr\u00e4senz<\/em> sprechen k\u00f6nnten.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ist Gott jedoch <em>allgegenw\u00e4rtig<\/em>, wird wegen der stets fehlenden Absenz <em>sogar der Vergleich um\u00f6glich<\/em>, und wir stehen vor der Frage, <em>worin sich die Allgegenwart Gottes eigentlich von seiner Inexistenz unterscheiden soll<\/em>.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir scheint diese Stelle sehr wichtig zu sein; betrachten wir deshalb als Beispiel noch das objektiv-wirkliche oder traditionelle Verst\u00e4ndnis der Dreifaltigkeit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer es teilt, behauptet, da\u00df <em>Gott weder zwei- noch vierfaltig sei<\/em>.\u00a0Das sind also drei verschiedene Denk-M\u00f6glichkeiten, von denen nur die &#8222;mittlere&#8220; stimmen soll.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wem dies wichtig ist, der m\u00fc\u00dfte also erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, was <em>bei einem zwei- bzw. vierfaltigen Gott an unserem Leben erfahrbar anders w\u00e4re<\/em>. Wenn er das nonchalant \u00fcbergeht oder keine vern\u00fcnftige Antwort auf diese Frage findet, <em>sagt die Aussage, Gott sei dreifaltig, nichts,<\/em> denn bei einem zwei- oder vierfaltigen Gott w\u00e4re alles ebenso.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es hat in diesem Zusammenhang auch keinen Sinn, von Vater, Sohn und Geist zu sprechen, denn <em>damit werden keine Antworten gegeben, sondern weitere Fragen aufgeworfen<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das entspricht Gregory Batesons &#8222;Unterschied, der keinen Unterschied macht&#8220;. K\u00f6nnen wir nicht angeben, zu welchem abweichenden Ergebnissen ein zwei- oder vierfaltiger Gott f\u00fchren w\u00fcrde, macht der Glaube an den dreifaltigen keinen Unterschied, und wir plappern nur, ohne etwas zu sagen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer fest an einen vierfaltigen Gott glaubt, aber ohne es begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, <em>widerspricht \u2013 aber nur um zu widersprechen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer fest an einen dreifaltigen Gott glaubt, aber ohne es begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, <em>pa\u00dft sich an \u2013 aber nur um sich anzupassen<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir k\u00f6nnen rein formal mit, von und \u00fcber Gott sprechen; paradigmatisch stehen daf\u00fcr nat\u00fcrlich das Gebet, die Verk\u00fcndigung bzw. die Theologie. Aber bei letzterer gehen die Meinungen bereits deutlich auseinander: L\u00e4\u00dft sich tats\u00e4chlich \u00fcber Gott sprechen? Ist Theologie f\u00fcr uns \u00fcberhaupt m\u00f6glich? 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