{"id":4444,"date":"2026-04-28T12:49:22","date_gmt":"2026-04-28T10:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4444"},"modified":"2026-09-27T17:15:22","modified_gmt":"2026-09-27T15:15:22","slug":"1-1-5-die-korrektur-des-traditionellen-denkens-in-der-moderne-ii","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-5-die-korrektur-des-traditionellen-denkens-in-der-moderne-ii\/","title":{"rendered":"1.1.7.  Vom Subjekt \u00fcber dessen &#8222;Tod&#8220; zur Subjektivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als <em>Gesch\u00f6pfe von Gottes Gnaden<\/em>. Sie wurden \u2013 ohne zu wissen, warum und wozu \u2013 in eine vorgegebene (St\u00e4nde-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erf\u00fcllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um \u2013 gegebenenfalls \u2013 daf\u00fcr im Jenseits einmal belohnt zu werden\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Subjekte galten \u2013 wie alle Seienden \u2013 als substanziell oder mit sich selbst identisch(S) und besa\u00dfen, im Gegensatz zu den Objekten, nat\u00fcrlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das hei\u00dft ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gl\u00e4ubig dem Willen Gottes unterzuordnen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00e4nderte sich in der Moderne grundlegend.\u00a0Die Subjekte<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; blieben zwar weiterhin Seiende,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wurden aber souver\u00e4ner oder unabh\u00e4ngiger,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren beispielsweise Descartes, Kant, Hegel und Husserl.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die daraus resutierende Philosophie \u2013 zumeist als eine solche <em>des Subjekts bzw. Bewu\u00dftseins<\/em> bezeichnet \u2013 neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend daf\u00fcr war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geisteswissenschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu f\u00fchrte, da\u00df die (angeblich) gebildetsten und aufgekl\u00e4rtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten f\u00e4hig sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der &#8222;Tod des Subjekts&#8220; im 20. Jahrhundert geh\u00f6rt zur Suche nach einer Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brechen nat\u00fcrlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, n\u00e4mlich <em>weil die Subjekte der Bewu\u00dftseins-Philosohie weiterhin Seiende sind<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzudeuten, sprechen wir <em>bei den postmodernen &#8222;Subjekten&#8220; im weiteren von Subjektivit\u00e4ten<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele. Darin besteht keine Absage an den christlichen Glauben, sondern eine solche an die traditionelle Philosophie; <em>ihr<\/em> entstammen die Seelen. Das ist ein Begriff, der als theologisches Denkwerkzeug benutzt werden kann, wenn man ihn f\u00fcr geeignet h\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Oben sollte deutlich werden, da\u00df wir dies nicht tun, weil die Seele <em>lediglich eine Ad-hoc-Annahme darstellt, zu der ein falsches Weltbild diejenigen zwingt, die ein Leben nach dem Tod glauben m\u00f6chten<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aussage, da\u00df Subjekte leben, scheint f\u00fcr die meisten traditionell Denkenden selbstverst\u00e4ndlich zu sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir hatten schon mehrfach darauf hingewiesen, da\u00df dies nicht der Fall ist, und unsere postmoderne Analogie &#8222;Subjektivit\u00e4ten leben&#8220; w\u00e4re sogar ganz daneben. Weshalb, l\u00e4\u00dft sich gut verstehen: \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Um A von B <\/em>\u2013 &#8222;Subjektivit\u00e4t&#8220; und &#8222;leben&#8220; also in diesem Fall \u2013<em> sinnvoll unterscheiden zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir den Unterschied zwischen ihnen wissen<\/em>. Ist dies jedoch ausgeschlossen, weil weder A noch B Wissungen darstellen, besteht auch keine M\u00f6glichkeit, die beiden auseinanderzuhalten, so da\u00df wir nur <em>der Einheit { Subjektivit\u00e4t + Leben }<\/em> einen Sinn zuschreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist die Subjektivit\u00e4t prim\u00e4r<\/em> \u2013 was wir freilich nicht wissen \u2013, <em>kann<\/em> sie<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; leben, aber auch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sterben und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; tot sein;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">das entspr\u00e4che <em>dem traditionellen Leben der Subjekte als den Seienden<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Bildet jedoch das Leben die Basis<\/em>, ist es noch anonym oder vorpersonal;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>die Subjektivit\u00e4t des Lebens<\/em> geht aus ihm hervor;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sie taucht auf, h\u00e4lt sich eine Weile und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; geht wieder im Leben unter.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">AD: &#8222;Dieses &#8218;Hervorgehen&#8216; oder &#8218;Auftauchen&#8216; ist mir ein bi\u00dfchen dubios . . .&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Entschuldigung; das war zu kurz, aber ich m\u00f6chte auch nicht unverst\u00e4ndlich vorgreifen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Erfahre &#8222;ich&#8220; mich in dieser vorpersonalen Einheit als angesprochen,, <em>mu\u00df<\/em> ich antworten \u2013 nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gr\u00fcnden \u2013, denn <em>auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-als- angesprochen-F\u00fchlen ist ein Antworten<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Darin bestehen die Geburt oder das Geschenk sowohl der Subjektivit\u00e4t als auch der Freiheit. Letztere bedeutet Selbstbestimmung, und ihr Akt entspricht dem Antworten, in bzw. mit dem ich mich zu einem Selbst bestimme<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich tue dies\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>mit der Philosophie des Subjekts \u2013 autonom oder eigenverantwortlich<\/em>, jedoch\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>entgegen der Philosophie des Subjekts \u2013 nicht aus mir selbst heraus<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Freiheit ist keine Eigenschaft, die \u2013 mehr der weniger viele \u2013 Menschen besitzen, sondern ein soziales Ph\u00e4nomen. Ich verdanke sie dem Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wodurch bzw. Wovon ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse<\/em>, ist meines Erachtens vollkommen offen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Emmanuel Levinas favorisiert (aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren &#8222;Antlitz&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube dagegen, da\u00df Tiere und Pflanzen, jegliches Gl\u00fcck oder Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit bzw. allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ebenso m\u00f6glich sind oder ein &#8222;Antlitz&#8220; besitzen.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anspr\u00fcche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich <em>als weitere Beispiele<\/em> weggelassen. Nicht weil sie mir als unm\u00f6glich erscheinen, sondern weil diese Anspr\u00fcche meines Erachtens <em>nicht zu den immanenten noch additiv hinzukommen, sondern sich nur in letzteren ausdr\u00fccken k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein transzendenter Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Anspr\u00fcche f\u00fcr sich selbst erheben; sein &#8222;W\u00fcnsche&#8220; enden stets in der Immanenz.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Er will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden?&#8220;\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Nein; ich bin \u00fcbrzeugt, das will er nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber diese Formulierung ist ungl\u00fccklich und kann nur mi\u00dfverstanden werden; weder will Gott gelobt noch will er nicht-gelobt werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Menschwerdung Gottes er\u00f6ffnet uns einen Zugang, denn dadurch <em>k\u00f6nnen wir unser Selbstverst\u00e4ndnis auf ihn \u00fcbertragen<\/em>:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich <em>antworte nicht<\/em>, sondern bin &#8222;mein&#8220; unausweichliches Antworten auf das Mich-als-angesprochen-Erfahren;\u00a0ich <em>bin &#8222;mein&#8220; Leben.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott <em>antwortet nicht<\/em>, sondern ist &#8222;sein&#8220; unausweichliches Antworten auf das Sich-als-angesprochen-Erfahren; er <em>ist &#8222;sein&#8220; Leben. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das Leben besteht bei Gott im achtsamen Antworten, und dazu geh\u00f6rt kein Gelobt-werden-Wollen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als Gesch\u00f6pfe von Gottes Gnaden. 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