{"id":4444,"date":"2026-04-28T12:49:22","date_gmt":"2026-04-28T10:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4444"},"modified":"2026-08-25T11:02:46","modified_gmt":"2026-08-25T09:02:46","slug":"1-1-5-die-korrektur-des-traditionellen-denkens-in-der-moderne-ii","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-5-die-korrektur-des-traditionellen-denkens-in-der-moderne-ii\/","title":{"rendered":"1.1.4.  Vom Subjekt \u00fcber dessen &#8222;Tod&#8220; zur Subjektivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als <em>Gesch\u00f6pfe von Gottes Gnaden<\/em>. Sie wurden \u2013 ohne zu wissen, warum und wozu \u2013 in eine vorgegebene (St\u00e4nde-)Ordnung hineingeboren, in der sie einen bestimmten Platz einzunehmen und eine definierte Aufgabe zu erf\u00fcllen hatten; das war ihre Essenz, ihr Wesen oder Was. Der Sinn des Lebens bestand darin, dies in Demut anzunehmen, um \u2013 gegebenenfalls \u2013 daf\u00fcr im Jenseits einmal belohnt zu werden\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Subjekte galten \u2013 wie alle Seienden \u2013 als substanziell oder mit sich selbst identisch und besa\u00dfen, im Gegensatz zu den Objekten, nat\u00fcrlich eine Seele. Aber sie waren nicht autonom, das hei\u00dft ihre Freiheit wurde nicht als Selbstbestimmung gedacht, sondern im wesentlichen moralisch verstanden; Freiheit bedeutete, sich gl\u00e4ubig dem Willen Gottes unterzuordnen.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00e4nderte sich in der Moderne grundlegend.\u00a0Die Subjekte<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; blieben zwar weiterhin Seiende,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wurden aber souver\u00e4ner oder unabh\u00e4ngiger,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; erfuhren sich zunehmend als autonom, selbstbestimmend bzw. eigenverantwortlich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Besonders wichtige Denker auf diesem Weg waren beispielsweise Descartes, Kant, Hegel und Husserl.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die daraus resutierende Philosophie \u2013 zumeist als eine solche <em>des Subjekts bzw. Bewu\u00dftseins<\/em> bezeichnet \u2013 neigt sich schon lange wieder ihrem Ende zu. Entscheidend daf\u00fcr war nicht zuletzt der erste Weltkrieg. Viele Geisteswissenschaftler verzweifelten an einem Denken, welches dazu f\u00fchrte, da\u00df die (angeblich) gebildetsten und aufgekl\u00e4rtesten Nationen der Welt zu so einem Hinschlachten f\u00e4hig sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Irgendetwas kann hier nicht stimmen; der &#8222;Tod des Subjekts&#8220; im 20. Jahrhundert geh\u00f6rt zur Suche nach einer Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brechen nat\u00fcrlich ebenfalls mit dieser Tradition; freilich aus einem ganz anderen Grund, n\u00e4mlich <em>weil die Subjekte der Bewu\u00dftseins-Philosohie weiterhin Seiende sind<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Um unser prinzipiell andersartiges Denken anzudeuten, sprechen wir <em>bei den postmodernen &#8222;Subjekten&#8220; im weiteren von Subjektivit\u00e4ten<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie werden nicht substanziell gedacht und besitzen somit insbesondere keine Seele. Darin besteht keine Absage an den christlichen Glauben, sondern eine solche an die traditionelle Philosophie; <em>ihr<\/em> entstammen die Seelen. Das ist ein Begriff, der als theologisches Werkzeug benutzt werden kann, wenn man ihn f\u00fcr geeignet h\u00e4lt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aussage, da\u00df Subjekte leben, scheint f\u00fcr die meisten traditionell Denkenden ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie glasklar zu sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir hatten schon mehrfach darauf hingewiesen, da\u00df dies nicht der Fall ist, und unsere postmoderne Analogie &#8222;Subjektivit\u00e4ten leben&#8220; w\u00e4re sogar ganz falsch. Weshalb, l\u00e4\u00dft sich gut verstehen: \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Um A von B unterscheiden zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir den Unterschied zwischen ihnen wissen; andernfalls war es kein Denken, sondern blo\u00dfes Meinen<\/em>. Ist dies jedoch ausgeschlossen, weil weder A noch B Wissungen darstellen, besteht auch keine M\u00f6glichkeit, die beiden auseinanderzuhalten, so da\u00df wir nur <em>der ungewu\u00dften Einheit { Subjektivit\u00e4t + Leben }<\/em> einen Sinn zuschreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist die Subjektivit\u00e4t prim\u00e4r<\/em> \u2013 was wir freilich nicht wissen \u2013, <em>kann<\/em> sie leben, aber auch sterben und tot sein; das ist gegebenenfalls <em>das Leben der Subjektivit\u00e4t<\/em>, ganz wie im traditionellen Denken.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Bildet jedoch das Leben die Basis<\/em>, ist es noch anonym oder vorpersonal, und <em>die Subjektivit\u00e4t des Lebens<\/em> geht aus ihm hervor; sie taucht auf, h\u00e4lt sich eine Weile und geht wieder im Leben unter.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">AD: &#8222;Dieses &#8218;Hervorgehen&#8216; oder &#8218;Auftauchen&#8216; ist mir ein bi\u00dfchen dubios . . .&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Entschuldigung; das war sehr kurz, um nicht vorzugreifen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Erfahre &#8222;ich&#8220; mich in dieser vorpersonalen Einheit als angesprochen,, <em>mu\u00df<\/em> ich antworten \u2013 nicht aus moralischen, sondern aus rein logischen Gr\u00fcnden \u2013, denn <em>auch das Nicht-Antworten-Wollen auf ein Sich-als- angesprochen-F\u00fchlen ist ein Antworten<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Darin besteht die Geburt oder das Geschenk der Freiheit. Freiheit ist Selbstbestimmung, und ihr Akt das Antworten, in bzw. mit dem ich mich zu einem Selbst bestimme<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich tue dies\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>mit der Philosophie des Subjekts \u2013 autonom oder eigenverantwortlich<\/em>, jedoch\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u2013 <em>entgegen der Philosophie des Subjekts \u2013 nicht aus mir selbst heraus<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Freiheit ist keine Eigenschaft, die \u2013 mehr der weniger viele \u2013 Menschen besitzen, sondern ein soziales Ph\u00e4nomen. Ich verdanke sie dem Mich-als-angesprochen-erfahren-Haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wodurch ich mich ansprechen oder infrage stellen lasse<\/em>, ist meines Erachtens vollkommen offen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Emmanuel Levinas favorisiert (aufgrund seiner Biographie) ganz stark andere Menschen und expliziert dies anhand von deren &#8222;Antlitz&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube dagegen, da\u00df Tiere und Pflanzen, jegliches Gl\u00fcck oder Leid, eine scheinbar anonyme Lebensaufgabe, die monotone Arbeit bzw. allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ebenso m\u00f6glich sind.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anspr\u00fcche aus der oder durch die Transzendenz habe ich absichtlich <em>als weitere Beispiele<\/em> weggelassen. Nicht weil sie mir als unm\u00f6glich erscheinen, sondern weil diese Anspr\u00fcche meines Erachtens <em>nicht zu den immanenten noch additiv hinzukommen, sondern sich nur in letzteren ausdr\u00fccken k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein transzendenter Gott, der sich jenseits von Sein und Nicht-Sein befindet, kann keine Anspr\u00fcche f\u00fcr sich selbst erheben; sein &#8222;W\u00fcnsche&#8220; enden stets in der Immanenz.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Er will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden?&#8220;\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Nein; das will er nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Aber diese Formulierung ist falsch und kann daher nur mi\u00dfverstanden werden:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wer oder was Gott als solcher ist, versuche ich gar nicht zu verstehen, weil mir dazu die Begriffe bzw. Denkwerkzeuge fehlen. Alles, was ich dazu sagen w\u00fcrde, w\u00e4re nicht nur falsch, sondern sinnleer; schlimmer als Baby-Gebrabbel.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber die Menschwerdung Gottes er\u00f6ffnet uns einen Zugang, denn dazu m\u00fc\u00dften wir &#8222;nur&#8220; uns selbst verstehen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich bin &#8222;mein&#8220; Antworten auf das Mich-als-angesprochen-Erfahren. Ich <em>antworte also nicht<\/em>, sondern <em>bin das Antworten<\/em>; ich <em>lebe nicht<\/em>, sondern <em>bin &#8222;mein&#8220; Leben.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ist Gotte Mensch geworden, mu\u00df also Entsprechendes auch f\u00fcr ihn gelten:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Gott ist &#8222;sein&#8220; Antworten auf das Sich-als-angesprochen-Erfahren. Er <em>antwortet also nicht<\/em>, sondern <em>ist das Antworten<\/em>; er <em>lebt nicht<\/em>, sondern <em>ist &#8222;sein&#8220; Leben. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Leben will nicht geglaubt, geachtet, anerkannt oder verehrt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">En passant habe ich oben die Wissung(en) eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Erschrecken Sie nicht wegen des un\u00fcblichen Wortes; die Wissungen entsprechen vollkommen dem substantivischen Wissen. Wir ben\u00f6tigen sie aber trotzdem, um eine m\u00f6glichst einheitliche Darstellungsweise entwickeln zu k\u00f6nnen. Die Wortbildung erinnert vielleicht ein wenig an Martin Heideggers &#8222;Schwarzwald-Deutsch&#8220;, erfolgt aber relativ zwingend und unabh\u00e4ngig von ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wortpaare wie &#8222;Wahrnehmungen &#8211; Wahrgenommene&#8220; oder &#8222;Vorstellungen &#8211; Vorgestellte&#8220; besitzen bei uns eine sehr exakte und entscheidende Bedeutung. Diese konsistente Systematik m\u00f6chte ich um &#8222;Wissungen &#8211; Gewu\u00dfte&#8220; sowie weitere Paare erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ein zweiter Grund ist grammatischer Art:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wissung <em>gestattet nicht nur <\/em>\u2013 anders als das Wissen \u2013<em> die Pluralbildung Wissungen,<\/em> sondern verweist auch eindeutig auf seine<em> substantivische oder nicht-verbale Bedeutung: <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir denken Denkungen, sehen Sehungen und wissen Wissungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vormodern verstanden sich die traditionellen Subjekte im wesentlichen als Gesch\u00f6pfe von Gottes Gnaden. 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