{"id":4462,"date":"2026-06-03T12:11:41","date_gmt":"2026-06-03T10:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4462"},"modified":"2026-07-09T20:11:20","modified_gmt":"2026-07-09T18:11:20","slug":"1-8-2-postmoderne","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-8\/1-8-2-postmoderne\/","title":{"rendered":"1.9.4.  Postmoderne \u2013 intersubjektive Stabilit\u00e4t durch Sprachspiele"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Grundfehler des traditionellen Denkens zeigt sich bei unserem obigen Beispiel daran, da\u00df <em>die materiell-wirkliche Haus-Erfahrung zum geistig-unwirklichen Abbild in der Psyche wird<\/em>. Eine solche Vertauschung ist postmodern zwar nicht mehr m\u00f6glich, weil wir diesen Au\u00dfen-Innen-Dualismus durch den \u00dcbergang zum Bewu\u00dftsein aufgehoben haben, aber was ergibt sich daraus konstruktiv?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition argumentiert, da\u00df wir die Haus-Erfahrung nicht haben k\u00f6nnten, <em>wenn es das Haus nicht g\u00e4be<\/em>, und spaltet letzteres deswegen von der Haus-Erfahrung ab, was verallgemeinert zur Welt der Seienden f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Postmodern gilt dagegen, da\u00df unsere Haus-Erfahrung unm\u00f6glich w\u00e4re, w\u00fcrden wir nicht leben; ich halte das f\u00fcr zwingend(er). Demzufolge d\u00fcrften wir das Stabile <em>nicht auf der objektiven Seite der Haus-Erfahrung abspalten, sondern m\u00fc\u00dften dies auf ihrer subjektiven Seite<\/em> tun.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber worin besteht dieses Stabile?\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind immer in irgendeiner Situation; ohne sie, im Nichts oder &#8222;Vakuum&#8220; gibt es keine Subjektivit\u00e4t. Zum Beispiel gehe ich die Wiesenstra\u00dfe entlang; die Situation erweist sich nat\u00fcrlich immer als eine andere; sie ist stets einmalig und damit zwangsl\u00e4ufig sogar erstmalig. Ich habe zwar jedes Mal unsere Haus-Wahrnehmung, aber wegen der Erstmaligkeit der Situation kann sie sich immer nur n\u00e4herungsweise wiederholen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition sagt: Klar; wir gehen ja hin, <em>weil dort unser identisches Haus steht<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Postmodern nutzen wir dagegen unser <em>Verf\u00fcgen-K\u00f6nnen, um die n\u00e4herungsweise identischen Haus-Wahrnehmungen zu bewirken<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen Sie diesen letzten Absatz nicht zu w\u00f6rtlich; unser Beispiel mu\u00df nicht nur verallgemeinert, sondern vor allem korrigiert werden; es ist h\u00f6chstens didaktisch hilfreich. Mein Fehler soeben bestand darin, da\u00df ich <em>die Subjekt-Objekt-Spaltung vorausgesetzt<\/em> habe.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Subjektivit\u00e4t besteht in der <em>Einheit von Verstricktem und Antwortendem<\/em>, so da\u00df es <em>uns erst durch das Verstrickt- und Angesprochen-Werden geben kann<\/em>. Wir m\u00fcssen diese beiden Aspekte folglich <em>ohne uns und damit auch ohne Subjekt-Objekt-Spaltung erkl\u00e4ren<\/em>, denn was gar nicht existiert, l\u00e4\u00dft sich auch nicht abspalten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wirklichkeit zei(ti)gt sich in der jeweiligen, aber stets erstmaligen Situation, in der sich Wahrnehmungen sowie Vorstellungen n\u00e4herungsweise wiederholen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">Theoretisch k\u00f6nnten wir nun folgenderma\u00dfen fortfahren:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Verstehungen \u00e4ndern sich kontinuierlich in der vergehenden Zeit und bringen dadurch wieder eine erstmalige Situation mit Wissungen hervor, die sich kontinuierlich \u00e4ndern und somit erneut . . .\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Ansatz bildet die Grundlage allen Kausaldenkens; er bew\u00e4hrt sich fast immer, und ist schier unentbehrlich im Alltag, sowie in der Technik oder Einzelwissenschaft. Wenn wir voraussetzen, da\u00df B von A bewirkt wird, <em>mu\u00df das Geschehen jedoch bereits in bestimmte Entit\u00e4ten zerlegt sein<\/em>, die<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; mit sich selbst identisch sind,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sich voneinander unterscheiden und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; gewu\u00dft, das hei\u00dft,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; mit dem Blick von nirgendwo oder von au\u00dfen geschaut werden.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber einen solchen Blick verf\u00fcgen wir nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Also d\u00fcrften wir die Kausalit\u00e4t gar nicht benutzen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Doch; aber wir m\u00fc\u00dften sie <em>als ein blo\u00dfes Modell<\/em> betrachten, das es uns gestattet, zahllose Probleme oder R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Wir versuchen es also im Alltag, in der Technik und Einzelwissenschaft auf diesem Wege \u2013 freilich ohne jede Rechtfertigung \u2013, und wenn unsere Ziele so erreicht werden, ist es prima; mehr geht in diesem Zusammenhang ja gar nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir d\u00fcrfen die Kausalit\u00e4t jedoch nicht als Wirklichkeit betrachten, denn sie ist ein reines Denkwerkzeug, das nur zwischen Wissungen vermittelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als solches ist es unersetzlich, und die Tradition wei\u00df auch sehr genau, worin die hierf\u00fcr erforderlichen Entit\u00e4ten A, B, C . . . bestehen; nat\u00fcrlich in den Seienden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns stellt sich dagegen die Frage, <em>wie diese Entit\u00e4ten entstehen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Exakt an dieser Stelle waren wir bereits einmal zu Beginn unserer gemeinsamen \u00dcberlegungen, und der Einfachheit halber wiederhole ich das Dortige einfach:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wir besitzen dem traditionell-modernen Denken zufolge einen direkten oder unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit; die Seienden liegen praktisch wie auf einem Pr\u00e4sentierteller vor uns ausgebreitet, so da\u00df wir sie mittels der Sprache bezeichnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8218;L\u00f6we&#8216; beispielsweise meint angeblich den L\u00f6wen, der in Afrika durch die Savanne streift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sagen, ihn, Afrika und die Savanne g\u00e4be es in der Postmoderne nicht mehr, w\u00e4re offensichtlich Unsinn; wir entleeren die Welt nicht, sondern wollen sie nur verstehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit stellen sich uns zwei brennende Fragen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Was bedeutet es, da\u00df die Wirklichkeit \u2013 nicht in Seienden besteht, sondern \u2013 sich zeitigt?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Was bezeichnen wir eigentlich mit den Worten &#8218;L\u00f6we&#8216;, &#8218;Afrika&#8216; oder &#8218;Savanne&#8216;, wenn es keine Seienden (mehr) gibt?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Einerseits haben wir letztere als blo\u00dfe Konstruktionen durchschaut; andererseits bestreiten wir nat\u00fcrlich nicht, da\u00df der L\u00f6we in Afrika wirklich durch die Savanne streift.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Antwort besteht, wie schon oft angedeutet, nat\u00fcrlich darin, da\u00df die Wirklichkeit sich zei(ti)gt. Was damit gemeint ist, sollte durch die Gegen\u00fcberstellung mit dem kausalen Denken wieder ein wenig deutlicher werden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"width: 100%; border-collapse: collapse;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 26.6%; text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Tradition<\/strong><\/span><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 26.76%;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Postmoderne<\/strong><\/span><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 26.6%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"width: 26.76%; text-align: center;\">\u00a0<\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Kausalit\u00e4t<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 Sich-Zeitigen<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Au\u00dfenperspektive<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 Mitspieler<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Distanz<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 Vollzug<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Blick von nirgendwo<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 in Geschichten verstrickt<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Wissen<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 Wirklichkeit<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.6%;\"><strong>\u00a0 Operieren mit Wissungen<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: left; width: 26.76%;\"><strong>\u00a0 Entstehen der Wissungen<\/strong><\/td>\n<td style=\"text-align: center; width: 46.64%;\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abbildung 1.9.4.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen wir auf unser momentanes Zwischenziel zur\u00fcck; es besteht in einer Antwort auf die Frage, wie sich Stabilit\u00e4t ohne Kontinuit\u00e4t \u2013 der Seienden \u2013 denken lassen k\u00f6nnte, und unser Vorschlag lautet:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Die postmoderne Stabilit\u00e4t wird \u2013 im Gegensatz zu der traditionellen \u2013 <em>nicht (mehr) durch identische Seiende erzwungen, sondern stellt<\/em> <em>eine Option dar, die gew\u00e4hlt werden kann<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Die hierf\u00fcr bereitstehenden M\u00f6glichkeiten entsprechen <em>dem Verf\u00fcgbaren an unserer Situation<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. W\u00e4hrend die Tradition also <em>aus den &#8222;Wahrnehmungen der Seienden&#8220; die Seienden als kontinuierlich-stabil<\/em> ausgliedert, betrachten wir <em>das Verf\u00fcgbare der Situation als diskontinuierlich-stabil<\/em>.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0<\/p>\n<p>AD: &#8222;Dieser Wandel ist gewaltig, denn er schl\u00e4gt ja fast in sein Gegenteil um:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">Das Stabile oder dasjenige, was die Stabilit\u00e4t erm\u00f6glicht, wechselt damit<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; von <em>den identischen Seienden der objektiven Welt<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; zu <em>den Verf\u00fcgbarkeiten (in) der subjektiven Situation<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Da\u00df wir mit ihnen die Stabilit\u00e4t der eigenen Welt selbst erzeugen k\u00f6nnen, ist<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; einerseits sehr \u00fcberraschend oder beeindruckend,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; andererseits aber auch h\u00f6chst gef\u00e4hrlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wenn jeder selbst seine eigene Welt stabilisieren kann, d\u00fcrfte ein friedliches Zusammenleben sehr schwierig werden . . .&#8220;\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja; das Ganze ist in der Tat auch f\u00fcr mich erstaunlich. Nur bei Ihrem letzten Punkt w\u00fcrde ich Sie gerne etwas beschwichtigen wollen; er ist nicht ganz so hoffnungslos, weil die Stabilisierungen<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>zwar subjektiv sein m\u00fcssen, <\/em>aber<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nicht <em>rein<\/em> subjektiv erfolgen k\u00f6nnen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">so da\u00df <em>auch postmodern die erforderliche (teilweise) Intersubjektivit\u00e4t immer schon vorhanden ist<\/em>.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen bei den Wahrnehmungen zwischen den <em>rein subjektiven<\/em> und den <em>(teilweise) intersubjektiven<\/em> unterscheiden; andernfalls l\u00e4\u00dft sich unser gegenw\u00e4rtiges Problem gar nicht verstehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich kann beispielweise eine Gestalt sehen oder eine Stimme h\u00f6ren \u2013 und damit ganz allein dastehen; keiner best\u00e4tigt meine Wahrnehmungen. Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen; viele Privatoffenbarungen, Erscheinungen oder Gotteserfahrungen werden in dieser Form beschrieben.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ludwig Wittgenstein folgend sprechen wir hierbei von Privat-Wahrnehmungen. Wir schlie\u00dfen uns ihm auch dahingehend an, da\u00df kein Grund zu bestehen scheint, weshalb sie unm\u00f6glich sein sollten. Wieso kann ich nicht etwas, sehen, h\u00f6ren, f\u00fchlen oder ahnen, was sonst niemandem m\u00f6glich ist?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Problem, das die Privat-Wahrnehmungen uns bereiten, ist meines Erachtens ein ganz anderes:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Werden sie &#8222;wiederholt&#8220; \u2013 einerlei ob als Wahrnehmung, in der Erinnerung oder beim Davon-Berichten \u2013, kann diese &#8222;Wiederholung&#8220; wegen der vergangenen Zeit nicht an das Original gehalten und mit ihm verglichen werden. <em>Nachweisbare<\/em> Wiederholungen sind somit ausgeschlossen, und es gibt nur <em>geglaubte<\/em> Wiederholungen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(Unsere Begr\u00fcndung ist als Wittgensteins Privatsprachen-Argument bekannt.)\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Dagen ist kein subjektives Kraut gewachsen; wenn \u00fcberhaupt l\u00e4\u00dft sich diese Schwierigkeit nur intersubjektiv l\u00f6sen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Richtig; je mehr Zeugen bei einem Unfall, vor Gericht, im Untergrund oder wo auch immer einander erg\u00e4nzende Wiederholungen vorbringen, um so gr\u00f6\u00dfer wird unser Glaube daran, da\u00df das Original diesen tats\u00e4chlich sehr \u00e4hnlich gewesen sein d\u00fcrfte.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit k\u00f6nnen wir endlich zusammenfassen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Postmodern wird die Stabilit\u00e4t unserer subjektiven Welt dadurch erm\u00f6glicht, da\u00df in der jeweiligen Situation Wahrnehmungen<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>verf\u00fcgbar<\/em> sind, die<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>intersubjektiv best\u00e4tigt werden k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Derartige Wahrnehmungen nennt Wittgenstein &#8222;Sprachspiele&#8220;; Praktiken w\u00e4re ebenfalls ein g\u00e4ngiger Begriff.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Paradebeispiel f\u00fcr Sprachspiele sind die &#8222;Bauarbeiter&#8220;:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Meister sagt &#8222;Ziegel&#8220; oder nennt einen anderen Gegenstand, und daraufhin holt sein Geselle einen Ziegel bzw. das anderweitig Gew\u00fcnschte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der alles entscheidende Punkt f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Sprachspiele ist dabei das Folgende:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Es spielt keinerlei Rolle, was sich Meister und Geselle unter einem Ziegel rein subjektiv vorstellen, wof\u00fcr sie ihn halten, was er ihnen bedeutet und \u00e4hnliches. <\/em>Wichtig ist ausschlie\u00dflich das &#8222;zweisam&#8220;-intersubjektive Tun, da\u00df der Geselle einen Ziegel bringt, wenn der Meister &#8222;Ziegel&#8220; sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht bei den Sprachspielen also tats\u00e4chlich <em>nur um Wahrnehmungen<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Der Meister <em>hat die Arbeitsstelle, den Gesellen und seine Bausteine vor Augen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Geselle ebenfalls und zus\u00e4tzlich noch im Ohr, was aus dem Mund des Meisters kommt.<em>\u00a0Ob er ihn subjektiv richtig versteht<\/em>, ist v\u00f6llig belanglos; <em>er handelt intersubjektiv richtig<\/em> und allein das l\u00e4\u00dft sich wahrnehmen. Da\u00df er Ziegelsteine gegebenenfalls f\u00fcr Goldbarren h\u00e4lt, tut dem Spachspiel keinen Abbruch; die beiden arbeiten trotzdem phantastisch zusammen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Meister denkt vielleicht daran, da\u00df er bald in Rente geht und sich dann endlich nicht mehr \u00fcber &#8222;diesen Heini&#8220; \u00e4rgern mu\u00df, w\u00e4hrend der Geselle die schweren Goldbarren verflucht.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aus dem Mund des Meisters kommt das Wort &#8222;Ziegel&#8220;, und daraufhin tr\u00e4gt der Geselle immer wieder ein ganz bestimmtes Ding &#8222;au\u00dfen&#8220; herbei. Solange dieses Miteinander funktioniert, liegt ein stabiles Sprachspiel vor; sollen doch alle Beteiligten rein subjektiv oder &#8222;innen&#8220; denken, w\u00fcnschen, bedauern, hoffen usw., was sie wollen.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das &#8222;Innen&#8220; bzw. rein Subjektive verliert in den Sprachspielen jeglichen Sinn oder Einflu\u00df und kann <em>verlustlos gestrichen<\/em>, bei Wittgenstein <em>&#8222;herausgek\u00fcrzt&#8220; werden<\/em>.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Die Tradition steht hierbei vor der Schwierigkeit, da\u00df der Geselle<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in seinem Innen verstehen mu\u00df, was er tun soll, damit er<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; es wirklich wollen und danach<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in seine \u00e4u\u00dfere Handlung umsetzen kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fcrchte, da\u00df dieses Problem unl\u00f6sbar ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davon bin ich sogar \u00fcberzeugt<em>; zum Gl\u00fcck haben wir es nicht, weil lediglich ein Scheinproblem vorliegt, das die Postmoderne durch ihr \u00dcberwinden des Au\u00dfen-Innen-Dualismus beseitigt. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wittgenstein dr\u00fcckt diese Einsicht folgenderma\u00dfen aus:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;<span style=\"color: #ff0000;\">Die Bedeutung eines Wortes<\/span> <span style=\"color: #0000ff;\">ist sein Gebrauch in dem jeweiligen Sprachspiel<\/span>.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ausf\u00fchrlicher und hoffentlich verst\u00e4ndlicher meint Wittgenstein damit meines Erachtens:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Die Bedeutung eines Wortes<\/span> befindet sich nicht innen, sondern dort, wo auch das Wort in Erscheinung tritt und seine Wirkung entfalten kann. Das sind die Wahrnehmungen die nicht einem angeblichen Au\u00dfen, sondern \u2013 wie die Vorstellungen \u2013 dem Bewu\u00dftsein angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Wirkung des Wortes <span style=\"color: #0000ff;\">ist sein Gebrauch in dem jeweiligen Sprachspiel<\/span>. Und alle Subjektivit\u00e4ten, die in hinreichender N\u00e4herung mitspielen, bilden die zugeh\u00f6rige Sprachspiel-Gemeinschaft. Wer ihr angeh\u00f6rt, wird an den Wahrnehmungen deutlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun brauchen wir uns wohl nicht mehr auf Wittgensteins Paradebeispiel zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sprachspiele sind <em>stabil(isiert)e Praktiken oder Verhaltensweisen<\/em>, mittels derer wir unser Zusammenleben organisieren. <em>Alle verf\u00fcgbaren, das hei\u00dft, <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; in wechselnden Situationen<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; n\u00e4herungseise wiederholbaren<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wahrnehmungen<\/em> kommen daf\u00fcr infrage. Gr\u00fc\u00dfen, Laufen, Schlafen, Spielen, Rechnen, Beten, Versprechen, Lieben; selbst das Stolpern, Weinen oder Niesen kann etwa ein Schauspieler bis zur Perfektion beherrschen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df es sich <em>tats\u00e4chlich<\/em> um Sprachspiele handelt, zeigt mir einerseits freilich erst ihre Best\u00e4tigung. Ich gehe beispielsweise Spazieren und gr\u00fc\u00dfe alle Entgegenkommenden freundlich. Erwidern f\u00fcnf von ihnen nacheinander meinen Gru\u00df nicht, komme ich ins Gr\u00fcbeln und mu\u00df mich zwicken.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Andererseits k\u00f6nnen wir<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; einen v\u00f6llig fremden Menschen \u2013 vorausgesetzt, er kennt die jeweiligen Sprachspiele, \u2013<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; bei (nahezu) jeder Gelegenheit fragen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">ob er mitspielt oder lieber schlafen m\u00f6chte, warum er unseren Gru\u00df nicht erwidert usw.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Grundfehler des traditionellen Denkens zeigt sich bei unserem obigen Beispiel daran, da\u00df die materiell-wirkliche Haus-Erfahrung zum geistig-unwirklichen Abbild in der Psyche wird. Eine solche Vertauschung ist postmodern zwar nicht mehr m\u00f6glich, weil wir diesen Au\u00dfen-Innen-Dualismus durch den \u00dcbergang zum Bewu\u00dftsein aufgehoben haben, aber was ergibt sich daraus konstruktiv? Die Tradition argumentiert, da\u00df wir die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":4460,"menu_order":4,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-4462","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4462","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4462"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4462\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4460"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}