{"id":4468,"date":"2026-06-04T20:08:03","date_gmt":"2026-06-04T18:08:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4468"},"modified":"2026-07-07T20:13:26","modified_gmt":"2026-07-07T18:13:26","slug":"1-8-2-gibt-es-das-bzw-die-innen-ueberhaupt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-8\/1-8-2-gibt-es-das-bzw-die-innen-ueberhaupt\/","title":{"rendered":"1.9.2.  Das Ende des traditionellen Au\u00dfen-Innen-Dualismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Versuch, die f\u00fcr unser Zusammenleben erforderliche Stabilit\u00e4t mittels einer seienden Welt zu erkl\u00e4ren, ist gescheitert. Der Grund, der dazu gef\u00fchrt hat, sollte im letzten Abschnitt deutlich geworden sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition wollte die Stabilit\u00e4t mit einer Kontinuit\u00e4t der Seienden verbinden, mu\u00dfte damit festlegen, was diese tun, wenn sie unbeobachtet sind, und hat sich \u2013 zwar willk\u00fcrlich, aber gewi\u00df naheliegend \u2013 f\u00fcr das simple Weiterbestehen der Seienden entschieden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da wir sie nur gelegentlich wahrnehmen, bleibt dann gar keine andere M\u00f6glichkeit, als die Seienden zu Urbildern zu erkl\u00e4ren und ihre Wahrnehmungen als deren Abbilder; umgekehrt geht es nicht. Aber das hat die fatale Konsequenz, da\u00df <em>unser Ausgangpunkt \u2013 die wirkliche Wahrnehmung \u2013 zum unwirklichen Abbild<\/em> und <em>eine blo\u00dfe Erfindung \u2013 der vorgestellte L\u00fcckenf\u00fcller \u2013 zur seienden Wirklichkeit oder zum wirklichen Seienden<\/em> wird.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit best\u00e4tigt sich meines Erachtens nochmals sehr sch\u00f6n, <em>da\u00df die subjektive Welt in der Projektion, das hei\u00dft, in der gedachten bzw. vorgestellten Realisierung unseres Weltbilds besteht<\/em>, das aus der bisherigen Lebenserfahrung resultiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen den Gedanken der Kontinuit\u00e4t also aufzugeben.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es ist nur ein Scheinproblem, wenn wir glauben, kl\u00e4ren zu m\u00fcssen, was die Seienden ohne unsere Kontrolle tun.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Stabilit\u00e4t unserer Welt erfordert<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>nicht Kontinuit\u00e4t auf der objektiven Seite der Wahrnehmungen<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>sondern Wiederholbarkeit auf ihrer subjektiven Seite.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne <em>sie<\/em> w\u00e4re unser Leben ausgeschlossen. Mit dem \u00dcbergang von der Tradition zur Postmoderne verschiebt sich also die Funktion der Stabilit\u00e4t:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Geht es jener darum, <em>die objektive Welt ad\u00e4quat zu erkennen<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; so suchen wir nach<em> M\u00f6glichkeiten des Zusammenlebens, <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">und die alte Fragestellung kann von unseren Urenkeln vielleicht schon gar nicht mehr verstanden werden:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was soll es bedeuten, da\u00df auf dem Mond wirklich Krater existieren oder der Pluto f\u00fcnf Monde besitzt? Und was hat das mit mir zu tun?&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Ihr subjektives Weltbild ein Resultat Ihres bisherigen Lebens darstellt, kann ich es nur insoweit kritisieren, wie Teile von ihm widerspr\u00fcchlich oder nichtssagend sind; Ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen sind mir ja nicht zug\u00e4nglich. Ich w\u00fcrde also niemals l\u00e4chelnd mit dem Kopf sch\u00fctteln, wenn Sie mir erz\u00e4hlten, dem Teufel begegnet zu sein. Ich rechne f\u00fcr mich pers\u00f6nlich nicht ernstlich mit einer solchen Erfahrung; aber sie ist weder widerspr\u00fcchlich noch sinnleer.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr falsch und kritiserbar halte ich dagen den Glauben an <em>die Psyche<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Traditionell ist letztere zwingend, weil darin die Seienden erkannt oder abgebildet werden; mit ihnen entf\u00e4llt jedoch auch die Psyche.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>AD: &#8222;Aber gibt es vielleicht noch ein anderes, &#8217;nicht-psychisches&#8216; Innnen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nach zweieinhalb Jahrtausenden des traditionellen Denkens bin ich mir recht sicher, da\u00df die allermeisten von uns mit einem \u00fcberzeugenden &#8222;Ja&#8220; antworten w\u00fcrden:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nat\u00fcrlich besitzen alle Menschen und viele Tiere ein Innen! Wo sollten sich denn sonst beispielsweise unsere Schmerzen, Erinnerungen, Hoffnungen und \u00c4ngste befinden?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meines Erachtens stimmt das jedoch nicht; <em>unser fester Glaube an einen Au\u00dfen-Innen-Dualismus resultiert aus dem traditionellen Abbild-Denken.<\/em> <em>Das<\/em> w\u00e4re ohne ihn tats\u00e4chlich nicht m\u00f6glich; aber da es f\u00fcr uns entf\u00e4llt, sollten wir neu \u00fcber den Au\u00dfen-Innen-Dualismus nachdenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seiende und Psyche gibt es postmodern nicht (mehr), und wir ersetzen sie gemeinsam durch ein Kontinuum, das von <em>rein<\/em> subjektiv bis zu einer &#8222;vollst\u00e4ndigen&#8220; Intersubjektivit\u00e4t f\u00fchrt, die nat\u00fcrlich bestenfalls als asymptotischer Grenzfall gedacht werden kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wie wollen wir in einem solchen Kontinuum sinnvoll eine Grenze definieren, die das Au\u00dfen vom Innen trennt? Jede diesbez\u00fcgliche Festlegung w\u00e4re meines Erachtens willk\u00fcrlich und ihre Begr\u00fcndung an den Haaren herbeigezogen.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bleibt es <em>Ihnen<\/em> \u00fcberlassen, <em>das rein Subjektive (weiterhin) als Ihr Innen zu verstehen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jeder von uns entwickelt seine Begriffe (teilweise) selbst, und je mehr Arbeit wir in einen Begriff investieren, um so fruchtbarer kann er als subjektives Denkwerkzeug werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das entspricht dem Verum-ipsum-factum-Prinzip (Das Wahre und das Gemachte sind eines) von Giambattista Vico, das bei Kant oder Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker die Form \u201eWir k\u00f6nnen &#8230; nur das wirklich verstehen &#8230;, was wir selbst gemacht haben\u201c annimmt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Wir k\u00f6nnen nur das wirklich denken, was wir uns selbst erdacht haben<\/em>.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>In diesem Sinne habe ich entschieden, da\u00df es f\u00fcr mich pers\u00f6nlich<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>kein Innen und damit<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; auch kein Au\u00dfen gibt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meine Begr\u00fcndung, die nat\u00fcrlich nichts mit Erkenntnis im traditionellen Sinne zu tun hat,\u00a0 lautet etwa folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu meinem Leben geh\u00f6rt rein Subjektives.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich sagen, da\u00df sich dieses in der Sph\u00e4re meines &#8222;nicht-psychischen Innen&#8220; befindet.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber ich vermag zum einen nicht zu sehen, welchen Denk-Vorteil oder sonstigen Nutzen mir die Annahme dieses Bereichs bescheren w\u00fcrde; wir h\u00e4tten dann nur einen unn\u00f6tigen Begriff mehr. Das Fu\u00dfballspiel gestern haben wir gemeinsam genossen, aber die Kopfschmerzen heute habe nur ich \u2013 ganz ohne Innen und Schwierigkeiten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum anderen w\u00fcrde die Einf\u00fchrung eines solchen Innen ein zugeh\u00f6riges Au\u00dfen als sein Pendant erforderlich machen und uns damit v\u00f6llig unn\u00f6tig weitere Probleme bereiten. Wo beginnt im teilweise Intersubjektiven das Au\u00dfen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich pers\u00f6nlich lasse diesen Dualismus also hinter mir, so da\u00df nur das Kontinuum bleibt, in das sowohl das Au\u00dfen als auch das Innen gemeinsam \u00fcbergehen. Und dieses Kontinuum ist es, was wir oben als <em>unser subjektives Bewu\u00dftsein<\/em> eingef\u00fchrt hatten.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ihm geh\u00f6rt also <em>alles uns Gegebene<\/em> an; Wahrnehmungen, Vorstellungen, Schmerzen, Wissungen, Gef\u00fchle, Prophezeiungen usw.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mit anderen Worten ist uns <em>nichts zug\u00e4nglich<\/em>, was sich nicht im eigenen Bewu\u00dftsein befindet.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Das bedeutet, wie bereits ausgef\u00fchrt,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>keineswegs, da\u00df kein Au\u00dferhalb unseres Bewu\u00dftseins existieren kann<\/em>, sondern lediglich,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; da\u00df wir \u2013 eo ipso <em>im Bewu\u00dftsein<\/em> \u2013 sogar <em>von verschiedenen \u00e4u\u00dferen Sph\u00e4ren wissen k\u00f6nnen,<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; sie selbst uns aber nicht gegeben sind. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Unbewu\u00dfte kann weiterhin als Beispiel dienen, und die fremden Psychen m\u00fcssen wir postmodern lediglich durch die fremden Bewu\u00dftseine ersetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Versuch, die f\u00fcr unser Zusammenleben erforderliche Stabilit\u00e4t mittels einer seienden Welt zu erkl\u00e4ren, ist gescheitert. 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