{"id":4482,"date":"2026-07-02T05:21:32","date_gmt":"2026-07-02T03:21:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4482"},"modified":"2026-07-09T20:53:27","modified_gmt":"2026-07-09T18:53:27","slug":"1-8-5","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-8\/1-8-5\/","title":{"rendered":"1.9.5.  Was gibt es eigentlich noch?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ihre Zusammenfassung l\u00e4uft auf eine gro\u00dfe Reduktion hinaus, die auch unter der \u00dcberschrift &#8218;Was gibt es eigentlich noch?&#8216; stehen k\u00f6nnte. Und da bleibt nicht viel . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Da haben Sie Recht. Aber ich glaube, da\u00df so ein gr\u00fcndliches Aufr\u00e4umen auch unbedingt notwendig ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrungswissenschaften nutzen ihre Praktiken, experimentieren vielleicht, sammeln Beispiele, erheben Umfragen und \u00c4hnliches; sie haben alle etwas &#8222;Handfestes&#8220; zum Zeigen und Beschreiben.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist in der Philosophie ganz anders. Hier gibt es nichts dergleichen, sondern uns stehen nur Begriffe zur Verf\u00fcgung, mit deren Hilfe wir Begriffe untersuchen. Das ist das Sch\u00f6ne am Denken. Jeder kann es ganz allein tun, ben\u00f6tigt weder Hilfsmittel noch Annahmen und bekommt in logischen Widerspr\u00fcchen die R\u00fcckmeldung &#8222;falsch&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Logik hat jedoch absolut nichts mit dem Sinn unserer Aussagen zu tun<\/em>, sondern beinhaltet von ihnen nur die Werte &#8222;richtig&#8220; bzw. &#8222;falsch&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unter der Implikation A \u2192 B versteht man zum Beispiel den rein logischen und vom Inhalt v\u00f6llig unabh\u00e4ngigen Zusammenhang &#8222;wenn A richtig ist, mu\u00df auch B richtig sein&#8220; oder k\u00fcrzer &#8222;aus A folgt B&#8220;. Somit gibt es in diesem (recht h\u00e4ufig vorkommenden) Fall nur die Warnung &#8222;Vorsicht Widerspruch!&#8220;, <em>falls A richtig und B trotzdem falsch<\/em> ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Positiv formuliert bedeutet das aber doch:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Die Alternative A \u2192 B ist <em>immer richtig<\/em>, wenn wir<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>f\u00fcr A etwas Falsches<\/em> \u2013 &#8222;Der Mond besteht aus K\u00e4se&#8220; zum Beispiel \u2013 oder<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>f\u00fcr B etwas Richtiges<\/em> \u2013 &#8222;Paris ist die Hauptstadt von Frankreich&#8220; \u2013 einsetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darin zeigt sich die &#8222;negative Seite&#8220; des reinen Denkens oder der puren Begrifflichkeit:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Wir k\u00f6nnen <em>praktisch unendlich viel (logisch) Richtiges formulieren<\/em>, das<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>aber auch nicht das Geringste mit der Wirklichkeit zu tun hat<\/em> und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; m\u00f6glicherweise sogar <em>himmelschreienden Bl\u00f6dsinn darstellt<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum habe ich diesen logischen Exkurs eingeschoben?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Er sollte Ihnen verdeutlichen, da\u00df wir sauber definierte und m\u00f6glichst gr\u00fcndlich durchschaute Begriffe ben\u00f6tigen, wenn unser Denken zu einem halbwegs sinnvollen Ergebniss f\u00fchren soll. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch die exaktesten Begriffe letzteres nicht garantieren, aber <em>ohne sie kann jedes Philosophieren nur schiefgehen<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Was bleibt also nach dem Aufr\u00e4umen des traditionellen Denkens?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>1. Die Wirklichkeit<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Sie ist kein Wissen und kann somit<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; weder gewu\u00dft<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; noch bestritten und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; weder vorhanden sein<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; noch gez\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Die Wirklichkeit ist ein Singularetantum, das sich nicht \u2013 wie in der Philosophie des Ereignisses \u2013 zei(ti)gt, sondern im Sich-Zei(ti)gen besteht.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>2. Wissungen<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir unterscheiden Geschichten und Sedimentierungen, wobei letztere aus Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht. Ohne Sedimentierungen g\u00e4be es keine Geschichten, und s\u00e4mtliche Wissungen sind (im allgemeinen) entweder richtig oder falsch; was von beiden ist uns jedoch keineswegs immer bekannt.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>3. Zeitigen\u00a0<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Wir verstehen darunter einen gerichteten Vollzug.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(1) Die Wirklichkeit besteht im Sich-Zei(ti)gen zur Einheit des Erstmaligen, die wir als solche nat\u00fcrlich weder wissen noch denken oder sagen k\u00f6nnen; &#8222;individuum est ineffabile&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(2) Sie mu\u00df diskretisiert werden, um als Vielheit wi\u00df-, denk- und sagbar zu sein; erst dadurch wird Freiheit m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">(3) Das notwendigerweise Diskretisierte kann zur Einheit einer Subjektivit\u00e4t als Wir-Selbst integriert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>4. Wiederholungen<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Sedimentierungen sind Wiederholungen aus der Vergangenheit.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>5. Subjektivit\u00e4ten<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Sie bestehen in der Einheit Tr\u00e4ger und Resultat der Freiheit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ersterer ist der in Geschichten Verstrickte, und die ihn verstrickenden Geschichten ergeben sich aus den Sedimentierungen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fchlt sich der Verstrickte angesprochen, mu\u00df er antworten, und im Wie seines Antwortens besteht der Akt der Freiheit; das Selbst bildet ihr Resultat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>6. Bewu\u00dftsein<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Bewu\u00dftsein setzt sich aus der unpers\u00f6nlichen Einheit, der Vielfalt und deren subjektiver Integration zusammen.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>7. Handeln<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit meinen wir das Antworten der Subjektivit\u00e4t, <em>das prinzipiell nicht gewu\u00dft werden kann, weil es der Wirklichkeit angeh\u00f6rt<\/em>. Diese geht nat\u00fcrlich \u00fcber das Handeln s\u00e4mtlicher Subjektivit\u00e4ten hinaus, denn andernfalls h\u00e4tten wir ein Perpetuum mobile,\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>8. Applikation<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Zug\u00e4nglichkeit oder Verf\u00fcgbarkeit des Zeitigens bzw. Erstmaligens mu\u00df diese Einheit als solche zerst\u00f6rt und in Teile zerlegt werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist m\u00f6glich, weil<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; Wissungen zum einen Unterscheidungen darstellen und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zum anderen immer schon Wissungen bestehen (sofern wir uns das Henne-Ei-Problem ersparen).<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei jeder Besch\u00e4ftigung mit dem Zei(ti)gen werden also notwendigerweise Wissungen, die sich bereits bew\u00e4hrt und dadurch stabilisiert oder sedimentiert haben, appliziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>9. Explikation<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Das Pendant zur Applikation besteht in der Explikation:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Beim Zei(ti)gen k\u00f6nnen erstmalige Begriffe aus der Wirklichkeit hervorgehen oder expliziert werden.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>10. Weltbild\u00a0<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">So entsteht ein veranderliches Netz von Unterschieden bzw. Wissungen, dessen Knoten den Begriffen entsprechen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Welt ist die Projektion dieses Weltbilds ins Nichts.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>11. Leben<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Es gibt <em>kein Leben einer Subjektivit\u00e4t<\/em>, also insbesondere auch nicht <em>mein Leben<\/em>. Das resultiert daraus, da\u00df das Leben prim\u00e4r ist \u2013 es besteht darin, in Geschichten verstrickt zu sein \u2013 und die (Entstehung der) Selbste erst erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnten also eher umgekehrt von den Subjektivit\u00e4ten des Lebens sprechen, die von der reinen Ich-Subjektivit\u00e4t bis zur gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen interindividuellen Wir-Subjektivit\u00e4t reichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>12. K\u00f6rper<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Alle Subjektivit\u00e4ten sind unsichtbar und besitzen K\u00f6rper-Wissungen, die von einer einzigen bis zu beliebig vielen reichen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AD: &#8222;Ihre Zusammenfassung l\u00e4uft auf eine gro\u00dfe Reduktion hinaus, die auch unter der \u00dcberschrift &#8218;Was gibt es eigentlich noch?&#8216; stehen k\u00f6nnte. Und da bleibt nicht viel . . .&#8220; Da haben Sie Recht. 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