{"id":4517,"date":"2026-08-25T16:48:42","date_gmt":"2026-08-25T14:48:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4517"},"modified":"2026-08-25T19:48:05","modified_gmt":"2026-08-25T17:48:05","slug":"1-1-6-das-konzept-der-seienden-ist-widerspruechlich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-6-das-konzept-der-seienden-ist-widerspruechlich\/","title":{"rendered":"1.1.6.  Das Konzept der Seienden ist widerspr\u00fcchlich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht haben Platon, Aristoteles und andere Genies v\u00f6llig anders gedacht; das schlie\u00dfe ich keineswegs aus. Mir geht es aber nicht um <em>deren Denken<\/em>, sondern um <em>unser heutiges<\/em>. Nahezu alle Menschen setzen hierbei das traditionelle Denkmodell voraus, als w\u00e4re es selbstverst\u00e4ndlich, und ohne sich ernstlich mit der Antike oder auch nur dem Mittelalter besch\u00e4ftigt zu haben. Und auf das, was dann herauskommt, bezieht sich unsere obige \u00dcberschrift; es enth\u00e4lt zumindest zwei eklatante Widerspr\u00fcche.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Beginn dieses Kapitels hatten wir die Seienden definiert als Entit\u00e4ten, die<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; objektiv, das hei\u00dft,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; unabh\u00e4ngig von uns,\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; mit sich selbst identisch,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; voneinander getrennt und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; erkennbar sind.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Nun soll deutlich werden, da\u00df es dergleichen gar nicht geben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Seiende k\u00f6nnte f\u00fcr sich allein die verr\u00fccktesten Eigenschaften besitzen, m\u00fc\u00dfte aber von allen anderen Seienden getrennt sein.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Was das bedeutet, wird noch ersichtlicher, indem wir den Begriff der Relation einf\u00fchren und zwischen realen sowie konstruierten Relationen unterscheiden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Erstere existieren wirklich; zum Beispiel die wechselseitige Anziehung von Erde und Mond.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis zwischen den beiden gilt dagegen als nur konstruiert, denn es kommt ihnen nicht wirklich zu und ber\u00fchrt sie gar nicht, sondern wird lediglich von au\u00dfen an die Himmelsk\u00f6rper herangetragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Seiende getrennt voneinander sind, bedeutet, da\u00df zwischen ihnen <em>beliebig viele konstruierte Relationen bestehen k\u00f6nnen, aber keine realen<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Auch die traditionellen Subjekte sind Seiende und haben demzufolge keinerlei Kontakte; weder untereinander noch zu Objekten. Damit entfallen aber auch s\u00e4mtliche Wahrnehmungen der Subjekte, denn ohne Wechselwirkung sind sie unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine etwas ausgefallene philosophische Richtung besteht im <em>Solipsismus<\/em>. Das Wort kommt von &#8222;solus&#8220;, &#8222;allein&#8220; und bezeichnet ein Denken, demzufolge <em>ich mich als einziges Subjekt \u00fcberhaupt<\/em> verstehe. W\u00e4re ich Solipsist, k\u00f6nnte ich Ihre Existenz nicht einmal bestreiten, weil sich das, was es logischerweise gar nicht geben kann, auch nicht bestreiten l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das erscheint Ihnen gewi\u00df als absurd; soweit ich wei\u00df, gibt es jedoch <em>innerhalb des traditionellen Denkens bisher kein \u00fcberzeugendes Argument gegen den Solipsismus<\/em>.\u00a0Warum soll ich beispielsweise nicht ein Buch schreiben, obwohl ich \u00fcberzeugt bin, da\u00df es keine Leser gibt? Ich schreibe halt gern.<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob ich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wirklich das einzige Subjekt \u00fcberhaupt bin oder<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nur absolut keinen Kontakt zu allen anderen Subjekten habe, die es au\u00dfer mit noch gibt,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">bdeutet keinen Unterschied, der einen Unterschied macht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Dem traditionellen Denken zufolge<\/em> \u2013 gl\u00fccklicherweise aber im Gegensatz zu unserem Leben \u2013 <em>m\u00fc\u00dften wir also alle Solipsisten sein; blind, taub, apathisch, . . . <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Kehrseite der Medaille besteht nat\u00fcrlich darin,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; da\u00df wir von keinem anderen Seienden wissen k\u00f6nnten und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; auch die Objekte im \u00fcbertragenen Sinne &#8222;Solipsisten&#8220; w\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p>Damit sind wir bereits beim zweiten Punkt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zwischen Erde und Mond kann keine reale Beziehung bestehen, wenn wir sie als philosophische Objekte verstehen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Bei physikalischen Objekten bestehen diesbez\u00fcglich keine Schwierigkeiten; zu Erde und Mond gesellt sich ihre Massenanziehung dazu.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Aber das k\u00f6nnen Sie doch auch auf die Philosophie \u00fcbertragen; dort haben wir mit Erde, Mond und Massenanziehung dann ebenfalls drei \u2013 Seiende in diesem Fall.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das stimmt nicht. Es geht doch keinesfalls um die Bezeichnungen; entscheidend ist vielmehr, da\u00df <em>die seiende &#8222;Massenanziehung&#8220; keine Massenanziehung sein kann, weil diese eine reale Relation sein mu\u00df<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mit anderen Worten:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die philosophische Masenanziehung zieht nichts an, sondern f\u00fchrt dazu, da\u00df wir drei getrennte Seiende vorliegen haben \u2013 ganz so, wie es sich f\u00fcr das traditionelle Denken geh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcbertragen wir das physikalische System Erde-Mond dagegen umgekehrt in die Philosophie, entsteht <em>nur ein Seiendes, eben das Ganze<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solipsisten k\u00f6nnen als blinde und taube Subjekte nicht die Wirklichkeit verstehen. Wie l\u00f6st man dieses Problem am besten?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Unsere Variante besteht darin, s\u00e4mtliche Seienden zu opfern; Subjektivit\u00e4ten sind nicht nur keine Solipsisten, sondern ben\u00f6tigen das Sich-als-angesprochen-Erfahren sogar, um sie selbst werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition bleibt dagegen bei ihren Seienden \u2013 und mauschelt:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum einen entwickelt sie Wahrnehmungstheorien, die den eigenen Pr\u00e4missen diametral zuwiderlaufen; es gibt keine sehenden Subjekte; entweder . . ., oder . . .<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Zum anderen ben\u00f6tigt die Tradition den Nous; das ist in der Antike ein g\u00f6ttliches Wesen, das<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; nicht zu den Seienden z\u00e4hlt, dadurch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sehen kann,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; von au\u00dfen auf die Welt schaut und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sie dadurch in ihrer Wirklichkeit erkennt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aus dem Nous wird f\u00fcr Pascal der &#8222;Gott der Philosophen&#8220;, in der Moderne die &#8222;eine menschliche Vernunft&#8220; und bei Thomas Nagel der &#8222;Blick von nirgendwo&#8220;, &#8222;und nirgendwann&#8220; w\u00fcrde ich gerne erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich h\u00e4tte nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, da\u00df die Philosophie in so einem eklatanten Widerspruch zur Physik stehen k\u00f6nnte . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Doch; denken Sie etwa an den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie.\u00a0Wir gehen heute zumeist davon aus, da\u00df letztlich <em>alles mit allem zusammenh\u00e4ngt<\/em>; einerlei ob wir das nun durchschauen oder nicht.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Solange wir versuchen, das auf der Grundlage einer Philosophie zu verstehen, die das glatte Gegenteil voraussetzt und eine <em>Summe getrennter Seiender<\/em> zu ihrer fundamentalen Pr\u00e4misse erhebt, werden wir bei der L\u00f6sung unserer Probleme auf ernsthafte Schwierigkeiten sto\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht haben Platon, Aristoteles und andere Genies v\u00f6llig anders gedacht; das schlie\u00dfe ich keineswegs aus. 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