{"id":4520,"date":"2026-08-26T09:24:00","date_gmt":"2026-08-26T07:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4520"},"modified":"2026-08-29T09:06:32","modified_gmt":"2026-08-29T07:06:32","slug":"1-1-7-das-traditionelle-denken-kennt-keine-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-7-das-traditionelle-denken-kennt-keine-zeit\/","title":{"rendered":"1.1.7.  Das traditionelle Denken kennt keine Zeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Martin Heidegger wirft der Tradition &#8222;Seinsvergessenheit&#8220; vor. Diese Kritik k\u00f6nnen wir auf sich beruhen lassen, weil das Sein im postmodern Denken ohnehin keine (gro\u00dfe) Rolle spielt; unser Einwand ist eher ein gegenteiliger:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition hat duch ihr Fokussieren auf die Seienden <em>die Zeit \u2013 nicht nur vergessen, sondern \u2013 niemals hinreichend beachtet<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich war immer von der Zeit die Rede, aber was hierbei &#8222;Zeit&#8220; genannt wurde, hatte mit der wirklichen Zeit zumeist nichts gemein und betraf lediglich eine &#8222;verr\u00e4umlichte&#8220; oder &#8222;zeitlose Zeit&#8220; (A. M. Klaus M\u00fcller). Wir sprechen bei ihr deshalb im weiteren von der Synchronie und verstehen diesen Begriff ganz w\u00f6rtlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>Die traditionelle Zeit ist eine (still) stehende Zeit oder pure Gleichzeitigkeit<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das h\u00e4tte bereits an den Paradoxien von Zenon deutlich werden k\u00f6nnen, wurde aber kaum aufgegriffen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sein Pfeil kann <em>weder fliegen noch ruhen, denn beides ist nur in der Zeit, aber nicht in der Synchronie<\/em> m\u00f6glich. Schauen wir uns letztere etwas genauer an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Synchronie ist der Zeitstrahl mit dem Parameter t und entspricht damit dem mathematischen Kontinuum der reellen Zahlen. Unsere Physik ist auf ein solches Verst\u00e4ndnis der Zeit angewiesen, weil sie auf Differentialgleichungen beruht, die von ihr abh\u00e4ngen.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Damit bildet die Synchronie \u2013 und das ist das Problematische an ihr \u2013 <em>kein stetiges Kontinuum, sondern ein solches von Zeitpunkten:<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Im Zeitpunkt t(1) befindet sich Zenons Pfeil an der Stelle x(1) \u2013 &#8222;eingefroren&#8220; bis in alle Ewigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Das verstehe ich nicht; im Zeitpunkt t(2) kann der Pfeil doch bei jedem beliebigen x(2) sein.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Nein; das kann er nicht<\/em>. Mit ihrer Annahme wiederholen Sie den Fehler, den nahezu die gesamte Tradition begeht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">t(1) ist ein Zeit-, und x(1) ein Raumpunkt. Punkte sind ausdehnungslos; Zeitpunkte &#8222;dauern nicht&#8220; (Henri Bergson) und Raumpunkte kennen kein Variieren, so da\u00df <em>weder die Zeit vergehen noch der Ort sich \u00e4ndern kann<\/em>. Das hatte ich gemeint mit &#8222;&#8218;eingefroren&#8216; bis in alle Ewigkeit&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zenons Pfeil kann in der Synchronie weder fliegen noch nicht-fliegen, denn<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; er kommt nicht von x(1) nach x(2), und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die Synchronie nicht von t(1) nach t(2).\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Mir wurde in der Schule gelehrt, diese Paradoxien seien durch die Infinitesimalrechnung beseitigt worden?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; sie wurden lediglich \u00fcberspielt oder vertuscht; keine Rechenmethode kann<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; den Pfeil von x(1) nach x(2), und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die Synchronie von t(1) nach t(2) bringen,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">weil es ohne Variation bzw. Dauer nur Zust\u00e4nde \u2013 (1) resp. (2) \u2013, aber keine \u00dcberg\u00e4nge zwischen ihnen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stellen sich gewi\u00df vor, der Pfeil bef\u00e4nde\u00a0 sich bei t(1) an der Stelle x(1) und bei t(2) an der Stelle x(2). Aber wie kommt er von (1) nach (2)?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich sehe da gar keine Schwierigkeit; wir unterteilen einfach die Differenzen t(2) &#8211; t(1) sowie x(2) &#8211; x(1) \u2013 und schon ist das &#8218;Problem&#8216; gel\u00f6st.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nein; von L\u00f6sung kann keine Rede sein!\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir alle Differenzen immer feiner unterteilen. Zwischen (1) und (2) liegt (1,5), und wenn wir es noch detaillierter haben m\u00f6chten, kommen (1,25) sowie (1,75) dazu usw. Wie lange wir ein solches Procedere auch fortsetzen; es bleibt bei Zeit- bzw. Raumpunkten, und immer wieder bis ins Unendliche erhebt sich die gleiche Frage: Wie kommen wir zum &#8222;n\u00e4chsten&#8220; Punkt?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Dazu taugt auch die tausendste Unterteilung nicht;<\/em> vielmehr l\u00e4\u00dft sich ein Raum- bzw. Zeitintervall nur durch etwas \u00fcberbr\u00fccken, was variiert resp. dauert.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Warum haben wir die Synchronie mit ihrer stehenden oder &#8218;eingefrorenen&#8216; Zeit dann \u00fcberhaupt, wenn sie im offensichtlichen Widerspruch zu unserem Leben steht?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie ist die einzige Zeit, die<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>ausschlie\u00dflich auf Wissungen basiert,<\/em> dadurch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>sauber gedacht werden kann<\/em> und uns somit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ein Ordnungsschema zur Verf\u00fcgung stellt, ohne das<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; unsere exakten Naturwissenschaften nicht m\u00f6glich w\u00e4ren und vielleicht sogar<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; nahezu jedes stringente Denken \u00fcber die Natur entfallen m\u00fc\u00dfte.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Synchronie ist eine mathematische Abstraktion, die nur Zeitpunkte ohne Dauer kennt. Das ist kein <em>Nonsens<\/em>, aber nat\u00fcrlich auch nicht unsere Zeit.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition mauschelt, indem sie von dicken oder dauernden &#8222;Punkten&#8220; ausgeht. Durch diesen faulen Zauber wird <em>aus der stehenden die vergehende Zeit<\/em>, oder <em>aus der Synchronie die Diachronie<\/em>. Nun kann Zenons Pfeil fliegen und auch ruhen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber die Diachronie ist noch absurder als die Synchronie, weil <em>v\u00f6llig unm\u00f6glich<\/em>; sie stellt nicht einmal eine solide mathematische Abstraktion dar.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Trotzdem h\u00e4lt die Tradition sie weitgehendst f\u00fcr die objektive Zeit und damit f\u00fcr das Seiende, welches die gesamte Wirklichkeit und damit insbsondere unser Leben im Sinne eines Containers enthalten soll:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Alles, was wirklich ist, es einmal war oder sein wird, mu\u00df der Diachronie, dem Zeitstrahl mit den dicken &#8222;Punkten&#8220;, angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Korrigiert und ganz ohne Mauschelei entspricht dies auch der von uns angezielten L\u00f6sung:<\/p>\n<p class=\"Indent\">1. <em>Die postmoderne Wirklichkeit ist<\/em> \u2013 nicht nur <em>in der Zeit<\/em>, sondern sogar \u2013 <em>zeitlich<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Die Tradition sieht richtig, da\u00df wir <em>nur Zeitloses wissen k\u00f6nnen<\/em>, das hei\u00dft, <em>lediglich das, was der Synchronie angeh\u00f6rt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. Damit wird <em>die Wirklichkeit notwendigerwei\u00dfe unwi\u00dfbar<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Das war ein schwieriger, weil unorthodoxer\u00a0 Abschnitt; aber jetzt am Ende lichtet sich alles, und es wird sogar recht \u00fcbersichtlich:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Die Diachronie, traditionelle oder vergehende Zeit ist weder Fisch noch Fleisch und sollten wir am besten vergessen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Sie gehen von einem &#8222;Dualismus&#8220; zwischen Wirklichkeit und Wissungen aus; letztere sind unwirklich, und die Wirklichkeit k\u00f6nnen wir nicht wissen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">3. Sie ist zeitlich, w\u00e4hrend die Wissungen der Synchronie angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Das gef\u00e4llt mir zwar, aber daraus ergibt sich auch mein n\u00e4chstes Problem:\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das Einzige, was wahr bzw. unwahr sein kann, ist postmodern mein Leben; demzufolge mu\u00df es auch wirklich sein. Das Wissen ist lediglich richtig oder falsch, weil unwirklich. Das pa\u00dft alles wunderbar zusammen, f\u00fchrt aber zu einer fast unheimlichen Konsequenz:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Ich kann mein Leben nicht wissen<\/em>.&#8220;\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich nicht! Ihr &#8222;Dualismus&#8220; trennt Leben und Biographie; jenes ist Wirklichkeit, und diese nur Wissen.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Ich einer frommen Sprache lautet das &#8222;Richter ist allein Gott&#8220;.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Und auch das biblische &#8222;. . . sie wissen nicht, was sie tun&#8220; <em>scheint mir stets richtig zu sein<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\">AD: &#8222;Nein; <em>wenn ich esse<\/em>, wei\u00df ich doch zugleich, <em>da\u00df ich esse<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, das stimmt nicht, kann es Ihnen aber erst in der Zsammenfassung 1.9. ausf\u00fchrlich erkl\u00e4ren. Bitte begn\u00fcgen Sie sich vorerst mit dem folgenden Provisorium.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre beiden &#8222;esse&#8220; besitzen zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wenn ich esse&#8220;; hier geht es um die zeitliche und damit unwi\u00dfbare Wirklichkeit des Essens als Teil oder Ereignis Ihres Lebens.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;. . . wissen, da\u00df ich esse&#8220;; dieses Essen mu\u00df ein Begriff sein, denn andernfalls k\u00f6nnten wir es nicht wissen. Dieser Begriff geh\u00f6rt der Synchronie an, erfolgte gegen 18 Uhr, k\u00f6nnte theoretisch in meiner Biographie stehen und \u2013 anders als das erste &#8222;essen&#8220; \u2013 auch falsch sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Heidegger wirft der Tradition &#8222;Seinsvergessenheit&#8220; vor. 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