{"id":4526,"date":"2026-08-28T17:35:05","date_gmt":"2026-08-28T15:35:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4526"},"modified":"2026-08-29T20:38:44","modified_gmt":"2026-08-29T18:38:44","slug":"1-9-4-integraleres-bzw-diskretisierteres-sich-zeitigen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-9-zusammenfassung\/1-9-4-integraleres-bzw-diskretisierteres-sich-zeitigen\/","title":{"rendered":"1.9.4.  Integraler bzw. diskretisierter Vollzug"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Stellen wir uns vor, den Eiffelturm zu betrachten; dann steht unser K\u00f6rper in Gedanken vor ihm und richtet seine Augen darauf.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Das w\u00e4re die traditionelle Variante, die<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; einerseits ad\u00e4quate Erkenntnis sein m\u00f6chte,<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; andererseits aber vom eigenen Weltbild abh\u00e4ngig ist und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; sich somit in einen Widerspruch verwickelt.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Postmoden gibt es diese Situation nat\u00fcrlich ebenfalls; als Vorstellung \u2013 wie jetzt \u2013 und auch als Wahrnehmung.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie bildet eine<em> integrale Einheit, zu der sich die Subjektivit\u00e4t verh\u00e4lt;<\/em> es handelt sich um <em>deren<\/em> Situation(S).\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tradition zerlegt diese dagegen<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in den eigenen K\u00f6rper und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; alles andere.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Letzteres wird dadurch zur Situation(K) des eigenen K\u00f6rpers<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; in welcher er sich tats\u00e4chlich befindet und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; zu der er sich verh\u00e4lt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle wird der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen unseren beiden Modellen sehr sch\u00f6n sichtbar:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Situation(S) besteht nur in oder aus Wissungen. Die m\u00fcssen wirklich sein, weil sowohl die Subjektivit\u00e4ten als auch ihre Freiheit dies ebenfalls sind, und Wirklichkeit nicht aus etwas Unwirklichem hervorgehen kann.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die in der Situation(S) bzw. ihren Wissungen enthaltenen unwirklichen Begriffe sind erforderlich, da ohne sie kein Verhalten-zu oder Entscheiden-f\u00fcr m\u00f6glich w\u00e4re.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Tradition ersetzt<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; die Wirklichkeit sowohl der Situation (S) wie auch <\/em><em>des Verhaltens zu ihr <\/em>durch<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>die Situation(K) und die Bewegungen des eigenen K\u00f6rpers. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Dadurch<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; verschwindet das Fleisch der postmodernen zeitlichen Wirklichkeit<\/em>, und<\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; es bleibt nur deren zeitloses begriffliches Gerippe zur\u00fcck. <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\">Da das offensichtlich absurd ist, wurden die Seienden als Referenten der Begriffe erfunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirkt sich die postmoderne Anderung der Theorie auf unser Leben aus? Wenn nicht, w\u00e4re das wieder eimal ein Unterschied, der keinen Unterschied macht, und wir k\u00f6nnten,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; ohne negative Konsequenzen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, auf unsere Korrektur verzichten und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; die eingefleischten Pragmatiker in ihrer \u00dcberzeugung best\u00e4tigen, die Philosophie bringe uns ja doch nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich glaube sehr fest, da\u00df sich die Konsequenzen unseres Umdenkens kaum absehen lassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Dort<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; ist kein stabiles Eiffelturm-Seiendes vorhanden und bereit zum Abgebildet-Werden, sondern<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; ereignet oder zeitigt sich etwas, und<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>wir kennen kein Argument, das es uns verbietet, von einem Open-End-Vollzug auszugehen<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich nicht,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; was die Dauer in der Syn- bzw. Diachronie anbetrifft,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; sehr wohl aber in der Tiefe, St\u00e4rke oder Emotionalit\u00e4t des Vollzugs und damit auch der Wissungen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie sind folglich stets sowohl phantastischer als auch oberfl\u00e4chlicher m\u00f6glich; wir sprechen im weiteren von &#8222;integraler&#8220; bzw. &#8222;diskretisierter&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vollzug bricht ab, ohne mich zu fragen und fragen zu k\u00f6nnen, weil ich ja erst aus ihm hervorgehe. W\u00e4re der Vollzug integraler bzw. diskretisierter gewesen, h\u00e4tte er nat\u00fcrlich auch ein anderes Ich zur Folge gehabt.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ohne mich mu\u00df er unverf\u00fcgbar sein und das Wissen als sein Resultat auf ein bestimmtes Integrationsniveau f\u00fchren. Dort kann ich ansetzen und es nahezu beliebig stark verringern; das w\u00e4re unser Diskretisieren oder im \u00fcblichen Sprachgebrauch das Analysieren.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierdurch vergr\u00f6\u00dfern wir unser Verf\u00fcgen-K\u00f6nnen. Ich bestreite nicht, da\u00df das <em>auch<\/em> notwendig ist; aber wichtig w\u00e4re ein angemessenes Gleichgewicht aus Diskretisieren und Integrieren. Ohne letzteres bewegen wir uns \u2013 theoretisch und heute auch h\u00f6chst praktisch \u2013 auf einer absch\u00fcssigen Bahn. An ihrem Ende k\u00f6nnen wir unglaublich viel machen \u2013 aber letztlich ist alles gleich-g\u00fcltig, weil sinnleer.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Worin dabei unser Hauptproblem besteht, d\u00fcrfte bereits deutlich geworden sein:<\/p>\n<p class=\"Indent\">Von dem Level ausgehend, zu dem uns der Vollzug gebracht hat, k\u00f6nnen wir<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; <em>diskretisieren, aber <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\"><em>&#8211; nicht integrieren<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Das Integrieren ist unverf\u00fcgbar<\/em>; es mu\u00df uns widerfahren oder geschenkt werden; die Theologen sprechen diesbez\u00fcglich von Gnade.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen sie nicht erzwingen, aber sehr viel tun, um sie bzw. das Integrieren zu verunm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;in einer etwas anderen Sprache gibt es das wohl alles auch traditionell; Ihr Analysieren zum Beispiel entspricht dort der Suche nach den kleinsten Teichen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die haben wir nat\u00fcrlich nicht mehr, denn das w\u00e4ren Seiende. Aus den kleinsten Teilchen werden bei uns die kleinsten Wissungen, und die gibt es tats\u00e4chlich. Das sind die Bits, denn weniger als symmetrische Ja-Nein-Entscheidungen sind wissensm\u00e4\u00dfig nicht m\u00f6glich. In Friedrich von Weizs\u00e4ckers Physik bilden sie die unteilbaren &#8222;Atome&#8220; und hei\u00dfen &#8222;Ure&#8220; oder &#8222;Uralternativen&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AD: &#8222;Das w\u00e4ren die kleinst-m\u00f6glichen Wissungen; gibt es auch die gr\u00f6\u00dften als deren Pendant?&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ja; aber die kann ich Ihnen nicht sagen, und meines Erachtens d\u00fcrfte das niemand k\u00f6nnen. Das h\u00e4ngt damit zusammen, da\u00df das Diskretisieren verf\u00fcgbar, und das Integrieren unverf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die gr\u00f6\u00dfte &#8222;Wissung&#8220; ist keine Wissung mehr, denn sie kann uns nur asymptotisch<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; als subjektives Weltbild und damit<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; als <em>Horizont unserer gesamten Wissungen<\/em> gegeben sein.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber selbst dieses Weltbild entspricht nicht der gr\u00f6\u00dften Wissung, nach der Sie gefragt hatten. W\u00e4ren die Vollz\u00fcge, die unser Weltbild hervorgebracht haben, integraler gewesen, h\u00e4tten wir nat\u00fcrlich auch einen ganz anderen Horizont als dies tats\u00e4chlich der Fall ist.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen also nur spekulieren und d\u00fcrfen diese Gedanken im weiteren nicht benutzen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich erhoffe mir die gr\u00f6\u00dften oder integralsten Wissungen von einem transzendenten Leben nach dem Tod, denn das h\u00e4tte Konsequenzen, die mir als sehr vern\u00fcnftig erscheinen:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">1. Einerseits erg\u00e4be sich daraus eine <em>Kontinuit\u00e4t zwischen Immanenz und Transzendenz<\/em>, ohne welche sich die Frage nach dem Sinn unseres immanenten Lebens kaum beantworten lassen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">2. Andererseits ist diese Kontinuit\u00e4t aber von einer solchen Art,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 &#8211; da\u00df zwar <em>alle meine Fragen einmal beantwortet sein werden<\/em>,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0 &#8211; ich aber heute <em>nicht einmal die Fragen verstehe, die ich in der Transzendenz stellen w\u00fcrde<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Sie hatten oben angedeutet, da\u00df durch unseren Wechsel vom traditionellen &#8222;Ich wei\u00df die Wissungen&#8220; zum postmodernen &#8222;Vollziehen der Wissungen&#8220; <em>bereits in der Immanenz<\/em> v\u00f6llig neue Erfahrungen denkbar werden und sprachen sogar von einem<em> Open-End-Vollzug.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Ich beginne am besten mit den Wahrnehmungen; bleiben wir also beim Eiffelturm.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Traditionell gedacht steht dabei unser K\u00f6rper vor ihm. Auch wenn wir uns sehr viel M\u00fche geben, alles mitzubekommen, und f\u00fcr jedes Detail offen sind: Der Eiffelturm ist mit sich identisch(S); mehr als ihn genau betrachten zu k\u00f6nnen gibt er einfach nicht her, so da\u00df nur ein closed ending m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Beim <em>Vollzug<\/em> der Eiffelturm-Wahrnehmungen fehlt \u2013 neben dem jetzt sekund\u00e4ren &#8222;Ich nehme wahr&#8220; \u2013 dieser feste Anschlag, so da\u00df mehr als blo\u00dfe &#8222;Abbildungen&#8220; m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was das bedeuten k\u00f6nnte, kann ich Ihnen schwerlich am Eiffelturm erkl\u00e4ren, weil wir durch unsere traditionelle Pr\u00e4gung diesbez\u00fcglich sehr festgelegt sind. Hierf\u00fcr eignen sich nat\u00fcrlich diejenigen Seienden besser, bei denen die Differenz zum Vollzug nicht so kra\u00df ist wie beim Eiffelturm. Gute Beispiele w\u00e4ren vielleicht\u00a0sportliche, kulturelle oder politische Gro\u00dfereignisse sowie private und religi\u00f6se Feiern. Ich beschr\u00e4nke mich auf letztere, weil sie am deutlichsten sind.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir religi\u00f6se Feiern \u2013 sowohl von innen als auch von au\u00dfen \u2013 ebenso betrachten wie den Eiffelturm. &#8222;Dort sitzt einer und versucht, sich zu konzentrieren&#8220;; &#8222;der steht immer und singt falsch&#8220;; &#8222;der Pfarrer lispelt ein bi\u00dfchen, aber seine Predigt war nicht schlecht&#8220;; &#8222;die Frau hier dr\u00fcben ist ziemlich h\u00fcbsch . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber durch den Vollzug der Feier ist auch etwas ganz anderes m\u00f6glich, n\u00e4mlich da\u00df<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; wir von diesem Vollzug mitgenommen werden, <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; mit uns etwas geschieht oder <\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8211; wir uns wandeln.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verbinden wir die beiden Seiten wieder:\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Jeder Vollzug<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; kann sowohl zu einer simplen Besichtigung, Anh\u00f6rung oder sonstigen Best\u00e4tigung werden\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; als auch zu einer unglaublichen Verwandlung von uns selbst f\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das l\u00e4\u00dft sich traditionell nicht so leicht erkl\u00e4ren.\u00a0 \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen wir uns vor, den Eiffelturm zu betrachten; dann steht unser K\u00f6rper in Gedanken vor ihm und richtet seine Augen darauf. 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