{"id":4551,"date":"2026-09-24T10:17:22","date_gmt":"2026-09-24T08:17:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/?page_id=4551"},"modified":"2026-09-25T14:20:26","modified_gmt":"2026-09-25T12:20:26","slug":"1-1-4-1-der-grundgedanke","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.soukup.de\/selbst-denken\/buch\/1-einleitung-kurz\/1-1-1-das-traditionelle-denken\/1-1-4\/1-1-4-1-der-grundgedanke\/","title":{"rendered":"1.1.4.1.  Der Grundgedanke"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte Ihnen einen Grundgedanken versprochen, der meines Erachtens evident ist. Das hei\u00dft, er erscheint mir als alternativlos, weil meine Phantasie nicht ausreicht, um ihn infrage zu stellen. Das ist er:\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Babys gibt es noch keine Welt, weil sowohl das Wissen als auch das Denken an die Sprache (im engeren Sinne) gebunden sind. Deshalb sagt man zum Beispiel, Tiere h\u00e4tten \u2013 keine Welt, sondern \u2013 nur eine Umwelt, die weder (begriffliches) Wissen noch Denken kennt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Babys werden gr\u00f6\u00dfer und lernen sehr viel; f\u00fcr uns ist entscheidend, <em>wie dieses Lernen erfolgt<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Da sehe ja nun gar keine Fraglichkeiten: Die Babys greifen nach der Klapper, sehen Mama, den Teddy oder Baum und wissen lediglich noch nicht, wie diese Objekte alle hei\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die \u00fcbliche Antwort, die<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; exakt dem traditionellen Denken entspricht, aber<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; meines Erachtens falsch sein mu\u00df,<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">weil sie <em>das, was sie erkl\u00e4ren soll, bereits voraussetzt<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese Antwort<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; geht von Seienden aus und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; unterscheidet zwischen<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; dem Baby als (erkennendem) Subjekt sowie<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; Klapper, Mama, Teddy oder Baum als (erkannten) Objekten.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Von dieser Antwort der Traditionalisten k\u00f6nnen wir nat\u00fcrlich nicht ausgehen, weil sie schwerwiegende Fehler enth\u00e4lt.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt eine Wirklichkeit, und die ist nicht vom Himmel gefallen, sondern verdankt sich einer Genese. Ich sehe nicht, wie man einer solchen Aussage in ihrer Allgemeinheit widersprechen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Die Tradition zerlegt diese Genese in zwei aufeinanderfolgende Abschnitte, n\u00e4mlich in Phylo- und Ontogenese.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Erstere f\u00fchrt zu den Seienden. Daraus resultiert der Streit zwischen dem &#8222;kreationistischen&#8220; Sch\u00f6pfungs- und dem &#8222;wissenschaftlichen&#8220; Evolutionsglauben, der postmodern gar nicht denkbar ist, traditionell aber \u2013 insbesondere in der USA \u2013 erbittert gef\u00fchrt werden kann.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Der Phyologenese folgt die Ontogenese der Babys. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie unglaublich viel lernen, aber das geh\u00f6rt eher in die Psychologie; <em>philosophisch ist alles schon fertig und zum Greifen nahe<\/em>. Das Subjekt existiert, nimmt die Objekte wahr und mu\u00df nur noch lernen, wie sie genannt werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\"><em>Rein philosophisch reduziert sich die Ontogenese somit auf das Bennnen der Objekte<\/em>. Das entspricht haarscharf der Bibelstelle, in der Adam den Tieren Namen gab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe allergr\u00f6\u00dfte Achtung vor den Menschen, die vor \u00fcber zweieinhalb tausend Jahren zu so einer geistigen Abstraktion in der Lage waren.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Heute k\u00f6nnte und sollte man jedoch sehen, da\u00df mit einem solchen Denken <em>aber auch gar keine entscheidende Frage beantwortet wird<\/em>. Alles, was f\u00fcr unser Leben wichtig ist, wird<em> in die Phylogenese abgeschoben<\/em> und <em>auf die sinnleere Alternative &#8222;entweder Sch\u00f6pfung oder Evolution&#8220; reduziert<\/em>; danach kommt nur noch das Lernen von Vokabeln.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Mit Verlaub, das ist Schwachsinn.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir wollen es besser machen, und ich komme dazu auf unseren obigen Satz &#8222;Die Babys werden gr\u00f6\u00dfer und lernen sehr viel; f\u00fcr uns ist entscheidend, <em>wie dieses Lernen erfolgt&#8220;<\/em> zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geschieht dadurch, da\u00df <em>mit den Kindern gesprochen wird und sie ihre Verstehungen teilweise glauben<\/em>. So entsteht allm\u00e4hlich eine kleine subjektive Welt. Nat\u00fcrlich bei jedem Kind ein wenig anders; dem einen wird dieses erz\u00e4hlt, und dem anderen jenes.<\/p>\n<p class=\"Indent\">Wovon h\u00e4ngt ab, was angenommen bzw. abgelehnt wird?<\/p>\n<p class=\"Indent\">Von einem Vergleich der Verstehungen mit der objektiven Wirklichkeit?<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Eine bejahende Antwort ist ausgeschlossen, wenn wir uns der traditionellen Aufspaltung der Genese in Phylo- und Ontogenese verweigern, weil dann keine Seienden vorhanden sind, mit denen wir unsere Verstehungen vergleichen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Nicht nur die Kinder, sondern auch wir Erwachsenen haben also lediglich die M\u00f6glichkeit, <em>diese Verstehungen mit jenen zu vergleichen und abzuw\u00e4gen, was uns als passabler erscheint.<\/em>\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran da\u00df jeder Mensch <em>seine subjektiven Erfahrungen macht<\/em> und auch nur machen <em>kann<\/em>, \u00e4ndert sich das ganze Leben nichts. Es ist folglich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, <em>da\u00df jeder sprachbegabte und halbwegs gesunde Mensch seine subjektive Welt besitzt.<\/em><\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">AD: &#8222;Ich dachte, Sie w\u00e4ren Physiker . . .&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Eben! Ich<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wei\u00df, da\u00df seri\u00f6se Physiker gar nicht von der \u2013 objektiven oder subjektiven \u2013 Welt sprechen, und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; glaube auch keineswegs an eine Materie, die<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; durch ewig-unver\u00e4nderliche Naturgesetze bestimmt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00e4mtliche Einzelwissenschaften <em>verstehen nichts von einer Welt<\/em>, denn <em>ihr Gegenstand sind<\/em> (richtige oder falsche) <em>Wissungen<\/em>, die es nur<em> innerhalb <\/em>der Welten gibt.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Diese Wissungen k\u00f6nnen nat\u00fcrlich in verschiedenen subjektiven Welten <em>\u00fcbereinstimmen<\/em>, wodurch eine <em>partielle Intersubjekivit\u00e4t<\/em> entsteht. Beispielsweise Physik zu studieren<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; hei\u00dft somit, in die Wissungen der physikalischen Intersubjektivit\u00e4t eingef\u00fchrt zu werden, und das<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; hat<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; weder etwas mit Objektivit\u00e4t<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; noch mit einer Welt und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0 &#8212; schon gar nichts mit einer objektiven Welt zu tun.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Physiker der beginnenden Moderne haben nicht genauer hingeschaut als ihre mittelalterlichen Kollegen und dadurch festgestellt, da\u00df die Erde in Wirklichkeit eine Kugel ist, sondern haben<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; ihre offenen Fragen, Probleme oder Experimente<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0 &#8212; sowohl mit dem Modell einer Erdscheibe<\/p>\n<p class=\"Indent\">\u00a0 &#8212; als auch mit dem Modell einer Erdkugel<\/p>\n<p class=\"Indent\">konfrontiert und dabei erkannt, da\u00df<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; zwar auch letzteres viele Schwierigkeiten bereiten wird, aber<\/p>\n<p class=\"Indent\">&#8211; wahrscheinlich ein fruchtbareres Denkwerkzeug darstellt als das Scheibenmodell.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammengefa\u00dft besteht mein Tip f\u00fcr &#8222;die wohlmeinenden, aber ehrlich \u00fcberforderten Leser&#8220; also darin, sich nicht von den leeren Behauptungen der Tradition beeindrucken zu lassen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Sie gibt zu, da\u00df die kindlichen Welten nat\u00fcrlich subjektiv sein m\u00fcssen; <em>freilich nur weil sie falsch sind<\/em>.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Aber wann werden sie richtig und damit objektiv? Mit dem Abitur oder erst nach dem Studium? Nat\u00fcrlich sind diese Fragen dumm; ich wei\u00df das, m\u00f6chte aber betonen, da\u00df dies <em>nicht an mir liegt. Ich traue mich lediglich, die Fragen zu stellen, die sich als naheliegend aufdr\u00e4ngen, wenn man den traditionellen Ansatz ernstnimmt<\/em>.\u00a0<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Meines Erachtens geht es an dieser Stelle <em>nur um Psychologie<\/em>:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Irgendwann m\u00f6chten fast alle Menschen erwachsen sein und damit die Seiten wechseln; nicht mehr <em>die Fragen stellen, sondern beantworten<\/em>. Wer so gestrickt ist, kann nat\u00fcrlich nicht zugeben, da\u00df seine Welt &#8222;nur&#8220; subjektiv ist. Also wird er sie &#8222;objektiv&#8220; nennen und seinen eigenen &#8222;Wechsel&#8220; von der einen Welt zur anderen verdr\u00e4ngen; &#8222;der Rubikon ist \u00fcberschritten&#8220;.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die traditionellen Kritiken an der Postmoderne zielen zumeist in die folgende Richtung:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wenn jeder von uns seine subjektive Welt h\u00e4tte und ihr entsprechend leben w\u00fcrde, m\u00fc\u00dfte das Chaos ausbrechen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Das ist ein &#8222;Argument&#8220; der Form &#8222;Weil nicht sein kann, was nicht sein darf . . .&#8220; und mu\u00df somit nicht ernstgenommen werden.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Im Gegenteil; f\u00fcr alle Menschen, die nicht davon ausgehen, da\u00df wir im Chaos versinken, beweist unser Zustand, da\u00df die Warnung falsch ist. Nun kann man gewi\u00df dar\u00fcber streiten, ob das Chaos bereits ausgebrochen ist; aber auch jene, die dies bejahen, wissen nicht weshalb.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Spekulationen helfen uns nicht weiter, L\u00fcgen aber ebenfalls nicht:<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Wir sollten also endlich dazu stehen, da\u00df<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; wir alle und<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; immer schon<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;nur&#8220; \u00fcber eine subjektive Welt verf\u00fcgen und endlich damit aufh\u00f6ren, uns gegenseitig sowie selbst zu bel\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"Indent\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht w\u00e4re das der gegebenenfalls notwendige Weg aus dem Chaos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte Ihnen einen Grundgedanken versprochen, der meines Erachtens evident ist. 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