1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen jedoch zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nicht der Wahrheit entsprechen müssen, so daß wir allen Grund haben, bescheiden und offen zu sein sowie den Anderen, so wie er ist, zu akzeptieren.

 

Das bedeutet keineswegs, daß sämtliche Kritik entfällt; sehr wohl aber, daß wir verinnerlichen:

Meine Kritik ist nur meine Kritik; subjektiv und fehlbar; ebenso unsicher wie mein gesamtes Weltbild und meine angebliche Autonomie.

Warum denke ich so, wie ich denke?

Weshalb bin ich sogar überzeugt, so denken zu müssen?

Welche Scheuklappen versperren mir den Blick auf noch ganz andere Möglichkeiten?

Soll ich tatsächlich weiser sein als Karl Jaspers‘ „maßgebliche Menschen“ Sokrates, Buddha, Nagarjuna, Jesus oder Konfuzius, die total anders gedacht haben?

Woher resultiert überhaupt die Annahme, daß ich denken würde? Könnte es nicht sein, daß „es“ in mir oder durch mich – hindurch – denkt?

 

Das Buch basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel von der Tradition – bestehend aus Antike, Mittelalter und Moderne – zur Postmoderne bei hinreichend vielen Menschen gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele die Lösung unserer stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar nahezu zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg zur Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute hier zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne. Den allermeisten von uns geht es zum Glück viel besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens.

Ich habe in diesem letzten Satz ganz bewußt kein einschränkendes „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Ermahnungen meiner Überzeugung bzw. meinem Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben genießen. Der Sinn des Lebens besteht in seiner eigenen Fülle; es ist letzte Wirklichkeit, Selbstzweck und kein bloßes Mittel – wofür auch immer.

 

Das bezieht sich nicht nur auf ein „Jenseits“, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet nach meinem Dafürhalten das ent- und unterscheidend Christliche.

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“:

„Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das jedoch – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, seinen Inhalt oder Sinn.

Auf der einen Seite faßte Viktor E. Frankl – der „dritte Wiener Psychotherapeut“ – seine Lebenserfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“. Aus seinem Munde hat eine solche Überzeugung Gewicht, denn Frankl überlebte Dachau sowie Auschwitz, wo sein Bruder, seine Frau und Eltern ermordet wurden.

Auf der anderen Seite können wir das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche und gelangweilte Millionäre sind nichts Besonderes.  

 

Ich bleibe also – mit der Tradition dabei –, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – zumeist entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

In unserem Buch geht es um beide, weil sich das Warum gar nicht vom Wie trennen läßt. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde (mit)bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen, Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um derartige Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts. Das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie sich bemühen, entweder jeden Schritt als folgerichtig zu erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachzuvollziehen oder ihn – mit guten Gründen – abzulehnen. Ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter.

Um Ihnen das Lesen zu erleichtern, versuche ich, alle Gedankengänge so vollständig wie möglich darzustellen. Bei einem Geflecht von Überlegungen ergeben sich daraus zwangsläufig Überschneidungen, das heißt, redundante Wiederholungen. Die nehme ich bewußt inkauf, um Ihnen wenigstens das laufende Grübeln oder Blättern im Text zu ersparen. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken bzw. Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

„Herr Müller sagt aber . . .“

Na und? Frau Meier redet auch.

Winston Churchill meinte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl, und Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß (fast) nur eigene Anstrengungen zur Erfüllung führen oder glücklich machen können.