1. Einführung

Die meisten von uns können es sich heute kaum erlauben, Zeit und Mühe in die Auseinandersetzung mit einem Buch zu investieren, die sie anschließend bereuen würden, weil sich sein Inhalt rückblickend als oberflächlich, uninteressant oder sinnleer herausstellt.

Mit dem letzten Prädikat meine ich nicht die übliche Frage „Was bringt mir das?“, weil sie selbst meines Erachtens oberflächlich, uninteressant und sinnleer ist. Wer dergleichen sucht, ist hier falsch und sollte besser Ratschläge zur Selbstverwirklichung, Anleitungen zur Erbauung oder Tips vom Baumarkt und Finanzberater wählen.

Das Buch kann Ihnen höchstens zu der sokratischen Einsicht verhelfen, daß selbst unsere sichersten Überzeugungen nichts mit Wahrheit zu tun haben müssen.

 

Es basiert auf der Annahme, daß ein diesbezüglicher Bewußtseinswandel – bei hinreichend vielen Menschen – gegenwärtig wichtiger wäre als alle pragmatischen Fortschritte, auf die wir in den letzten Jahrhunderten des Abendlands ebenso einseitig wie stolz gesetzt haben und in denen noch immer viele von uns die Lösung der stetig zunehmenden Probleme sehen – anstatt ihrer Ursache.

Dieser moderne Irrglaube ist freilich nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar zwingend, solange wir in der exakten Wissenschaft den Weg (zu) der Wahrheit sehen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; das ist keine Moralpredigt; ich bin dankbar und froh, heute zu leben, und genieße die abendländischen Errungenschaften der Moderne; den meisten von uns geht es heute zum Glück besser als jedem mittelalterlichen König.

Das betrifft das Wie unseres Lebens. Ich habe in diesem Satz ganz bewußt kein „aber“ oder „nur“ eingefügt, weil derartige Einschränkungen meiner Überzeugung bzw. meinem christlichen Glauben zutiefst widersprechen würden. Wir wollen und – dürfen nicht nur, sondern – sollen das Leben in seiner Fülle erfahren und genießen.

Das bezieht sich nicht nur auf ein angebliches Jenseits, sondern sollte soweit wie möglich hier und jetzt beginnen. Das „Diesseits“ ist weder Prüfungs- noch Bewährungsgelände, denn die Lust am Leben bildet das ent- und unterscheidend Christliche. Weshalb das Leben – bei einem allmächtigen guten Gott – dennoch für entsetzlich viele Menschen ein „Jammertal“ darstellt, verstehe ich absolut nicht und gehört zu den Fragen, die ich im „Jüngsten Gericht“ Gott stellen möchte.  

Der katholische Dominikaner-Theologe Marie-Dominique Chenu sagte zu Maria Caterina Jacobelli, der Autorin von „Ostergelächter. Sexualität und Lust im Raum des Heiligen“: „Sprechen Sie niemals von der Freude, Madame, sprechen Sie immer von der Lust, sonst wird man Sie spiritualistisch mißverstehen.“

 

Trotz dieser positiven Wertung von Lust und Genuß ist das freilich – jetzt kommt das „aber nur“ also doch noch – lediglich die halbe Wahrheit, denn es gibt neben dem Wie des Lebens auch noch sein Warum, den Inhalt oder Sinn des Lebens. Viktor E. Frankl faßte seine therapeutischen Erfahrungen in dem Leitsatz der Logotherapie zusammen, daß, „wer ein Warum zu leben hat, nahezu jedes Wie erträgt“.  

Ich bleibe also mit der Tradition dabei, zwischen dem Wie und Warum des Lebens zu unterscheiden, weigere mich aber – entgegen der Tradition –, das Wie im Verhältnis zum Warum abzuwerten

 

Die Differenz ist wichtig, denn wir können das Warum unseres Lebens tatsächlich völlig vergessen und mit Prassen, Unterhaltung oder Zeitvertreib in seiem Wie aufgehen; unglückliche Millionäre sind nichts Besonderes.

Es gibt also ein Leben ohne – die Frage nach seinem – Warum, aber es gibt keines ohne ein Wie. Deswegen mein obiges Plädoyer für Lust und Genuß; wer das Leben will oder wem es gar als „der Güter höchstes“ gilt, kann folglich das unabdingbar zugehörige Wie nicht schlechtmachen, ohne sich selbst zu widersprechen.

In unserem Buch geht es allein um das Warum oder den Sinn des Lebens; sein Wie kann ich Ihnen gar nicht schön genug wünschen.

 

Zahlreiche prominente Wissenschaftler sprechen vom gegenwärtigen Zeitalter als dem Anthropozän, weil erstmals auch wir Menschen über das Schicksal des Lebens auf der Erde bestimmen – nicht mehr Sonneneruptionen, tektonische Verschiebungen oder Vulkanausbrüche allein. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker ist es „das Zeitalter, in dem der Mensch das gesamte Geschehen dominiert, bis hin zur bio-geochemischen Zusammensetzung der Erde“. Man muß weder Apokalyptiker oder Weltuntergangs-Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um ihre Szenarien ernstnehmen zu können, sondern nur die täglichen Nachrichten verfolgen.

Gemessen an den Privilegien, die ich angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte genieße, indem ich hier und jetzt leben darf, tue ich nahezu nichts; das Schreiben dieses Buches ist mein Versuch, mit oder trotz dieser schreienden Ungerechtigkeit leben zu können.

 

Obwohl ich seit 45 Jahren über seinen Inhalt nachdenke, ist er leider immer noch kompliziert und verlangt Ihnen gewiß einige Mühe ab. Dahinter steckt jedoch nicht die mitunter anzutreffende Wichtigtuerei, die eigenen Ausführungen unnötig verkomplizieren zu wollen.

Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, daß die Gedanken zum einen recht ungewohnt sind und es zum anderen absolut keinen Sinn hätte, wenn Sie mir glauben würden. Das sollen und „dürfen“ Sie nicht; vielmehr müßten Sie entweder jeden Schritt als folgerichtig erkennen und – wenn es sein muß auch zähneknirschend – intellektuell redlich nachvollziehen oder – mit guten Gründen – ablehnen; ein „ja, aber . . .“ hilft wie zumeist im Leben auch an dieser Stelle nicht weiter. 

 

Ich antworte Ihnen auf jede Kritik, die sich sachlich auf den Ansatz einläßt und meine darin enthaltenen Fehler, Lücken oder Unsauberkeiten im Auge hat. Daß man auch anders denken oder es ganz unterlassen kann, weiß ich bereits, und bloße Meinungen interessieren mich nicht – völlig unabhängig davon, wer sie äußert.

Winston Churchill sagte: „Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer.“

Bezüglich des Themas habe ich kein ganz schlechtes Gefühl; Ihnen wünsche ich die Erfahrung, daß es ohne eigene Anstrengung auch keine Erfüllung geben kann.